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Rauchzeichen über Erfurt: Als Bürger die Stasi-Akten retteten

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Es riecht nach verbranntem Papier in diesen Tagen im Dezember 1989. Aus den Schornsteinen der Stasi-Dienststellen steigt Rauch auf, dunkler und dichter als sonst. Was viele ahnen, wird am Morgen des 4. Dezember zur Gewissheit: Die Staatssicherheit vernichtet ihr eigenes Gedächtnis. Es ist der Tag, an dem die Angst die Seiten wechselt und Bürger zu Archivaren der Revolution werden.

Das Signal aus dem Radio
Den entscheidenden Funken liefert ein ungewöhnliches Interview im „Berliner Rundfunk“. Ein Mann, der sich Frank L. nennt, bricht sein Schweigen. Er ist Mitarbeiter der Staatssicherheit und er bestätigt live im Radio, was auf den Straßen nur als Gerücht kursiert: „Es geht mir darum, dass Akten oder Unterlagen oder Papiere verbrannt werden, vernichtet werden, durch den Ofen gehen.“

Die Stasi, die sich erst Mitte November hastig das neue Etikett „Amt für Nationale Sicherheit“ (AfNS) aufgeklebt hat, versucht ihre Spuren zu verwischen. Während intern neue Richtlinien zur Überwachung der Bevölkerung ausgegeben werden (datiert auf den 2. Dezember), laufen in den Heizungskellern die Öfen heiß.

Zivilcourage gegen die „Verkollerung“
In Erfurt verstehen die Menschen das Radiosignal sofort: Wenn jetzt nicht gehandelt wird, sind die Beweise für Jahrzehnte der Unterdrückung für immer verloren.

Es sind die Frauen der Bürgerinitiative „Frauen für Veränderung“, die den ersten Schritt wagen. Sie rufen zur Besetzung der Erfurter Bezirksverwaltung auf. Was folgt, ist ein beispielloser Akt der Solidarität. Die städtischen Verkehrsbetriebe stellen sich quer – wortwörtlich. Mit einem Lkw blockieren sie die Zufahrt zum Gebäudekomplex in der Andreasstraße. Kein Fahrzeug soll mehr mit Akten das Gelände verlassen.

Zusammen mit herbeigerufenen Militärstaatsanwälten dringen die Bürgerrechtler in die Festung des Geheimdienstes ein. Sie finden sogenannte „Verkollerungsanlagen“ – Maschinen, konstruiert, um Papierberge in unleserliche Klumpen zu verwandeln. Doch die Bürger kommen rechtzeitig. Sie versiegeln die Türen. Sie retten die Akten.

Ein Flächenbrand der Freiheit
Die Nachricht aus Erfurt verbreitet sich wie ein Lauffeuer durch die sterbende DDR. „Der 4. Dezember war der Anfang vom Ende der Staatssicherheit“, wird die Bürgerrechtlerin Barbara Sengewald später sagen.

Die Erfurter Aktion löst eine Kettenreaktion aus, die selbst General Wolfgang Schwanitz, den neuen Stasi-Chef, überrollt. Noch am selben Tag fallen die Bastionen in Suhl, Leipzig und Rostock. Am 5. Dezember folgen die meisten anderen Bezirkshauptstädte.

Schwanitz‘ Versuch, die Wogen zu glätten, indem er die Vernichtung offiziell stoppt, aber „sensible Akten“ weiterhin vorenthalten will, scheitert am Misstrauen der Bevölkerung. Die Bürger übernehmen die Kontrolle.

Die Bilanz
Ende Dezember 1989 ist der mächtige Apparat faktisch handlungsunfähig. Sieben der 15 Bezirksverwaltungen haben ihre Arbeit komplett eingestellt, acht weitere funktionieren nur noch eingeschränkt.

Der 4. Dezember 1989 markiert damit einen historischen Wendepunkt: Es war der Tag, an dem die DDR-Bürger entschieden, dass ihre Geschichte nicht in den Öfen der Täter enden darf, sondern aufgearbeitet werden muss. Ein Erbe, das in den Kilometern geretteter Akten bis heute fortbesteht.

Eine Analyse der AfD-Wehrpflichtrede im Thüringer Landtag

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In einer Debatte, die eigentlich die sicherheitspolitische Zukunft Deutschlands und die Struktur der Bundeswehr behandeln sollte, nutzte die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag das Podium für eine Generalabrechnung mit dem politischen Establishment. Die Rede offenbart eine rhetorische Strategie, die geschickt drastische Schockbilder mit einer kulturkämpferischen Absage an den modernen deutschen Staat verknüpft und sich dabei weniger an parlamentarischen Gepflogenheiten als an der Mobilisierung der eigenen Basis orientiert.

Der Einstieg der Rede ist bemerkenswert aggressiv und emotionalisierend konzipiert. Anstatt über geopolitische Notwendigkeiten oder Personalstärken der Truppe zu sprechen, setzt der Redner auf eine explizite „Rhetorik des Schocks“. Mit detaillierten, fast voyeuristischen Schilderungen von Kriegsverletzungen – von abgerissenen Gliedmaßen bis hin zu verbrennenden Soldaten in Panzern – zielt der Abgeordnete direkt auf die emotionale Ebene der Zuhörer, insbesondere der Eltern und Großeltern. Diese drastische Visualisierung erfüllt eine klare Funktion: Sie dient dazu, jede rationale Diskussion über Verteidigungsfähigkeit im Keim zu ersticken. Wer in diesem Kontext Kriegstüchtigkeit fordert, so die Suggestion, fordert den qualvollen Tod der eigenen Kinder. Damit wird eine moralische Fallhöhe aufgebaut, die Befürworter der Wehrpflicht indirekt als gefühllose Zyniker darstellt, die bereit sind, die Jugend zu opfern.

Ein weiteres zentrales Element dieser populistischen Rhetorik ist die Konstruktion eines Gegensatzes zwischen dem „Volk“ und einer vermeintlich korrupten Elite. Das etablierte Parteienspektrum wird pauschal als „Parteienkartell“ diffamiert, dem der Redner eine „Kriegslüsternheit“ vorwirft. Hierbei bedient er sich einer klassischen Täter-Opfer-Umkehr im Kontext des Ukraine-Krieges, indem nicht der militärische Aggressor thematisiert wird, sondern die deutsche Politik, die durch ihre Unterstützung angeblich den Krieg erst fördere.

Besonders aufschlussreich ist die Begründung, warum die Jugend diesen Staat nicht verteidigen wolle. An dieser Stelle verlässt der Redner das Feld der Sicherheitspolitik vollends und eröffnet den Kulturkampf. Die Auflistung der Ablehnungsgründe liest sich wie ein Kompendium neurechter Kampfbegriffe: „Drag Queen Auftritte“ werden als Symbol für einen angeblichen moralischen Verfall und eine verfehlte Genderpolitik angeführt, während der Begriff „Schuldstolz“ die deutsche Erinnerungskultur angreift. Mit der Formulierung „fremd im eigenen Land“ wird zudem ein klarer Verweis auf ethnopluralistische Ideologien und die Ablehnung von Migration gemacht. Durch diese Aufzählung wird der Bundesrepublik in ihrer jetzigen Verfasstheit die Legitimität abgesprochen. Die radikale Botschaft lautet: Dieser Staat ist es in seiner aktuellen Form nicht wert, verteidigt zu werden.

Das Fazit der Rede enthält schließlich den strategischen Kern der AfD-Positionierung: die Konditionalisierung der Loyalität. Der Redner formuliert die Bedingung, dass Loyalität und Wehrbereitschaft nur einem „Staat für die Deutschen“ geschuldet seien. Dies markiert eine deutliche Abkehr vom Verfassungspatriotismus, der sich auf das Grundgesetz und demokratische Werte bezieht, hin zu einem völkisch definierten Patriotismus. Die Forderung, die Politik müsse zuerst ihre „Pflicht gegenüber dem eigenen Volk“ erfüllen, bevor sie Pflichten von der Jugend einfordern könne, impliziert, dass die aktuelle Regierung nicht im Sinne des Volkes handele und somit keinen Anspruch auf die Loyalität der Bürger habe.

Zusammenfassend ist die Rede weniger ein konstruktiver Beitrag zur Wehrpflichtdebatte als vielmehr eine fundamentalistische Ablehnung des aktuellen politischen Systems. Die AfD nutzt das sensible Thema „Krieg und Frieden“, um sich als einzige wahre „Friedenspartei“ zu inszenieren, während sie gleichzeitig die Institutionen des Staates delegitimiert. Durch die geschickte Verknüpfung von pazifistischen Tönen mit harter rechter Ideologie versucht die Partei, sowohl besorgte Bürger als auch ihr radikales Stammklientel gleichermaßen zu bedienen.

Zschäpes Kehrtwende in Dresden: Verrat am Netzwerk oder Kalkül?

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Beate Zschäpe, die Hauptverurteilte im Prozess gegen den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU), steht erneut im Fokus der Justiz. Doch anders als im Münchner Mammutprozess, wo ihr jahrelanges Schweigen dominierte, tritt die Rechtsterroristin nun als Zeugin vor dem Oberlandesgericht in Dresden auf. Vor Gericht steht Susann E., eine mutmaßliche NSU-Unterstützerin und Freundin Zschäpes, die dem Trio während der Zeit im Untergrund mehrfach geholfen haben soll.

Diese neue Rolle wirft eine zentrale Frage auf, die derzeit in Talk-Sendungen wie dem MDR AKTUELL Talk mit Reporter Sebastian Hesse diskutiert wird: Wendet sich Zschäpe tatsächlich von ihrem Netzwerk ab, oder handelt sie aus reinem Kalkül?

Die neue Rolle in Dresden: Analyse einer Zeugin
Die Tatsache, dass Zschäpe als Zeugin in einem Verfahren gegen eine ihrer mutmaßlich engsten Unterstützerinnen geladen war, markiert eine bemerkenswerte Wende in ihrem Verhalten (vgl. Talk-Thema 00:15).

Die Einordnungen des MDR-Reporters Sebastian Hesse beschreiben, wie Beate Zschäpe heute vor Gericht aufgetreten ist (vgl. Talk-Thema 01:17). War sie gefasst, distanziert oder gab sie sich geläutert? Ihre Körpersprache und ihr Tonfall sind in solchen Momenten entscheidend für die Bewertung ihrer Glaubwürdigkeit.

Die Kernaussagen von Beate Zschäpe konzentrieren sich darauf, wie sie ihr Leben im Untergrund schilderte und inwieweit sie die Rolle von Susann E. als Helferin beleuchtete (vgl. Talk-Thema 03:59). Diese Aussagen könnten für das Gericht in Dresden entscheidend sein, um die tatsächliche Struktur und Reichweite des NSU-Unterstützerkreises zu bewerten.

Kalkül und Konsequenzen
Die dringlichste und meistdiskutierte Frage bleibt jedoch die nach dem Motiv: Will Beate Zschäpe mit ihrer Aussage ihr eigenes Strafmaß mildern? (vgl. Talk-Thema 06:08). Eine mögliche Rolle eines Aussteigerprogramms wird in diesem Zusammenhang ebenso diskutiert wie die Frage, wie ernst ihre Distanzierung vom rechtsextremen Milieu ist.

Im Hauptprozess nutzte Zschäpe ihr späteres, verlesenes Statement zur juristischen Selbstverteidigung, indem sie versuchte, die Verantwortung für die Morde von sich zu weisen. Die jetzige Zeugenaussage gegen eine Freundin könnte dagegen auf den Versuch hindeuten, durch Kooperation einen Vorteil zu erzielen oder zumindest ihre öffentliche Wahrnehmung zu verändern.

Der Ausblick auf weitere Aussagetage (vgl. Talk-Thema 09:15) zeigt, dass die Rolle Zschäpes in der Aufklärung des NSU-Netzwerks noch nicht abgeschlossen ist und die Justiz in Dresden weiter auf ihre Einlassungen angewiesen ist.

Ein Blick zurück: Die NSU-Wurzeln in Jena
Die aktuellen Geschehnisse in Dresden können nicht ohne den historischen Kontext beleuchtet werden. Um die Entstehung des NSU zu verstehen, muss der Blick in die späten 1990er-Jahre nach Jena in Thüringen gerichtet werden. Die Stadt ist der Ursprungsort des Terrortrios – Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt – die in der Neonazi-Szene Jenas aufwuchsen und im Umfeld des „Thüringer Heimatschutzes“ ihre politische Heimat fanden.

Der Sprung aus Jena in den Untergrund im Jahr 1998 markierte die Geburtsstunde des NSU. Die Tatsache, dass sie über 13 Jahre lang unentdeckt Morde begehen konnten, wirft bis heute Fragen über das Versagen der Sicherheitsbehörden und die Verstrickung des Verfassungsschutzes auf.

Das unbeantwortete Erbe des NSU-Prozesses
Der NSU-Prozess in München endete zwar mit einer Verurteilung der Hauptakteure, ließ aber die zentrale Forderung der Opferfamilien – eine vollständige Aufklärung des Netzwerks hinter den Tätern – unbefriedigt.

Die aktuellen Zeugenaussagen in Dresden – selbst wenn sie taktisch motiviert sein sollten – sind ein erneutes Indiz dafür, dass das Unterstützerumfeld des NSU weitaus dichter und aktiver war, als Zschäpe im Hauptprozess zunächst zugab. Der Fall Susann E. und Zschäpes Rolle als Zeugin führen vor Augen, dass die juristische und politische Aufarbeitung der staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen, die dem Trio von Jena aus den Terror in Deutschland ermöglichten, noch immer andauert.

Tanz auf dem sinkenden Schiff: Wenn Clowns den Faust sezieren

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Ein wiederentdecktes Dokument aus dem Jahr 1991 zeigt Hans-Eckardt Wenzel und Steffen Mensching bei der Arbeit. Die Doku „Die Meisenwürger proben“ ist mehr als ein Werkstattbericht – sie ist ein Psychogramm der deutschen Wendezeit, eingefangen zwischen Goethe-Versen und Boxkampf-Parodien.

Es ist das Jahr 1991. Die DDR ist Geschichte, die „neuen Bundesländer“ sind Realität, und der Deutsche Fernsehfunk (DFF) sendet seine letzten Signale, bevor er abgewickelt wird. In dieser Zeit des kulturellen und politischen Vakuums entstand ein bemerkenswertes Stück Zeitgeschichte, das in der Reihe „Das Fenster“ ausgestrahlt wurde: Eine Dokumentation über die Proben des legendären Clowns-Duos Wenzel & Mensching (Hans-Eckardt Wenzel und Steffen Mensching).

Das Video, ein rauer, ungeschönter Blick in den Maschinenraum der Kunst, zeigt zwei Getriebene, die versuchen, in einer Welt, die ihren Sinn verloren zu haben scheint, neue Bedeutungen zu erzwingen.

Goethe im Schwitzkasten
Wer Wenzel und Mensching – oft in ihren Rollen als die Clowns „Weh“ und „Meh“ – kennt, weiß, dass ihre Arbeit nie bloße Unterhaltung war. Es war stets der Versuch, die deutsche Klassik vom Sockel zu holen, um zu sehen, ob sie darunter noch atmet. In der Dokumentation erleben wir eine quälend präzise Dekonstruktion von Goethes „Willkommen und Abschied“.

„Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde…“ – immer wieder bricht Wenzel ab, korrigiert, sucht nach dem richtigen Gestus der Verzweiflung. Es ist keine Rezitation, es ist ein körperlicher Kampf mit dem Text. Die Kamera fängt Momente ein, in denen die Hochkultur auf den nackten Boden der Tatsachen kracht. Wenn sie den Faust proben, dann nicht als Gelehrten-Drama, sondern als Dialog zweier gescheiterter Existenzen, vielleicht in einer Dusche, vielleicht im Jenseits. „Habe nun, ach! Philosophie…“ klingt hier nicht nach Erkenntnisdrang, sondern nach dem Kater nach einer durchzechten Nacht der Geschichte.

„Jetzt bleibt uns ja nicht mal mehr die Flucht“
Der vielleicht stärkste Moment der Dokumentation ist ein leiser. In einer kurzen Pause, zwischen den schweißtreibenden Szenen, fällt der Satz: „Jetzt bleibt uns ja nicht mal mehr die Flucht.“

In diesem Satz kondensiert das Lebensgefühl vieler Intellektueller der ehemaligen DDR kurz nach der Wende. Der Gegner, an dem man sich rieb, der Staat, der einen einsperrte, aber auch definierte, ist verschwunden. Was bleibt, ist eine grenzenlose Freiheit, die sich seltsam leer anfühlt. Die „Meisenwürger“, wie das Programm heißt, sind Vögel, die ihre eigene Art jagen – oder sind es die Künstler selbst, die sich gegenseitig zerfleischen, weil das Außen weggebrochen ist?

Der Boxkampf als Metapher
Gegen Ende des Films explodiert die aufgestaute Energie in einer furiosen Nummer: Die Nachstellung des legendären Boxkampfes zwischen Max Schmeling und Joe Louis. Mensching, der den Radiokommentar spricht, peitscht die Szenerie an, während Wenzel, der den geschlagenen Schmeling (oder ist es der „braune Bomber“ als Symbol für das geschlagene Deutschland?) mimt, taumelt.

Es ist eine Tour de Force, körperlich und stimmlich. Der Kampf im Ring wird zum Kampf ums Überleben in einer Arena, deren Regeln sich gerade grundlegend geändert haben. Das „linke Auge völlig zugeschwollen“, wie es im Kommentar heißt – man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier auch der Blick auf die linke Utopie gemeint ist, der nun getrübt, wenn nicht gar blind geschlagen ist.

Ein Dokument der Übergangszeit
Die Kameraführung ist direkt, oft handgehalten, das Bild körnig. Es gibt keine Hochglanz-Ausleuchtung. Das passt perfekt zur Stimmung. Man sieht den Schweiß, die Erschöpfung in den Gesichtern von Wenzel und Mensching. Sie wirken wie zwei Handwerker, die wissen, dass ihr Haus abgerissen wird, und die dennoch beschließen, noch schnell den schönsten, traurigsten und wahnwitzigsten Kachelofen der Welt in das Wohnzimmer zu bauen.

Diese 30 Minuten sind mehr als eine Probe. Sie sind ein Abschiedsgesang. Oder wie es im Stück heißt: „Ein ruhiger Platz zum Tanzen.“ Wenzel und Mensching haben ihn gesucht, mitten im Orkan der Wiedervereinigung, und für kurze Zeit auf der Bühne gefunden.

Hans-Eckardt Wenzel und Steffen Mensching prägten mit ihren Programmen „Neues aus der DaDaeR“ und „Letztes aus der DaDaeR“ die politische Kleinkunst der späten DDR und der Wendejahre maßgeblich. Ihre Figuren Weh und Meh gelten als ostdeutsche Pendants zu Wladimir und Estragon aus Becketts „Warten auf Godot“.

Hinter der bürgerlichen Fassade: Ein Sittenbild der AfD-Basis

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Eine journalistische Einordnung des Videos „AfD Sommerfest – Das große FINALE!“ von Marcant

Wenn politische Parteien zu Sommerfesten laden, inszenieren sie sich gerne als harmlos, volksnah und familienfreundlich. Bratwurst statt Parteiprogramm, Hüpfburg statt Hetze. Doch die aktuelle Video-Reportage des YouTubers Marcant (in Zusammenarbeit mit dem Kanal Klare Kante) kratzt nicht nur an dieser Oberfläche – sie reißt sie mit einer Mischung aus investigativer Konfrontation und satirischem Rollenspiel ein. Was dabei zum Vorschein kommt, ist ein beunruhigendes Psychogramm einer Parteibasis zwischen Autoritätshörigkeit und offener Radikalität.

Der „Hauptmann von Köpenick“-Effekt
Der wohl entlarvendste Moment des rund 35-minütigen Beitrags ist nicht etwa eine aggressive Pöbelei, sondern eine beklemmende Stille der Folgsamkeit. Der Protagonist Eikut (vom Kanal Klare Kante) infiltriert das Fest nicht lautstark, sondern subtil: Er trägt Anzug, Krawatte und gibt sich als fiktiver AfD-Funktionär oder zumindest als Mann mit Einfluss aus.

Was folgt, ist ein soziologisches Lehrstück, das an Carl Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“ erinnert. Ordner und Teilnehmer hinterfragen Eikuts Anweisungen nicht. Als er befiehlt, den YouTuber Marcant (seinen eigentlichen Kollegen) des Platzes zu verweisen, führen die Ordner dies aus – ohne Rechtsgrundlage, nur auf Zuruf einer vermeintlichen Autorität.

Diese Szenen offenbaren einen tief sitzenden Untertanengeist innerhalb der Anhängerschaft. Der Wunsch nach einer „starken Hand“ und die Bereitschaft, sich Hierarchien bedingungslos unterzuordnen, werden hier nicht abstrakt diskutiert, sondern live dokumentiert. Es zeigt, dass das demokratische Prinzip des kritischen Hinterfragens an der Basis teils einem blinden Gehorsam gewichen ist, solange der Befehlshaber im „richtigen“ habituellen Gewand erscheint.

Die Normalisierung des Extremen
Inhaltlich bestätigt das Video Einschätzungen der Verfassungsschutzämter: Die Brandmauer zum Rechtsextremismus existiert auf solchen Veranstaltungen oft nicht einmal mehr als Gartenzaun.

Die Kamera fängt Teilnehmer ein, die Kleidung mit SS-Symbolik-Anspielungen oder der Reichskriegsflagge tragen. Dass diese Symbole erst entfernt (bzw. umgedreht) werden, als der als Funktionär getarnte YouTuber dies aus „PR-Gründen“ anmahnt, spricht Bände. Die Motivation der Ordner ist nicht die ethische oder politische Ablehnung verfassungsfeindlicher Symbolik, sondern lediglich die Sorge vor schlechter Presse („Wenn das MDR kommt…“).

Die im Video dokumentierten Aussagen – von der Leugnung des menschengemachten Klimawandels bis hin zu geschichtsrevisionistischen Andeutungen über die NS-Zeit – zeigen, dass sich in der Echokammer solcher Feste ein Weltbild verfestigt hat, das für rationale Argumente kaum noch zugänglich ist.

YouTuber als die neuen Investigativ-Reporter?
Journalistisch betrachtet ist das Format von Marcant ein Hybrid. Es ist kein distanzierter Nachrichtejournalismus öffentlich-rechtlicher Prägung. Es ist subjektiv, konfrontativ und teilweise manipulativ (im Falle der verdeckten Recherche). Doch gerade diese Methode erweist sich als effektiv, um Zugang zu Milieus zu erhalten, die gegenüber klassischen Medien längst dichtgemacht haben.

Während klassische TV-Teams oft von vornherein als „Lügenpresse“ ausgegrenzt werden, gelingt es hier durch die Rollenspiele, die soziale Maske der Teilnehmer fallen zu lassen. Das Video liefert unverstellte Einblicke in die Gruppendynamik, die bei einem reinen Interview-Format verborgen geblieben wären.

Ein Warnsignal
Das Video „AfD Sommerfest“ ist mehr als nur Unterhaltung für eine politische YouTube-Bubble. Es ist ein Dokument der Entfremdung. Es zeigt eine Parteibasis, die sich in einer parallelen Realität eingerichtet hat, in der Fakten flexibel sind, Autorität über Argumenten steht und Gewaltbereitschaft (wie im Rempler gegen den Kameramann zu sehen) latent unter der Oberfläche brodelt.

Für die politische Beobachtung in Deutschland ist dieses Material wertvoll. Es entlarvt die Strategie der AfD, sich als bürgerliche Rechtsstaatspartei zu geben, als Farce, sobald die Kameras (vermeintlich) aus sind oder die eigenen Reihen unter sich bleiben. Wer wissen will, was „Gefahr für die Demokratie“ im mikrosozialen Kontext bedeutet, findet in diesem Video anschauliches Anschauungsmaterial.

Das blaue Band von Jena: Eine Investition auf Zeit

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Ein Rückblick auf den August 2010, als das Ernst-Abbe-Sportfeld „Hertha-Blau“ wurde – und eine Analyse, was von dieser Ära heute noch bleibt.

Jena. Wer heute im neuen Ernst-Abbe-Sportfeld, der modernen Ad hoc Arena, auf der Tribüne sitzt, blickt direkt auf das Spielfeld. Die Fans sind nah dran, der Atem der Spieler ist fast spürbar. Doch wer die Augen schließt und das Jahr 2010 heraufbeschwört, sieht ein ganz anderes Bild: Ein leuchtendes, tiefes Blau, das den Rasen weitläufig umrahmt. Es war der August 2010, als Jena sich ein Stück Berliner Olympiastadion ins Paradies holte – eine Maßnahme, die damals als Notwendigkeit galt und aus heutiger Sicht wie der letzte große Atemzug einer vergangenen Sport-Epoche wirkt.

Der heiße August 2010: Ein technischer Kraftakt
Die Bilder aus dem Sommer 2010 erzählen von Schweiß, Präzision und dem bangen Blick zum Himmel. Die alte Laufbahn, 17 Jahre alt und vom Frost der Thüringer Winter zerfressen, war zur Gefahr für die Leichtathleten geworden. Die Lösung: Ein radikaler Schnitt.

Für rund 500.000 Euro ließ die Stadt Jena nicht nur die Oberfläche sanieren, sondern griff tief in die Substanz ein. „Wir mussten bis zu 40 Zentimeter tief den gesamten Unterbau rausnehmen“, berichteten die Bauverantwortlichen damals. 550 Tonnen Asphalt wurden verbaut, mit einem akribischen Gefälle von 0,8 Prozent, damit das Wasser, das in der alten Nordkurve oft stand wie in einem See, endlich abfließen konnte.

Das Ergebnis war spektakulär: Ein Regupol-Belag in „Hertha-Blau“, identisch mit der Bahn, auf der Usain Bolt in Berlin Weltrekorde lief. Es war ein Statement für den Mehrsparten-Sport. Trotz Regenunterbrechungen und dem Zwang, den Spielplan des FC Carl Zeiss Jena zu respektieren, wurde die Bahn im Herbst fertiggestellt.

Analyse: Die Prophezeiung und die Realität
Betrachtet man die Interviews von damals mit dem Wissen von heute (2025), fällt ein Satz besonders auf. Angesprochen auf den damals schon diskutierten Umbau in ein reines Fußballstadion, hieß es 2010 realistisch: „Das ist erstmal wieder in weite Ferne gerückt. In den nächsten vier bis fünf Jahren wird da ohnehin nichts passieren.“

Diese Einschätzung sollte sich als fast schon prophetisch, wenn auch konservativ, erweisen. Aus der heutigen Perspektive lässt sich die Investition von 2010 in drei Punkten analysieren:

1. Die Langlebigkeit des Provisoriums
Die damals prognostizierten „vier bis fünf Jahre“ wurden am Ende zu einem ganzen Jahrzehnt. Erst Ende 2020 begannen die Abrissarbeiten der Nordkurve für den echten Stadionneubau. Die 500.000 Euro teure blaue Bahn war also keine Verschwendung, sondern eine zwingend notwendige Lebensversicherung für den Sportbetrieb in den 2010er Jahren. Sie erkaufte der Stadt die Zeit, die nötig war, um die komplizierte Finanzierung und Planung des heutigen Neubaus überhaupt erst auf die Beine zu stellen.

2. Der Abschied vom Mehrzweck-Gedanken
Der Bau der blauen Bahn war das letzte große Bekenntnis zum klassischen Stadionmodell in der Oberaue. Heute hat sich das Paradigma gewandelt. Der Fußball verlangt nach Nähe, nach Hexenkesseln ohne Laufbahn, um wirtschaftlich konkurrenzfähig zu sein. Die Leichtathletik, einst gleichberechtigter Partner im weiten Rund, hat ihre Heimat auf den Nebenplätzen und in spezialisierten Anlagen gefunden. Die blaue Bahn von 2010 steht symbolisch für die letzte Ära, in der Fußball und Leichtathletik sich denselben Hauptplatz teilten.

3. Was bleibt?
Vom „Hertha-Blau“ ist im Innenraum der neuen Arena nichts mehr zu sehen. Es wurde begraben unter den neuen Tribünen und dem herangerückten Spielfeld. Doch die bauliche Sorgfalt von 2010 – die Korrektur des Untergrunds und die Entwässerung – dürfte den Tiefbauern des aktuellen Stadions zumindest keine bösen Überraschungen mehr bereitet haben.

Die Sanierung im August 2010 war kein Fehler im Angesicht des späteren Abrisses, sondern eine pragmatische Brücke in die Zukunft. Sie ermöglichte den Jenaer Sportlern über zehn Jahre hinweg wettkampftaugliche Bedingungen, während im Hintergrund die Pläne für das neue Gesicht des Ernst-Abbe-Sportfelds reiften. Das Blau ist verschwunden, aber es bleibt ein wichtiger Teil der Stadion-Chronik – als die Farbe einer Übergangszeit, bevor das „Paradies“ endgültig zur reinen Fußball-Hölle wurde.

Wandlitz als Rentner-WG: Realitätsverlust und Revolution in „Vorwärts immer!“

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In der Tragikomödie „Vorwärts immer!“ wagt sich Regisseurin Franziska Meletzky an ein gewagtes Gedankenspiel zur Wendezeit. Das Ergebnis ist eine turbulente Geschichtssatire, die vor allem dank eines brillanten Hauptdarstellers funktioniert.

Berlin. Es ist Oktober 1989, und die DDR steht kurz vor dem Kollaps. Doch während das Volk den Aufstand probt, herrscht in der Waldsiedlung Wandlitz eine beängstigende Ruhe. Oder besser gesagt: eine senile Realitätsverweigerung. Genau in dieses Spannungsfeld zwischen revolutionärem Aufbruch und verknöcherter Machtelite sticht die Satire „Vorwärts immer!“ (2017) hinein.

Die Generalprobe des Widerstands
Im Zentrum der Handlung steht das Ensemble eines Berliner Theaters, das in der aufgeheizten Stimmung der Revolutionszeit ein politisch brisantes Stück probt. Der gefeierte Schauspieler Otto Wolf (Jörg Schüttauf) soll darin niemand Geringeren als den Staats- und Parteichef Erich Honecker darstellen. Doch die Proben laufen alles andere als glatt: Otto hält seinen Text immer wieder für unglaubwürdig und hadert mit der Rolle. Mehr noch: Er scheut sich davor, das Stück überhaupt aufzuführen. Zu groß ist die Angst, für die offene Gesellschaftskritik am Ende im Gefängnis zu landen.

Doch damit nicht genug der Sorgen: Ottos Tochter Anne (Josefine Preuß) hat beschlossen, der DDR den Rücken zu kehren und heimlich nach West-Berlin zu ihrer Mutter zu fliehen. Als Otto sich in einer Probenpause – noch in voller Honecker-Maskerade – sehr innig von seiner Tochter verabschiedet, nimmt das Unheil seinen Lauf. Zwei Stasi-Mitarbeiter beobachten und fotografieren die Szene. Da Otto sein Kostüm trägt, halten sie ihn für den echten Staatschef und sind sichtlich verwirrt über dessen Verhalten.

Ein wahnwitziger Plan
Die Situation eskaliert, als Otto erfährt, dass gegen die demonstrierenden Massen – unter denen er nun auch seine Tochter vermutet – ein Schießbefehl erlassen werden soll. Die Angst um Anne treibt ihn zu einer Tat, die man nur als pure Verzweiflung oder absoluten Größenwahn bezeichnen kann.

Sein Plan: Er muss die Rolle seines Lebens nicht nur auf der Bühne, sondern in der Realität spielen. Als Erich Honecker maskiert will er sich ins Zentralkomitee einschleichen und den Schießbefehl höchstpersönlich widerrufen. Was folgt, ist ein klassisches „Heist-Movie“-Szenario, verlegt in die grauen Flure der DDR-Machtzentrale.

Ein Parforceritt für Jörg Schüttauf
Dass dieses gewagte Konstrukt nicht ins Lächerliche abgleitet, ist fast ausschließlich Jörg Schüttauf zu verdanken. Er meistert die schauspielerische Herkulesaufgabe einer Doppelrolle mit Bravour. Auf der einen Seite der besorgte, fast panische Vater Otto, auf der anderen Seite der Generalsekretär selbst. Schüttaufs Honecker ist eine brillante Karikatur: tatterig, weltfremd und von einer fast schon tragischen Senilität umgeben.

Unterstützt wird er von einem starken Ensemble. Hedi Kriegeskotte brilliert als Margot Honecker, die ihren „Erich“ streng im Griff hat, während Alexander Schubert als Egon Krenz bereits im Hintergrund an dessen Stuhl sägt. Auch Devid Striesow (als Harry Stein) und André Jung (als Mielke) tragen zur satirischen Überhöhung der DDR-Führungsriege bei, die hier als entrückte „Rentner-Gang“ dargestellt wird.

„Vorwärts immer!“ ist vielleicht kein tiefschürfendes Historiendrama, aber eine charmante, temporeiche Satire, die das Pathos der Wendezeit mit Humor bricht. Ein unterhaltsamer Film über den Mut der Verzweiflung – und ein absolutes Muss für Fans von Jörg Schüttauf.

Wenn die Mitte verwildert: Ein Abgesang auf das Kleinbürgertum

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Von Tschechows Kirschgarten zum sächsischen „Girschkarten“: Lukas Rietzschel zeigt am Schauspiel Leipzig, was passiert, wenn eine Gesellschaft ihr Unkraut wuchern lässt.

Leipzig – Es ist eine alte Geschichte: Eine Ära geht zu Ende, ein Besitz soll verkauft werden, und eine Familie zerbricht an der Frage, wie viel die Vergangenheit wert ist. Es war einmal ein prächtiger Kirschgarten, der schönste im ganzen Bezirk, sogar in Reiseführern erwähnt. Aber er hatte keine Zukunft, denn die Familie war pleite. So schrieb es Anton Tschechow 1904 in seinem letzten Stück „Der Kirschgarten“, einer „Komödie“ über vertane Chancen, an deren Ende das Areal in Parzellen aufgeteilt wurde.

Im Jahr 2025 widmet sich Lukas Rietzschel dem Erbe dieses Gartens. In seinem neuen Stück „Der Girschkarten“ blicken wir auf die letzte dieser Parzellen, die die Zeiten bis hierhin überstanden hat. Doch wo bei Tschechow einst der russische Adel in Schönheit und Wehmut unterging, herrscht hier die pragmatische Tristesse der deutschen Gegenwart.

Zwischen Carports und gleißendem Licht
Rietzschels Szenario ist schmerzhaft präzise: Zwei Neubausiedlungen stehen sich scharf gegenüber. Reihen von Einfamilienhäusern mit Carports dominieren das Bild, nachts erhellt von gleißend hellen Straßenlampen. Doch dazwischen steht noch dieses eine alte Haus in seinem verwilderten Garten – ein Störfaktor im bereinigten Wohngebiet.

In diesem Garten trifft sich die Familie, um zu beraten. Die Optionen klingen rational: Man könnte endlich richtig renovieren. Man könnte es als Ferienhaus verpachten. Oder einfach an die Bauträger rundherum verkaufen. Regisseur Enrico Lübbe, der das Stück zur Uraufführung bringt, verfrachtet dieses Setting in einen sterilen „White Cube“. In der Ecke liegt Kabelsalat, ein Symbol für den maroden Zustand der familiären Beziehungen.

Die Unschärfe der Realität
Hinter allen guten Vorschlägen lauern verstrickte Fragen, die den Riss durch die Mittelschicht offenbaren: Wer aus der Familie würde wirklich selber dort einziehen wollen? Wer würde sich um das Ferienhaus kümmern? Und wem steht das Geld zu?

Anders als bei Tschechow ist es hier nicht der Adel, der die Zeichen der Zeit verkennt, sondern das Kleinbürgertum, das sich in Widersprüchen verheddert. Emotionen und Erinnerungen prallen auf eine neue Wirklichkeit, und allmählich ziehen Unschärfen in die Debatte: Wie intakt oder kaputt ist das Haus tatsächlich? Wie viele Quadratmeter hat das Grundstück wirklich? Und haben wir das Heute nicht gestern schon einmal erlebt?

Da ist die Großmutter (Katja Gaudard), die sich der Verwertungslogik verweigert, und die Elterngeneration, die fast zynisch fordert: „Man muss sich eben trennen vom Alten, sonst verstopft die Seele.“ Rietzschel zeichnet hier eine Komödie über den Wandel der Zeit und den bröckelnden Konsens über die Realität: „Eins und eins ergibt zwei; das ist doch eine klare Sache.“ – „Für manche nicht mehr.“

Demokratie braucht Gärtner
Der verwilderte Garten wird zum Sinnbild für das Gemeinwesen. Die Botschaft ist klar: Ein Garten braucht Arbeit. Wenn Rietzschel das Unkraut – den Giersch – wuchern lässt, erzählt er von einer „Interessensanarchie“. Onkel Alexander, der unglückliche Neubaubewohner, bringt das Dilemma auf den Punkt: „Ekel vor dem Neuen trifft auf Nostalgie für das Alte.“

Ein starkes Team für die Uraufführung
Lukas Rietzschel, der in Görlitz lebt, gehört zu den prägenden literarischen Stimmen seiner Generation. Nach Erfolgen wie „Mit der Faust in die Welt schlagen“ und „Raumfahrer“ sowie dem Sächsischen Literaturpreis 2022, setzt er seine Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Leipzig fort. Bereits 2021 entstand hier sein erstes Stück „Widerstand“.

Für die Uraufführung von „Der Girschkarten“ konnte Intendant Enrico Lübbe erneut ein hochkarätiges Team gewinnen: Teresa Vergho (Kostüme), bekannt durch Arbeiten an den Münchner Kammerspielen und dem Burgtheater Wien, kleidet das Ensemble, während Peer Baierlein für die musikalische Gestaltung sorgt.

Mit „Der Girschkarten“ erweist sich Rietzschel erneut als scharfsinniger Seismograf. Er zeigt eine Gesellschaft in der Sackgasse, die vor lauter Angst vor der Zukunft und Überdruss an der Vergangenheit Gefahr läuft, einfach überwuchert zu werden. Ein starker, unbequemer Theaterabend.

Jena im April 2020: Zwischenbilanz der Corona-Lage und vorsichtiger Ausblick

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Redaktionelle Analyse zum Video-Statement von Oberbürgermeister Thomas Nitzsche vom 17. April 2020

Am 17. April 2020 informiert Jenas Oberbürgermeister Thomas Nitzsche in einem Video-Statement über die aktuelle Lage der Stadt in der Corona-Pandemie. Rund fünf Wochen nach dem Beginn der weitreichenden Einschränkungen zieht die Stadt eine erste zusammenfassende Bilanz und gibt einen Ausblick auf die nächsten Schritte.

Zu diesem Zeitpunkt verzeichnet Jena seit neun Tagen keine neuen Infektionen. Die Zahl der bestätigten Fälle liegt bei 155, davon gelten rund 110 Personen als genesen. Drei Todesfälle sind im Zusammenhang mit dem Virus zu beklagen. Die Entwicklung wird als stabil beschrieben.

Frühe Maßnahmen in Jena
Nach Angaben der Stadt hatte Jena bereits frühzeitig umfassende Schutzmaßnahmen ergriffen. Reiserückkehrer wurden in Quarantäne geschickt, Risikogebiete nicht nur regional, sondern auch international definiert. Diese Einordnung erfolgte noch vor entsprechenden bundesweiten Regelungen.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Einführung der Maskenpflicht im öffentlichen Raum. Jena war damit eine der ersten Großstädte in Deutschland. Die Entscheidung wurde zunächst kontrovers diskutiert, später aber auf Landes- und Bundesebene übernommen. Nach Einschätzung der Stadt habe diese Maßnahme wesentlich zur Stabilisierung der lokalen Infektionslage beigetragen.

Korrekturen einzelner Maßnahmen
Im Rückblick werden auch einzelne Entscheidungen genannt, die nachträglich angepasst wurden. Dazu zählen die zeitweilige Sperrung von Parkbänken sowie die Abschaltung der Anforderungsknöpfe an Ampeln. Diese Maßnahmen wurden im Zuge neuer Bewertungen wieder aufgehoben oder korrigiert.

Die Stadt verweist in diesem Zusammenhang auf die besonderen Rahmenbedingungen der frühen Pandemiephase, in der viele Entscheidungen unter hohem Zeitdruck und ohne belastbare Erfahrungswerte getroffen werden mussten.

Rolle der Bevölkerung
Ein weiterer Schwerpunkt des Statements liegt auf dem Verhalten der Bevölkerung. Laut Oberbürgermeister habe die Disziplin der Bürgerinnen und Bürger maßgeblich zur Eindämmung der Infektionen beigetragen. Insbesondere bei der Maskenversorgung habe es eine breite Unterstützung gegeben, unter anderem durch privat angefertigte Mund-Nasen-Bedeckungen.

Kontaktbeschränkungen, Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen wurden in dieser Phase als zentrale Instrumente der Pandemiebekämpfung dargestellt.

Wirtschaft, Einzelhandel und gesellschaftliche Belastungen
Mit Blick auf die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Maßnahmen werden wachsende Belastungen für den Einzelhandel, für Unternehmen sowie für Familien benannt. Die Stadt beteiligt sich an der Diskussion über mögliche Lockerungen im Einzelhandel.

Dabei geht es unter anderem um die Umsetzung der bundesweit festgelegten 800-Quadratmeter-Regel für Ladenöffnungen. Jena und das Land Thüringen hätten alternativ eine Regelung nach Personenzahlen bevorzugt, setzen jedoch den bundespolitischen Kompromiss um.

Schulen und Kitas
Für den Bildungsbereich wird eine stufenweise Öffnung der Schulen angekündigt, beginnend mit den Abschlussklassen. Für den Bereich der Kindertagesstätten liegt zu diesem Zeitpunkt noch keine verbindliche Perspektive vor. Die Stadt wartet auf entsprechende Vorgaben des Landes Thüringen.

Die unterschiedlichen Zuständigkeiten zwischen Kommune, Land und Bund spielen in diesem Bereich eine besondere Rolle bei der weiteren Planung.

Weiteres Vorgehen der Stadt
Die bestehende Allgemeinverfügung der Stadt Jena soll zunächst verlängert werden, bis verbindliche Landesverordnungen vorliegen. Lockerungen sollen schrittweise und unter Einhaltung der Schutzmaßnahmen erfolgen. Die Kombination aus Kontaktbeschränkungen, Hygieneregeln und Maskenpflicht bleibt weiterhin Grundlage des kommunalen Handelns.

Ziel sei es, die bisher erreichte stabile Lage zu sichern und gleichzeitig schrittweise mehr Freiheiten im öffentlichen Leben zu ermöglichen.

Einordnung
Das Video-Statement vom 17. April 2020 dokumentiert eine Phase der Corona-Pandemie, in der die ersten Wochen der akuten Krise ausgewertet und vorsichtige Schritte in Richtung Öffnung vorbereitet wurden. Die Stadt Jena befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer vergleichsweise stabilen Situation, zugleich waren viele weitere Entwicklungen noch offen.

Aus heutiger Perspektive stellt das Video eine Momentaufnahme kommunaler Krisenbewältigung in der frühen Phase der Pandemie dar, geprägt von vorsorgendem Handeln, schrittweisen Anpassungen und der Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Gesundheitsschutz und gesellschaftlichem Leben.

Ein Engel zum Abschluss: Die Jenaer Weihnachtskrippe ist vollendet

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Nach acht Jahren des Wachsens fand das hölzerne Ensemble auf dem Johannisplatz am 1. Advent seinen krönenden Abschluss. Mit dem „Verkündigungsengel“ ist das Kunstprojekt nun komplett – und erzählt dabei weit mehr als nur die klassische Weihnachtsgeschichte.

JENA. Es ist das letzte Puzzleteil, auf das viele Kenner der Jenaer Weihnachtstradition gewartet haben. Hoch über den Köpfen der Besucher, mit integrierter Beleuchtung sanft in Szene gesetzt, wacht nun der Verkündigungsengel über dem Johannisplatz. Mit der Enthüllung dieser sechzehnten Holzfigur am vergangenen Sonntag, dem 30. November 2025, wurde ein Projekt vollendet, das die Saalestadt seit 2017 begleitet hat.

Was damals mit der Heiligen Familie begann, ist heute ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk der Bildhauer Tim Weigelt und Silvio Ukat. Pünktlich zum ersten Advent konnten die Jenaerinnen und Jenaer erleben, wie die Lücke im Ensemble geschlossen wurde. Der Engel hebt sich nicht nur durch seine exponierte Position von den anderen Figuren ab, er markiert auch den Schlusspunkt einer künstlerischen Reise, die eng mit der jüngsten Stadt- und Weltgeschichte verknüpft ist.

Ein Spiegel der Zeitgeschichte
Die Jenaer Krippe war nie ein statisches Werk, sondern ein „Work in Progress“. Wer genau hinsieht, entdeckt in den grob geschnitzten, charakterstarken Holzfiguren Spuren der letzten Jahre. Die Krippe fungierte als Chronistin ihrer Zeit: So trägt der erste der Heiligen Drei Könige, der im Jahr 2020 hinzukam, eine Maske – ein ewiges Mahnmal an das erste Corona-Weihnachtsfest.

Auch der im Jahr 2021 erschaffene Engel mit der Klarinette war eine direkte Antwort auf die Stille der Pandemieschließungen und sollte Trost spenden. Politisch wurde es 2022: König Caspar kam nicht auf einem Kamel, sondern zeitgemäß auf dem Fahrrad, und trug angesichts des Ukraine-Krieges eine Friedenstaube bei sich.

Von der Idee zur Tradition
Initiiert wurde das Projekt im Jahr 2017 von Johannes Haschke vom Lokal „Daheme“ gemeinsam mit der damals neu gegründeten Initiative Innenstadt. Die Idee war simpel, aber wirkungsvoll: Eine Krippe, die lebt und wächst, statt einfach nur aufgestellt zu werden.

Über den gesamten Zeitraum von acht Jahren unterstützte JenaKultur das Vorhaben mit einer Gesamtsumme von rund 25.000 Euro. Eine Investition, die sich ausgezahlt hat, denn die Figuren sind längst zu einem Identifikationspunkt in der Adventszeit geworden. Sie bilden zudem den idealen Startpunkt für die Krippenausstellung in den Schaufenstern der angrenzenden Johannisvorstadt.

Das Ensemble ist komplett
Mit dem Verkündigungsengel ist der biblische und künstlerische Bogen nun gespannt. Von Maria, Josef und dem Jesuskind über Ochs, Esel, Hirten und Könige bis hin zum leuchtenden Boten Gottes – die Geschichte ist auserzählt.

Auch wenn keine neuen Figuren mehr hinzukommen, bleibt die Tradition bestehen: Ab sofort wird die vollständige Krippe jedes Jahr pünktlich zum 1. Advent den Johannisplatz in vorweihnachtliche Stimmung tauchen. Sie bleibt ein Zeugnis handwerklicher Kunst und ein hölzernes Tagebuch der Jahre 2017 bis 2025.

Die Chronologie der Figuren

2017: Heilige Familie (Maria, Josef, Jesus) sowie Esel & Ochse
2018: Hirte (Sterndeuter) mit Schaf & Lamm
2019: Kamel
2020: Erster König (mit Maske)
2021: Klarinetten-Engel
2022: König Caspar (mit Fahrrad & Friedenstaube)
2023: Hirtin mit Hund
2024: Dritter König
2025: Verkündigungsengel (Finale)