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Hinter der bürgerlichen Fassade: Ein Sittenbild der AfD-Basis

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Eine journalistische Einordnung des Videos „AfD Sommerfest – Das große FINALE!“ von Marcant

Wenn politische Parteien zu Sommerfesten laden, inszenieren sie sich gerne als harmlos, volksnah und familienfreundlich. Bratwurst statt Parteiprogramm, Hüpfburg statt Hetze. Doch die aktuelle Video-Reportage des YouTubers Marcant (in Zusammenarbeit mit dem Kanal Klare Kante) kratzt nicht nur an dieser Oberfläche – sie reißt sie mit einer Mischung aus investigativer Konfrontation und satirischem Rollenspiel ein. Was dabei zum Vorschein kommt, ist ein beunruhigendes Psychogramm einer Parteibasis zwischen Autoritätshörigkeit und offener Radikalität.

Der „Hauptmann von Köpenick“-Effekt
Der wohl entlarvendste Moment des rund 35-minütigen Beitrags ist nicht etwa eine aggressive Pöbelei, sondern eine beklemmende Stille der Folgsamkeit. Der Protagonist Eikut (vom Kanal Klare Kante) infiltriert das Fest nicht lautstark, sondern subtil: Er trägt Anzug, Krawatte und gibt sich als fiktiver AfD-Funktionär oder zumindest als Mann mit Einfluss aus.

Was folgt, ist ein soziologisches Lehrstück, das an Carl Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“ erinnert. Ordner und Teilnehmer hinterfragen Eikuts Anweisungen nicht. Als er befiehlt, den YouTuber Marcant (seinen eigentlichen Kollegen) des Platzes zu verweisen, führen die Ordner dies aus – ohne Rechtsgrundlage, nur auf Zuruf einer vermeintlichen Autorität.

Diese Szenen offenbaren einen tief sitzenden Untertanengeist innerhalb der Anhängerschaft. Der Wunsch nach einer „starken Hand“ und die Bereitschaft, sich Hierarchien bedingungslos unterzuordnen, werden hier nicht abstrakt diskutiert, sondern live dokumentiert. Es zeigt, dass das demokratische Prinzip des kritischen Hinterfragens an der Basis teils einem blinden Gehorsam gewichen ist, solange der Befehlshaber im „richtigen“ habituellen Gewand erscheint.

Die Normalisierung des Extremen
Inhaltlich bestätigt das Video Einschätzungen der Verfassungsschutzämter: Die Brandmauer zum Rechtsextremismus existiert auf solchen Veranstaltungen oft nicht einmal mehr als Gartenzaun.

Die Kamera fängt Teilnehmer ein, die Kleidung mit SS-Symbolik-Anspielungen oder der Reichskriegsflagge tragen. Dass diese Symbole erst entfernt (bzw. umgedreht) werden, als der als Funktionär getarnte YouTuber dies aus „PR-Gründen“ anmahnt, spricht Bände. Die Motivation der Ordner ist nicht die ethische oder politische Ablehnung verfassungsfeindlicher Symbolik, sondern lediglich die Sorge vor schlechter Presse („Wenn das MDR kommt…“).

Die im Video dokumentierten Aussagen – von der Leugnung des menschengemachten Klimawandels bis hin zu geschichtsrevisionistischen Andeutungen über die NS-Zeit – zeigen, dass sich in der Echokammer solcher Feste ein Weltbild verfestigt hat, das für rationale Argumente kaum noch zugänglich ist.

YouTuber als die neuen Investigativ-Reporter?
Journalistisch betrachtet ist das Format von Marcant ein Hybrid. Es ist kein distanzierter Nachrichtejournalismus öffentlich-rechtlicher Prägung. Es ist subjektiv, konfrontativ und teilweise manipulativ (im Falle der verdeckten Recherche). Doch gerade diese Methode erweist sich als effektiv, um Zugang zu Milieus zu erhalten, die gegenüber klassischen Medien längst dichtgemacht haben.

Während klassische TV-Teams oft von vornherein als „Lügenpresse“ ausgegrenzt werden, gelingt es hier durch die Rollenspiele, die soziale Maske der Teilnehmer fallen zu lassen. Das Video liefert unverstellte Einblicke in die Gruppendynamik, die bei einem reinen Interview-Format verborgen geblieben wären.

Ein Warnsignal
Das Video „AfD Sommerfest“ ist mehr als nur Unterhaltung für eine politische YouTube-Bubble. Es ist ein Dokument der Entfremdung. Es zeigt eine Parteibasis, die sich in einer parallelen Realität eingerichtet hat, in der Fakten flexibel sind, Autorität über Argumenten steht und Gewaltbereitschaft (wie im Rempler gegen den Kameramann zu sehen) latent unter der Oberfläche brodelt.

Für die politische Beobachtung in Deutschland ist dieses Material wertvoll. Es entlarvt die Strategie der AfD, sich als bürgerliche Rechtsstaatspartei zu geben, als Farce, sobald die Kameras (vermeintlich) aus sind oder die eigenen Reihen unter sich bleiben. Wer wissen will, was „Gefahr für die Demokratie“ im mikrosozialen Kontext bedeutet, findet in diesem Video anschauliches Anschauungsmaterial.

Das blaue Band von Jena: Eine Investition auf Zeit

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Ein Rückblick auf den August 2010, als das Ernst-Abbe-Sportfeld „Hertha-Blau“ wurde – und eine Analyse, was von dieser Ära heute noch bleibt.

Jena. Wer heute im neuen Ernst-Abbe-Sportfeld, der modernen Ad hoc Arena, auf der Tribüne sitzt, blickt direkt auf das Spielfeld. Die Fans sind nah dran, der Atem der Spieler ist fast spürbar. Doch wer die Augen schließt und das Jahr 2010 heraufbeschwört, sieht ein ganz anderes Bild: Ein leuchtendes, tiefes Blau, das den Rasen weitläufig umrahmt. Es war der August 2010, als Jena sich ein Stück Berliner Olympiastadion ins Paradies holte – eine Maßnahme, die damals als Notwendigkeit galt und aus heutiger Sicht wie der letzte große Atemzug einer vergangenen Sport-Epoche wirkt.

Der heiße August 2010: Ein technischer Kraftakt
Die Bilder aus dem Sommer 2010 erzählen von Schweiß, Präzision und dem bangen Blick zum Himmel. Die alte Laufbahn, 17 Jahre alt und vom Frost der Thüringer Winter zerfressen, war zur Gefahr für die Leichtathleten geworden. Die Lösung: Ein radikaler Schnitt.

Für rund 500.000 Euro ließ die Stadt Jena nicht nur die Oberfläche sanieren, sondern griff tief in die Substanz ein. „Wir mussten bis zu 40 Zentimeter tief den gesamten Unterbau rausnehmen“, berichteten die Bauverantwortlichen damals. 550 Tonnen Asphalt wurden verbaut, mit einem akribischen Gefälle von 0,8 Prozent, damit das Wasser, das in der alten Nordkurve oft stand wie in einem See, endlich abfließen konnte.

Das Ergebnis war spektakulär: Ein Regupol-Belag in „Hertha-Blau“, identisch mit der Bahn, auf der Usain Bolt in Berlin Weltrekorde lief. Es war ein Statement für den Mehrsparten-Sport. Trotz Regenunterbrechungen und dem Zwang, den Spielplan des FC Carl Zeiss Jena zu respektieren, wurde die Bahn im Herbst fertiggestellt.

Analyse: Die Prophezeiung und die Realität
Betrachtet man die Interviews von damals mit dem Wissen von heute (2025), fällt ein Satz besonders auf. Angesprochen auf den damals schon diskutierten Umbau in ein reines Fußballstadion, hieß es 2010 realistisch: „Das ist erstmal wieder in weite Ferne gerückt. In den nächsten vier bis fünf Jahren wird da ohnehin nichts passieren.“

Diese Einschätzung sollte sich als fast schon prophetisch, wenn auch konservativ, erweisen. Aus der heutigen Perspektive lässt sich die Investition von 2010 in drei Punkten analysieren:

1. Die Langlebigkeit des Provisoriums
Die damals prognostizierten „vier bis fünf Jahre“ wurden am Ende zu einem ganzen Jahrzehnt. Erst Ende 2020 begannen die Abrissarbeiten der Nordkurve für den echten Stadionneubau. Die 500.000 Euro teure blaue Bahn war also keine Verschwendung, sondern eine zwingend notwendige Lebensversicherung für den Sportbetrieb in den 2010er Jahren. Sie erkaufte der Stadt die Zeit, die nötig war, um die komplizierte Finanzierung und Planung des heutigen Neubaus überhaupt erst auf die Beine zu stellen.

2. Der Abschied vom Mehrzweck-Gedanken
Der Bau der blauen Bahn war das letzte große Bekenntnis zum klassischen Stadionmodell in der Oberaue. Heute hat sich das Paradigma gewandelt. Der Fußball verlangt nach Nähe, nach Hexenkesseln ohne Laufbahn, um wirtschaftlich konkurrenzfähig zu sein. Die Leichtathletik, einst gleichberechtigter Partner im weiten Rund, hat ihre Heimat auf den Nebenplätzen und in spezialisierten Anlagen gefunden. Die blaue Bahn von 2010 steht symbolisch für die letzte Ära, in der Fußball und Leichtathletik sich denselben Hauptplatz teilten.

3. Was bleibt?
Vom „Hertha-Blau“ ist im Innenraum der neuen Arena nichts mehr zu sehen. Es wurde begraben unter den neuen Tribünen und dem herangerückten Spielfeld. Doch die bauliche Sorgfalt von 2010 – die Korrektur des Untergrunds und die Entwässerung – dürfte den Tiefbauern des aktuellen Stadions zumindest keine bösen Überraschungen mehr bereitet haben.

Die Sanierung im August 2010 war kein Fehler im Angesicht des späteren Abrisses, sondern eine pragmatische Brücke in die Zukunft. Sie ermöglichte den Jenaer Sportlern über zehn Jahre hinweg wettkampftaugliche Bedingungen, während im Hintergrund die Pläne für das neue Gesicht des Ernst-Abbe-Sportfelds reiften. Das Blau ist verschwunden, aber es bleibt ein wichtiger Teil der Stadion-Chronik – als die Farbe einer Übergangszeit, bevor das „Paradies“ endgültig zur reinen Fußball-Hölle wurde.

Wandlitz als Rentner-WG: Realitätsverlust und Revolution in „Vorwärts immer!“

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In der Tragikomödie „Vorwärts immer!“ wagt sich Regisseurin Franziska Meletzky an ein gewagtes Gedankenspiel zur Wendezeit. Das Ergebnis ist eine turbulente Geschichtssatire, die vor allem dank eines brillanten Hauptdarstellers funktioniert.

Berlin. Es ist Oktober 1989, und die DDR steht kurz vor dem Kollaps. Doch während das Volk den Aufstand probt, herrscht in der Waldsiedlung Wandlitz eine beängstigende Ruhe. Oder besser gesagt: eine senile Realitätsverweigerung. Genau in dieses Spannungsfeld zwischen revolutionärem Aufbruch und verknöcherter Machtelite sticht die Satire „Vorwärts immer!“ (2017) hinein.

Die Generalprobe des Widerstands
Im Zentrum der Handlung steht das Ensemble eines Berliner Theaters, das in der aufgeheizten Stimmung der Revolutionszeit ein politisch brisantes Stück probt. Der gefeierte Schauspieler Otto Wolf (Jörg Schüttauf) soll darin niemand Geringeren als den Staats- und Parteichef Erich Honecker darstellen. Doch die Proben laufen alles andere als glatt: Otto hält seinen Text immer wieder für unglaubwürdig und hadert mit der Rolle. Mehr noch: Er scheut sich davor, das Stück überhaupt aufzuführen. Zu groß ist die Angst, für die offene Gesellschaftskritik am Ende im Gefängnis zu landen.

Doch damit nicht genug der Sorgen: Ottos Tochter Anne (Josefine Preuß) hat beschlossen, der DDR den Rücken zu kehren und heimlich nach West-Berlin zu ihrer Mutter zu fliehen. Als Otto sich in einer Probenpause – noch in voller Honecker-Maskerade – sehr innig von seiner Tochter verabschiedet, nimmt das Unheil seinen Lauf. Zwei Stasi-Mitarbeiter beobachten und fotografieren die Szene. Da Otto sein Kostüm trägt, halten sie ihn für den echten Staatschef und sind sichtlich verwirrt über dessen Verhalten.

Ein wahnwitziger Plan
Die Situation eskaliert, als Otto erfährt, dass gegen die demonstrierenden Massen – unter denen er nun auch seine Tochter vermutet – ein Schießbefehl erlassen werden soll. Die Angst um Anne treibt ihn zu einer Tat, die man nur als pure Verzweiflung oder absoluten Größenwahn bezeichnen kann.

Sein Plan: Er muss die Rolle seines Lebens nicht nur auf der Bühne, sondern in der Realität spielen. Als Erich Honecker maskiert will er sich ins Zentralkomitee einschleichen und den Schießbefehl höchstpersönlich widerrufen. Was folgt, ist ein klassisches „Heist-Movie“-Szenario, verlegt in die grauen Flure der DDR-Machtzentrale.

Ein Parforceritt für Jörg Schüttauf
Dass dieses gewagte Konstrukt nicht ins Lächerliche abgleitet, ist fast ausschließlich Jörg Schüttauf zu verdanken. Er meistert die schauspielerische Herkulesaufgabe einer Doppelrolle mit Bravour. Auf der einen Seite der besorgte, fast panische Vater Otto, auf der anderen Seite der Generalsekretär selbst. Schüttaufs Honecker ist eine brillante Karikatur: tatterig, weltfremd und von einer fast schon tragischen Senilität umgeben.

Unterstützt wird er von einem starken Ensemble. Hedi Kriegeskotte brilliert als Margot Honecker, die ihren „Erich“ streng im Griff hat, während Alexander Schubert als Egon Krenz bereits im Hintergrund an dessen Stuhl sägt. Auch Devid Striesow (als Harry Stein) und André Jung (als Mielke) tragen zur satirischen Überhöhung der DDR-Führungsriege bei, die hier als entrückte „Rentner-Gang“ dargestellt wird.

„Vorwärts immer!“ ist vielleicht kein tiefschürfendes Historiendrama, aber eine charmante, temporeiche Satire, die das Pathos der Wendezeit mit Humor bricht. Ein unterhaltsamer Film über den Mut der Verzweiflung – und ein absolutes Muss für Fans von Jörg Schüttauf.

Wenn die Mitte verwildert: Ein Abgesang auf das Kleinbürgertum

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Von Tschechows Kirschgarten zum sächsischen „Girschkarten“: Lukas Rietzschel zeigt am Schauspiel Leipzig, was passiert, wenn eine Gesellschaft ihr Unkraut wuchern lässt.

Leipzig – Es ist eine alte Geschichte: Eine Ära geht zu Ende, ein Besitz soll verkauft werden, und eine Familie zerbricht an der Frage, wie viel die Vergangenheit wert ist. Es war einmal ein prächtiger Kirschgarten, der schönste im ganzen Bezirk, sogar in Reiseführern erwähnt. Aber er hatte keine Zukunft, denn die Familie war pleite. So schrieb es Anton Tschechow 1904 in seinem letzten Stück „Der Kirschgarten“, einer „Komödie“ über vertane Chancen, an deren Ende das Areal in Parzellen aufgeteilt wurde.

Im Jahr 2025 widmet sich Lukas Rietzschel dem Erbe dieses Gartens. In seinem neuen Stück „Der Girschkarten“ blicken wir auf die letzte dieser Parzellen, die die Zeiten bis hierhin überstanden hat. Doch wo bei Tschechow einst der russische Adel in Schönheit und Wehmut unterging, herrscht hier die pragmatische Tristesse der deutschen Gegenwart.

Zwischen Carports und gleißendem Licht
Rietzschels Szenario ist schmerzhaft präzise: Zwei Neubausiedlungen stehen sich scharf gegenüber. Reihen von Einfamilienhäusern mit Carports dominieren das Bild, nachts erhellt von gleißend hellen Straßenlampen. Doch dazwischen steht noch dieses eine alte Haus in seinem verwilderten Garten – ein Störfaktor im bereinigten Wohngebiet.

In diesem Garten trifft sich die Familie, um zu beraten. Die Optionen klingen rational: Man könnte endlich richtig renovieren. Man könnte es als Ferienhaus verpachten. Oder einfach an die Bauträger rundherum verkaufen. Regisseur Enrico Lübbe, der das Stück zur Uraufführung bringt, verfrachtet dieses Setting in einen sterilen „White Cube“. In der Ecke liegt Kabelsalat, ein Symbol für den maroden Zustand der familiären Beziehungen.

Die Unschärfe der Realität
Hinter allen guten Vorschlägen lauern verstrickte Fragen, die den Riss durch die Mittelschicht offenbaren: Wer aus der Familie würde wirklich selber dort einziehen wollen? Wer würde sich um das Ferienhaus kümmern? Und wem steht das Geld zu?

Anders als bei Tschechow ist es hier nicht der Adel, der die Zeichen der Zeit verkennt, sondern das Kleinbürgertum, das sich in Widersprüchen verheddert. Emotionen und Erinnerungen prallen auf eine neue Wirklichkeit, und allmählich ziehen Unschärfen in die Debatte: Wie intakt oder kaputt ist das Haus tatsächlich? Wie viele Quadratmeter hat das Grundstück wirklich? Und haben wir das Heute nicht gestern schon einmal erlebt?

Da ist die Großmutter (Katja Gaudard), die sich der Verwertungslogik verweigert, und die Elterngeneration, die fast zynisch fordert: „Man muss sich eben trennen vom Alten, sonst verstopft die Seele.“ Rietzschel zeichnet hier eine Komödie über den Wandel der Zeit und den bröckelnden Konsens über die Realität: „Eins und eins ergibt zwei; das ist doch eine klare Sache.“ – „Für manche nicht mehr.“

Demokratie braucht Gärtner
Der verwilderte Garten wird zum Sinnbild für das Gemeinwesen. Die Botschaft ist klar: Ein Garten braucht Arbeit. Wenn Rietzschel das Unkraut – den Giersch – wuchern lässt, erzählt er von einer „Interessensanarchie“. Onkel Alexander, der unglückliche Neubaubewohner, bringt das Dilemma auf den Punkt: „Ekel vor dem Neuen trifft auf Nostalgie für das Alte.“

Ein starkes Team für die Uraufführung
Lukas Rietzschel, der in Görlitz lebt, gehört zu den prägenden literarischen Stimmen seiner Generation. Nach Erfolgen wie „Mit der Faust in die Welt schlagen“ und „Raumfahrer“ sowie dem Sächsischen Literaturpreis 2022, setzt er seine Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Leipzig fort. Bereits 2021 entstand hier sein erstes Stück „Widerstand“.

Für die Uraufführung von „Der Girschkarten“ konnte Intendant Enrico Lübbe erneut ein hochkarätiges Team gewinnen: Teresa Vergho (Kostüme), bekannt durch Arbeiten an den Münchner Kammerspielen und dem Burgtheater Wien, kleidet das Ensemble, während Peer Baierlein für die musikalische Gestaltung sorgt.

Mit „Der Girschkarten“ erweist sich Rietzschel erneut als scharfsinniger Seismograf. Er zeigt eine Gesellschaft in der Sackgasse, die vor lauter Angst vor der Zukunft und Überdruss an der Vergangenheit Gefahr läuft, einfach überwuchert zu werden. Ein starker, unbequemer Theaterabend.

Jena im April 2020: Zwischenbilanz der Corona-Lage und vorsichtiger Ausblick

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Redaktionelle Analyse zum Video-Statement von Oberbürgermeister Thomas Nitzsche vom 17. April 2020

Am 17. April 2020 informiert Jenas Oberbürgermeister Thomas Nitzsche in einem Video-Statement über die aktuelle Lage der Stadt in der Corona-Pandemie. Rund fünf Wochen nach dem Beginn der weitreichenden Einschränkungen zieht die Stadt eine erste zusammenfassende Bilanz und gibt einen Ausblick auf die nächsten Schritte.

Zu diesem Zeitpunkt verzeichnet Jena seit neun Tagen keine neuen Infektionen. Die Zahl der bestätigten Fälle liegt bei 155, davon gelten rund 110 Personen als genesen. Drei Todesfälle sind im Zusammenhang mit dem Virus zu beklagen. Die Entwicklung wird als stabil beschrieben.

Frühe Maßnahmen in Jena
Nach Angaben der Stadt hatte Jena bereits frühzeitig umfassende Schutzmaßnahmen ergriffen. Reiserückkehrer wurden in Quarantäne geschickt, Risikogebiete nicht nur regional, sondern auch international definiert. Diese Einordnung erfolgte noch vor entsprechenden bundesweiten Regelungen.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Einführung der Maskenpflicht im öffentlichen Raum. Jena war damit eine der ersten Großstädte in Deutschland. Die Entscheidung wurde zunächst kontrovers diskutiert, später aber auf Landes- und Bundesebene übernommen. Nach Einschätzung der Stadt habe diese Maßnahme wesentlich zur Stabilisierung der lokalen Infektionslage beigetragen.

Korrekturen einzelner Maßnahmen
Im Rückblick werden auch einzelne Entscheidungen genannt, die nachträglich angepasst wurden. Dazu zählen die zeitweilige Sperrung von Parkbänken sowie die Abschaltung der Anforderungsknöpfe an Ampeln. Diese Maßnahmen wurden im Zuge neuer Bewertungen wieder aufgehoben oder korrigiert.

Die Stadt verweist in diesem Zusammenhang auf die besonderen Rahmenbedingungen der frühen Pandemiephase, in der viele Entscheidungen unter hohem Zeitdruck und ohne belastbare Erfahrungswerte getroffen werden mussten.

Rolle der Bevölkerung
Ein weiterer Schwerpunkt des Statements liegt auf dem Verhalten der Bevölkerung. Laut Oberbürgermeister habe die Disziplin der Bürgerinnen und Bürger maßgeblich zur Eindämmung der Infektionen beigetragen. Insbesondere bei der Maskenversorgung habe es eine breite Unterstützung gegeben, unter anderem durch privat angefertigte Mund-Nasen-Bedeckungen.

Kontaktbeschränkungen, Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen wurden in dieser Phase als zentrale Instrumente der Pandemiebekämpfung dargestellt.

Wirtschaft, Einzelhandel und gesellschaftliche Belastungen
Mit Blick auf die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Maßnahmen werden wachsende Belastungen für den Einzelhandel, für Unternehmen sowie für Familien benannt. Die Stadt beteiligt sich an der Diskussion über mögliche Lockerungen im Einzelhandel.

Dabei geht es unter anderem um die Umsetzung der bundesweit festgelegten 800-Quadratmeter-Regel für Ladenöffnungen. Jena und das Land Thüringen hätten alternativ eine Regelung nach Personenzahlen bevorzugt, setzen jedoch den bundespolitischen Kompromiss um.

Schulen und Kitas
Für den Bildungsbereich wird eine stufenweise Öffnung der Schulen angekündigt, beginnend mit den Abschlussklassen. Für den Bereich der Kindertagesstätten liegt zu diesem Zeitpunkt noch keine verbindliche Perspektive vor. Die Stadt wartet auf entsprechende Vorgaben des Landes Thüringen.

Die unterschiedlichen Zuständigkeiten zwischen Kommune, Land und Bund spielen in diesem Bereich eine besondere Rolle bei der weiteren Planung.

Weiteres Vorgehen der Stadt
Die bestehende Allgemeinverfügung der Stadt Jena soll zunächst verlängert werden, bis verbindliche Landesverordnungen vorliegen. Lockerungen sollen schrittweise und unter Einhaltung der Schutzmaßnahmen erfolgen. Die Kombination aus Kontaktbeschränkungen, Hygieneregeln und Maskenpflicht bleibt weiterhin Grundlage des kommunalen Handelns.

Ziel sei es, die bisher erreichte stabile Lage zu sichern und gleichzeitig schrittweise mehr Freiheiten im öffentlichen Leben zu ermöglichen.

Einordnung
Das Video-Statement vom 17. April 2020 dokumentiert eine Phase der Corona-Pandemie, in der die ersten Wochen der akuten Krise ausgewertet und vorsichtige Schritte in Richtung Öffnung vorbereitet wurden. Die Stadt Jena befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer vergleichsweise stabilen Situation, zugleich waren viele weitere Entwicklungen noch offen.

Aus heutiger Perspektive stellt das Video eine Momentaufnahme kommunaler Krisenbewältigung in der frühen Phase der Pandemie dar, geprägt von vorsorgendem Handeln, schrittweisen Anpassungen und der Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Gesundheitsschutz und gesellschaftlichem Leben.

Ein Engel zum Abschluss: Die Jenaer Weihnachtskrippe ist vollendet

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Nach acht Jahren des Wachsens fand das hölzerne Ensemble auf dem Johannisplatz am 1. Advent seinen krönenden Abschluss. Mit dem „Verkündigungsengel“ ist das Kunstprojekt nun komplett – und erzählt dabei weit mehr als nur die klassische Weihnachtsgeschichte.

JENA. Es ist das letzte Puzzleteil, auf das viele Kenner der Jenaer Weihnachtstradition gewartet haben. Hoch über den Köpfen der Besucher, mit integrierter Beleuchtung sanft in Szene gesetzt, wacht nun der Verkündigungsengel über dem Johannisplatz. Mit der Enthüllung dieser sechzehnten Holzfigur am vergangenen Sonntag, dem 30. November 2025, wurde ein Projekt vollendet, das die Saalestadt seit 2017 begleitet hat.

Was damals mit der Heiligen Familie begann, ist heute ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk der Bildhauer Tim Weigelt und Silvio Ukat. Pünktlich zum ersten Advent konnten die Jenaerinnen und Jenaer erleben, wie die Lücke im Ensemble geschlossen wurde. Der Engel hebt sich nicht nur durch seine exponierte Position von den anderen Figuren ab, er markiert auch den Schlusspunkt einer künstlerischen Reise, die eng mit der jüngsten Stadt- und Weltgeschichte verknüpft ist.

Ein Spiegel der Zeitgeschichte
Die Jenaer Krippe war nie ein statisches Werk, sondern ein „Work in Progress“. Wer genau hinsieht, entdeckt in den grob geschnitzten, charakterstarken Holzfiguren Spuren der letzten Jahre. Die Krippe fungierte als Chronistin ihrer Zeit: So trägt der erste der Heiligen Drei Könige, der im Jahr 2020 hinzukam, eine Maske – ein ewiges Mahnmal an das erste Corona-Weihnachtsfest.

Auch der im Jahr 2021 erschaffene Engel mit der Klarinette war eine direkte Antwort auf die Stille der Pandemieschließungen und sollte Trost spenden. Politisch wurde es 2022: König Caspar kam nicht auf einem Kamel, sondern zeitgemäß auf dem Fahrrad, und trug angesichts des Ukraine-Krieges eine Friedenstaube bei sich.

Von der Idee zur Tradition
Initiiert wurde das Projekt im Jahr 2017 von Johannes Haschke vom Lokal „Daheme“ gemeinsam mit der damals neu gegründeten Initiative Innenstadt. Die Idee war simpel, aber wirkungsvoll: Eine Krippe, die lebt und wächst, statt einfach nur aufgestellt zu werden.

Über den gesamten Zeitraum von acht Jahren unterstützte JenaKultur das Vorhaben mit einer Gesamtsumme von rund 25.000 Euro. Eine Investition, die sich ausgezahlt hat, denn die Figuren sind längst zu einem Identifikationspunkt in der Adventszeit geworden. Sie bilden zudem den idealen Startpunkt für die Krippenausstellung in den Schaufenstern der angrenzenden Johannisvorstadt.

Das Ensemble ist komplett
Mit dem Verkündigungsengel ist der biblische und künstlerische Bogen nun gespannt. Von Maria, Josef und dem Jesuskind über Ochs, Esel, Hirten und Könige bis hin zum leuchtenden Boten Gottes – die Geschichte ist auserzählt.

Auch wenn keine neuen Figuren mehr hinzukommen, bleibt die Tradition bestehen: Ab sofort wird die vollständige Krippe jedes Jahr pünktlich zum 1. Advent den Johannisplatz in vorweihnachtliche Stimmung tauchen. Sie bleibt ein Zeugnis handwerklicher Kunst und ein hölzernes Tagebuch der Jahre 2017 bis 2025.

Die Chronologie der Figuren

2017: Heilige Familie (Maria, Josef, Jesus) sowie Esel & Ochse
2018: Hirte (Sterndeuter) mit Schaf & Lamm
2019: Kamel
2020: Erster König (mit Maske)
2021: Klarinetten-Engel
2022: König Caspar (mit Fahrrad & Friedenstaube)
2023: Hirtin mit Hund
2024: Dritter König
2025: Verkündigungsengel (Finale)

Das Columbus Center in Jena-Winzerla im Würgegriff von Kosten und Bürokratie

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Jena. Es sollte ein modernes Quartier werden, ein neuer pulsierender Mittelpunkt für Winzerla. Doch Ende 2025 herrscht am Columbus Center vor allem eines: Tristesse. Wo einst Kunden flanierten, gähnt heute der Leerstand. Nach dem geplatzten Traum vom Neubau stehen sich Eigentümer und Stadtverwaltung unversöhnlich gegenüber, während die wirtschaftliche Realität jede schnelle Lösung unmöglich macht.

Ein Geisterschiff in Beton
Wer heute durch die Passagen des 1994 eröffneten Einkaufszentrums läuft, braucht Fantasie, um sich blühenden Einzelhandel vorzustellen. Die Zahlen sind ernüchternd: Lediglich 20 Prozent der Ladenflächen sind noch vermietet. Auch im angeschlossenen Ärzte- und Geschäftshaus steht die Hälfte der Räume leer.

Svend Dietel, seit 2014 Eigentümer des Areals, macht keinen Hehl aus der Ausweglosigkeit der Situation. Eine Modernisierung des Bestandsgebäudes? „Da geht es gleich um sechsstellige Summen“, sagt Dietel. Ohne einen großen Ankermieter, der als Zugpferd fungiert, sei das wirtschaftlicher Selbstmord. Und so bleibt das Center vorerst, was es ist: ein Sanierungsfall ohne Plan B.

Das Aus für die Visionen
Noch bis vor kurzem gab es Hoffnung. Der Projektentwickler Ratisbona hatte Pläne für ein komplett neues Wohn- und Geschäftsquartier in der Schublade. Das alte Center sollte weichen. Doch Ende Oktober 2025 zog das Unternehmen die Reißleine.

Die Gründe sind symptomatisch für die aktuelle Krise am Bau: Explodierende Baukosten und gestiegene Zinsen ließen keine Mieten zu, die in Winzerla noch bezahlbar gewesen wären. Hinzu kam eine rechtlich komplexe Konstruktion: Dietel wollte das 5.900 Quadratmeter große Areal nicht verkaufen, sondern in Erbpacht vergeben. Rund 250.000 Euro Planungkskosten hat der Entwickler nach eigenen Angaben in den Sand gesetzt, bevor der Optionsvertrag im September auslief.

Auch die letzte Hoffnung auf eine kommunale Rettung zerschlug sich schnell. Die JenaWohnen GmbH, von Dietel als alternativer Investor angefragt, winkte nach detaillierter Prüfung ab. Das Urteil fiel knapp und deutlich aus: „Nicht leistbar.“ Die Investitionssumme liege weit jenseits der wirtschaftlichen Vernunft.

Der „Hemmschuh“ und die Parkplätze
Was bleibt, ist die Suche nach dem Schuldigen. Svend Dietel richtet seine Kritik scharf gegen die Stadtverwaltung. „Hemmschuh ist die Stadtverwaltung“, zitiert ihn der MDR. In den vergangenen Jahren seien praktisch alle Versuche, das Center attraktiver zu machen, im Behördendschungel erstickt. Sei es die Erweiterung eines Discounters, der Einzug eines Fitnessstudios oder die Umnutzung leerer Parkhausflächen – Dietel fühlt sich ausgebremst.

Im Rathaus weist man diese Vorwürfe entschieden zurück. Eine Sprecherin der Stadt betont, alle Vorhaben seien letztlich genehmigt worden. Der Streitpunkt Parkplätze sei zudem keine Schikane, sondern juristische Realität: Die Stellplätze im Parkhaus sind rechtlich an andere Gebäude im Viertel gebunden. Eine sogenannte Baulast, die erst 2025 vom Bundesverwaltungsgericht final bestätigt wurde. Wer abreißt, muss Ablöse zahlen – ein weiterer Kostentreiber, der das Neubauprojekt verteuerte.

Stillstand auf unbestimmte Zeit
Die Fronten sind verhärtet, die Kassen der Investoren für solche Risikoprojekte verschlossen. Zwar melden sich laut Dietel fast täglich neue Kaufinteressenten, doch der Eigentümer bleibt skeptisch. Er fürchtet Glücksritter, die das Grundstück günstig schießen wollen, ohne ein tragfähiges Konzept zu haben. „Das bringt keinem etwas“, resümiert er.

Für die Bewohner von Winzerla bedeutet das wohl vorerst: Weiterleben mit dem Leerstand. Das Columbus Center bleibt ein steinernes Mahnmal für die schwierige Gratwanderung zwischen Stadtentwicklung, Bürokratie und den harten Gesetzen des Marktes.

Die geteilte Seele: Warum wir uns auch 30 Jahre später noch fremd sind

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Ein Essay über Untertanen, Obertane und das falsche Leben im Richtigen – basierend auf den Analysen von Hans-Joachim Maaz.

Es ist eine Diagnose, die wehtut, gerade weil sie sich weigert, die Geschichte der Wiedervereinigung als reine Erfolgsstory zu erzählen. Wenn der Hallenser Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz auf das deutsch-deutsche Verhältnis blickt, sieht er keine blühenden Landschaften, sondern seelische Narben. Seine These: Die Mauer ist weg, aber die psychischen Mauern – errichtet durch Jahrzehnte unterschiedlicher Sozialisation – stehen fester denn je.

Maaz, der 1990 mit seinem Bestseller „Der Gefühlsstau“ berühmt wurde, liefert keine politische, sondern eine psychodynamische Deutung der Nation. Für ihn sind DDR und Bundesrepublik keine gegensätzlichen Pole von „Gut“ und „Böse“, sondern zwei Varianten derselben Krankheit: der Selbstentfremdung.

Der Untertan und der Obertan
Wer verstehen will, warum Ost und West oft aneinander vorbeireden, muss laut Maaz auf die Anpassungsleistungen schauen, die die jeweiligen Systeme ihren Bürgern abverlangten.

Im Osten züchtete der Staat den „Untertan“. Der „Gefühlsstau“ war hier Überlebensstrategie. Wer seine Wut, seine Trauer oder seine Individualität offen zeigte, riskierte Repressionen. Also zog man sich zurück, passte sich äußerlich an und richtete sich in der Nische ein. Das Soziale war eine „Notgemeinschaft“: Man hielt zusammen, nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern weil man sich gegen den übermächtigen Staat und den Mangel verbünden musste. Daraus erwuchs eine spezifische Versorgungsmentalität – der Staat als strenge, aber nährende Mutter, von der man alles erwartete.

Im Westen hingegen regierte der „Obertan“. Hier wurde nicht durch politische Angst unterdrückt, sondern durch ökonomischen Zwang verführt. Die „Ellbogengesellschaft“ verlangte Anpassung an den Markt. Der Westdeutsche lernte früh, sich zu verkaufen. Sein Narzissmus, sein Drang nach Größe und Status, diente dazu, innere Leere mit Konsum und Karriere zu übertünchen. Während der Ostdeutsche lernte, den Mund zu halten, lernte der Westdeutsche, laut zu sein, um nicht unterzugehen.

Das falsche Leben auf beiden Seiten
Das Provozierende an Maaz’ Analyse ist die Parallele, die er zieht. Beide Systeme, so argumentiert er, hinderten den Menschen daran, sein „wahres Selbst“ zu leben.

Im Osten führte die ideologische Gängelung zur Entfremdung („Ich darf nicht sagen, was ich denke“). Im Westen führte der Marktdruck zur gleichen Entfremdung („Ich muss sein, wie der Markt mich will“). Burnout ist für Maaz daher kein rein individuelles Scheitern, sondern das Symptom einer Gesellschaft, die ihren Selbstwert nur aus Leistung und Besitz zieht.

Die Tragik der Wiedervereinigung liegt darin, dass diese beiden neurotischen Systeme 1990 aufeinanderprallten, ohne sich ihrer eigenen Defizite bewusst zu sein. Der „Ossi“ projizierte seine Erlösungshoffnungen auf das „Westpaket“ und den Wohlstand. Der „Wessi“ sah im Sieg des Kapitalismus die Bestätigung, dass bei ihm psychologisch alles in Ordnung sei.

Die verpasste Chance
Maaz spricht von einem psychologischen Scheitern der Einheit. Es war kein Zusammenwachsen, sondern ein „Anschluss“. Die Ostdeutschen gaben ihre Identität – und auch ihre Chance auf eine kritische Aufarbeitung ihrer „Trotzidentität“ – an der Garderobe ab, in der Hoffnung auf materielle Gleichheit.

Was folgte, war die große Entwertung. Ostdeutsche Biografien zählten plötzlich nichts mehr. Und ein gekränkter Mensch, so lehrt die Psychologie, reagiert entweder mit Depression oder mit Wut. Die politische Unmündigkeit der DDR wurde, so Maaz’ bittere Bilanz, lediglich gegen eine materielle Abhängigkeit eingetauscht.

Was bleibt? Die Erkenntnis, dass Geld keine seelischen Wunden heilt. Eine wirkliche innere Einheit wird es laut Maaz erst geben, wenn der Westen aufhört, den Osten als „Patienten“ zu betrachten, und beginnt, seine eigene narzisstische Störung – die Gier, die Hektik, die soziale Kälte – zu therapieren. Solange wir das „falsche Leben“ nur auf der anderen Seite der Elbe verorten, bleiben wir uns fremd.

Die stille Kraft der „alten“ Jenaer Geschichten

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Auf dem Jenaer Marktplatz in dankbarer Erinnerung an meinen Freund Siegfried.

Es gibt Beiträge, die sind so alt, dass sie beinahe schon ins Geschichtshistorische gehören – lange vor der Wende, aber auch viele Jahre danach. Mit Jenapolis habe ich eigentlich immer versucht, tagesaktuelle Themen aufzugreifen, Dinge, die die Menschen unmittelbar trafen, bewegten, aufrüttelten. Das wird es auch weiterhin geben, immer dann, wenn es notwendig ist. Aber man muss nicht mehr jede Kuh durchs digitale Dorf treiben.

Die frühere Notwendigkeit, Bürgerinnen und Bürger über soziale Medien zuverlässig zu informieren, darf man nüchtern betrachtet ohnehin als weitgehend erledigt ansehen. Informationskanäle gibt es heute mehr als genug. Was fehlt, ist nicht Information, sondern Einordnung, Erinnerung, Zusammenhang. Vielleicht ist es gerade deshalb in diesen Zeiten wichtiger, darüber nachzudenken – oder auch darüber zu berichten –, was eigentlich alles einmal war. Dinge, die man heute schnell als „uralt“ abtut. Und doch ist es genau dieses „Uralte“, nach dem viele gerade wieder rufen, wenn sie sagen: Ich will es wieder so haben wie früher.

Dann sollte man auch zeigen dürfen, was dieses „früher“ konkret bedeutete. Am Beispiel von Jena etwa: Was hier einmal da war. Was gewachsen ist. Und was heute nicht mehr existiert. Was verloren ging – durch Corona, durch fehlende Kommunikation, durch Unsensibilitäten, durch Müdigkeit, vielleicht auch durch Bequemlichkeit. Warum sollen wir uns immer nur an die jeweils aktuelle Verschiebungsebene anpassen? Warum nicht auch einmal sichtbar machen, wie engagiert und dynamisch dieses Stadtmilieu einmal gewesen ist – mit seiner Zivilgesellschaft, mit seiner Diskussionskultur, mit seinem selbstverständlichen bürgerschaftlichen Engagement?

Das war eine Zeit, die auch ich als ausgesprochen spannend erlebt habe. Eine Zeit, in der ich mich selbst gerne eingebracht habe, in der man das Gefühl hatte, dass Beteiligung noch Wirkung entfalten kann. Heute, mit zunehmendem Alter, komme ich nicht mehr automatisch auf die Idee, mich in gleicher Weise zu engagieren. Und ich sehe ehrlich gesagt auch nicht mehr diese breite, sichtbare Bereitschaft, sich für die wirklichen Themen der Stadt einzusetzen. Natürlich liegt das, wie so vieles, im Auge des Betrachters. Aber wer hier liest, muss für diesen Moment mit meinem Blick Vorlieb nehmen.

In Zeiten des allgegenwärtigen Meckerns und der permanenten Empörung kann es vielleicht sogar heilsam sein, nicht noch ein weiteres aktuelles Problem nach dem anderen zu sezieren, sondern gelegentlich zu zeigen, was einmal möglich war. Nicht aus nostalgischer Verklärung, sondern als ernüchternder, manchmal auch ermutigender Vergleich. Daran kann man sich Beispiele nehmen – wie man es vielleicht wieder machen könnte. Vielleicht war es damals besser. Vielleicht war es schlechter. Vielleicht war es schlicht anders. Aber anders heißt nicht automatisch irrelevant.

Genau darin liegt für mich eine neue, alte journalistische Aufgabe: Das Vergangene nicht als sentimentales Archiv zu behandeln, sondern als Erfahrungsraum. Als Spiegel. Als Angebot zum Nachdenken. Geschichte nicht als Staubschicht, sondern als Werkstatt. Als Fundus für Ideen, für Brüche, für verpasste Chancen – und für das, was schon einmal funktioniert hat.

Ich will also nicht aufhören, über das Aktuelle zu schreiben. Aber ich will mir die Freiheit nehmen, auch wieder stärker über das zu berichten, was viele vorschnell als „uralt“ abtun. Gerade weil dieses „Uralte“ heute wieder so überraschend modern erscheint. Und gerade weil man aus ihm mehr lernen kann, als aus manchem tagesaktuellen Aufreger.

Razzia bei Jugendpfarrer löst Protestwelle aus: Hunderte solidarisieren sich mit Lothar König

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Jena im August 2011. Die Empörung in Jena ist groß. Was als polizeiliche Ermittlung der sächsischen Behörden begann, hat sich innerhalb weniger Stunden zu einem Politikum entwickelt, das weit über die Stadtgrenzen hinaus Wellen schlägt. Über 600 Menschen versammelten sich, um ein deutliches Zeichen der Solidarität für den Jenaer Stadtjugendpfarrer Lothar König zu setzen, dessen Wohn- und Diensträume zuvor durchsucht worden waren.

Der Vorwurf: „Aufwieglerischer Landfriedensbruch“ Auslöser der Proteste war eine großangelegte Razzia am frühen Morgen. Beamte der Polizei Dresden durchsuchten nicht nur Königs Wohnung, sondern beschlagnahmten auch den bekannten blauen Lautsprecherwagen der Jungen Gemeinde (JG). Der Hintergrund der Maßnahme reicht Monate zurück: Es geht um die Anti-Nazi-Proteste am 19. Februar in Dresden.

Während ursprünglich sogar der Verdacht der Bildung einer kriminellen Vereinigung im Raum stand, begründet die sächsische Staatsanwaltschaft ihr jetziges Vorgehen mit dem Verdacht auf schweren Landfriedensbruch. König wird vorgeworfen, Demonstranten aufgehetzt zu haben; dabei sollen Steine geflogen und Polizeifahrzeuge gerammt worden sein.

„Versuch der Einschüchterung“ In Jena stoßen diese Vorwürfe auf Unverständnis und scharfe Kritik. Vertreter der lokalen Politik und des DGB werteten den Einsatz als politisch motiviert. Der Tenor auf der Solidaritätskundgebung war eindeutig: Man sieht in dem Vorgehen der sächsischen Justiz einen Versuch, zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechts zu kriminalisieren und Gegendemonstranten einzuschüchtern.

„Das ist einfach skandalös“, äußerte sich ein Redner vor Ort empört über die Eskalation. König sei zwar ein unbequemer Mahner, aber vor allem jemand, der stets deeskalierend auf Jugendliche einwirke und demokratische Werte vermittle. Dass nun ausgerechnet er ins Visier der Ermittler gerät, wird von vielen als Angriff auf die demokratische Protestkultur gewertet.

König meldet sich aus dem Urlaub Der Pfarrer selbst war während der Durchsuchung nicht anwesend, sondern befand sich im Wanderurlaub. Er wurde telefonisch über die Vorgänge informiert. Seine Tochter, die Landtagsabgeordnete Katharina König, war bei der Durchsuchung zugegen.

In einer per SMS übermittelten Grußbotschaft an die Demonstranten zeigte sich König kämpferisch, aber auch besorgt. „Wer den Protest gegen Neonazis organisiert, steht fortan in der Gefahr, ein Krimineller und ein Hetzer zu sein“, ließ er mitteilen. Er befürchtet, dass die Aktion Wasser auf die Mühlen der Neonazis sei.

Ob die beschlagnahmten Datenträger und Unterlagen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft untermauern können, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass der Fall Lothar König die Debatte um den Umgang des Staates mit antifaschistischem Protest neu entfacht hat. Die breite Unterstützung aus der Jenaer Bevölkerung zeigt, dass der „Pfarrer gegen Rechts“ in seiner Heimatstadt keineswegs isoliert ist.