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„Felix“ lebt: Trabant mit Wankelmotor feiert Auferstehung in Zwickau

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Zwickau – Fast fünf Jahre intensiver Arbeit, unzählige ehrenamtliche Stunden und die Zusammenarbeit zahlreicher Enthusiasten, Institutionen und Unternehmen finden ihren Höhepunkt: Auf einer Pressekonferenz in Zwickau wurde kürzlich ein ganz besonderes Stück Automobilgeschichte präsentiert – ein Trabant mit einem experimentellen Wankelmotor, liebevoll „Felix“ genannt. Dieses Fahrzeug ist nicht nur ein restaurierter Prototyp, sondern ein lebendiges Zeugnis des Innovationsgeistes der DDR-Automobilentwicklung und der tief verwurzelten Tradition des Fahrzeugbaus in der Region Zwickau.

Die Geschichte des Wankel-Trabants reicht zurück in die 1960er Jahre. Von 1962 bis 1969 beschäftigte sich die Versuchsabteilung im VEB Sachsenring mit dem Kreiskolbenmotor. Die Idee war, einen Nachfolger für den Zweitaktmotor des Trabant 601 zu entwickeln, der für ein geplantes Heckmotor-Fahrzeug, das spontan als „Trabant 603“ oder auch als „Golf der DDR“ bezeichnet wurde, vorgesehen war. Für die Fahrversuche wurde ein straßentaugliches Fahrzeug, der Trabant 601, als Träger für verschiedene Wankelmotor-Varianten genutzt.

Das nun präsentierte Fahrzeug, intern VT 0072 genannt, ist ein Original-Versuchsfahrzeug, das 1966 gebaut wurde und 1966/67 100.000 Kilometer Dauerlauferprobung auf der Sachsenring Erzgebirgsstrecke absolvierte. Christian Meichner fuhr das Auto damals oft und war maßgeblich daran beteiligt. Später wurde dieses spezifische Testfahrzeug an einen Betriebsangehörigen verkauft und auf den Serien-601-Motor zurückgerüstet.

Das Projekt zur Wiederbelebung von „Felix“ begann, als den Beteiligten ein solches Auto in die Hände fiel und die Frage aufkam, was damit geschehen sollte. Man entschied sich, das V72 Projekt wieder aufleben zu lassen. Dies war jedoch keine einfache Aufgabe, da von den ursprünglich etwa 100 gebauten Wankelmotoren kaum noch etwas existierte und auch die Dokumentation schwer zu finden war. Die Trabantfreunde Hans Luck und Wolf Lorenz leisteten umfangreiche Recherchen und entdeckten schließlich im Stadtarchiv Chemnitz die entscheidenden Unterlagen zum VT 0072.

Der Karosserie und das Fahrwerk des nun fertiggestellten Fahrzeugs sind nach Angaben der Projektverantwortlichen zu schätzungsweise 90 % original und authentisch. Auch wenn einige Teile fehlten und ersetzt werden mussten, „dieses Auto hat schon gelebt“, betonte einer der Beteiligten. Der heute eingebaute Wankelmotor ist zwar nicht exakt derselbe, der damals die Dauerläufe bestritt, aber ebenfalls ein Original. Er wurde 1977 speziell für den Trabant gebaut und fand sich im Keller des Museums. Von diesem Motortyp gab es nur zwei Exemplare, eines wurde dankenswerterweise für das Projekt zur Verfügung gestellt. Dieser Motor war ebenfalls schon gelaufen, wahrscheinlich auf einem Prüfstand.

Die Aufarbeitung des Motors übernahm die Wankelag in Fürchberg. Obwohl er gebraucht, aber in sehr gutem Zustand war, wurde er überholt. Die Karosserie wurde nach Werdau zur Lackierung gebracht, wobei die Originalfarbe ermittelt werden konnte. Unternehmen wie Indica (Scannen), die Hochschule (Zeichnungen) und Webero (Zerlegung/Teile) unterstützten das Projekt. Frieder Meichner, Bruder von Christian Meichner, und Ar Funke investierten ebenfalls viel Zeit in den Aufbau. Sogar ein Firmelektriker war beteiligt, um die Elektrik, einschließlich der damals getesteten 12V Drehstromlichtmaschine, zu realisieren. Auch die Duplexbremse, die erst später im Serien-Trabant eingeführt wurde, konnte anhand historischer Dokumente in das Fahrzeug integriert werden.

Das August Horch Museum und Intertrab waren maßgeblich an der Umsetzung beteiligt. Der MDR begleitete das Projekt filmisch von Anfang an. Finanzielle Unterstützung kam vom Kulturraum Zwickau und der Stadt Zwickau. Die Gesamtkosten belaufen sich auf mehrere zehntausend Euro, wobei die unzähligen ehrenamtlichen Stunden nicht eingerechnet sind. Ohne die freiwillige Arbeit und Preisnachlässe wäre das Projekt kaum realisierbar gewesen.

Warum der Wankelmotor damals so interessant war, erklärte ein Experte auf der Konferenz: Er versprach bei kleinem Bauraum, geringem Gewicht und weniger beweglichen Teilen eine extrem hohe Leistung. Man erhoffte sich Vorteile sowohl im Betrieb als auch in der Herstellung. Weltweit gab es in den 60er Jahren einen „Hype“ um den Wankel. Im Sachsenring wurden vier verschiedene Wankelmotoren entwickelt. Dennoch schaffte es der Motor in der DDR nicht zur Serie. Gründe dafür waren technische Herausforderungen wie die komplizierte Abdichtung und aufkommende Umweltauflagen bezüglich Emissionen. Ein weiterer wichtiger Faktor in der DDR waren die begrenzten wirtschaftlichen Fähigkeiten und die Zulieferindustrie, die mit der Umstellung von einem einfachen luftgekühlten Zweitakter auf einen wassergekühlten Wankel überfordert gewesen wären.

Der im „Felix“ verbaute Motor war auf 35 PS projektiert. Andere bei Sachsenring entwickelte Motoren mit 450 cm³ Kammervolumen leisteten auch 50 PS. Zum Vergleich wurde erwähnt, dass ein normaler Serien-601-Motor und ein aufgeschnittener Kreiskolbenmotor im Museum zu sehen seien, um das Prinzip zu verdeutlichen.

Die Beteiligten zeigten sich sichtlich stolz auf das fertiggestellte Projekt, das ein einzigartiges Original darstellt. Es ist ein wichtiges Zeugnis der Automobil- und Industriegeschichte Sachsens und trägt zur Traditionspflege bei. Es zeigt die „wirklich tolle[n] Leute, die was wollten, die was konnten“ in der DDR, aber auch die „sehr begrenzten Möglichkeiten“ und das „legendäre Improvisieren“.

Nach der Pressekonferenz hatten die Anwesenden die Möglichkeit, das Fahrzeug im Hof in Augenschein zu nehmen. Geplant ist auch, den Trabant „Felix“ in Zukunft öffentlich zu präsentieren und zu fahren, um dieses besondere Stück Geschichte lebendig zu halten.

Vom Stolz der Textilindustrie zur Lost Place: Das Schicksal der Chemnitzer Wirksschule

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In Altchemnitz, an der Elsaser Straße, steht ein Gebäude, das einst den Stolz der Chemnitzer Textilindustrie repräsentierte. Errichtet etwa 1926/27 als kombinierter Schul- und Bürobau, diente es der Höheren Fachschule für Wirkerei und Stickereiindustrie Chemnitz und Limbach, da das bestehende Schulgebäude an der Sedanstraße (heute Wilhelm-Raabe-Straße) nicht mehr ausreichte. Der Name „Wirksschule“ leitet sich analog zum „Wirkbau“ (Textilmaschinenbau in der Nähe) vom Begriff „Fadenschlingen“ aus der Textiltechnologie ab.

Obwohl das Gebäude an der Elsaser Straße durch den Zweiten Weltkrieg erheblich beschädigt wurde und eigentlich abgerissen werden sollte, entschied man sich aufgrund der großen Bedeutung der Textilindustrie für den Weiterbetrieb als Ausbildungszentrum. Bereits 1950 wurde hier die Ingenieurschule für Textiltechnologie Chemnitz, später Karl-Marx-Stadt, eingerichtet. Diese bot ein breites Ausbildungsspektrum und war während der Teilung Deutschlands die größte Fachschule für Textil- und Bekleidungsindustrie in der DDR. Bis zu 700 Meister, Techniker und Ingenieure im Textilbereich konnten hier gleichzeitig ausgebildet werden. Die Wirksschule leistete so einen Beitrag zum Erfolg und Transfer der Chemnitzer Technologien in der Textilindustrie.

Im Jahr 1969 wurde die Ausbildung im Textilbereich an die Technische Hochschule (TH), die heutige Technische Universität (TU) Chemnitz, angegliedert. Damit gingen auch die Gebäude an der Sedanstraße und der Elsaser Straße in den Besitz der Hochschule über. Ende der 1980er Jahre befanden sich jedoch beide Schulgebäude in einem sehr schlechten baulichen Zustand. Während das Gebäude an der Wilhelm-Raabe-Straße (ehemals Sedanstraße) Anfang der 1990er Jahre umfangreich saniert und rekonstruiert wurde und ab November 1994 Sitz der Philosophischen Fakultät und später des Instituts für Psychologie wurde, verschlechterte sich der Zustand an der Elsaser Straße.

In den 1990er Jahren nutzten die neugegründeten Fakultäten Wirtschaftswissenschaften und Philosophie zwar noch die Hörsäle der Wirksschule. Der Standort an der Elsaser Straße wird in der Chronik der TU Chemnitz noch einmal am 22. März 1995 erwähnt, als dort ein Versuchsfeld für Stückgutfördertechnik öffnete. Doch die vorhandenen Hörsäle entsprachen nicht mehr dem Zeitgeist, und 1998 wurde ein neues Hörsaalgebäude auf dem Campus an der Reichenhainer Straße eröffnet. Wann genau der universitäre Teil an der Elsaser Straße aufgegeben wurde, lässt sich nicht mehr exakt ermitteln, vermutet wird aber die Zeit etwa um 1997/98 mit der Eröffnung des neuen Hörsaalgebäudes.

Die Gründe, warum die TU Chemnitz den Standort an der Elsaser Straße aufgab, dürften vielschichtig sein. Die schlechte Bausubstanz Ende der 80er Jahre, die nicht mehr zeitgemäßen Hörsäle und die Abseitigkeit des Standortes im Vergleich zum zentraleren Campus Reichenhainer Straße spielten wohl eine Rolle.

Nach der Schließung als Universitätsstandort verfiel die Wirksschule zusehends. Bereits aus den 2000er Jahren gibt es Aufnahmen, die zeigen, wie Bäume auf dem Bürogebäude wuchsen. Um 2010 diente die Wirksschule zudem als inoffizielle Unterkunft für Obdachlose. Der Bauzustand verschlechterte sich weiter. Teile des Dachbodens des Bürogebäudes waren bereits in den 2000er Jahren eingestürzt. Eine Katastrophe ereignete sich am 10. oder 11. August 2013, als ein Dachstuhlbrand das komplette Dach des Gebäudes vernichtete.

Obwohl sich der Gebäudeverbund der ehemaligen Wirksschule unter Denkmalschutz befindet, bleibt der Grund, warum die TU Chemnitz diesen über Jahre vernachlässigte und schließlich ganz verließ, Gegenstand von Vermutungen. Während die TU Chemnitz zuletzt mit ihrer Universitätsbibliothek in die aufwendig sanierte und umgebaute Alte Aktienspinnerei gezogen ist, scheint der Standort an der Elsaser Straße, die alte Wirksschule, vergessen zu sein.

Es bleibt die Frage nach potenziellen zukünftigen Nutzungen und ob der Denkmalschutz noch zum Erhalt des Objektes beitragen kann. Fest steht nur, dass die alte Wirksschule eine wichtige Rolle in der Geschichte der Chemnitzer Textilindustrie und Ausbildung gespielt hat.

Lost Place und Denkmal: Der langsame Niedergang der Baumwollspinnerei Gückelsberg

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Die ehemalige Baumwollspinnerei in Gückelsberg, einem Ortsteil von Flöha, erzählt eine lange Geschichte sächsischer Industriekultur. Einst ein florierendes Unternehmen, steht die Anlage heute größtenteils leer und verfällt, doch als Denkmal ist ihr Abriss untersagt. Nur die sanierte Fabrikantenvilla zeugt noch von besseren Zeiten.

Die Ursprünge der Spinnerei reichen bis ins Jahr 1820 zurück, als das erste Gebäude der Baumwollspinnerei Heimann errichtet wurde. Zu dieser Zeit gab es noch keine spezifische Industriearchitektur oder Erfahrung im Fabrikbau. Entsprechend wurden die ersten Gebäude in Anlehnung an die damals vorherrschende Schlossarchitektur entworfen und gebaut. Ein markantes Beispiel hierfür ist der für Schlösser typische Dreiecksgiebel am Altbau der Fabrik.

Die Fabrik wechselte im Laufe der Zeit den Besitzer und erlebte Erweiterungen. Im Jahr 1919 übernahm der Flöhaer Stadtrat William Schulz die Spinnerei und führte sie als Kommanditgesellschaft. Eine bedeutende Erweiterung erfolgte 1927 mit dem Bau eines Neubaus in Stahl-Betonweise. Damals beschäftigte das Unternehmen, das in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, etwa 300 Arbeiter und Angestellte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderten sich die Verhältnisse drastisch. Der damalige Firmeninhaber Schulz wurde 1946 ohne Entschädigung enteignet und musste aufgrund von Lebensgefahr aus der sowjetischen Besatzungszone fliehen. Die Spinnerei Gückelsberg, zunächst noch eigenständig, wurde 1953 zusammen mit Fabriken in Plauen und Hohenstein zum VEB Vereinigte Baumwollspinnerei und Zwirnerei vereint. Ab den 1970er Jahren diente die Fabrik vorwiegend Ausbildungszwecken. Dies hatte wohl pragmatische Gründe, da sich die Berufsschule nur rund 300 Meter entfernt auf der anderen Uferseite der Flöha befand.

Nach der Wende 1990 wurde die Fabrik zwar in eine Kapitalgesellschaft umgewandelt, doch dies konnte den wirtschaftlichen Niedergang nicht aufhalten. Die Produktion wurde schließlich 1994 endgültig eingestellt. Die Betriebsanlagen wurden anschließend veräußert.

In den Folgejahren gab es Versuche, das Gelände neu zu beleben. Hallen und noch nutzbare Gebäude wurden an Gewerbekunden vermietet. Zu den bekanntesten Mietern zählten Fliesenkriegmann und Möbeltick. Allerdings erwiesen sich die scharfen, engen und steilen Zufahrten von der B173 auf den Fabrikweg als Hindernis für eine dauerhafte gewerbliche Nutzung. Etwa ab 1999 stand das gesamte Fabrikgelände ohne gewerbliche Mieter da. Nach dem Jahr 2000 nutzte ein Paintballverein als Letzter Teile des Neubaus.

Das Ende jeglicher Perspektive für eine Nachnutzung besiegelten schließlich das Hochwasser im Jahr 2002 und mehrere ungeklärte Brände im ehemaligen Hauptgebäude.

Heute steht die gesamte Fabrikanlage unter Denkmalschutz und darf daher nicht abgerissen werden, auch wenn die Gebäude – mit Ausnahme des Neubaus – inzwischen in sich zusammenfallen. Das bekannteste und heute auch einzig sanierte Gebäude auf dem Gelände ist die Villa Gückelsberg. Diese diente einst den Fabrikbesitzern zu Wohnzwecken und wird heute für Hochzeiten genutzt. Die übrigen Fabrikgebäude bleiben als stumme Zeugen einer vergangenen Industrieära im Verfall zurück.

Spurensuche im ehemaligen Sommerbad Zeisigwald Chemnitz

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Einst ein Ort lebendigen Treibens, heute eine stille Wiese mit Geschichte: Das Sommerbad Zeisigwald in Chemnitz war über Jahrzehnte hinweg eine beliebte Freizeiteinrichtung. Seine Geschichte spiegelt die Entwicklung der Stadt und die Freibadkultur wider, bis hin zu seinem endgültigen Verschwinden.

Die Anfänge des Bades reichen bis ins Jahr 1908 zurück. Damals wurde im Zeisigwald an der Fürstenstraße, neben dem bereits bestehenden Waldspielplatz, das erste städtische Freibad in Chemnitz errichtet. Es trug den Namen Luft- und Lichtbad und wurde 1909 eröffnet. Zunächst herrschte noch strikte Geschlechtertrennung, mit separaten Bereichen für Männer und Frauen, getrennt durch einen Zwischenbau für Umkleiden und Sichtschutz. Die ursprünglichen Becken waren mit 8 x 15 Metern und einer Tiefe von bis zu 1,40 Metern vergleichsweise klein. Jährlich zog das Bad in dieser Zeit rund 50.000 Besucher an.

Ein bedeutender Wandel vollzog sich 1928 mit einer kompletten Neugestaltung. Das Areal wurde Richtung Norden auf insgesamt 10.000 Quadratmeter erweitert. Durch den Auftrag von Mutterboden entstand eine ebene Liegewiese mit altem Baumbestand, die bis heute erhalten ist. Das Herzstück der Erweiterung war ein neues, großes Becken in einer sumpfigen Schlucht, das beeindruckende 20 x 50 Meter maß und eine Tiefe von 90 cm bis zu 3,20 Metern aufwies. Es war von einer 1,4 Meter breiten Fußspülrinne und einem mehrere Meter breiten Sandstreifen umgeben. Ein 3-Meter-Sprungturm und ein 1-Meter-Brett ergänzten das Angebot. Das umgebaute Bad verfügte zudem über einen 500 m² großen Spielplatz, eine Gaststätte und in den 1930er Jahren sogar einen bewachten Parkplatz. Mit einer Kapazität von 2000 Besuchern pro Tag und der Aufhebung der Geschlechtertrennung stiegen die Besucherzahlen rasant. 1931 wurden über 130.000 Besucher gezählt. In den 1930er Jahren erlangte das Freibad Zeisigwald durch seine idyllische Lage und die Annehmlichkeiten Sachsenweit Bekanntheit.

Das Ende dieser Blütezeit kam mit dem Zweiten Weltkrieg. 1945 war das Bad durch Bomben und Plünderungen nicht mehr betriebsfähig. Die Gebäude waren zerstört, nur die Becken noch intakt. Doch der Bedarf an Sport- und Freizeitstätten ebnete den Weg für einen Wiederaufbau. Anfang der 1950er Jahre wurde die Anlage durch freiwillige Arbeitseinsätze und städtische Mittel neu errichtet. Am 9. August 1953 konnte das Bad unter dem neuen Namen Sommerbad Zeisigwald wiedereröffnet werden. Das Wasser, teilweise aus dem Blauern bezogen, war mit durchschnittlich 18°C ohne Heizung eher kühl.

Anfang der 1980er Jahre begann der schleichende Niedergang. Die hygienischen Bedingungen verschlechterten sich rapide, und die technischen Anlagen bedurften einer Erneuerung. Die Mangelwirtschaft in der DDR und fehlende Geldmittel besiegelten das Schicksal des Bades. Mit der Badesaison 1983 erfolgte die Schließung.

Der Komplettabriss der Freibadanlage folgte schließlich 1987. Das einzige erhaltene Gebäude ist ein Pavillon, der vermutlich in den 1970er Jahren gebaut wurde. Er diente einst als Zugang und Ausgang zum Bad, heute als Wetterschutz auf dem Spielplatz. Nach kurzzeitigen Rummelveranstaltungen um 1990 verwilderte das Gelände zunehmend. Das Freibad wurde restlos abgerissen.

Heute erinnern nur noch wenige greifbare Spuren an das einstige Badeparadies: kleinere Löcher, eine große Senke, die den Standort des 50-Meter-Beckens markiert, sowie vereinzelte Ziegel- und Betonplattenreste. Die heutige Gestaltung des Areals, die den Zugang zum ehemaligen Gelände ermöglicht, erfolgte 2011. Was bleibt, sind der ehemalige Eingangspavillon und vor allem die große Liegewiese mit ihren hohen alten Bäumen. Das Zeisigwaldbad ist Geschichte, doch auf der Wiese, so scheint es, lässt sich der einstige Badbetrieb noch nachspüren.

9. November 1989: Die Mauer fällt – Ein historischer Tag, untermalt von Musik und Hoffnung

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Am Abend des 9. November 1989 geschah etwas, das viele für unmöglich hielten: Die Deutsche Demokratische Republik öffnete ihre Grenzen. Für Millionen Menschen in Ost und West war dies ein historischer Tag, dessen Bedeutung kaum zu überschätzen ist.

Nach Jahrzehnten der Teilung und strenger Grenzkontrollen, bei denen Menschen starben, kündigte die DDR an, dass ihre grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer und löste ungläubige Freude und Erleichterung aus. Plötzlich stehen die tore in der mauer weiter offen, symbolisch und bald auch ganz real.

Die Öffnung der Grenze setzte einer Ära ein Ende, in der die staatlichen Organe Gewalt anwandten, um die Ausreise zu verhindern. Der Wunsch, dass doch eine situation geschaffen wird in der schüsse an der grenze nicht mehr vorkommen, schien an diesem Abend in greifbare Nähe zu rücken. Ein Sprecher reflektierte über die Schüsse an der Grenze, wobei er auch auf die Situation in der Bundesrepublik verwies, wo angeblich so viele Schüsse fielen, dass er sie nicht abzählen wollte. Doch die Hoffnung auf ein Ende der tödlichen Schüsse an der innerdeutschen Grenze war zentral.

In den aufgewühlten Zeiten vor und während des Mauerfalls spielte auch die Musik eine wichtige Rolle, wie wir in unserem früheren Gespräch erörterten. Bands des Ostrocks, wie City oder Karat, hatten sich im System der DDR behaupten müssen. Ihre Texte waren oft ein Ventil für das, was nicht direkt gesagt werden konnte, Botschaften „zwischen den Zeilen“ für ein Publikum, das gelernt hatte, genau zuzuhören (Information aus Konversationsverlauf).

Im Umfeld dieses historischen Abends wird in den Quellen auch der Song „Albatros“ erwähnt, ein Titel der Band Karat (basierend auf Videotitel), der vielleicht das Gefühl der Sehnsucht nach Freiheit oder die Überwindung von Hindernissen einfing. Kommentare wie „das war sagte barlow von rocket möchtest du“ und weitere Anmerkungen im Zusammenhang mit Musik deuten darauf hin, dass Lieder und Kommentare zu den Klängen gehörten, die diese Momente begleiteten.

Der 9. November 1989 war ein historischer tag, der nicht nur die politische Landschaft, sondern auch das Leben der Menschen und die Kulturszene, einschließlich des Ostrocks, nachhaltig verändern sollte. Die grenzen… für jedermann geöffnet zu sehen, war ein Moment von unermesslicher Bedeutung, der Freiheit und einen Neuanfang versprach.

Vom Dornröschenschloss zum Kulturzentrum: Das Herrenhaus Dölitz erwacht zu neuem Leben

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Inmitten der sanft gewellten Landschaft der Mecklenburgischen Schweiz, einem Gebiet, das trotz seiner geringen Höhe die Kriterien eines „Sehnsuchtsortes“ erfüllt, liegen zahlreiche alte Gutshäuser. Einst Zentren großer landwirtschaftlicher Betriebe und prägende Elemente des mecklenburgischen Landes, fristeten viele nach historisch schwierigen Zeiten ein vergessenes Dasein. Doch private Initiativen erwecken diese historischen Anwesen wieder zum Leben und machen sie zugänglich. Eine besonders bemerkenswerte Geschichte ist die des Herrenhauses Dölitz.
Versteckt wie hinter einer Dornröschenhecke, im Hinterland Mecklenburgs abseits großer Verkehrswege, stand das Gutshaus Dölitz lange Zeit verlassen und verfiel. Es war so stark heruntergekommen, dass es von manchen als „sehr sehr sehr sehr hässlich“ und „komplett verbastelte Bude“ bezeichnet wurde, ein Objekt, das viele abschreckte. Ein offenes Dachfenster hatte über Jahre ein Loch vom Dachboden bis ins Erdgeschoss geschaffen, und es wuchsen sogar Bäume im ersten Stock. Im Dorf schien man fast vergessen zu haben, dass hinter dichtem Gestrüpp am Teich diese riesige Ruine stand.

Doch das Herrenhaus Dölitz ist ein Juwel mit einer reichen, über 360 Jahre alten Geschichte. Es ist eines der wenigen originalgetreu erhaltenen Beispiele barocker Baukunst im Land, erbaut ab 1665 auf mittelalterlichen Kellergewölben. Über die Jahrhunderte hinweg war es im Besitz verschiedener Adelsfamilien wie den von Levetzow, von Lehsten und von Behr-Negendank. Es erlebte Umbauten, wie die schlossartige Barockfassade um 1720 und den Altan 1901, diente als Landhotel, Gaststätte, Kindergarten und Wohnhaus, bevor es Anfang der 1990er Jahre leer stand.

Im Jahr 2013 entdeckten Knut Splett-Henning und Christina von Ahlefeldt das heruntergekommene Haus und begannen mit dessen Rettung. Sie richteten es zunächst provisorisch ein, luden zu Veranstaltungen wie einem Konzert einer jungen Musikantentruppe aus Neuseeland ein, obwohl es im Haus so kalt war, dass die Zuhörer draußen saßen. Christina hatte laut Quelle einen „ähnlichen Knall“ wie Knut und sah Potenzial in dem Haus. Sie suchten nach jemandem, der sich an das Projekt herantrauen würde.

Diesen unerschrockenen „Gutshausretter“ fanden sie in Ronald van der Starre, einem Architekten, der 2016 das Herrenhaus kaufte und seither mit seiner Familie dort lebt und es behutsam saniert. Ronald, der in Belgien, Holland und Deutschland aufwuchs und Architektur studierte, sah in Dölitz ein „sehr sehr sehr sehr verkanntes Objekt“, aber eines mit besonderem Charakter. Trotz des dramatischen Zustands nahm er sich der Aufgabe an, auch wenn er heute zugibt: „Noch einmal würde ich so etwas nicht anfangen!“.

Die Sanierung war und ist eine immense Herausforderung. Ein kalter Sommer, verfaulendes Eichenfachwerk, das unter dem Zementputz zum Vorschein kam, und sogar unangenehme Begegnungen mit dem Bürgermeister, etwa bezüglich eines Zauns am Park, machten das Leben im Gutshaus zur Prüfung. Auch die Partnerschaft von Ronald und Roland Tschersche hielt dem nicht stand. Doch Ronald hielt durch.

Sein Ansatz ist besonders einfühlsam: Er möchte das Gutshaus in seiner unveränderten barocken Form und Raumaufteilung erhalten. Dabei soll die Sanierung eine „Addition aller vom Haus durchwanderten Zeitepochen“ zur Schau stellen und mit den sich verändernden künstlerischen Nutzungen ein Gesamtkunstwerk bilden. Wie Ronald sagt: „Jeder Kratzer hat hier seine Bedeutung.“.

Heute ist das Herrenhaus Dölitz wieder ein Ort des Lebens und der Kultur. Es ist ein Familiensitz und steht kunst- und kulturinteressierten Besuchern sowie Feriengästen offen. Es finden Ausstellungen, Konzerte und Lesungen statt. Die barocke Raumstruktur wurde rekonstruiert und originale Details aus verschiedenen Epochen werden konserviert. Auch die barocke Parkanlage im Süden, ein seltenes Zeugnis mecklenburgischer Gartenkultur, ist öffentlich zugänglich und wurde behutsam wiederhergestellt.

Die Geschichte des Herrenhauses Dölitz, die auch in der NDR-Sendung „Schlossgeister mit Dachschaden“ dokumentiert wurde, steht exemplarisch für das Engagement vieler Menschen in Mecklenburg-Vorpommern, die alte Gutshäuser vor dem Verfall bewahren und ihnen neues Leben einhauchen. Es zeigt, wie aus einer totgeglaubten Ruine durch Mut, Fantasie und unermüdliche Arbeit ein lebendiger Ort für Kunst, Kultur und Erholung entstehen kann.

Mehr als nur Musik: Wie Ostrock Generationen verbindet und Identität prägt

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Der „Sound des Ostens“ lebt und funktioniert auch heute noch in vielen Klängen. Für viele ist er mehr als nur Musik – er ist ein tief verwurzeltes Lebensgefühl, das Erinnerungen an die Jugendweihe, Bratwurst am 1. Mai und die Kulthits der DDR weckt. Radiomoderator Thomas Ostermann spielt und moderiert seit zwei Jahren auf Antenne Thüringen Ostrock, Musik, die einst im Land hinter der Mauer streng zensiert wurde. Das Feedback nach Sendestart war phänomenal, da dieser Sound vielen Menschen offensichtlich gefehlt hat.

Damals im Sozialismus wurde Musik für Rockstars wie die Band City zur Nische. Sie mussten sich im politischen System zurechtfinden. Tony Krahl, der Frontmann von City, saß sogar selbst im Stasi-Gefängnis. Mit 19 Jahren wurde er wegen einer Protestaktion gegen die Panzer des Warschauer Paktes in Prag zu einer Haftstrafe verurteilt. Er erinnert sich an die Enge der Zelle und die Verurteilung zu drei Jahren Gefängnis, die jedoch später in eine Bewährungsstrafe umgewandelt wurde. Nach der Haft hatte ein politisch Verurteilter kaum Perspektiven in der DDR, weshalb Krahl sich eine Nische suchen musste – und diese in der Musik fand.

Mit der Band City mischte er die Musikwelt auf, besonders im Westen jenseits der Mauer. Ostbands machten dort ab den 70er Jahren Furore. Ihre Beatmusik auf Deutsch mit Texten, die mehr Inhalt als nur Liebe und Sonnenschein boten, war neu. Für City war dies ein riesiger Erfolg. Der wohl größte Hit des Ostrocks, „Am Fenster“, stand wochenlang auf dem ersten Platz der Hitparaden. Obwohl sie weltweit 10 Millionen Platten verkauften, wurden die Musiker finanziell kaum reich; die Einnahmen reichten gerade für den Aufenthalt in der Kantine.

Nicht nur Musik war im Osten politisch und zensiert. Für die Bands in der DDR war es eine Kunst aus Not. Texte wurden zu Ventilen „zwischen den Zeilen“ für das, was im Mauerstaat ungesagt bleiben musste. Das Publikum in der DDR war geübt darin, sich seine Botschaften selbst zwischen den Zeilen zu suchen. Die Texter mussten Großes leisten, um die Botschaft ans Volk zu bringen, ohne dass die zensierenden Kulturbehörden sie auf Anhieb durchschauten.

Auch im Radio gab es Vorgaben. DJs wie Thomas Ostermann, damals Schallplattenunterhalter, mussten eine Quote erfüllen: 60% der Titel mussten aus dem Ostblock und 40% aus dem nichtsozialistischen Ausland stammen. Allerdings wurde sich daran oft nicht gehalten, um das Publikum in den Discos nicht zu verlieren.

Ende der 80er Jahre waren die DDR-Songs nicht nur der Klang des Ostens, sondern auch Begleitmusik einer extrem bewegten Zeit, als die Ostdeutschen Geschichte schrieben und die Mauer fiel. Die Wende bedeutete auch eine Wende für die Musiker. Sie wurden nicht „abgewickelt“, sondern einige gaben selbst auf, weil sie nicht mehr daran glaubten, mit der Westkonkurrenz mithalten zu können. Mit den 90ern kam neue Musik aus den Radios, und die ostdeutschen Bands suchten ihre Hörer.

Doch über die Jahre feierte der Ostrock ein Comeback und entwickelte sich zur Marke. Plötzlich gab es in Plattenläden ein eigenes Fach für Ostrock. Was früher ein Makel war, wurde zu einem Qualitätsstempel. Während „Ostalgie“ oft als Nische betrachtet wird, geht der Sound der DDR für viele darüber hinaus. Er weckt „unkaputtbare Erinnerungen“ und klingt Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung wieder nach Jugend, Heimat und Gemeinschaft.

Frontmann Tony Krahl macht bis heute Musik, auch wenn seine größten Erfolge vor dem Mauerfall liegen. Er wünscht sich mehr Anerkennung für die ostdeutsche Identität. Er kritisiert, dass bei Feiern zu Jahrestagen des Mauerfalls oder des Tags der Einheit, die von gewöhnlichen Ostlern durchgesetzt wurden, oft keine ostdeutschen Künstler auf der Bühne stehen, sondern internationale Acts. Dies vermittle den Menschen fremde Gefühle und Lebensgefühle. Tony Krahl besingt bis heute das Lebensgefühl eines ganzen Landes und das der Ostdeutschen. Er erhielt 2024 den Bundesverdienstorden. Krahl möchte aktiv bleiben und sich einmischen, besonders da die Gesellschaft wieder Risse zeige. Er betont die Verantwortung jedes Einzelnen für die Schlüsse, die aus Unzufriedenheit gezogen werden, und positioniert sich klar gegen extremistische Tendenzen.

Obwohl Tony Krahl das Ost-West-Denken, das ihn nervt, hinter sich lassen möchte, scheint es offensichtlich noch Bedarf für die Musik des Ostens zu geben. Wenn Musik etwas kann, dann sei es das Verbinden und Massen Mobilisieren. So bleibt der Sound des Ostens für viele mehr als nur Musik.

Spektakuläre Flucht vor 60 Jahren: Elektromonteur fliegt mit Agrarflugzeug in die Freiheit

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Ilsen/Mecklenburg, 17. September 1964 – Es war ein Tag, der den kleinen Ort Ilsen bundesweit in die Schlagzeilen brachte. Genau vor 60 Jahren, am 17. September 1964, wagte der damals erst 23-jährige Manfred Lorenz eine atemberaubende Flucht aus der DDR. Sein Mittel zur Freiheit: Ein Agrarflugzeug der staatlichen Fluggesellschaft Interflug.

Lorenz, von Beruf Elektromonteur und Pilot, nutzte an jenem Donnerstagmorgen die Chance seines Lebens. Er entführte eine Antonov AN-2 mit der Kennung DMSKH, ein ziviles Flugzeug sowjetischer Bauart, das eigentlich zur Schädlingsbekämpfung aus der Luft eingesetzt wurde.

Der Flug begann in Jabel bei Waren in Mecklenburg. An diesem Tag fiel ein solcher Einsatz witterungsbedingt aus. Als der erste Pilot und ein Techniker nach Anklam fuhren, um Ersatzteile zu holen, ergriff Manfred Lorenz gegen 9 Uhr die Gelegenheit.

Seine Flucht führte ihn in Richtung BRD. Um der Radarüberwachung zu entgehen, flog Lorenz streckenweise nur zwei Meter über den Baumwipfeln. Bei Dannenberg überflog er erstmals die Zonengrenze und stieß einen Jubelschrei aus. Doch aus Unsicherheit landete er nicht sofort, sondern erst etwas später bei Ilsen.

Gegen kurz nach 10 Uhr setzte er die kleine Maschine auf einem aufgeweichten Acker an der Bundesstraße 71 zwischen den Gemeinden Hanstedt und Großliedern im Kreis Ilsen auf. Trotz heftiger Windböen gelang ihm eine glatte Landung.

Die Nachricht von der geglückten Flucht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Stadt und Kreis. Ein Ilsener rief bereits um 10:25 Uhr in der Redaktion der AAZ an und meldete die spektakuläre Landung. Mitarbeiter der AAZ eilten sofort zum Landeort. Bei ihrer Ankunft waren bereits Polizisten und Bundesgrenzschützer vom Heinberg vor Ort. Die Fluchtmaschine mit Bundesgrenzschutzbeamten und auch der junge Pilot selbst wurden von Wilhelm Franz in Schwarzweiß-Fotos festgehalten. Die Maschine flimmerte sogar über die Bildschirme der ARD Tagesschau.

Auf der Titelseite der AAZ-Ausgabe vom 18. September 1964 stand: „Tollkühne Tiefflüge von Waren in Mecklenburg in den Kreis Ilsen“. Auf zwei Seiten weiter hieß es: „Tollkühner Flug unter dem Radarschirm in die Freiheit“.

Manfred Lorenz selbst wurde zitiert mit den Worten: „Ich habe schon lange auf eine Gelegenheit zur Flucht in die Bundesrepublik gewartet“. Dem Reporter der AAZ sagte der ehemalige Copilot: „Ich bin geflohen, weil ich mit Leib und Seele [bin] und drüben kein rechtes Fortkommen sehe“. Ursprünglich sei er vom System überzeugt gewesen und habe dafür gestanden, dass alle Menschen gleich behandelt werden und es allen gleich gut gehen sollte. Doch die Praxis und Wirklichkeit hätten dort ganz anders ausgesehen.

Als Reisegepäck hatte Lorenz nur eine Handtasche mit seinen Papieren bei sich. Den Boden der Bundesrepublik betrat der Mann aus der DDR in Hausschuhen.

Die Flucht hatte auch Folgen für seine Familie in der DDR. Er hatte seine Frau und seinen gerade einmal eineinhalbjährigen Sohn bei Berlin zurückgelassen, aus Angst, das Flugzeug könne von sowjetischen Jägern abgeschossen werden. Seine Ehefrau wurde wiederholt verhört. Sie berichtete von einem Telegramm ihres Mannes aus Ilsen, in dem er schrieb, sie solle nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen und sich scheiden lassen.

Der Fluchtpilot selbst wurde ins Flüchtlingsaufnahmelager Gießen überstellt. Später soll er für Airbus gearbeitet haben. Einzelheiten zu seinem weiteren Leben seien jedoch nicht zu ermitteln gewesen, schreibt Autor Uwe Hanak im Heimatkalender für Stadt und Landkreis Ilsen 2024, der die Flucht über den Eisernen Vorhang zusammengefasst hat.

Die spektakuläre Landung bei Ilsen bleibt ein markantes Ereignis in der Geschichte der Fluchten aus der DDR, die in einer Doku-Serienreihe mit dem Namen „Spektakuläre Fluchten aus der DDR“ beleuchtet werden.

Glashütte: Stadt der Uhrmacher feiert 180 Jahre Tradition und blickt in die Zukunft

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Glashütte im Landkreis Sächsische Schweiz Osterzgebirge ist mehr als nur eine Stadt mit rund 6600 Einwohnern. Sie ist bekannt als die „Stadt der Uhrmacher“, ein Ort, an dem die Uhren nicht nur ticken, sondern „besonders ticken“. Diese besondere Identität wird im Jahr 2025 groß gefeiert, denn Glashütte begeht dann 180 Jahre Uhrmachertradition.

Die Stadt, die erstmals 1445 urkundlich erwähnt wurde – angeblich wegen einer Glashütte vor Ort – wird heute vom Bild der Uhrenmanufakturen dominiert. Stolze elf Uhrenmanufakturen sind derzeit in Glashütte zu Hause, eine Zahl, die nach Wunsch der Verantwortlichen gerne noch wachsen darf. Diese Unternehmen sind von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der Stadt, für Investitionen in die Infrastruktur und natürlich auch als Arbeitgeber. Viele ihrer Mitarbeiter sind bereits Bürger Glashüttes, und man hofft, dass dies in Zukunft noch mehr werden.

Glashütte blickt nicht nur auf eine reiche Geschichte zurück, sondern gestaltet auch aktiv seine Zukunft. Aktuell stehen mehrere wichtige Projekte im Fokus: Die Sanierung der größten Kindertageseinrichtung für über 100 Kinder, die kurz vor der Wiedereröffnung steht, sowie der bevorstehende erste Spatenstich für eine neue Kindertageseinrichtung im drittgrößten Ortsteil Reinharz Krimmer. Ein weiteres zukunftsweisendes Projekt ist die gemeinsame Investition mit der Sachsenenergie in den Ausbau von schnellem Internet, das in den nächsten zwei bis drei Jahren Haushalten in Glashütte und seinen Ortsteilen zur Verfügung stehen soll.

Neben der industriellen und infrastrukturellen Entwicklung lebt Glashütte auch vom starken Engagement seiner Bürger. Besonders stolz ist man auf die ehrenamtlichen Aktiven. Mit 16 Ortsteilen verfügt die Stadt über mehr als 70 Vereine, in denen sich Jung und Alt einbringen und für ein lebendiges Miteinander sorgen.

Für Besucher ist Glashütte ein lohnendes Ziel. Das Deutsche Uhrenmuseum wird als touristisches Herzstück der Stadt bezeichnet und bietet ein umfassendes, multimediales Erlebnis rund um Uhren und die Geschichte der Uhrenindustrie seit 180 Jahren. Darüber hinaus laden die „Spuren der Zeit“ in der Stadt dazu ein, anhand von Informationstafeln an Häusern mehr über die Geschichte zu erfahren. Auch die umliegenden Ortsteile bieten reizvolle Ausflugsziele, sei es eine Wanderung auf dem Welig mit Blick aufs Erzgebirge, ein Spaziergang in Schlottwitz am Lederberg oder der Besuch des Schlosses mit englischem Park bei Hirschbach. Ein besonderer Tipp zum Verweilen ist der Barockschlosspark in Reinharz Krimmer, ein im englischen Stil angelegter Park, der mit seiner Pflanzenwelt und Architektur zum Entspannen einlädt.

Glashütte präsentiert sich so als eine Stadt, die ihre Tradition ehrt, ihre Wirtschaft stärkt und aktiv in ihre Zukunft und die Lebensqualität ihrer Bürger investiert. Es ist ein Ort, an dem Geschichte und Moderne Hand in Hand gehen und die Zeit auf ganz eigene Weise tickt.

Wie der DEFA-Kultfilm „Schwester Agnes“ in Waltersdorf lebendig bleibt

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Waltersdorf im Zittauer Gebirge ist mehr als nur eine idyllische Kulisse. Fast ein halbes Jahrhundert nach den Dreharbeiten zum DEFA-Film „Schwester Agnes“ ist die Geschichte der engagierten Gemeindeschwester hier noch immer erstaunlich präsent. Der Film von 1974, der im fiktiven Ort Krumbach spielt, fand seine Heimat im echten Waltersdorf und prägt das Dorfleben bis heute.

Eine der Hauptfiguren dieser fortwährenden Geschichte ist heute Justin Birnstein, ein 28-jähriger Altenpfleger in Waltersdorf. Ähnlich wie die Hauptdarstellerin im Film, fährt auch er auf einer Schwalbe von Haus zu Haus, um zu helfen. Früher kannte Justin den Film gar nicht, wurde aber durch ein Schild in Waltersdorf darauf aufmerksam. Die Idee, eine Schwalbe als Dienstfahrzeug zu nutzen und den Film „Schwester Agnes“ einzubeziehen, kam ihm als „sehr tolle Werbung“. Der Plan ging auf. Mit der Schwalbe weckt Justin bei seinen Patienten Erinnerungen. Viele von ihnen haben die Dreharbeiten hautnah miterlebt. Justin stellt fest, dass er die Leute auf diese Weise aktivieren kann; sie erzählen, vergessen kurz ihre Sorgen und lächeln dabei. Er findet es „klasse, dass sich junge Leute finden, die alte unterstützen und pflegen“.

Die Titelrolle der Schwester Agnes war eine Paraderolle für die Schauspielerin Agnes Kraus. Sie sah die Rolle als „richtige Hauptrolle“, „eine richtige Frau, die im Leben steht, arbeitet und gute Arbeit macht“. Im Film kümmert sich Schwester Agnes um die Bewohner ihrer Gemeinde Krumbach. Sie hilft auf ihre ganz eigene Weise, wo immer sie kann, und ist gleichzeitig Gemeinderätin, was den Bürgermeister regelmäßig in den Wahnsinn treibt. Sie setzt sich beispielsweise verzweifelt im Kampf um Wohnraum für eine junge Familie ein.

Obwohl Agnes Kraus die Rolle der Moped fahrenden Gemeindeschwester so überzeugend spielte, gab es bei den Dreharbeiten ein entscheidendes Problem: Agnes Kraus konnte weder Fahrrad noch Moped fahren. Der ehemalige Abschnittsbevollmächtigte Horst Helle sollte ihr das Mopedfahren beibringen, beschrieb es aber als „sehr sehr anstrengend“ und stellte fest, dass es „absolut unmöglich“ war, sie überhaupt auf dem Moped in Bewegung zu versetzen. Da das Lernen nicht klappte, baute der Schmiedemeister Millerlaus ein Gestell mit Rädern, auf das das Moped gestellt wurde, um die Aufnahmen zu ermöglichen. Für spektakuläre Fahrszenen mussten sich die DEFA-Leute zusammen mit den Einheimischen noch einiges mehr einfallen lassen. Wer genau hinsieht, merkt, dass im Film nicht Agnes Kraus auf der Schwalbe sitzt. Stattdessen übernahm Joachim Seipt die Standrolle, wofür ihm die Beine rasiert und mit denen von Frau Kraus verglichen wurden. Dieses trickreiche Vorgehen mit Unterstützung der Einwohner machte den Film zu etwas Besonderem und trug zu seinem Kultstatus bei.

Die Dreharbeiten im Sommer 1974 im Zittauer Gebirge und insbesondere in Waltersdorf brachten einen „Hauch von Hollywood“ ins Dorf. Neben den Stars spielten auch Einheimische als Komparsen mit. Matthias Weiß war damals als Kind dabei, nachdem die DEFA-Leute von Klasse zu Klasse gingen und Kinder für den Film aussuchten. Für ihre Mitwirkung erhielten die Komparsen und Stand-Ins Geld: 40 Mark für eine Standrolle wie die von Joachim Seipt, 20 Mark für einfache Komparsen. Auch bei den Filmszenen wurde getrickst, etwa als Äpfel für eine Szene auf einen Walnussbaum gedrahtet wurden.

Die Schauplätze des Films sind in Waltersdorf bis heute erkennbar. Der Charme der traditionellen Umgebindehäuser eignete sich perfekt als Kulisse. Diese Häuser sind eine einzigartige Volksbauweise in der Oberlausitz, bei der ein slawisches Blockhaus von einem fränkischen Fachwerkhaus umbaut wird. Dieser Aufbau hat den Vorteil, dass tragende Holzbalken restauriert oder ausgetauscht werden können, ohne das Haus abreißen zu müssen. Viele Häuser in Waltersdorf wurden schon zu DDR-Zeiten von den Einwohnern mit wenig Geld und Baumaterialien selbst restauriert und nicht verändert. So gibt es heute über 200 solcher wunderschöner, originalgetreu erhaltener Häuser im Ort.

Das Quirlerhäusel, das im Film der Konsum war, wo Schwester Agnes einkaufen ging, ist heute ein Haus, das von den Schlagersängern Katrin und Peter saniert wurde. Auch das ehemalige Gemeindeamt von Krumbach im Film war ein echtes Haus in Waltersdorf, das Haus Helene. Harald Nagel wuchs dort auf und erinnert sich, wie das Haus für die Dreharbeiten dekoriert wurde. Das Wohnhaus von Schwester Agnes im Film befand sich im benachbarten Jonsdorf; der Eingangsbereich war eine Konstruktion der Filmarchitekten, die bis heute erhalten ist. Während der Dreharbeiten lebten die Bewohner des Hauses sogar einen Monat lang in einer Wohngemeinschaft mit Agnes Kraus. Jens Steffensen, damals 10, erinnert sich an Agnes Kraus‘ ausgeprägte Tierliebe; Szenen wurden unterbrochen, wenn eine Katze kam.

Die Darstellung der Arbeit einer Gemeindeschwester im Film ist allerdings nicht in allen Aspekten authentisch, wie die letzte Gemeindeschwester aus Waltersdorf, Birgit, erklärt. Sie hatte keinen „Knallkopp“-Bürgermeister und ihre Arbeit umfasste nicht so sehr Beziehungsprobleme. Auch sie hatte Probleme mit dem Mopedfahren und nutzte stattdessen ihr Fahrrad, da sie Angst hatte.

Die Figur der Gemeindeschwester berührt auch aktuelle Themen. Während die Gemeindeschwestern damals Zeit hatten, von Patient zu Patient zu fahren und nicht nur medizinische Hilfe leisteten, sondern auch für Gespräche da waren, ist dies heute aufgrund des Hausarztmangels und wenig Zeit für Hausbesuche schwierig. Es gab zwar Modellversuche mit Namen wie AGnES (die für verschiedene Programme stehen), doch die Qualifikationsanforderungen können zum Hindernis werden. Thomas Giebel, von Kollegen liebevoll „Schwester Thomas“ genannt, war als gelernter Rettungsassistent regelmäßig in Waltersdorf auf Hausbesuch, konnte aber aufgrund seiner Ausbildung keine Förderung für solche Programme erhalten. Er musste den Job aufgeben. Anders als im Film, hatte diese Geschichte „keinen Happy End“. Waltersdorf hat derzeit keine Gemeindeschwester mehr, und die Hausarztpraxis musste schließen. Die Bevölkerung auf dem Dorf werde vollkommen ignoriert, da immer weniger Menschen dort leben. Daher bewundert man junge Leute wie Justin, die bereit sind, sich um die alten Menschen zu kümmern.

Agnes Kraus selbst war 60 Jahre alt, als sie zum Fernsehstar wurde. Sie wurde achtmal zum Fernsehliebling gewählt. Viele Leute erkennen sie bis heute. Ursula Stark, die damals eine Touristin im Film spielte, traf Agnes Kraus auch privat und beschreibt sie als sehr mütterlich und mit einem tollen Charakter; sie sagte, was sie dachte, auch wenn sie damit aneckte. Agnes Kraus freute sich sehr darüber, dass die Leute sie kennen und gerne haben und dass sie Kontakt zu den Leuten hat.

Der Erfolg von Agnes Kraus und des Films scheint kein Ende zu nehmen. Der von ihr gespielte Charakter sei „zeitgemäß und modern“. Auch die Aufnahmen mit der Schwalbe tragen zur Popularität bei, da viele junge Leute im Osten wieder eine Schwalbe fahren wollen. Auf YouTube widmet „Oldtimer Blondie“ dem Film sogar ein eigenes Kapitel.

Waltersdorf, die Umgebindehäuser und die Erinnerungen der Einwohner halten die Geschichte von „Schwester Agnes“ lebendig. Und mit Justin Birnstein auf seiner Dienstschwalbe lebt ein Stück des Filmgeistes – die Idee der fürsorglichen Betreuung und des persönlichen Kontakts – in moderner Form weiter.