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Moskau zieht die Zügel an: Veto gegen Einheit, Ultimatum für DDR-Wirtschaft

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Sowjetunion kündigt Ende der Subventionen an – Ryschkow: Konföderation „darf nicht zugelassen werden“

Moskau, 5. Dezember 1989 – Knapp vier Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer wurden die Hoffnungen auf eine schnelle deutsch-deutsche Annäherung in Moskau abrupt gedämpft. Bei gestrigen Unterredungen zwischen der DDR-Führung um Ministerpräsident Hans Modrow und dem Kreml wurden die politischen und wirtschaftlichen Realitäten für Ost-Berlin auf dramatische Weise neu definiert. Während KPdSU-Chef Michail Gorbatschow der taumelnden SED noch einmal Solidarität versprach, zog der sowjetische Ministerpräsident Nikolai Ryschkow nicht nur eine unmissverständliche rote Linie gegen die Wiedervereinigung, sondern setzte der DDR-Planwirtschaft auch ein de facto Ultimatum.

Politisches Veto: Eine Konföderation ist tabu
Die wichtigste politische Botschaft der Treffen, über die die Agentur TASS berichtete, ist Moskaus entschiedene Ablehnung jeglicher Schritte zur deutschen Einheit.

Sowjet-Ministerpräsident Ryschkow stellte unmissverständlich klar, dass eine Konföderation zwischen der DDR und der BRD „nicht zugelassen werden darf“. Die sowjetische Führung sieht in einer solchen Entwicklung eine „ernsthafte Destabilisierung nicht nur der DDR, sondern auch ganz Europas“. Die UdSSR bekräftigte zwar die Absicht, gutnachbarliche Beziehungen mit allen Ländern, inklusive der Bundesrepublik, pflegen zu wollen. Dies habe jedoch auf der Grundlage der „vorbehaltlosen Achtung der bestehenden politischen und territorialen Realitäten“ – sprich: der Existenz zweier deutscher Staaten – zu geschehen.

Modrow selbst schien die Linie Moskaus zu stützen, indem er die These bekräftigte, dass vor der Grenzöffnung mit der BRD hätte verhandelt und Wirtschaftsabkommen hätten geschlossen werden müssen. Dies unterstreicht die Sorge der Ost-Berliner Führung vor einem unkontrollierten Übergang.

Wirtschaftlicher Schock: Das Ende der Subventionen
Noch brisanter als das politische Nein ist die Ankündigung Ryschkows zum zukünftigen bilateralen Handel. Die Sowjetunion plant demnach, den gegenseitigen Handel ab 1991 auf Weltmarktpreise und die Verrechnung in frei konvertierbarer Währung umzustellen. Vorgesehen ist eine Übergangszeit von nur ein bis zwei Jahren.

Diese Entscheidung markiert das faktische Ende des alten, subventionierten Wirtschaftssystems des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW). Bisher profitierte die DDR massiv von künstlich niedrigen Preisen für Rohstoffe, insbesondere Öl und Gas, aus der UdSSR. Die Umstellung auf Devisen und Weltmarktpreise würde die ohnehin marode DDR-Industrie schlagartig mit massiv höheren Importkosten konfrontieren und sie ohne die schützenden RGW-Mauern dem globalen Wettbewerb aussetzen.

Ryschkow begründete den Schritt mit der Notwendigkeit, „sich aktiv an der Weltwirtschaft zu beteiligen“ und nicht mehr „von einem abgeschlossenen Block auszugehen“. Für die DDR ist dies eine existentielle Bedrohung, die den Druck auf eine schnelle Währungsunion mit der BRD exponentiell erhöhen dürfte.

Modrows schwierige Mission
Vor diesem Hintergrund musste Ministerpräsident Hans Modrow die „ausgesprochen komplizierte Situation in der DDR“ darlegen. Er informierte Gorbatschow über die Vorbereitungen auf den außerordentlichen SED-Parteitag, der eine neue Führung formieren soll, „die fähig ist, der Partei Autorität zu verleihen.“

Während die sowjetische Führung der SED verbal noch volle Solidarität zusicherte und sie als „wichtigen Garanten“ für Europa bezeichnete, stellen die getroffenen Entscheidungen Modrow vor ein nahezu unlösbares Dilemma: Er muss die DDR auf Geheiß Moskaus politisch stabil halten, während Moskau gleichzeitig durch den Abbau der Wirtschaftssubventionen das finanzielle Fundament der DDR entzieht.

Die Ereignisse in Moskau zeigen, dass die Sowjetunion zwar die politische Kontrolle über die Entwicklungen in Deutschland behalten will, aber nicht mehr bereit ist, die DDR ökonomisch durchzufüttern. Die neue Realität für Ost-Berlin ist eine knallharte: Die politische Existenz wird verteidigt, aber die wirtschaftliche Stütze entfällt. Die Krise der DDR hat gerade erst begonnen.

Gera – Die Fettgusche mit dem grünen Daumen

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Gera, gelegen im östlichen Teil von Thüringen, ist für mich eine Stadt, die man erst auf den zweiten Blick so richtig liebt – dann aber ehrlich. Ich erinnere mich noch an früher, als der Ruß der Industrie und der Wismut-Bergbau der Stadt einen grauen Schleier verpasst hatten. Gera war Arbeit, Gera war laut. Aber wer heute durch den Hofwiesenpark läuft, der reibt sich verwundert die Augen. Die Stadt hat sich grün gemacht, sie atmet auf.

Für mich ist das Herz aber immer noch der Marktplatz. Wenn ich vor dem wunderschönen Renaissance-Rathaus stehe und auf den Simsonbrunnen schaue, spüre ich diesen alten Stolz der „Gerschen“. Wir werden ja liebevoll „Fettguschen“ genannt. Nicht, weil wir zu viel essen, sondern weil wir den Mund aufmachen und sagen, was Phase ist. Diese Direktheit, gepaart mit dem Erbe von Otto Dix, der hier an jeder Ecke lauert, macht Gera für mich aus. Es ist keine Stadt, die sich verstellt. Sie ist wie ihre Bewohner: Geradeheraus, manchmal etwas rau, aber mit einem verdammt guten Kern.

Der Blick über den Tellerrand: Warum der Kessel den Geist weitet

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Man sagt oft, Jena sei eng. Wer im Sommer im „Kessel“ schwitzt, mag dem zustimmen. Doch genau diese geografische Umarmung durch die Muschelkalkhänge zwingt den Blick nach oben – oder in die Weite. Ob man auf der Horizontale wandert und auf die leuchtende Stadt hinabsieht oder im Zeiss-Planetarium – dem ältesten der Welt – nach den Sternen greift: Jena lehrt uns Perspektivwechsel. Es ist dieser Mix aus Plattenbau-Charme in Lobeda, der Hightech-Vision im Zentrum und den wilden Orchideen direkt am Stadtrand. Wir kleben nicht am Boden, wir erklimmen den Jenzig für den Sonnenuntergang. Jena beweist: Man braucht keine Metropole, um Weltklasse zu sein. Die Enge macht uns nicht klein, sie fokussiert uns auf das Wesentliche – auf das Licht.

Ampelmännchen und die Gurke: Warum Ostalgie mehr als Kitsch ist

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Es ist einfach, über Ostalgie zu lächeln: Das Ampelmännchen, die Spreewaldgurke oder der Rotkäppchensekt. Aber hinter der Liebe zu diesen Marken steckt keine Verklärung, sondern die Verteidigung eines Stücks Identität gegen die Turbulenzen der Wende. Als die Kaufhäuser von westlichen Produkten überrollt wurden, waren diese wenigen Überlebenden Ankerpunkte. Sie stehen für eine Zeit, in der das Leben, so kompliziert es auch war, noch verlässlich schien. Wenn wir heute eine Knusperflocke essen, schmecken wir nicht nur Zucker, sondern eine Anekdote aus der Kindheit, die uns keiner nehmen kann. Das ist mehr wert als jedes Marketingkonzept. Ost-Marken sind Überlebende.

Jenaer Philharmonie vollendet monumentalen Mahler-Scartazzini-Zyklus

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JENA – Es begann 2018 als ein künstlerisches Wagnis und endete 2025 als Triumph der Ausdauer und Kreativität. Die Jenaer Philharmonie hat ein in der deutschen Orchesterlandschaft einzigartiges Großprojekt zum Abschluss gebracht: den Mahler-Scartazzini-Zyklus. Nach sieben Jahren intensiver Arbeit liegen nun zehn neue Kompositionen vor, die in einen direkten Dialog mit den Sinfonien Gustav Mahlers treten.

Eine „riesige Reise“ findet ihr Ziel
„Die Freude ist groß, dass dieser Zyklus jetzt vollendet ist“, resümiert der Schweizer Komponist Andrea Lorenzo Scartazzini, der Composer-in-Residence dieses Mammutprojekts. Was vor sieben Jahren begann, beschreibt er heute fast wehmütig als eine „riesige Reise“.

Der Auftrag war so simpel wie herausfordernd: Scartazzini sollte auf das Werk Gustav Mahlers reagieren – nicht durch Imitation, sondern durch eigenständige, kurze Kompositionen, die den gewaltigen Sinfonien Mahlers vorangestellt oder gegenübergestellt werden. Das Ziel war es, dem Publikum eine neue Tür zum Verständnis des großen Romantikers zu öffnen.

„Wir alle konnten erleben, wie sein Stück wächst, wie einer Pflanze zuzugucken, wie sie Blüten treibt und immer farbiger wird.“

Mehr als nur ein Vorprogramm
Für die Musikerinnen und Musiker der Jenaer Philharmonie war das Projekt weit mehr als das bloße Abspielen zeitgenössischer Pflichtstücke. Es entstand eine Symbiose zwischen dem Orchester und dem Komponisten. Scartazzini wird eine Zusammenarbeit mit „offenem Herzen“ attestiert; er schrieb keine Kopfgeburten, sondern Musik, die die Charaktere im Orchester berücksichtigte.

Das Ergebnis ist eine spürbare künstlerische Evolution auf beiden Seiten. „Seine Tonsprache hat sich entwickelt, so wie sich unser Mahler-Spiel auch sehr entwickelt hat“, heißt es aus den Reihen des Orchesters. Durch die Spiegelung an Scartazzinis modernen Klängen wurde Mahlers Musik für die Interpreten – und somit auch für das Publikum – noch greifbarer und frischer. Selbst erfahrene Sängerinnen und Sänger, die Mahler seit Jahren im Repertoire haben, berichten von einem völlig neuen Zugang durch diese Kontextualisierung.

Das Flüchtige bewahren
Ein zentraler Aspekt dieses Abschlusses ist die Dokumentation. Da Musik im Moment der Aufführung flüchtig ist, legte die Jenaer Philharmonie großen Wert darauf, diesen Zyklus aufzunehmen. Es ist der Versuch, die zehn Uraufführungen im Repertoire zu halten und der Nachwelt zugänglich zu machen.

Für das Orchester, das für sein „warmes und präzises“ Spiel gelobt wird, und für den Komponisten schließt sich damit ein Kreis. Scartazzinis Hoffnung ist bescheiden und doch ambitioniert: „Wenn man sie hört, geht eine Welt auf. Ich kann nur ermutigen, diese Neugierde zu haben.“

Mit dem Abschluss des Jahres 2025 hat Jena bewiesen, dass auch in der heutigen Zeit monumentale, über Jahre angelegte Kunstprojekte möglich sind, die Tradition und Moderne nicht nur verbinden, sondern gegenseitig befruchten.

„Die Reißwölfe laufen heiß“ – Wie ein einziger Anruf das Ende der Stasi besiegelte

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Es ist der Morgen des 4. Dezember 1989. Über den Schornsteinen der Stasi-Dienststellen liegt ein beißender Geruch. Die Gerüchteküche brodelt, doch es fehlt der Beweis. Dann meldet sich im Berliner Rundfunk eine Stimme zu Wort, die eigentlich schweigen sollte. Ein Radiobeitrag, der zur Lunte am Pulverfass der DDR-Revolution wurde.

Es roch nach verbranntem Papier in jenen kalten Dezembertagen. In Städten wie Erfurt, Suhl oder Leipzig sahen Anwohner dunkle Rauchschwaden aus den Kaminen der Bezirksverwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) aufsteigen. Die Menschen ahnten: Dort drinnen wird Geschichte gelöscht. Die „Firma“ verwischt ihre Spuren. Doch Ahnung ist kein Wissen, und ohne Beweise war die Macht der Angst noch immer groß.

Die Stasi, offiziell bereits in „Amt für Nationale Sicherheit“ (AfNS) umbenannt, existierte noch. Die Mitarbeiter waren bewaffnet, die Tore verschlossen. Bis zu diesem Montagmorgen.

Der Verrat aus den eigenen Reihen
Um kurz nach sieben Uhr morgens sendet der „Berliner Rundfunk“ – ein Staatssender der DDR – ein Interview, das wie eine Bombe einschlägt. Am Mikrofon ist kein Bürgerrechtler, kein Oppositioneller. Es ist Frank L., ein Oberleutnant der Staatssicherheit.

Seine Stimme ist ruhig, fast nüchtern, doch was er sagt, bricht mit dem eisernen Schweigegelübde des Geheimdienstes. Er bestätigt live im Radio, was alle befürchten: „Es geht mir darum, dass Akten oder Unterlagen oder Papiere verbrannt werden, vernichtet werden, durch den Ofen gehen.“

Der Offizier beschreibt detailliert, wie Vorgesetzte brisantes Material in die Heizungskeller schaffen, während die einfachen Mitarbeiter verunsichert in den Büros sitzen. Er begründet seinen Schritt an die Öffentlichkeit nicht mit Reue, sondern mit einer Art soldatischer Enttäuschung über die Feigheit der Führungsebene, die sich aus der Verantwortung stehle.

Das Signal für Erfurt
Die Wirkung dieses Interviews ist elektrisierend. Dass ein Insider im Radio die Vernichtungsaktion („Aktion Reißwolf“) bestätigt, verwandelt das Gerücht in eine Tatsache.

Hunderte Kilometer entfernt, in Erfurt, hört Almuth Falcke diesen Beitrag oder erfährt unmittelbar davon. Die Ärztin und enagierte Christin zögert nicht. Gemeinsam mit anderen Frauen macht sie sich auf den Weg zur Bezirksverwaltung in der Andreasstraße. Ihr Argument gegenüber den bewaffneten Wachen am Tor ist simpel und kraftvoll: „Im Radio haben sie gesagt, ihr vernichtet Akten. Das ist Volkseigentum. Wir wollen sehen, was hier passiert.“

Die Verunsicherung der Wachposten – verstärkt durch den „Verrat“ aus den eigenen Reihen im Radio – ist greifbar. Die Frauen werden eingelassen. Kurz darauf folgen hunderte Bürger. Um 10:30 Uhr ist die Erfurter Stasi-Zentrale als erste im Land besetzt. Die Aktenvernichtung wird gestoppt.

Ein Tondokument von welthistorischem Rang
Rückblickend erscheint der Radiobeitrag als einer der entscheidenden Dominosteine der Friedlichen Revolution. Ohne diesen „Whistleblower-Moment“ wären unzählige weitere Aktenmeter in den Öfen und Reißwölfen verschwunden.

Der Anruf von Frank L. war der Katalysator. Er nahm den Bürgern die letzte Angst vor der Allmacht des Apparates und gab ihnen die Legitimation, physisch einzugreifen. Am Abend des 4. Dezember brannten in den Stasi-Zentralen keine Akten mehr – stattdessen brannten Kerzen vor den Toren, gehalten von Tausenden, die nun wussten: Die Wahrheit lässt sich nicht mehr schreddern.

Der Originalmitschnitt des Interviews befindet sich heute im Stasi-Unterlagen-Archiv. Er dokumentiert jenen Moment, in dem die „Tschekisten“ die Kontrolle über ihr wichtigstes Herrschaftsinstrument verloren: das Wissen über ihre Bürger.

Rauchzeichen über Erfurt: Als Bürger die Stasi-Akten retteten

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Es riecht nach verbranntem Papier in diesen Tagen im Dezember 1989. Aus den Schornsteinen der Stasi-Dienststellen steigt Rauch auf, dunkler und dichter als sonst. Was viele ahnen, wird am Morgen des 4. Dezember zur Gewissheit: Die Staatssicherheit vernichtet ihr eigenes Gedächtnis. Es ist der Tag, an dem die Angst die Seiten wechselt und Bürger zu Archivaren der Revolution werden.

Das Signal aus dem Radio
Den entscheidenden Funken liefert ein ungewöhnliches Interview im „Berliner Rundfunk“. Ein Mann, der sich Frank L. nennt, bricht sein Schweigen. Er ist Mitarbeiter der Staatssicherheit und er bestätigt live im Radio, was auf den Straßen nur als Gerücht kursiert: „Es geht mir darum, dass Akten oder Unterlagen oder Papiere verbrannt werden, vernichtet werden, durch den Ofen gehen.“

Die Stasi, die sich erst Mitte November hastig das neue Etikett „Amt für Nationale Sicherheit“ (AfNS) aufgeklebt hat, versucht ihre Spuren zu verwischen. Während intern neue Richtlinien zur Überwachung der Bevölkerung ausgegeben werden (datiert auf den 2. Dezember), laufen in den Heizungskellern die Öfen heiß.

Zivilcourage gegen die „Verkollerung“
In Erfurt verstehen die Menschen das Radiosignal sofort: Wenn jetzt nicht gehandelt wird, sind die Beweise für Jahrzehnte der Unterdrückung für immer verloren.

Es sind die Frauen der Bürgerinitiative „Frauen für Veränderung“, die den ersten Schritt wagen. Sie rufen zur Besetzung der Erfurter Bezirksverwaltung auf. Was folgt, ist ein beispielloser Akt der Solidarität. Die städtischen Verkehrsbetriebe stellen sich quer – wortwörtlich. Mit einem Lkw blockieren sie die Zufahrt zum Gebäudekomplex in der Andreasstraße. Kein Fahrzeug soll mehr mit Akten das Gelände verlassen.

Zusammen mit herbeigerufenen Militärstaatsanwälten dringen die Bürgerrechtler in die Festung des Geheimdienstes ein. Sie finden sogenannte „Verkollerungsanlagen“ – Maschinen, konstruiert, um Papierberge in unleserliche Klumpen zu verwandeln. Doch die Bürger kommen rechtzeitig. Sie versiegeln die Türen. Sie retten die Akten.

Ein Flächenbrand der Freiheit
Die Nachricht aus Erfurt verbreitet sich wie ein Lauffeuer durch die sterbende DDR. „Der 4. Dezember war der Anfang vom Ende der Staatssicherheit“, wird die Bürgerrechtlerin Barbara Sengewald später sagen.

Die Erfurter Aktion löst eine Kettenreaktion aus, die selbst General Wolfgang Schwanitz, den neuen Stasi-Chef, überrollt. Noch am selben Tag fallen die Bastionen in Suhl, Leipzig und Rostock. Am 5. Dezember folgen die meisten anderen Bezirkshauptstädte.

Schwanitz‘ Versuch, die Wogen zu glätten, indem er die Vernichtung offiziell stoppt, aber „sensible Akten“ weiterhin vorenthalten will, scheitert am Misstrauen der Bevölkerung. Die Bürger übernehmen die Kontrolle.

Die Bilanz
Ende Dezember 1989 ist der mächtige Apparat faktisch handlungsunfähig. Sieben der 15 Bezirksverwaltungen haben ihre Arbeit komplett eingestellt, acht weitere funktionieren nur noch eingeschränkt.

Der 4. Dezember 1989 markiert damit einen historischen Wendepunkt: Es war der Tag, an dem die DDR-Bürger entschieden, dass ihre Geschichte nicht in den Öfen der Täter enden darf, sondern aufgearbeitet werden muss. Ein Erbe, das in den Kilometern geretteter Akten bis heute fortbesteht.

Eine Analyse der AfD-Wehrpflichtrede im Thüringer Landtag

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In einer Debatte, die eigentlich die sicherheitspolitische Zukunft Deutschlands und die Struktur der Bundeswehr behandeln sollte, nutzte die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag das Podium für eine Generalabrechnung mit dem politischen Establishment. Die Rede offenbart eine rhetorische Strategie, die geschickt drastische Schockbilder mit einer kulturkämpferischen Absage an den modernen deutschen Staat verknüpft und sich dabei weniger an parlamentarischen Gepflogenheiten als an der Mobilisierung der eigenen Basis orientiert.

Der Einstieg der Rede ist bemerkenswert aggressiv und emotionalisierend konzipiert. Anstatt über geopolitische Notwendigkeiten oder Personalstärken der Truppe zu sprechen, setzt der Redner auf eine explizite „Rhetorik des Schocks“. Mit detaillierten, fast voyeuristischen Schilderungen von Kriegsverletzungen – von abgerissenen Gliedmaßen bis hin zu verbrennenden Soldaten in Panzern – zielt der Abgeordnete direkt auf die emotionale Ebene der Zuhörer, insbesondere der Eltern und Großeltern. Diese drastische Visualisierung erfüllt eine klare Funktion: Sie dient dazu, jede rationale Diskussion über Verteidigungsfähigkeit im Keim zu ersticken. Wer in diesem Kontext Kriegstüchtigkeit fordert, so die Suggestion, fordert den qualvollen Tod der eigenen Kinder. Damit wird eine moralische Fallhöhe aufgebaut, die Befürworter der Wehrpflicht indirekt als gefühllose Zyniker darstellt, die bereit sind, die Jugend zu opfern.

Ein weiteres zentrales Element dieser populistischen Rhetorik ist die Konstruktion eines Gegensatzes zwischen dem „Volk“ und einer vermeintlich korrupten Elite. Das etablierte Parteienspektrum wird pauschal als „Parteienkartell“ diffamiert, dem der Redner eine „Kriegslüsternheit“ vorwirft. Hierbei bedient er sich einer klassischen Täter-Opfer-Umkehr im Kontext des Ukraine-Krieges, indem nicht der militärische Aggressor thematisiert wird, sondern die deutsche Politik, die durch ihre Unterstützung angeblich den Krieg erst fördere.

Besonders aufschlussreich ist die Begründung, warum die Jugend diesen Staat nicht verteidigen wolle. An dieser Stelle verlässt der Redner das Feld der Sicherheitspolitik vollends und eröffnet den Kulturkampf. Die Auflistung der Ablehnungsgründe liest sich wie ein Kompendium neurechter Kampfbegriffe: „Drag Queen Auftritte“ werden als Symbol für einen angeblichen moralischen Verfall und eine verfehlte Genderpolitik angeführt, während der Begriff „Schuldstolz“ die deutsche Erinnerungskultur angreift. Mit der Formulierung „fremd im eigenen Land“ wird zudem ein klarer Verweis auf ethnopluralistische Ideologien und die Ablehnung von Migration gemacht. Durch diese Aufzählung wird der Bundesrepublik in ihrer jetzigen Verfasstheit die Legitimität abgesprochen. Die radikale Botschaft lautet: Dieser Staat ist es in seiner aktuellen Form nicht wert, verteidigt zu werden.

Das Fazit der Rede enthält schließlich den strategischen Kern der AfD-Positionierung: die Konditionalisierung der Loyalität. Der Redner formuliert die Bedingung, dass Loyalität und Wehrbereitschaft nur einem „Staat für die Deutschen“ geschuldet seien. Dies markiert eine deutliche Abkehr vom Verfassungspatriotismus, der sich auf das Grundgesetz und demokratische Werte bezieht, hin zu einem völkisch definierten Patriotismus. Die Forderung, die Politik müsse zuerst ihre „Pflicht gegenüber dem eigenen Volk“ erfüllen, bevor sie Pflichten von der Jugend einfordern könne, impliziert, dass die aktuelle Regierung nicht im Sinne des Volkes handele und somit keinen Anspruch auf die Loyalität der Bürger habe.

Zusammenfassend ist die Rede weniger ein konstruktiver Beitrag zur Wehrpflichtdebatte als vielmehr eine fundamentalistische Ablehnung des aktuellen politischen Systems. Die AfD nutzt das sensible Thema „Krieg und Frieden“, um sich als einzige wahre „Friedenspartei“ zu inszenieren, während sie gleichzeitig die Institutionen des Staates delegitimiert. Durch die geschickte Verknüpfung von pazifistischen Tönen mit harter rechter Ideologie versucht die Partei, sowohl besorgte Bürger als auch ihr radikales Stammklientel gleichermaßen zu bedienen.

Zschäpes Kehrtwende in Dresden: Verrat am Netzwerk oder Kalkül?

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Beate Zschäpe, die Hauptverurteilte im Prozess gegen den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU), steht erneut im Fokus der Justiz. Doch anders als im Münchner Mammutprozess, wo ihr jahrelanges Schweigen dominierte, tritt die Rechtsterroristin nun als Zeugin vor dem Oberlandesgericht in Dresden auf. Vor Gericht steht Susann E., eine mutmaßliche NSU-Unterstützerin und Freundin Zschäpes, die dem Trio während der Zeit im Untergrund mehrfach geholfen haben soll.

Diese neue Rolle wirft eine zentrale Frage auf, die derzeit in Talk-Sendungen wie dem MDR AKTUELL Talk mit Reporter Sebastian Hesse diskutiert wird: Wendet sich Zschäpe tatsächlich von ihrem Netzwerk ab, oder handelt sie aus reinem Kalkül?

Die neue Rolle in Dresden: Analyse einer Zeugin
Die Tatsache, dass Zschäpe als Zeugin in einem Verfahren gegen eine ihrer mutmaßlich engsten Unterstützerinnen geladen war, markiert eine bemerkenswerte Wende in ihrem Verhalten (vgl. Talk-Thema 00:15).

Die Einordnungen des MDR-Reporters Sebastian Hesse beschreiben, wie Beate Zschäpe heute vor Gericht aufgetreten ist (vgl. Talk-Thema 01:17). War sie gefasst, distanziert oder gab sie sich geläutert? Ihre Körpersprache und ihr Tonfall sind in solchen Momenten entscheidend für die Bewertung ihrer Glaubwürdigkeit.

Die Kernaussagen von Beate Zschäpe konzentrieren sich darauf, wie sie ihr Leben im Untergrund schilderte und inwieweit sie die Rolle von Susann E. als Helferin beleuchtete (vgl. Talk-Thema 03:59). Diese Aussagen könnten für das Gericht in Dresden entscheidend sein, um die tatsächliche Struktur und Reichweite des NSU-Unterstützerkreises zu bewerten.

Kalkül und Konsequenzen
Die dringlichste und meistdiskutierte Frage bleibt jedoch die nach dem Motiv: Will Beate Zschäpe mit ihrer Aussage ihr eigenes Strafmaß mildern? (vgl. Talk-Thema 06:08). Eine mögliche Rolle eines Aussteigerprogramms wird in diesem Zusammenhang ebenso diskutiert wie die Frage, wie ernst ihre Distanzierung vom rechtsextremen Milieu ist.

Im Hauptprozess nutzte Zschäpe ihr späteres, verlesenes Statement zur juristischen Selbstverteidigung, indem sie versuchte, die Verantwortung für die Morde von sich zu weisen. Die jetzige Zeugenaussage gegen eine Freundin könnte dagegen auf den Versuch hindeuten, durch Kooperation einen Vorteil zu erzielen oder zumindest ihre öffentliche Wahrnehmung zu verändern.

Der Ausblick auf weitere Aussagetage (vgl. Talk-Thema 09:15) zeigt, dass die Rolle Zschäpes in der Aufklärung des NSU-Netzwerks noch nicht abgeschlossen ist und die Justiz in Dresden weiter auf ihre Einlassungen angewiesen ist.

Ein Blick zurück: Die NSU-Wurzeln in Jena
Die aktuellen Geschehnisse in Dresden können nicht ohne den historischen Kontext beleuchtet werden. Um die Entstehung des NSU zu verstehen, muss der Blick in die späten 1990er-Jahre nach Jena in Thüringen gerichtet werden. Die Stadt ist der Ursprungsort des Terrortrios – Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt – die in der Neonazi-Szene Jenas aufwuchsen und im Umfeld des „Thüringer Heimatschutzes“ ihre politische Heimat fanden.

Der Sprung aus Jena in den Untergrund im Jahr 1998 markierte die Geburtsstunde des NSU. Die Tatsache, dass sie über 13 Jahre lang unentdeckt Morde begehen konnten, wirft bis heute Fragen über das Versagen der Sicherheitsbehörden und die Verstrickung des Verfassungsschutzes auf.

Das unbeantwortete Erbe des NSU-Prozesses
Der NSU-Prozess in München endete zwar mit einer Verurteilung der Hauptakteure, ließ aber die zentrale Forderung der Opferfamilien – eine vollständige Aufklärung des Netzwerks hinter den Tätern – unbefriedigt.

Die aktuellen Zeugenaussagen in Dresden – selbst wenn sie taktisch motiviert sein sollten – sind ein erneutes Indiz dafür, dass das Unterstützerumfeld des NSU weitaus dichter und aktiver war, als Zschäpe im Hauptprozess zunächst zugab. Der Fall Susann E. und Zschäpes Rolle als Zeugin führen vor Augen, dass die juristische und politische Aufarbeitung der staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen, die dem Trio von Jena aus den Terror in Deutschland ermöglichten, noch immer andauert.

Tanz auf dem sinkenden Schiff: Wenn Clowns den Faust sezieren

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Ein wiederentdecktes Dokument aus dem Jahr 1991 zeigt Hans-Eckardt Wenzel und Steffen Mensching bei der Arbeit. Die Doku „Die Meisenwürger proben“ ist mehr als ein Werkstattbericht – sie ist ein Psychogramm der deutschen Wendezeit, eingefangen zwischen Goethe-Versen und Boxkampf-Parodien.

Es ist das Jahr 1991. Die DDR ist Geschichte, die „neuen Bundesländer“ sind Realität, und der Deutsche Fernsehfunk (DFF) sendet seine letzten Signale, bevor er abgewickelt wird. In dieser Zeit des kulturellen und politischen Vakuums entstand ein bemerkenswertes Stück Zeitgeschichte, das in der Reihe „Das Fenster“ ausgestrahlt wurde: Eine Dokumentation über die Proben des legendären Clowns-Duos Wenzel & Mensching (Hans-Eckardt Wenzel und Steffen Mensching).

Das Video, ein rauer, ungeschönter Blick in den Maschinenraum der Kunst, zeigt zwei Getriebene, die versuchen, in einer Welt, die ihren Sinn verloren zu haben scheint, neue Bedeutungen zu erzwingen.

Goethe im Schwitzkasten
Wer Wenzel und Mensching – oft in ihren Rollen als die Clowns „Weh“ und „Meh“ – kennt, weiß, dass ihre Arbeit nie bloße Unterhaltung war. Es war stets der Versuch, die deutsche Klassik vom Sockel zu holen, um zu sehen, ob sie darunter noch atmet. In der Dokumentation erleben wir eine quälend präzise Dekonstruktion von Goethes „Willkommen und Abschied“.

„Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde…“ – immer wieder bricht Wenzel ab, korrigiert, sucht nach dem richtigen Gestus der Verzweiflung. Es ist keine Rezitation, es ist ein körperlicher Kampf mit dem Text. Die Kamera fängt Momente ein, in denen die Hochkultur auf den nackten Boden der Tatsachen kracht. Wenn sie den Faust proben, dann nicht als Gelehrten-Drama, sondern als Dialog zweier gescheiterter Existenzen, vielleicht in einer Dusche, vielleicht im Jenseits. „Habe nun, ach! Philosophie…“ klingt hier nicht nach Erkenntnisdrang, sondern nach dem Kater nach einer durchzechten Nacht der Geschichte.

„Jetzt bleibt uns ja nicht mal mehr die Flucht“
Der vielleicht stärkste Moment der Dokumentation ist ein leiser. In einer kurzen Pause, zwischen den schweißtreibenden Szenen, fällt der Satz: „Jetzt bleibt uns ja nicht mal mehr die Flucht.“

In diesem Satz kondensiert das Lebensgefühl vieler Intellektueller der ehemaligen DDR kurz nach der Wende. Der Gegner, an dem man sich rieb, der Staat, der einen einsperrte, aber auch definierte, ist verschwunden. Was bleibt, ist eine grenzenlose Freiheit, die sich seltsam leer anfühlt. Die „Meisenwürger“, wie das Programm heißt, sind Vögel, die ihre eigene Art jagen – oder sind es die Künstler selbst, die sich gegenseitig zerfleischen, weil das Außen weggebrochen ist?

Der Boxkampf als Metapher
Gegen Ende des Films explodiert die aufgestaute Energie in einer furiosen Nummer: Die Nachstellung des legendären Boxkampfes zwischen Max Schmeling und Joe Louis. Mensching, der den Radiokommentar spricht, peitscht die Szenerie an, während Wenzel, der den geschlagenen Schmeling (oder ist es der „braune Bomber“ als Symbol für das geschlagene Deutschland?) mimt, taumelt.

Es ist eine Tour de Force, körperlich und stimmlich. Der Kampf im Ring wird zum Kampf ums Überleben in einer Arena, deren Regeln sich gerade grundlegend geändert haben. Das „linke Auge völlig zugeschwollen“, wie es im Kommentar heißt – man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier auch der Blick auf die linke Utopie gemeint ist, der nun getrübt, wenn nicht gar blind geschlagen ist.

Ein Dokument der Übergangszeit
Die Kameraführung ist direkt, oft handgehalten, das Bild körnig. Es gibt keine Hochglanz-Ausleuchtung. Das passt perfekt zur Stimmung. Man sieht den Schweiß, die Erschöpfung in den Gesichtern von Wenzel und Mensching. Sie wirken wie zwei Handwerker, die wissen, dass ihr Haus abgerissen wird, und die dennoch beschließen, noch schnell den schönsten, traurigsten und wahnwitzigsten Kachelofen der Welt in das Wohnzimmer zu bauen.

Diese 30 Minuten sind mehr als eine Probe. Sie sind ein Abschiedsgesang. Oder wie es im Stück heißt: „Ein ruhiger Platz zum Tanzen.“ Wenzel und Mensching haben ihn gesucht, mitten im Orkan der Wiedervereinigung, und für kurze Zeit auf der Bühne gefunden.

Hans-Eckardt Wenzel und Steffen Mensching prägten mit ihren Programmen „Neues aus der DaDaeR“ und „Letztes aus der DaDaeR“ die politische Kleinkunst der späten DDR und der Wendejahre maßgeblich. Ihre Figuren Weh und Meh gelten als ostdeutsche Pendants zu Wladimir und Estragon aus Becketts „Warten auf Godot“.