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Bildungsnotstand in der Bundesrepublik: Eine Nation auf den Trümmern alter Schulen

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Bonn, 1959 – Vierzehn Jahre nach Kriegsende präsentiert sich die Bundesrepublik Deutschland als eine beachtliche Industriemacht mit Weltgeltung, stolz auf den Wiederaufbau und schicke Autos. Doch hinter der glänzenden Fassade des wirtschaftlichen Aufschwungs verbirgt sich ein alarmierender Missstand: das deutsche Bildungssystem gleicht vielerorts noch einem Trümmerhaufen. Die geforderte „kulturelle Aufrüstung“ ist bislang largely nur auf dem Papier existent, und die Probleme der Nachwuchsbildung werden im Bundestag zwar diskutiert, die Realität in Schulen und Hochschulen bleibt jedoch ernüchternd.

Schulen: Überfüllte Klassen und veraltete Gebäude
Ein Blick in viele Schulen offenbart ein düsteres Bild. Die meisten Gebäude stammen noch aus der Jahrhundertwende, viele wurden im Krieg zerstört und nur notdürftig oder gar nicht wieder aufgebaut. Es ist keine Seltenheit, dass ein vielversprechendes Portal in eine „Schulruine“ führt.

Die Zustände sind gravierend:

• Veraltete Infrastruktur: Turnhallen sind oft alte Gasthöfe, auf deren Wänden sich Inschriften von „Lustbarkeiten verschiedener Vereine“ finden, mit Bierhähnen vorne und Boxsäcken hinten. Nasse Mauern verbreiten modrigen Geruch. Toiletten sind oft vom Übel. Moderne, hygienische Toiletten sind die Ausnahme.

• Überbelegung der Klassen: Schulbänke, die noch aus der Jugendzeit der Großväter stammen, sind die Norm, und Klassen sind mit 50 Schülern überfüllt. Experten betonen, dass die ideale Klassengröße bei 25 bis 30 Schülern läge, um eine moderne Unterrichtsgestaltung zu ermöglichen und bessere Lernergebnisse zu erzielen.

• Schichtunterricht: Ein alarmierender Zustand, der an Volks- wie auch Gymnasien weit verbreitet ist, zwingt Schüler dazu, erst am Nachmittag mit dem Unterricht zu beginnen. Dieser Missstand soll voraussichtlich erst zweieinhalb Jahre später behoben sein, wenn genügend neue Schulen gebaut wurden – 16 Jahre nach Kriegsende.

• Fehlende Räume: Insgesamt fehlen in der Bundesrepublik 63.000 Klassenräume. Allein die Einführung des 9. und 10. Schuljahres sowie die Senkung der Schülerzahl pro Klasse würden zehntausende zusätzliche Räume erfordern.

Das Problem des Lehrermangels und die Arbeitsbedingungen
Trotz einer wesentlichen Verbesserung der Lehrerbesoldung in den letzten Jahren – ein junger Volksschullehrer verdient 1959 netto 711 Mark, seine Frau als Lehrerin 650 Mark – herrscht ein massiver Lehrermangel. Die Zahlen sind erschreckend: 7.000 Lehrer fehlen im jetzigen Zustand, und durch die Einführung weiterer Schuljahre und die Senkung der Klassengrößen steigt dieser Bedarf auf insgesamt 108.000 fehlende Lehrer.

Die Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte sind oft unzureichend:

• Überfüllte Lehrerzimmer: Die Lehrerzimmer sind viel zu klein, bieten keine Möglichkeit zur Konzentration oder Vorbereitung.

• Mangelnde Ausstattung: Bibliotheks- oder Aufenthaltsräume fehlen.

• Hohe Arbeitsbelastung: Ein Volksschullehrer unterrichtet gewöhnlich sechs Stunden pro Tag, was nach der vierten Stunde zu einem Spannkraftverlust und der Gefahr des Routineunterrichts führt. Hinzu kommen Korrekturen, Unterrichtsvorbereitung, Weiterbildung und Elternbesprechungen, die leicht zu einer 56-Stunden-Woche führen. Idealerweise sollte die wöchentliche Unterrichtszeit von 30 auf 24 Stunden reduziert werden, was immer noch 47 Arbeitsstunden pro Woche bedeuten würde.

Hochschulen: Massenbetrieb und desolate Zustände
Auch an den Universitäten und Ingenieurschulen ist die Lage prekär. Die Studentenzahlen sind seit 1930 von 72.800 auf 167.000 im Jahr 1959 gestiegen. Dies führt zu einer „Notlage, die durch das Missverhältnis der Zahl der Studierenden zu den Dozierenden sowie durch den Mangel an Raum charakterisiert ist“.

Die Probleme im Hochschulbereich sind vielfältig:

• Überfüllte Hörsäle und Labore: Eine Aula, die für 750 Studenten ausgelegt ist, ist mit 1000 Studenten überfüllt. Laborräume, die noch aus dem Ersten Weltkrieg stammen, sind alt, abgenutzt, und Studenten arbeiten unter tropfenden Rohren in Kellerräumen.

• Desolates Betreuungsverhältnis: Auf einen Dozenten kommen durchschnittlich 20 Studenten, in den Sozialwissenschaften kann das Verhältnis aber bei 1 zu 100 liegen. Ein Assistent betreut bis zu 27 Studenten, obwohl 10 bis 12 Studenten pro Assistent wünschenswert wären.
• Raummangel und Studienplatzknappheit: Von 350 interessierten Studenten konnten in einem pharmazeutischen Institut nur 40 angenommen werden. An Ingenieurschulen werden von 100 Aspiranten, die die Aufnahmeprüfung bestehen, nur 30 aufgenommen.

• Finanzielle Nöte der Studenten: Viele Studenten wohnen weit entfernt und müssen lange pendeln, da Studentenbuden in der Stadt zu teuer sind oder sich in „wenig Vertrauen erweckenden Gebäuden“ befinden. Viele sind auf Stipendien angewiesen, die oft nicht ausreichen, oder müssen über den studentischen Schnelldienst Arbeit suchen, um Miete, Bücher oder Freizeitaktivitäten zu finanzieren.

Lösungsansätze und der Blick in die Zukunft
Zwar gibt es neue, moderne Schulbauten und pharmazeutische Institute, die zeigen, was möglich wäre, wenn die notwendigen Mittel bereitgestellt würden. Der Zustrom an die Pädagogischen Institute hat sich in den letzten fünf Jahren von 450 auf 1350 Studierende erhöht, was als „sehr erfreuliche Sache“ im Angesicht des enormen Lehrerbedarfs gilt.

Ein revolutionärer Reformplan für die Volksschule, der eine vierklassige Grundschule und verschiedene weiterführende Schulformen vorsieht, scheitert jedoch vorläufig am Raum- und Lehrermangel.

Der Ruf aus der Industrie wird lauter: Generaldirektor Dr. Hermann Reusch vom Bundesverband der deutschen Industrie betont, dass Wissenschaft und Bildung zu einem Politikum ersten Ranges geworden sind und der Leistungsfähigkeit von Schulen und Hochschulen die „oberste Dringlichkeitsstufe aller geistigen und finanziellen Anstrengungen“ gebührt. Einige Firmen greifen bereits zur Selbsthilfe und bieten ihren Lehrlingen nicht nur Fachausbildung, sondern auch Unterricht in allgemeinbildenden Fächern an, da sie mit der Leistung der Schulen nicht zufrieden sind.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Vergleich zur Sowjetunion (280 Universitätsingenieure pro Million Bevölkerung) und den USA (136) liegt Westeuropa mit 124 Ingenieuren pro Million deutlich zurück. Ähnlich verhält es sich bei der Studentenzahl pro 1000 Einwohner: fast drei in der Sowjetunion, aber nur einer in der Bundesrepublik.

Die Erkenntnis, dass das Problem der „Vermassung“ an den Universitäten in seiner ganzen schwerwiegenden Tragweite erkannt werden muss, um die Wettbewerbsfähigkeit der Wissenschaft zu erhalten und den Nachwuchs zu sichern, scheint angekommen. Es bleibt jedoch die dringende Aufgabe, die „kulturelle Aufrüstung“ nicht nur auf dem Papier zu fordern, sondern sie auch in der Realität umzusetzen, denn der „Kalte Krieg im Klassenzimmer“ ist ein Kampf um die nationale Existenz.

Der Schatten der Mauer: Stumme Zeugen einer geteilten Welt

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Ein grauer, nebelverhangener Morgen in Berlin. Die Luft ist feucht und kalt, die Stille wird nur vom fernen Krächzen einiger Vögel durchbrochen. Vor uns erhebt sich ein Monstrum aus Beton, eine Narbe, die eine ganze Stadt zerschneidet: die Berliner Mauer. Die Videoaufnahmen, vermutlich aus den späten 1980er Jahren, sind mehr als nur historische Dokumente. Sie sind eine atmosphärische Zeitreise in das Herz des Kalten Krieges, ein spürbares Zeugnis der Trennung.

Auf der West-Berliner Seite präsentiert sich die Mauer als eine unfreiwillige Leinwand. Bunte Graffiti, politische Parolen und kunstvolle Malereien schreien ihren Protest in die Stille. Große, fast cartoonhafte Augen blicken anklagend über die Grenze, ein stummer Appell an die andere Seite. Hier, im Westen, ist die Mauer ein Mahnmal, ein tägliches Ärgernis, aber auch ein Ort subkultureller Aneignung.

Doch nur wenige Meter dahinter entfaltet sich eine völlig andere Welt. Der Blick über die Mauerkrone enthüllt die brutale Effizienz der Grenzanlagen der DDR. Ein breiter, leerer Korridor, der sogenannte „Todesstreifen“, sorgfältig geharkt, um jede Fluchtspur sichtbar zu machen. Dahinter eine zweite, schmucklose weiße Mauer, Zäune mit Stacheldraht und Wachtürme, die wie unnahbare Wächter in den Himmel ragen. Es ist eine Landschaft der Kontrolle, entworfen, um jede Hoffnung auf ein Entkommen im Keim zu ersticken.

Die Kamera fängt die fast surreale Routine dieser geteilten Existenz ein. Grenztruppen der DDR patrouillieren auf Fahrrädern durch das Niemandsland, ihre Gewehre über die Schulter gehängt. In den Kanzeln der Wachtürme stehen Soldaten mit Ferngläsern, ihre Gesichter ausdruckslos, ihre Blicke auf den Westen gerichtet. Diese Bilder stehen im scharfen Kontrast zu den Szenen, in denen Schwäne und Enten friedlich auf der Spree schwimmen, die hier ebenfalls zur unüberwindbaren Grenze wird. Die Natur scheint die menschliche Teilung zu ignorieren, während über allem ein melancholischer Sonnenuntergang die Szenerie in ein warmes, trügerisches Licht taucht.

Mit Einbruch der Nacht verwandelt sich die Mauer endgültig in eine Festungsanlage. Grell leuchtende Scheinwerfer tauchen den Todesstreifen in ein unbarmherziges Licht, das keine Schatten und kein Versteck zulässt. Die Fenster der angrenzenden Wohnhäuser im Osten bleiben dunkel, während im Westen das Leben weitergeht. Die Mauer wird zur absoluten Trennlinie zwischen zwei Systemen, zwei Lebenswelten.

Diese Aufnahmen transportieren eine beklemmende Atmosphäre der ständigen Bedrohung und der tiefen Spaltung. Sie zeigen nicht die dramatischen Momente der Geschichte, sondern den zermürbenden Alltag im Schatten der Mauer. Heute, Jahrzehnte nach ihrem Fall, wirken diese Bilder wie aus einer fernen, fast vergessenen Zeit. Sie sind jedoch eine eindringliche Erinnerung daran, dass Freiheit niemals selbstverständlich ist und Mauern – egal ob aus Beton oder in den Köpfen – Narben hinterlassen, die noch lange sichtbar bleiben.

Grünau: Flüchtlingsheim sorgt für Anwohner-Skepsis und Integrationsdruck

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Grünau, ein Ortsteil im Berliner Bezirk Köpenick, steht vor einer bedeutenden Veränderung: In wenigen Monaten soll dort ein neues Flüchtlingsheim eröffnet werden. Die Einrichtung, die voraussichtlich 340 bis 350 Bewohnerinnen und Bewohner aufnehmen wird, befindet sich in der Kleingartenanlage Grünauer Straße, was bei den Anwohnern bereits jetzt zu geteilten Meinungen und erheblichen Befürchtungen führt.

Die Sorgen der Anwohner Herr Klose, ein Anwohner der Kleingartenanlage Grünauer Straße mit einem schönen Wassergrundstück, empfindet die geplante Einrichtung als „Wahnsinn“. Die größte Kritik ist die fehlende Vorbereitung und Einbeziehung der Anwohner: „Wir finden wirklich, weil wir überhaupt nicht vorbereitet wurden, finden wir das extrem, dass man uns überhaupt nicht gefragt hat“. Er beklagt auch die Passivität des Bürgermeisters, der sich seiner Meinung nach „gar nicht einschaltet“ und kein Gespräch mit den Betroffenen gesucht hat. Die Befürchtungen der Kleingärtner sind vielfältig:

• Lärmbelästigung: Es wird befürchtet, dass die Mittagsruhe (13 bis 15 Uhr), die von den Kleingärtnern strengstens eingehalten wird, nicht respektiert wird, da „das eine andere Mentalität“ sei. Herr Klose ist sich sicher, dass „Krach definitiv kommen wird“.

• Sicherheit und Sauberkeit: Neben Lärm gibt es Ängste vor „Einbrüchen“ und einer allgemeinen Verschlechterung der Sauberkeit.

• Soziale Spannungen: Auch wenn man nicht „alle über einen Kampfen“ kann, hört man doch von „Schlägereien“ an anderen Orten. Trotz der Möglichkeit, dass „nette Familie mit Kindern kommen“ und alles „ganz harmonisch wird“, ist Herr Klose und seine Nachbarschaft „skeptisch“. Dieses Erlebnis hat bereits zu Überlegungen geführt, bei den nächsten Wahlen „anders gewählt“ zu werden.

Die politische Perspektive: Herausforderung Integration Robert Schadach, ein langjähriger Sozialdemokrat und ehemaliges Mitglied des Abgeordnetenhauses aus dem Bezirk Köpenick, sieht die Situation als „sehr großer Batzen“ und eine „Herausforderung“. Köpenick sei traditionell eher konservativ und die Bevölkerung tendiere dazu, „unter sich“ zu sein. Doch es sei auch schon einiges „zum Guten verändert“ worden.

Schadach betont, dass die Integration neuer Menschen gut geplant sein muss und die „Menschen nicht überfordern“ darf. Er verweist auf fehlende „Rahmenbedingungen“ wie Lehrer und Kita-Plätze, die die Integration erschweren, besonders wenn in Klassen „teilweise nicht Deutsch gesprochen werden kann“. Die Situation sei eine „große große Herausforderung“ für Schulen und Gesellschaft.

Dennoch gibt Schadach auch Entwarnung basierend auf früheren Erfahrungen:

• Bisherige Heime haben sich eingependelt: Die „ersten waren die schwierigsten“, aber insgesamt „hat sich das schon eingependelt“.

• Gewöhnung im Alltag: Auch wenn sich das Klientel an öffentlichen Orten wie Badestellen geändert hat, haben sich die Leute „irgendwie aneinander gewöhnen“ und es gäbe „keine Auseinandersetzung“.

• Positive Beispiele gehen unter: Schadach kritisiert, dass „gute Nachrichten keine Nachrichten“ sind und „Bad News“ wie „Freibederschlachten“ die Debatten dominieren. Er plädiert für einen „ruhigeren Blick auf die Sache“.

Trotz der zusätzlichen Belastung durch das neue Heim glaubt Schadach nicht, dass der „soziale Frieden“ in der Nachbarschaft gefährdet ist, auch wenn „glücklich wird da keiner sein“. Die Situation sei, wie sie ist, und man müsse „es zumindest versuchen“ zu lösen. Die Vielzahl bereits existierender Heime in Grünau zeige, dass es sich um eine fortgesetzte Herausforderung handelt.

Die Villen des Politbüros: Eine Spurensuche in Berlin

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Einstige Machtzentren, versteckt in bürgerlichen Vierteln Berlins: Die Villen des Politbüros der ehemaligen DDR zeugen noch heute von einer vergangenen Ära. Ein YouTube-Video mit dem Titel „Die Villen des Politbüros“ vom Kanal „Ostkreuz – Beiträge von Hubertus Knabe“ gibt nun Einblicke in die genauen Standorte dieser geschichtsträchtigen Anwesen.

Zentrale Achse der Macht: Der Majakowskiring
Zentraler Schauplatz dieser ehemaligen Prominenten-Residenzen ist der Majakowskiring in Berlin. Entlang dieser Straße befanden sich zahlreiche der besagten Villen, die als Wohnsitze der DDR-Führungselite dienten. Die detaillierte Auflistung aus dem Video nennt spezifische Hausnummern wie Majakowskiring 1, Majakowskiring 5, Majakowskiring 12, Majakowskiring 13, Majakowskiring 21, Majakowskiring 28, Majakowskiring 29, Majakowskiring 34, Majakowskiring 46 und sogar die benachbarten Adressen Majakowskiring 55 und Majakowskiring 55 a. Besonders hervorzuheben sind auch Kreuzungen wie der Majakowskiring/Ecke Ossietzkystraße, die mehrfach als wichtiger Punkt dieser Konzentration der Macht genannt wird.

Verstreute Residenzen in angrenzenden Straßen
Doch nicht nur am Majakowskiring waren die Eliten der DDR untergebracht. Die Spurensuche nach den Villen des Politbüros führt auch in angrenzende oder nahegelegene Straßen. Dazu gehören die Ossietzkystraße, insbesondere im Bereich der Ecke Majakowskiring. Weitere Adressen finden sich in der Stille Straße, konkret die Nummern Stille Straße 5 und Stille Straße 10. Auch im Güllweg werden Standorte genannt, nämlich Güllweg 8 und Güllweg 10 a. Eine weitere Villa befand sich der Quelle zufolge in der Tschaikowskystraße Nähe Nr. 2. Des Weiteren wird der Rudolf-Ditzen-Weg, im Bereich der Kreuzung mit dem Majakowskiring, als relevanter Ort aufgeführt.

Diese detaillierte Auflistung von Adressen, entnommen einem YouTube-Video, das sich mit den „Villen des Politbüros“ befasst, bietet einen konkreten Einblick in die geografische Konzentration der DDR-Führung und ihrer Wohnsitze. Sie lädt dazu ein, sich mit der Geschichte dieser Orte und den Geschichten ihrer Bewohner auseinanderzusetzen.

Tragödie am Bahnübergang Neuwiederitzsch im Jahr 1983

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Leipzig, 23. April 1983 – An einem strahlenden Frühlingstag ereignete sich am Bahnübergang Neuwiederitzsch eine Katastrophe, die sieben Menschenleben forderte und tiefe Spuren hinterließ. Ein Linienbus kollidierte mit einer Lokomotive, ein Unfall, der nach Stasi-Ermittlungen auf menschliches Versagen zurückgeführt wurde, doch auch gravierende technische Mängel und überholte Betriebsabläufe eine entscheidende Rolle spielten.

Der verhängnisvolle Nachmittag Der 23. April 1983 war ein Samstag. Dieter Buttstädt, ein vierfacher Familienvater, war mit einem Freund in Seehausen bei Leipzig, um ein Haus zu renovieren. Er hatte seiner Frau Ilse versprochen, rechtzeitig zum Abendessen zurück zu sein, um das Lieblingsgericht der Familie, Kartoffelsalat, zuzubereiten. Gegen 15 Uhr machten die beiden Feierabend und nahmen um 16:11 Uhr in Seehausen den Linienbus in Richtung Leipzig-Eutritzsch. Im Bus saß auch eine junge Mutter mit Kinderwagen.

Zur selben Zeit war der 24-jährige Rettungssanitäter Gerd Queisser privat unterwegs, nur wenige hundert Meter vom späteren Unfallort entfernt. Im Stellwerkshäuschen von Neuwiederitzsch hatte seit 6 Uhr morgens Hans Jürgen N. Dienst. Um 16 Uhr erhielt er die Meldung, dass neben dem planmäßigen Schnellzug von Leipzig nach Stralsund auch eine außerplanmäßige einzelne Lok in Gegenrichtung unterwegs war.

Eine Kette unglücklicher Umstände Der Linienbus näherte sich dem Bahnübergang Neuwiederitzsch. Die Schranken waren geschlossen, da der Schnellzug passierte. Die Wartezeiten waren damals oft lang, was zu Ungeduld unter den Autofahrern führte. Das Stellwerk wurde noch von Hand betrieben, im Gegensatz zum modernen, ETC-basierten Sicherheitssystem des heutigen Leipziger Messebahnhofs, das menschliche Fehler ausschließen soll. Die elektrisch angetriebene Schranke von Neuwiederitzsch konnte mit einem Knopfdruck sehr schnell geöffnet werden, ohne die „Bedenkzeit“ alter, handgekurbelter Schranken.

Um 16:15 Uhr passierte der Schnellzug den Bahnübergang. Direkt danach öffnete der Stellwerksleiter die Schranke, um die wartenden Fahrzeuge nicht länger aufzuhalten. Dabei vergaß er die einzelne Lokomotive, die in Richtung Leipzig unterwegs war.

Der Busfahrer fuhr sofort los, um seine Fahrgäste pünktlich abzuliefern. In diesem Moment fiel dem Stellwerksleiter die vergessene Lok ein. Er versuchte noch, das Signal von Höchstgeschwindigkeit auf Stopp zu stellen und den Busfahrer winkend zu warnen, doch die Lok war bereits am Signal vorbei, und der Busfahrer schaute nicht zum Stellwerk. Im Bus blickte Dieter Buttstädt aus dem Fenster und rief laut den späteren Ermittlungsakten zufolge: „Pass auf, es kommt was!“.

Die Katastrophe Gerd Queisser, der in der Nähe war, hörte einen riesigen Knall und sah eine wahnsinnige Staubwolke. Die 82 Tonnen schwere Lok krachte mit 60 Kilometern pro Stunde ungebremst in die Seite des Busses. Die Wucht des Aufpralls zerriss den Bus in zwei Teile. Der vordere Teil wurde noch 150 Meter mitgeschleift, bis die Lok zum Stehen kam. Der hintere Teil lag völlig zerstört auf den Schienen.

Erste Hilfe inmitten des Chaos Gerd Queisser, von Beruf Rettungssanitäter, war der erste Helfer am Unfallort. Durch die riesige Staubwolke konnte er zunächst nichts erkennen, doch dann wurde die Sicht klarer, und er sah das zerschmetterte Wrack des Busses. Trotz fehlender Verbandsmittel traf er die einsame Entscheidung, zum Wrack zu eilen. Er hörte viele Schreie und entdeckte ein wimmerndes Baby. Er zog das unversehrte Baby aus dem verbeulten Kinderwagen im Wrack, nahm es in seine Arme und legte es sicher im Schatten hinter einem Strauch ab.

Danach versuchte er, weiteren eingeklemmten Personen zu helfen. Kurz darauf trafen die ersten Feuerwehren ein. Die Lage war schockierend: Ein in zwei Teile gerissener Bus und verstümmelte Opfer. Die Bergung der vielen eingeklemmten Verletzten war aufgrund der bescheidenen technischen Ausrüstung (keine Beleuchtung, nur Trennschleifer, Brecheisen und Eisensägen) extrem schwierig. Dennoch gelang es den Einsatzkräften mit viel Muskelkraft, Schwerverletzte zu befreien. Gerd Queisser versorgte unermüdlich die Verletzten, darunter viele mit schweren Brustverletzungen. Der Busfahrer überlebte wie durch ein Wunder schwer verletzt, obwohl er in seinem völlig zerstörten Sitz 150 Meter mitgeschleift wurde.

Die bangen Stunden der Familien In Eutritzsch warteten Ilse Buttstädt und ihre Kinder sehnsüchtig auf Dieter. Sie hatte ein beklemmendes Gefühl, während immer mehr Einsatzfahrzeuge an ihrem Haus vorbeirasten. Der Bahnmitarbeiter Alfred Im, der gegen 17:30 Uhr seinen Dienst in der Dispatcherleitung in Leipzig antrat, wurde schnell mit dem Ausmaß der Katastrophe konfrontiert. Kurz vor 18 Uhr wurde der erste Bestattungswagen angefordert, später weitere. Um 19:20 Uhr war klar: Es gab viele Tote. Ilse Buttstädt suchte telefonisch nach ihrem Mann und brach zusammen, als sie die Todesnachricht erhielt. Für die Kinder war der Tod ihres Vaters unfassbar.

Ursachen und Konsequenzen Die Stasi begann sofort mit der Untersuchung. Es stellte sich heraus, dass bereits 1979 Bahnmitarbeiter die Koppelung der Schranke am Bahnübergang mit dem Zugsignal gefordert hatten, um die Belastung des Fahrdienstleiters zu reduzieren. Ein Antrag auf eine moderne, automatische Schranke wurde damals jedoch abgelehnt. Zudem hatte der Stellwerksleiter zum Unfallzeitpunkt bereits elf Stunden gearbeitet.

Trotz dieser bekannten Mängel wurde schnell ein Schuldiger gefunden: der Stellwerksleiter. Er hatte die Lok vergessen und die Schranke zu früh geöffnet. Noch am selben Abend, gegen 21:22 Uhr, wurde er verhaftet und später zu drei Jahren Haft verurteilt.

Insgesamt starben bei dem Unfall sieben Businsassen, darunter auch die junge Mutter, deren Baby von Gerd Queisser gerettet wurde. Nur wenige Wochen nach dem schweren Unglück erhielt der Bahnübergang Neuwiederitzsch endlich die signalabhängige Schranke, die von den Bahnmitarbeitern so lange gefordert worden war. Für sieben Menschen kam diese dringend benötigte technische Neuerung jedoch zu spät.

Im Herzen der DDR-Holzwirtschaft: Engagement und Fortschritt für den Sozialismus

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In unserer sozialistischen Heimat gestalten Werktätige Menschen wie du und ich aktiv und bewusst unser sozialistisches Leben. Sie sind sozialistische Persönlichkeiten und Schrittmacher bei der Schaffung unserer sozialistischen Menschengemeinschaft. Täglich gehen Millionen Werktätige unserer Republik zu ihrem Arbeitsplatz und vollbringen dort hervorragende Taten zur Stärkung unserer Republik und zur Stärkung des Sozialismus.

Ein herausragendes Beispiel hierfür ist Otto Wessel, Lkw-Fahrer im Bereich Produktion des Institutes für Forstwissenschaften und APO-Sekretär im Fuhrpark. Seit 1957 im Betrieb, zeichnet er sich durch hervorragende Leistungen und hohe Einsatzbereitschaft aus. Ebenso vorbildlich agiert Helmut Friede, Sägewerksfacharbeiter im VH Schorf Heide Betriebsteil Marin Werder, ein zweifacher Aktivist und Gefreiter der Reserve unserer Nationalen Volksarmee.

Die Holz- und Forstwirtschaft der DDR ist ein entscheidender Pfeiler unserer Volkswirtschaft, denn Holz ist der Grundstoff für mehr als 220.000 Erzeugnisse. Ziel ist es, diesen wichtigen Grundstoff effektiv zu gewinnen, zu nutzen und einzusetzen. Dies erfordert nicht nur harte Arbeit, sondern auch eine durchdachte Kooperation und die konsequente Einführung industriemäßiger Produktionsmethoden.

Schlüsselbereiche und Fortschritte:

• Forstbaumschulen als Garant für Rentabilität: Die Brigade der Forstbaumschule unter der Leitung von Kollegin Ratzlav, einer Bestarbeiterin, arbeitet dank ihrer Leistungen seit mehreren Jahren rentabel. Die Mitglieder der Brigade engagieren sich zudem in der Frauenkommission, der Konfliktkommission und als Gemeindevertreter. Ihre verantwortungsbewusste Arbeit sichert die maximale Rohholzproduktion zur Deckung des Bedarfs der Industrie und beachtet gleichzeitig die landeskulturelle Bedeutung des Waldes. Auch Hilde Mikes, Aktivist und Brigadeleiterin einer Spezialbrigade für Kippenaufforstung, leistet hierbei einen wichtigen Beitrag.

• Chemische Waldpflege und wissenschaftlich-technische Revolution: Um maximale Zuwachsleistungen zu erzielen, wird der Wald intensiv gepflegt. Die chemische Waldpflege gilt dabei als wichtiges Rationalisierungsmittel. Gemeinsam setzen Kooperationspartner wie die LPG und STFB Spezialisten zur Ausbringung von Chemikalien ein. Die Meisterung der wissenschaftlich-technischen Revolution verlangt die Einführung industriemäßiger Produktionsmethoden, um für unsere Republik mehr, besser und billiger zu produzieren.

• Die Holzeinschlagsbrigade Becker: Sie ist ein Kollektiv der sozialistischen Arbeit und Initiator im Wettbewerb zu Ehren des 20. Jahrestages der Republik. Als erstes Glied in der durchgängigen Technologie bestimmt sie die effektive Nutzung des Forstes. Ihr Brigadier ist mehrfacher Aktivist in sozialistischer Gemeinschaftsarbeit.

• Kooperation als Erfolgsfaktor: Kooperation sind vor allem Beziehungen zwischen Menschen, wie die zwischen Otto Wessel und Helmut Friede. Ihr gemeinsames Anliegen ist die Schaffung durchgängiger Technologien und die Verlagerung von Arbeitsgängen aus dem Wald zum Werk. Dies ermöglicht eine industriemäßige Produktion unter Ausnutzung aller Reserven. Die verantwortungsvolle Arbeit von Helmut Friede und seinen Kollegen auf dem Rundholzplatz beim Auslängen und Sortieren des Rohholzes trägt wesentlich zur effektiven Holznutzung bei.

• Effiziente Nutzung aller Ressourcen: Eine große Aufmerksamkeit gilt der sinnvollen Nutzung aller Abfälle und Reste. Durch vertragliche Beziehungen zwischen den Werken der Holzwirtschaft werden diese Reserven industriell verwertet, beispielsweise durch die Herstellung von Spanplatten. Schwarten und Spreißel werden über die Wasserwege unserer Republik transportiert und dienen als Rohstoff für die Zellstoffproduktion.

Die im RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) spezialisierte und von Kollege Walter Stengel gesteuerte Produktionsanlage trägt zudem dazu bei, die Arbeitsproduktivität zu steigern und die Kosten zu senken.

Dies ist ein Stück unseres gemeinsamen Weges. Planmäßig und zielgerichtet schreiten wir weiter voran unter der bewährten Führung der Partei der Arbeiterklasse, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, auf dem Weg zum entwickelten gesellschaftlichen System des Sozialismus und zur sozialistischen Menschengemeinschaft.

40 Jahre DDR: Ein Rückblick auf Errungenschaften und Herausforderungen aus eigener Sicht

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Zum 40. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wird aus einer internen Perspektive auf die Geschichte und Entwicklung dieses Staates geblickt, der als „Wendepunkt in der Geschichte des deutschen Volkes und in der Geschichte Europas“ bezeichnet wird. Die Darstellung betont die Errungenschaften und Herausforderungen, die der Aufbau des Sozialismus mit sich brachte, oft im Kontrast zur westlichen Welt.

Die Anfänge und der Kampf gegen den Schwarzmarkt
Nach der Befreiung Berlins von den Nazis durch die Sowjetarmee übernahm eine antifaschistische Verwaltung aus Kommunisten, Sozialdemokraten und bürgerlichen Kräften die Kontrolle, um Chaos und Elend zu verhindern. Die westlichen Alliierten trafen erst zwei Monate später ein und wurden als „erste Touristen“ bezeichnet. Mit der Währungsreform am 20. Juni 1948 wurde Deutschland in zwei Teile zerrissen, was in der Ostzone und Groß-Berlin zu massiven Protesten führte, da die wirtschaftliche Existenz Berlins eng mit der Ostzone verbunden war.

Besonders zu schaffen machte der „Schwarzmarkt“ mit seinen „gewissenlosen Elementen“. Während „ehrlich arbeitende“ Menschen mit ihrem Lohn kaum das Nötigste zum Leben erwerben konnten, gaben andere, die „nicht arbeiten“, in Minuten das aus, was ehrliche Arbeiter in einem Monat verdienten. Dies führte zu einer „Flucht in die Sachwerte“. Um dem entgegenzuwirken, wurden in der sowjetischen Besatzungszone und in Berlin „freie Läden“ eröffnet, deren Gewinne dem wirtschaftlichen Neuaufbau zugutekommen sollten. Die Preise waren anfangs hoch, um den Schwarzmarkt nicht zu füttern, sollten aber mit steigender Produktion sinken.

Die Berliner Mauer: Schutzlinie gegen Provokation
Die Ereignisse rund um die Berliner Mauer werden als Notwendigkeit dargestellt: Am 13. August 1961 schloss die DDR-Regierung die bisher offene Grenze zu West-Berlin. Dies wurde als Schutzmaßnahme für die DDR und ihre Bürger sowie zur Kontrolle des „größten Gefahrenherdes in Europa“ begründet. Die Grenze sei nicht nur eine Grenze zwischen zwei Staaten, sondern eine „Verteidigungslinie gegen jene, die Konflikte suchen, weil sie den Krieg wollen“. Westliche Politiker wie US-Vizepräsident Johnson und der Berliner Bürgermeister Brandt werden als Provokateure oder „Menschenhändler“ dargestellt, deren Absichten scheiterten. Die DDR-Führung betonte, dass der Frieden bewahrt werde und das Leben seinen ruhigen Gang gehe, während die aufgebauten Errungenschaften nun „ein für alle Mal vor dem Zugriff fremder Hände gesichert“ seien.

Wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt
Die DDR legte großen Wert auf „ehrliche Arbeit“ und die Steigerung der Produktion, um „mehr essen und besser leben“ zu können. Im Wohnungsbau, der als logische Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik gesehen wurde, konnte seit dem 8. Parteitag der SED 1971 die millionste Wohnung übergeben werden, wobei Erich Honecker persönlich mit Bauarbeitern in Berlin-Marzahn zusammentraf. Der Trabant, ein „Millionen begleitender“ Wagen, wird für seine Sicherheit, Zuverlässigkeit und Wartungsfreundlichkeit gelobt, und Leserbriefe bestätigen, dass er seine Fahrer „noch nie im Stich gelassen“ hat.

Auch auf dem Land begann eine kulturelle und technische Umsetzung. Ehemalige Gutshäuser wurden zu Maschinen- und Traktorenstationen umfunktioniert. Die Produktivgenossenschaften erhielten sogar erstmals Fernsehgeräte. Im sozialen Bereich wurden Kinderbetreuung und -erziehung großgeschrieben: Immer mehr Kindertagesstätten öffneten ihre Pforten, um Müttern die Sorge um ihre Kinder während der Arbeit zu nehmen und die Kleinen durch „fröhliche Spiele“ zu fördern. Auch Feriencamps für Kinder spielten eine wichtige Rolle. So verbrachten beispielsweise drei Kinder aus der Bundesrepublik regelmäßig ihre Ferien in DDR-Ferienlagern im Harz, an den Havel-Seen und in Thüringen, kamen „gut erholt und fröhlich“ zurück und hatten „nur Lustiges erzählt“. Der Vorsitzende des Staatsrates, Walter Ulbricht, der die Patenschaft für über 8000 Kinder übernommen hatte, wurde als „kinderreichster Vater unseres Landes“ bezeichnet und spielte sogar Volleyball mit den jungen Pionieren.

Kultur und Jugend: Zwischen Eigenständigkeit und Beat
Die FDJ spielte eine wichtige Rolle im Produktionswettbewerb und stellte die „Bahnbrecher des Neuen“. Im Bereich der Unterhaltungskunst wurde seit Mitte der 1950er Jahre über eine „uns gemäßen Unterhaltungskunst“ diskutiert. Während Phänomene wie der „Liebsie“ und „Rock’n’Roll“ als „Epidemie“ und „Geräuschplatten“ kritisch beäugt wurden, erkannte man, dass der Beat die Unterhaltungskunst vorangebracht hatte und nicht „für Mutters gute Stube zurechtgemacht“ werden sollte. Das Komitee für Unterhaltungskunst schloss Exklusivverträge mit Künstlern ab, die als „künstlerisch politischer Mitarbeiter“ betreut wurden, um „Lebenstatsachen entdecken“ und „Alltägliches auf vergnügliche Weise bewusst machen“ zu können. Es wurde betont, dass die Ausnutzung aller Ausdrucksmöglichkeiten in der Unterhaltungskunst erlaubt sei, solange sie der „sozialistischen Lebensweise“ und Weltanschauung entsprächen; es gebe „keine Eingrenzung von Stilen“.

Zukunft und Unumkehrbarkeit des Sozialismus
Die DDR sah sich ständigen Versuchen des Westens ausgesetzt, die Bevölkerung vom „Joch der SED zu befreien“ und „freie Marktwirtschaft“ statt der „krisenfreien Planwirtschaft“ zu propagieren. Diese Bestrebungen wurden entschieden zurückgewiesen: „Man begreift nicht, dass der Sozialismus unumkehrbar ist und sich nur in eine Richtung entwickelt: vorwärts“. Das Land verstand sich als ein Ort, an dem die Bürger „arbeiten und lernen, studieren und forschen, tanzen und lieben“, ihre Pläne verwirklichen und ihr Glück schaffen – ein Land, in dem sie zu Hause sind. Die Gründung der DDR im Oktober 1949 wird als historischer Wendepunkt dargestellt, der zum Wohle des Volkes, zu Frieden, Sicherheit und internationaler Zusammenarbeit beiträgt.

AfD-Kurs und die Zukunft Europas: Eine Debatte über Links-Rechts, Krieg und Utopien

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In einem aktuellen Streitgespräch des YouTube-Kanals „Flavio von Witzleben“ trafen Dr. Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin und Publizistin, und Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender in Thüringen, aufeinander, um über die Ausrichtung der AfD, die Erosion politischer Kategorien und die Zukunft Europas zu diskutieren. Das Gespräch, das in einem historischen Schloss in Thüringen stattfand, beleuchtete fundamentale Fragen der deutschen und europäischen Politik.

Das Ende von Links und Rechts? Eine veraltete Kategorisierung
Ein zentraler Konsens des Gesprächs war die Beobachtung, dass die klassischen politischen Kategorien von Links und Rechts an Bedeutung verloren haben. Dr. Guérot argumentierte, dass die Linke ihren Kernbestand – die Klassen- oder soziale Frage – aufgegeben und sich stattdessen in postmodernen Debatten wie Genderfragen, Klima und Diversität erschöpfe, die sie als „Ablenkungsdebatten“ bezeichnete. Der Begriff des Konservatismus sei ebenfalls verloren gegangen, wodurch heute alles als „rechts“ tituliert werde. Guérot verwies auf den französischen Autor Bruno Amable, der von einem „Block Bourgeois“ spreche, wo sich die traditionellen Parteien vereint hätten und die politische Achse sich von „rechts-links“ zu „oben-unten“ verschoben habe.

Björn Höcke pflichtete bei, dass die Begriffe „links“ und „rechts“ ihre historische Bedeutung verloren hätten, die ursprünglich aus der Sitzordnung der französischen Nationalversammlung von 1789 stammte. Er bot eine kantianische Einordnung von Erkenntnisfragen an, um grundlegende Haltungen zu skizzieren (Wissensoptimismus vs. Skeptizismus, Solidarität vs. Selbstverantwortung, Transzendenz vs. Kollektivität, positives vs. pessimistisches Menschenbild). Beide Gesprächspartner waren sich einig, dass diese Begriffe „hohl“ geworden seien und für Verwirrung sorgten.

Die AfD: Eine echte Alternative oder eine neue Systempartei?
Die Frage nach der Rolle und Ausrichtung der AfD war ein Kernpunkt der Debatte. Dr. Guérot äußerte erhebliche Zweifel daran, dass die AfD noch eine „tatsächliche Alternative“ sei. Sie beobachte eine „Neoliberalisierung“ der AfD sowie anderer populistischer Parteien in Europa (wie Rassemblement National oder FPÖ). Guérot kritisierte, dass die AfD, die einst für Frieden mit Russland, gegen die NATO und die EU angetreten sei, sich nun pro-amerikanisch und pro-NATO positioniere, wie im Falle von Alice Weidel, die als erste die 5%-NATO-Zielsetzung propagierte. Sie hatte das Gefühl, dass die AfD sich „aufhübschen“ wolle, um koalitionsfähig zu werden, und dabei Begriffe wie „deutsche Leitkultur“ und „Remigration“ aus ihren Papieren streiche. Guérot warnte, dass die AfD in diesem Fall zu einer „Systempartei“ würde, die den „Grundfragen“ wie dem emanzipierten Europa oder dem Ende des Krieges nicht mehr nachgehe. Sie sah in der Entwicklung der AfD eine Tendenz hin zu einem „autoritären Kapitalismus“ und einer „proto-faschistischen Agenda“, die den Staat im Interesse einer „internationalen Oligarchie“ abschaffen wolle.

Björn Höcke widersprach dieser Einschätzung vehement und erklärte, wenn die Zukunft der AfD „melonisiert“ wäre, „dann wäre das nicht mehr meine Partei“. Er sah die AfD als Vertreter der „Sumwheres“ – der lokal verwurzelten Menschen, im Gegensatz zu den „Anywheres“ der globalen Elite. Höcke betonte, dass die AfD eine „klar kontuierte sozialkonservative Kraft“ sei, die sich an einer sozialen Marktwirtschaft orientiere und auch libertäre Mitglieder habe, diese aber nicht die programmatische Dominanz gewinnen dürften. Er hob hervor, dass die Partei daran arbeite, die NATO irgendwann der Vergangenheit angehören zu lassen, Europa als eigenständigen Pol zu etablieren und eine Kooperation mit Russland herbeizuführen. Die Streichung von Begriffen wie „Remigration“ und „deutsche Leitkultur“ aus einem Fraktionspapier erklärte er mit Platzgründen und einer Schwerpunktsetzung auf Energie- und Wirtschaftspolitik; „Remigration“ sei weiterhin im Europa- und Bundestagswahlprogramm platziert, „Leitkultur“ sei ohnehin kein originärer AfD-Begriff. Höcke sah die Partei „auf Kurs“ und betonte, dass die AfD „die letzte evolutionäre Chance“ sei, die die Bundesrepublik habe.

Die „extremisierte Mitte“ und der umgekehrte Totalitarismus
Ein bemerkenswerter Punkt, in dem sich Guérot und Höcke einig waren, war die Analyse einer „extremisierten Mitte“. Guérot führte den Begriff des „umgekehrten Totalitarismus“ von Sheldon Wolin an, der beschreibt, wie eine politisch am Ende befindliche, liberalisierte Mitte innere und äußere Feinde erfindet (z.B. AfD als „rechts“, Putin als „Hitler“), um eine „autoritäre Schließung“ (Einschränkung von Meinungskorridoren, Wissenschaftsfreiheit) zu rechtfertigen. Sie argumentierte, dass diese Mitte den Krieg zur Kapitalisierung der liberalen Gesellschaft brauche. Höcke stimmte Wolins Analyse zu und beschrieb dieses System als postdemokratisch oder postmodern, in dem Menschen durch digitale Gefängnisse, ständige Angst und Ablenkung (z.B. „Klimahysterie“) demobilisiert und vom Staat abhängig gemacht werden.

Krieg und Frieden: Europa am Scheideweg
Die zunehmende Aufrüstung und die Eskalation des Ukraine-Krieges bereitete beiden Gesprächspartnern große Sorge. Dr. Guérot kritisierte die „Kriegstüchtigkeitsnummer“ der deutschen Politik scharf und sah darin ein „Verderbnis“ für Europa. Sie betonte, dass die EU diesen Krieg nicht überleben würde, da sie nicht souverän sei und keine eigene Budgethoheit oder Truppen habe. Guérot forderte eine Rückkehr zum Völkerrecht und direkte Verhandlungen mit Russland, auch im Hinblick auf das historische Versprechen der KSZE/OSZE, eine europäische Sicherheitsarchitektur mit und nicht gegen Russland zu schaffen.

Höcke teilte die Sorge vor einem Krieg mit Russland und betonte den deutschen Schwur „nie wieder Krieg“. Er sah in Russland einen „natürlichen Partner“ Deutschlands und Europas, der uns mentalitätsmäßig sehr nah sei. Ein Europa ohne Russland sei für ihn nicht denkbar. Höcke forderte, dass die Politik über die Links-Rechts-Schemata hinausdenken müsse, um „große überparteiliche Friedensdemonstrationen“ zu ermöglichen.

Die Zukunft Europas: Republik oder Rückbau?
Dr. Guérot stellte ihre Vision einer „Europäischen Republik“ vor, die sie bereits 2013 skizziert hatte. Dabei handele es sich nicht um einen EU-Superstaat, sondern um eine föderale, subsidiäre, dezentrale und regionale Republik, ähnlich einer „großen Bundesrepublik“, die aus den 50 Regionen Europas bestehe. Sie argumentierte, dass ein „Rückbau“ der EU, wie von einigen gefordert, problematisch sei, da Europa ohne eine gemeinsame Währung im Dollarkomplex landen und seine Souveränität in Sicherheits-, Finanz- und Digitalfragen verlieren könnte. Guérot plädierte für ein großes, kreatives Projekt, das Europa als souveränen Akteur in einer multipolaren Welt positioniere, um gegenüber Mächten wie den BRICS-Staaten bestehen zu können.

Björn Höcke bezeichnete Guérots Vision als einen „beachtlichen utopischen Überschuss“. Er sah die EU als „völlig degeneriert“ und „nicht mehr reformierbar“ an. Sein Ansatz war pragmatischer: Er plädierte für einen „Rückbau“ der EU in einem ersten Schritt. Anschließend sollten nur Kernbereiche wie der gemeinsame Außenschutz der Grenze, der gemeinsame Binnenmarkt, der Erhalt europäischer Identitäten und die Erlangung einer strategischen militärischen Option für Europa wieder europäisiert werden. Höcke zweifelte an der Existenz eines ausreichenden gesamteuropäischen Bewusstseins im Volk, das einen solchen Schritt hin zu einer europäischen Republik ermöglichen würde, und verwies auf historische und regionale Konflikte sowie die noch jungen nationalen Identitäten in Osteuropa.

Das Gespräch schloss mit dem Appell, trotz unterschiedlicher Herangehensweisen den Dialog fortzusetzen und sich auf die gemeinsamen Ziele von Freiheit und Frieden zu konzentrieren. Die Debatte machte deutlich, dass die aktuellen politischen Herausforderungen komplexe Antworten erfordern, die über traditionelle politische Schubladen hinausgehen.

Die dramatische Flucht, eine zerrissene Familie und ein letzter Wunsch

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Berlin – Mehr als 50 Jahre lang litt Anita unter der Last, ihre jüngste Tochter Gabriele zurückgelassen zu haben. Eine Geschichte von einer verzweifelten Flucht aus der DDR, einer unfreiwilligen Trennung und einem späten Wiedersehen, das von einem tragischen Abschied überschattet wurde.

Im Frühjahr 1960 lebte die junge Anita mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Töchtern, der zweijährigen Kerstin und der einjährigen Gabriele, in Ost-Berlin. Ihre Ehe war von Gewalt geprägt, und Anita wusste, dass sie und ihre Kinder diesem Leben entfliehen mussten. Am 23. Juni 1960 wagte sie den ersten Versuch. Nur ein Jahr vor dem Bau der Berliner Mauer packte sie ihre Koffer und stieg mit ihren Kindern in einen Zug Richtung Grenze. Doch am Bahnhof Berlin-Treptow wurde sie entdeckt und festgenommen.

Eine Mutter im Zuchthaus Bautzen
Was folgte, war eine furchtbare Zeit für die damals erst 20-jährige Anita. Sie kam in das berüchtigte Zuchthaus in Bautzen, über 200 Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Ihre Töchter Kerstin und Gabriele wurden in das Berliner Kinderheim Königsheide gebracht. Sieben Monate voller Verhöre, Schläge und Schlafentzug bestimmten ihren Alltag, ohne dass sie erfuhr, wie es ihren Kindern ging.

Im Januar 1961 wurde Anita entlassen, doch der Gedanke, ihre Kinder in der DDR zurückzulassen, war unerträglich. Sie fasste den Entschluss, es erneut zu versuchen – dieses Mal mit ihren Töchtern. In der Nacht zum 1. Mai 1961 brach sie gemeinsam mit einem Bekannten in das Kinderheim Königsheide ein und fand die kleine Kerstin in ihrem Bettchen. Doch der Einbruch wurde entdeckt, und in Panik mussten Anita und ihr Begleiter fliehen. Anita drückte Kerstin fest an sich, doch Gabriele musste sie zurücklassen. Die Flucht über die damals größtenteils nur mit Stacheldraht gesicherte Grenze gelang unter dramatischen Umständen und Schusswechseln. Die drei retteten sich auf westdeutschen Boden – ohne die kleine Gabriele.

In West-Berlin baute sich Anita ein neues Leben auf. Sie ließ sich mit Kerstin nieder, lernte 1963 einen neuen Mann kennen und bekam ein Jahr später ihren Sohn Michael. Sie zog ihre Kinder alleine groß und gab ihnen ein gutes Zuhause, doch der Gedanke an Gabriele ließ sie nie los. Für ihren Sohn Michael war es eine „unheimliche Last“, dass seine Mutter ihre Tochter seit über 50 Jahren nicht gesehen hatte. Er bat Julia Leischik um Hilfe, die vermisste Schwester zu finden.

Die Suche nach Gabriele und eine schockierende Diagnose
Nach dem Aufruf in der Sendung gab es eine enorme Resonanz. Doch kurz vor der Ausstrahlung überschlugen sich die Ereignisse: Anita wurde plötzlich bewusstlos und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Die schockierende Diagnose lautete: Krebs im fortgeschrittenen Stadium. Sechs Wochen lang kämpfte sie auf der Intensivstation um ihr Leben. Trotz der dramatischen Lage stabilisierte sich ihr Gesundheitszustand nach und nach.

Während Anita im Krankenhaus lag, gingen bei Julia Leischik dank der Zuschauer mehr als 100 Hinweise zu Gabrieles Aufenthaltsort ein. Ein entscheidender Tipp führte nach Hohen Neuendorf in Brandenburg, direkt angrenzend an Berlin. Dort sollte Gabriele angeblich noch ihren Geburtsnamen tragen. Julia Leischik traf Gabriele Pauli und stellte die alles entscheidenden Fragen: Geburtsdatum, Aufenthalt in einem Kinderheim.

Gabrieles Leben und die verschwiegene Wahrheit
Gabriele, die sich heute „Gabi“ nennt, lebt in einer gemütlichen Zweizimmerwohnung, hat einen Mini Yorkshire Terrier und arbeitet seit 14 Jahren als Altenpflegehelferin. Ihr Leben schien geordnet, doch ihre Kindheit war von Brüchen geprägt. Sie wusste, dass sie von Pflegeeltern aufgezogen wurde, nachdem sie als kleines Mädchen aus einem Heim geholt worden war. Der erste Pflegevater misshandelte sie, woraufhin sie wieder ins Heim kam. Mit viereinhalb Jahren holten sie ihre späteren Pflegeeltern aus dem Heim.

Das Schockierendste für Gabi war jedoch die völlige Unkenntnis über ihre leibliche Mutter. Man hatte ihr im Heim und in der Vergangenheit erzählt, ihre Mutter sei „besitzlos“ gewesen und mit einem Mann abgehauen, und ihr Vater sei Alkoholiker gewesen und sie ihm weggenommen worden. Von Anitas Fluchtversuchen, ihrer Gefangenschaft in Bautzen und dem verzweifelten Versuch, ihre Kinder aus dem Heim zu holen, wusste Gabi nichts. Als sie die Wahrheit hörte – dass ihre Mutter sie zutiefst vermisst hatte und so hart für sie gekämpft hatte – war sie tief gerührt und konnte es kaum fassen: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass doch ja und einmal gibt’s doch noch Mutter und das muss man erst verarbeiten“.

Ein letztes Wiedersehen am Sterbebett
Der Gedanke, ihre Mutter kennenzulernen, erfüllte Gabi mit großer Freude. Doch Anitas Gesundheitszustand verschlechterte sich dramatisch. Als Julia Leischik Michaels kontaktierte, um ihm von Gabriele zu berichten, überschattete die Sorge um Anita die Freude. Zwei Tage später trafen sich Gabi und Michael vor dem Auguste Viktoria Klinikum in Berlin-Friedenau und gingen gemeinsam zu ihrer Mutter. Anita lag im Koma.
Gabi trat ans Bett, nahm Anitas Hand und sprach sie an. Für einen kurzen Moment kam Anita aus dem Koma, blickte ihre Tochter an und sagte: „Mein Kind“. Kurz darauf schlief sie wieder ein. Einen Tag später verstarb Anita. Doch ihr sehnlichster Wunsch, ihre geliebte Gabriele noch einmal zu sehen, hatte sich erfüllt. „Meine Mutter hat ja meine Schwester erkannt“, sagte Michael, „und insofern bin ich froh, dass er die Möglichkeit hatte, nochmal ihre Tochter zu sehen, bevor sie halt dann gegangen ist“.

Eine neue Familie findet zusammen
Einige Monate später trafen sich Gabi und Michael mit Julia Leischik in Köln. Es war ihre erste gemeinsame Reise und die erste Gelegenheit, nach dem dramatischen Kennenlernen, Zeit miteinander zu verbringen. Gabi empfindet heute viel Liebe und Zuneigung für ihre Mutter, als wäre sie „immer schon da gewesen“, und die „schlechten Gefühle sind weg“. Sie ist überglücklich, einen Bruder gefunden zu haben: „wir sind auf uns zugerannt und am Abend und hat einfach gestimmt“.

Für Gabi, die lange keine Familie hatte, ist es nun „ganz toll“, eine zu haben. Beide Geschwister sind den Zuschauern zutiefst dankbar, denn „ohne den Zuschauern mit manager kennengelernt“. Auch wenn Gabriele ihre geliebte Mutter nur kurz kennenlernen durfte, bleibt Anita für immer in ihrem Herzen. Michael und Gabriele lassen sich nicht mehr los und haben eine echte Familie gefunden.

Sechs Tage Eiszeit: Als der Katastrophenwinter 1978/79 die DDR und Westdeutschland lähmte

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Es war die Stille vor dem Sturm. Das Jahr 1978 neigte sich dem Ende zu, und Weihnachten war, wie so oft, schneefrei geblieben. Die Temperaturen lagen am 28. Dezember um die 12 Grad Celsius, ein ungewöhnlich milder Winter. Die Menschen in beiden deutschen Staaten genossen die Feiertage in warmen Wohnungen, die Kühlschränke voll. Doch am Abend des 28. Dezembers berichtete die Tagesschau von leichten Wetterveränderungen: Für den Norden wurden „länger anhaltende Niederschläge östlich der Elbe Schnee, sonst Regen“ vorhergesagt, mit Tiefsttemperaturen zwischen 2 und minus 3 Grad Celsius. Niemand ahnte, dass dies der Auftakt zu einer Jahrhundertkatastrophe war, die „das ganze Land, die ganze DDR, sondern betraf halb Europa“ treffen würde.

Der plötzliche Kälteeinbruch: Von mild zu eisig in Stunden
Was am 29. Dezember begann, war eine einzigartige Wetterkonstellation. Ein stabiles, sehr mildes Tiefdruckgebiet im Süden sorgte für schneefreie Alpen und über die Ufer tretende Flüsse, während im Norden ein Hochdruckgebiet mit extremen Minustemperaturen und stark böigem Wind herrschte. Dieses eiskalte Hoch hatte sich seit Wochen über Nordeuropa aufgebaut und erreichte am 29. Dezember das Festland im Bereich der südlichen Ostsee. Es schob sich wie ein Keil unter die feucht-warme Luft, was einen gefährlichen „Cocktail“ hervorrief: Regen, der sofort zu Glatteis gefror, gefolgt von Eisregen, Temperaturstürzen von bis zu 30 Grad und schließlich Schneefall, der sich zu einem Schneesturm entwickelte.

Die polnische Hafenstadt Gdingen war die erste Station des Sturms auf dem Festland, wo man bereits minus 18 Grad Celsius maß und der Verkehr sowie das öffentliche Leben nach fast einem Meter Neuschnee innerhalb weniger Stunden zusammenbrachen. In Berlin wurden die ersten Hiobsbotschaften aus dem Norden und Polen zunächst als regionale Übertreibungen abgetan. Im Energieministerium der DDR, das eine Wetterwarnung erhalten hatte, rechnete man nicht mit dem Ausmaß der Katastrophe. Die Energieerzeugung der DDR war ohnehin prekär und stark wetterabhängig, da sie fast ausschließlich auf Braunkohle basierte. Der Regen der Vorwochen hatte die Tagebaue in Schlamm verwandelt, was zu Planrückständen führte.

Chaos auf Straßen und Inseln: Gestrandet in Eis und Schnee
Der Sturm machte auch vor der westdeutschen Grenze nicht Halt. In Schleswig-Holstein wurden am Nachmittag des 29. Dezembers erste kleine Straßen, später auch die Autobahn nach Hamburg, unpassierbar. Die Familie Kenner, auf dem Heimweg aus dem Winterurlaub in Finnland, wurde in Dänemark vom Sturm eingeholt und saß fest. Sie verbrachte die Silvesternacht in ihrem Auto bei fast leerem Tank, eingepackt in Wolldecken, immer wieder den Auspuff vom Schnee befreiend, um nicht zu ersticken. Sie waren müde, hungrig und am Verzweifeln. Erst am 3. Januar durfte die Familie unter eigener Gefahr die deutsch-dänische Grenze passieren. In Husum angekommen, wurde Werner Kenner jedoch von der Polizei festgenommen, weil er trotz Fahrverbots unterwegs war.

Besonders dramatisch entwickelte sich die Lage auf der Insel Rügen. Der Rügendamm, die einzige Versorgungsachse zum Festland, wurde über Nacht am 30. Dezember unpassierbar, da sich Schneewehen bis zu fünf Meter hoch aufgetürmt hatten. Die Insel war von der Außenwelt abgeschnitten. Der Hotelchef Wilfried Rothkirch, der eine Silvesterparty für 600 Gäste vorbereitete, musste die gesamte Feier absagen und sah seine monatelangen Vorbereitungen zunichtegemacht. Ältere Reisegesellschaften im Hotel litten unter Medikamentenmangel, was zu Komplikationen führte.

Der Frauenarzt Wolfgang Güttler vom Kreiskrankenhaus Bergen wurde aus dem Urlaub zurückgerufen, um eine spätgebärende Mutter in Trend abholen, einem 20 Kilometer entfernten Ort. Sein Panzer blieb jedoch in einer meterhohen Schneewehe stecken. Er verbrachte die Nacht bei minus 18 Grad Celsius im eiskalten Fahrzeug. Am Silvestermorgen half er der hochschwangeren Patientin in einer örtlichen Schwesternstation, das Kind zur Welt zu bringen – bei Stromausfall und ohne Hebamme, nur mit dem Licht einer Taschenlampe einer Schwester. Der gesunde Knabe wurde geboren, und Güttler feierte spontan Silvester mit den Einheimischen. Am Neujahrstag wurde er schließlich per Militärhubschrauber mit weiteren vier hochschwangeren Frauen von der Insel ausgeflogen und in die Stralsunder Geburtsklinik gebracht. Alle Mütter und Babys überlebten. Güttler kehrte am 3. Januar, seinem 40. Geburtstag, nach fünf Stunden Fußmarsch bei minus 10 Grad Celsius nach Bergen zurück.

Energie-Blackout und wirtschaftlicher Kollaps in der DDR
Der strengste Dauerfrost seit Beginn der Wetteraufzeichnung (minus 18,6 Grad Celsius in Berlin am Neujahrsmorgen) verschärfte die Lage. Die DDR, deren Wirtschaft auf einer straffen Planwirtschaft basierte, sah sich einem fast totalen Zusammenbruch gegenüber. Die Braunkohletagebaue, der Hauptenergielieferant, waren durch den Temperatursturz zu einer Eiswüste geworden, Kohle und Abraum ließen sich kaum noch bewegen. Selbst Kohlezüge konnten nicht mehr entladen werden.

Am Neujahrstag traf die Zentrale Katastrophenkommission der DDR zum ersten Mal seit Beginn des Sturms zusammen und gab den Einsatz der Nationalen Volksarmee (NVA) frei. 18.000 Soldaten, Kampfpanzer und Marinehubschrauber rückten aus, um Autobahnen zu räumen, abgeschnittene Dörfer zu versorgen und die Braunkohlegruben wieder in Gang zu bringen. Trotz dieser Maßnahmen waren radikale Schritte notwendig.

Energieminister Klaus Siebold ließ in Leipzig und Rostock den Strom kappen, da die Braunkohleförderung nur noch die Hälfte des Bedarfs deckte. Landwirtschaftsbetrieben wurde der Strom entzogen, was zum Tod von Tausenden Ferkeln und Kälbern führte, die unter Rotlichtlampen gehalten wurden. Ulrich Lau, Abteilungsleiter eines volkseigenen Gutes auf dem Darß, kämpfte mit seinen Bauern darum, 7000 Rinder zu versorgen, die in zugeschneiten Ställen erfroren. Auch 3000 Schafe, die tagelang draußen im Schnee standen, mussten geborgen werden.

Der Energieingenieur Axel Rainer Porsch in Erfurt erlebte am Neujahrstag um 15:03 Uhr den Befehl aus Berlin: „Stufe IX ist unverzüglich zu schalten“. Dies bedeutete den ersten Totalkollaps eines Gebietes wie Thüringen in der 30-jährigen Geschichte der DDR. Große Teile der Bezirke Erfurt, Gera und Suhl waren ohne Strom, Wasser und Heizung. Porsch musste verzweifelte Anrufe entgegennehmen, beispielsweise von einer Mutter im elften Stock mit einem Säugling, die keine Flasche wärmen konnte.

Folgen und Lehren
Die Katastrophe hatte weitreichende Konsequenzen. Über 90 Prozent der DDR-Betriebe meldeten Störungen und Ausfälle, der Produktionsbeginn musste verschoben werden. Es folgte eine wirtschaftliche Katastrophe: Der Gesamtschaden erreichte 8 Milliarden Mark in der DDR, ein Vielfaches der Schäden im Westen. In Westdeutschland waren die Probleme leichter zu beherrschen, mit Reparaturtrupps, die per Hubschrauber entsandt wurden. Der Pressefotograf Kai-Uwe Kaiser gelang aus einem Helikopter das Titelbild des Stern: Eine Autobahn, die wie von einer „Katze mit Regenpfoten über ein weißes Bettlaken getappt“ aussah, übersät mit eingeschlossenen Autos.

Während der Westen 18 Todesopfer zu beklagen hatte, sind für die DDR keine offiziellen Statistiken bekannt. Recherchen ergaben jedoch 18 Verkehrstote bei 700 Unfällen, 440 Verletzte, zuzüglich Menschen, die in ihren Fahrzeugen erfroren oder überrollt wurden.

Die Katastrophe offenbarte die Verwundbarkeit der DDR-Wirtschaft. Die Staatssicherheit konstatierte einen massiven Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Regierung, da „in einem sozialistischen Staat mit straffer Planwirtschaft nach 30-jährigem Bestehen bereits in wenigen Tagen ein fast totaler Zusammenbruch der Wirtschaft möglich ist“. Die DDR kämpfte noch Jahre mit den Folgen dieser sechs Tage Eiszeit. Für manche war es der „Anfang vom Ende“, für andere ein einmaliges Erlebnis und ein Test des menschlichen Zusammenhalts.