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Die verlorenen Kinder des Wilhelm Pieck

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Wilhelm Pieck, der gütige Großvater der DDR, lächelt von Briefmarken und aus Schulbüchern auf eine ganze Generation herab. Doch hinter der Fassade des Landesvaters verbirgt sich eine familiäre Leere, die der Öffentlichkeit verborgen blieb. Während die Nation ihn als Symbol verehrte, erlebten seine Kinder einen Vater, der vor allem durch Abwesenheit glänzte und dessen politische Mission keinen Raum für familiäre Nähe ließ.

Die Kindheit von Arthur, Werner und ihren Schwestern war geprägt von ständiger Flucht und der allgegenwärtigen Angst vor Entdeckung durch politische Gegner. In den Jahren des Exils, unter anderem in Frankreich und der Sowjetunion, lernten sie früh, dass blindes Vertrauen tödlich sein kann. Ein gepackter Koffer war ihnen vertrauter als ein stabiles Zuhause, und die Loyalität zur Partei wog schwerer als die Bindung zu den Eltern.

Arthur Pieck, der älteste Sohn, wuchs direkt in die strengen Strukturen der Ideologie hinein, fand aber nie seinen Frieden damit. Er engagierte sich in kommunistischen Organisationen und blieb doch stets eine Randfigur im großen Spiel der Macht. Sein Leben war ein ständiger Spagat zwischen dem privilegierten Status als Sohn und dem tiefen Misstrauen der stalinistischen Ära, das auch vor der eigenen Familie nicht Halt machte.

Ganz anders erging es Werner Pieck, der den Weg der bedingungslosen Anpassung an den Apparat wählte. Er arbeitete loyal in staatlichen Einrichtungen und erfüllte die an ihn gestellten Erwartungen mit einer fast schmerzhaften Perfektion. Doch dieser Gehorsam hatte einen hohen Preis: Werner entwickelte kaum eine eigene Identität, sondern fungierte als bloßes Rädchen im System, erdrückt von der Last seines berühmten Nachnamens.

Die Töchter des ersten Präsidenten, wie Elly Winter, wurden fast vollständig aus dem Licht der Öffentlichkeit verbannt. Sie lebten eine Existenz im Verborgenen, da private Geschichten das sorgsam polierte Bild des unfehlbaren Staatsmannes hätten stören können. Ihr Schweigen war keine freie Wahl, sondern eine politische Überlebensstrategie, die sie unsichtbar machte, während ihr Vater im Rampenlicht stand.

Mit dem Tod Wilhelm Piecks im Jahr 1960 verloren die Kinder nicht nur ihren Vater, sondern auch ihren wichtigsten politischen Schutzschild. Die neue Führungselite der DDR benötigte die Familie nicht mehr als Symbol, und so schwanden die Privilegien rasch dahin. Sie blieben als lebende Relikte einer vergangenen Epoche zurück, weder Teil der neuen Machtzirkel noch fähig, sich in der Opposition zu verorten.

Nach dem Mauerfall 1989 endete die historische Rolle der Familie endgültig und wich einer ernüchternden Bedeutungslosigkeit. In der vereinten Bundesrepublik war der Name Pieck kein Türöffner mehr, sondern wurde oft als Belastung empfunden. Die Nachkommen zogen sich ins Private zurück, entfremdet von einer Gesellschaft, die ihre Biografie als historisches Kuriosum betrachtete, ohne die Menschen dahinter zu sehen.

Der Preis der Freiheit: Von der Grenze nach Bautzen II

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Es beginnt als harmloser Campingausflug im September 1983, bei dem zwei Männer scheinbar zum Pilzesuchen in den Wald aufbrechen. Doch die Körbe bleiben leer, denn das Ziel von Gerhard Valdiek und seinem Begleiter sind nicht die Wälder, sondern die Freiheit jenseits des Eisernen Vorhangs. Dieser Moment markiert den Übergang von einem staatlich dirigierten Leben in der DDR zu einem lebensgefährlichen Wagnis an der tschechischen Grenze, das blutig endet und das Leben der beiden Familien für immer verändert.

Die Entscheidung zur Flucht reift bei Valdiek nicht über Nacht, sondern ist das Resultat jahrelanger staatlicher Gängelung. Er beschreibt das beklemmende Gefühl, keine wesentlichen Entscheidungen über das eigene Leben treffen zu dürfen, als den Punkt, an dem das Maß endgültig voll war. Reisen waren unmöglich, der Alltag von oben bestimmt. Zusammen mit einem Freund plant er monatelang die Details, studiert Karten und wählt eine Route über die Tschechoslowakei, um das System der DDR dauerhaft hinter sich zu lassen.

Fünfzehn Kilometer legen die beiden Flüchtenden zu Fuß zurück, überwinden Zäune und durchschneiden Drähte mit mitgebrachtem Werkzeug. Sie wähnen sich fast in Sicherheit, als im Niemandsland plötzlich Schüsse fallen. Valdiek wird schwer getroffen: Eine Kugel verletzt sein rechtes Auge, eine andere streift seine Brust. Statt in die erhoffte Freiheit führt sein Weg nun schwerverletzt in die Hände tschechischer Sicherheitskräfte und noch in derselben Nacht zurück zur Staatssicherheit der DDR.

Nach Wochen in strenger Einzelhaft und der Verurteilung zu zwei Jahren und vier Monaten Haft landet Valdiek in der berüchtigten Sonderhaftanstalt Bautzen II. Der Alltag dort ist geprägt von Isolation und strenger Taktung. Er muss im Schichtsystem Zwangsarbeit für die Elektronikindustrie leisten, abgeschottet in kalten Kellerräumen. Die Zelle misst kaum acht Quadratmeter, die Gesellschaft ist erzwungen, und die psychische Belastung durch die Ungewissheit wiegt oft schwerer als die physischen Einschränkungen der Haft.

Kontakte zur Außenwelt werden in Bautzen systematisch unterbunden oder streng reglementiert. Ein einziger Brief pro Monat ist erlaubt, doch oft erreichen die Zeilen die Angehörigen nicht, weil sie angeblich unleserlich geschrieben sind. Besuche der Ehefrau finden unter ständiger Aufsicht eines Offiziers statt, ohne Berührung, ohne Intimität. Ein kurzer Händedruck zur Begrüßung ist das Maximum an menschlicher Nähe, das das Regime in diesen kontrollierten dreißig Minuten zulässt.

Im Juni 1984 ändert sich die Situation schlagartig. Ohne Vorwarnung wird Valdiek an einem Morgen aus seiner Zelle geholt und zusammen mit rund 40 anderen Häftlingen in Busse verfrachtet. Der Konvoi, angeführt von einem goldenen Mercedes, bringt die Gefangenen in den Westen. Es ist der Moment des Häftlingsfreikaufs durch die Bundesrepublik, ein politisches Geschäft mit Menschen, das für Valdiek jedoch die langersehnte Rettung aus der politischen Haft bedeutet.

Das Versprechen des Anwalts Wolfgang Vogel bewahrheitet sich schließlich: Exakt sechs Wochen nach seiner eigenen Ankunft im Westen folgt die Familie nach. Am Bahnhof in Bielefeld wartet Valdiek auf den Zug, der seine Frau und seinen Sohn bringt. Es ist das Ende einer traumatischen Trennung und der Beginn eines neuen Lebens in einer Gesellschaft, in der die Freiheit der persönlichen Entfaltung nicht mehr an einer Grenze mit Waffengewalt endet.

Ein Jahr Brombeere in Erfurt: Von nächtlichen Telefonaten und einem grünen Herzen

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Es ist ein sonniger Freitagmorgen in Erfurt, als sich die Regierungsspitze den Medien stellt. Das Wetter draußen passt zur Stimmung, die Ministerpräsident Mario Voigt (CDU), seine Stellvertreterin Katja Wolf (BSW) und Innenminister Georg Maier (SPD) drinnen verbreiten wollen. Vor genau einem Jahr trat dieses ungewöhnliche Bündnis, das als „Brombeer-Koalition“ bekannt wurde, mit dem Versprechen an, den politischen Stillstand zu beenden. Was damals viele Beobachter als Experiment mit kurzer Halbwertszeit abtaten, präsentiert sich heute als pragmatische Arbeitsgemeinschaft, die den Fokus auf Sacharbeit statt Ideologie legt.

Die drei Protagonisten machen keinen Hehl daraus, dass der Weg hierher nicht immer geräuschlos verlief. Katja Wolf berichtet offen von nächtlichen Telefonaten und Momenten der Übellaunigkeit, besonders während der intensiven Haushaltsverhandlungen. Doch genau diese Reibung scheint notwendig gewesen zu sein, um drei völlig unterschiedliche Parteikulturen unter einen Hut zu bekommen. Das Ergebnis dieser Mühen ist ein Doppelhaushalt, der nicht nur steht, sondern auch Planungssicherheit für die kommenden zwei Jahre bietet. Man betont das Verbindende: Vertrauen und Verantwortung als Währung in einer Zeit politischer Polarisierung.

Ein zentraler Pfeiler der Bilanz ist das kommunale Investitionsprogramm. Eine Milliarde Euro soll in die Städte und Gemeinden fließen – laut Finanzministerin Wolf die größte Investition dieser Art seit der Wende. Das Geld ist zweckgebunden für Schulen, Straßen und digitale Infrastruktur, soll aber unbürokratisch und mit großem Vertrauen in die kommunale Selbstverwaltung vergeben werden. Es ist der Versuch, den Investitionsstau im Land aufzulösen und gleichzeitig der kriselnden Bauwirtschaft unter die Arme zu greifen, auch wenn der Rechnungshof die Finanzierung über Kredite durchaus kritisch sieht.

Auch beim emotionalen Thema Bildung und Personal sieht die Regierung eine Trendwende. Erstmals seit Langem wurden in Thüringen mehr Lehrkräfte eingestellt, als in den Ruhestand gingen. Der Unterrichtsausfall sei auf rund neun Prozent gesunken. Voigt spricht von einem Ende des Verwaltens und einem Beginn des Gestaltens. Parallel dazu verweist Innenminister Maier auf die innere Sicherheit: Die Zuzugszahlen im Migrationsbereich wurden halbiert, die Abschiebehaft konsequent angewandt und gleichzeitig massiv in die Ausbildung der Polizei und Feuerwehr investiert, etwa am Standort Meiningen.

Die wirtschaftliche Lage dient der Koalition als weiterer Beleg für den Erfolg ihres Kurses. Thüringen finde sich beim Wirtschaftswachstum wieder in der Spitzengruppe der Bundesländer und habe sich vom Bundestrend abgekoppelt. Großansiedlungen wie die von X-Fab werden als Beweis für die wiedergewonnene Attraktivität des Standorts angeführt. Voigt verbindet dies mit einer Erzählung von neuem Stolz: Die Identifikation der Bürger mit ihrem „Grünen Herz“ liege bei 88 Prozent – Werte, die der Ministerpräsident augenzwinkernd mit der Markenbindekraft von Coca-Cola vergleicht.

Doch nicht alles ist eitel Sonnenschein. Die Umfragewerte des Bündnispartners BSW haben sich im letzten Jahr fast halbiert und liegen nur noch bei sieben Prozent. Katja Wolf führt dies auf bundespolitische Turbulenzen zurück, sieht es aber auch als Ansporn, die Regierungsarbeit sichtbarer zu machen. Kritik der Opposition, etwa der Linken, die von einer „Show“ spricht, oder der AfD, die gegen den Haushalt klagen will, wird von der Regierungsbank mit einer Mischung aus Gelassenheit und Angriffslust pariert: Man habe 10 Jahre Stillstand aufzuräumen.

Am Ende dieses ersten Jahres steht der Anspruch, Thüringen von einem Nehmer- zu einem Geberland zu entwickeln. Die Koalitionäre wirken dabei weniger wie eine Zweckgemeinschaft, sondern eher wie Partner, die sich zusammengerauft haben. Ob die Harmonie der Pressekonferenz auch den Stürmen der kommenden Legislaturhälfte standhält, wird sich zeigen müssen. Für den Moment jedoch dominiert das Bild einer Regierung, die – wie Georg Maier es formuliert – nicht per Richtlinienkompetenz, sondern auf Augenhöhe agiert.

Das Kollektiv zwischen Zwang und Zuflucht: Die Brigadefeier

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In den Pausenräumen der Volkseigenen Betriebe roch es an Freitagnachmittagen oft nach Zigarettenrauch, Bohnenkaffee und dem süßlichen Duft von „Rotkäppchen“-Sekt. Was auf den ersten Blick wie eine spontane Flucht aus dem grauen Arbeitsalltag wirkte, folgte einer strengen Choreografie, die staatliche Vorgaben und privates Vergnügen untrennbar miteinander verwob. Die Brigadefeier war in der DDR weit mehr als nur Geselligkeit; sie war ein politisch gewolltes Ritual.

Der staatliche Anspruch lautete „Sozialistisch arbeiten, lernen und leben“. Diese Losung aus dem Jahr 1959 machte den Arbeitsplatz zum zentralen Sozialisationsort. Wer den begehrten Titel „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ und die damit verbundene Geldprämie ergattern wollte, musste nicht nur den Plan erfüllen, sondern auch gemeinsam ins Theater gehen oder wandern. Die Feier wurde so zur ökonomischen Notwendigkeit für den Geldbeutel jedes Einzelnen.

Ein einzigartiges Zeugnis dieser Zeit sind die Brigadetagebücher, die heute in Museen lagern. In akkurater Schönschrift und mit eingeklebten Urkunden dokumentierten sie das vermeintlich perfekte kollektive Leben. Doch zwischen den Zeilen der ideologischen Phrasen klaffte oft eine Lücke zur Realität. Während der Text brav von politischer Weiterbildung berichtete, zeigten die eingeklebten Fotos ausgelassene Schnappschüsse, die wenig mit Parteidisziplin zu tun hatten.

Innerhalb dieser staatlichen Strukturen bildete sich das, was der Soziologe Günter Gaus als „Nischengesellschaft“ bezeichnete. Die Brigade fungierte als Tauschnetzwerk in der Mangelwirtschaft. Auf den Feiern wurden keine politischen Parolen diskutiert, sondern Autoteile organisiert und Handwerkerleistungen vermittelt. Der Alkohol löste hierbei die Zungen und schuf eine vertraute Intimität, die Kritik an der Obrigkeit im geschützten Raum zuließ.

Besonders der Internationale Frauentag am 8. März stach im Jahreskalender hervor. In einer Art karnevalesker Umkehrung der Verhältnisse bedienten die Männer an diesem Tag ihre Kolleginnen, kochten Kaffee und schenkten Alkohol aus. Diese ritualisierten Exzesse, oft begleitet von reichlich „Goldbrand“, waren ein Ventil für den Druck der Doppelbelastung, unter dem viele Frauen in der DDR-Arbeitswelt standen, und stärkten den internen Zusammenhalt enorm.

Wie brisant diese Feierkultur war, zeigte der Skandal um Sighard Gilles Gemälde „Brigadefeier – Gerüstbauer“ im Jahr 1977. Statt heroischer Arbeiter malte er eine chaotische Partygesellschaft mit geröteten Gesichtern und schief hängenden Lampions. Die Funktionäre waren empört über diese Darstellung des „Dampfablassens“, doch das Bild fing genau jene ungeschminkte Realität ein, die in den offiziellen Berichten der Brigadebücher meist verschwiegen wurde.

Mit dem Mauerfall 1989 endete diese Ära abrupt. Die Kombinate wurden zerschlagen, die soziale Sicherheit wich der Konkurrenz, und die Brigadebücher brachen oft mitten im Satz ab. Was bleibt, ist die ambivalente Erinnerung an eine Zwangsgemeinschaft, die vielen dennoch als soziale Heimat diente. Die Brigadefeier war der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Diktatur und Alltag, ein Ort, an dem die große Politik oft einfach im Alkohol ertränkt wurde.

Der teuerste Umzug der Geschichte: Als die Rote Armee ging

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31. August 1994. Die Sonne brennt, als der russische Präsident Boris Jelzin, sichtlich beschwingt, dem Dirigenten des Polizeiorchesters den Taktstock aus der Hand reißt. Eine Szene für die Geschichtsbücher, halb peinlich, halb befreiend. Sie markiert den schrillen Schlussakkord einer Besatzung, die 49 Jahre dauerte. Doch hinter diesem bizarren Festakt verbirgt sich eine logistische und menschliche Tragödie, deren Spuren bis heute in den sandigen Böden Brandenburgs und den zerstörten Städten der Ukraine zu finden sind.

Es war eine Operation der Superlative, die im Schatten der Wiedervereinigung fast geräuschlos abgewickelt wurde. Über eine halbe Million Menschen – Soldaten, Zivilangestellte, Familien – mussten zurück in ein Reich, das gerade zerfiel. Mit ihnen reisten 4.000 Panzer und unzählige Tonnen Munition. Die „Westgruppe der Truppen“, einst der stählerne Stolz Moskaus und die Faust gegen die NATO, wurde nicht militärisch geschlagen, sondern vertraglich abgewickelt und per Bahn und Schiff nach Osten verfrachtet.

Das logistische Nadelöhr für diesen Rückzug lag auf der Insel Rügen. Im Fährhafen Mukran, gebaut für den Krieg, rollten nun Panzer in den Frieden. Breitspur-Waggons verschwanden in den Bäuchen riesiger Fähren Richtung Klaipeda, um den mühsamen Spurwechsel an der polnischen Grenze zu umgehen. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit, getrieben von einem engen Zeitplan, der keine Rücksicht auf die chaotischen Zustände in der Heimat der Soldaten nahm, wo oft weder Kasernen noch eine Zukunft auf sie warteten.

Um diesen Abzug überhaupt möglich zu machen, griff die Bundesregierung tief in die Tasche. Rund 12 Milliarden D-Mark flossen nach Moskau, ein „Schweigegeld“ für die Freiheit, wie Spötter meinten. Der größte Posten: Ein gigantisches Wohnungsbauprogramm. Deutsche Firmen stampften in Russland, Belarus und der Ukraine ganze Stadtviertel aus dem Boden. Moderne Siedlungen mit Schulen und Polikliniken sollten den entwurzelten Offizieren eine neue Heimat bieten und sozialen Sprengstoff entschärfen.

Die Ironie der Geschichte zeigt sich heute an Orten wie Krywyj Rih oder Charkiw in der Ukraine. Dort stehen jene mit deutschen Milliarden finanzierten „Friedenssiedlungen“, die einst für die Rückkehrer der Roten Armee gebaut wurden. In den aktuellen Kriegsnachrichten tauchen sie wieder auf – nun als Ziele russischer Angriffe. Was als Instrument der Stabilisierung gedacht war, ist heute Teil eines Schlachtfelds, auf dem die Enkel der damaligen Abzügler einen brutalen Krieg führen.

Während die Soldaten gingen, blieb ihr toxisches Erbe im Boden zurück. Die ökologische Bilanz der Besatzung war verheerend. In Lärz oder Parchim schwammen riesige Kerosinseen auf dem Grundwasser, Hinterlassenschaften undichter Tanks und achtloser Betankungen. Ganze Wälder rund um Jüterbog sind bis heute Sperrzonen, weil dort tonnenweise Munition im Sand liegt. Wenn es dort brennt, kann die Feuerwehr oft nur zusehen, weil das Betreten der „verbrannten Erde“ lebensgefährlich ist.

Für die russischen Offiziere selbst war der Abzug oft eine Demütigung. Sie kamen als Sieger des Zweiten Weltkriegs und gingen als Verlierer des Kalten Krieges, oft degradiert zu Händlern auf Flohmärkten, wo sie Uniformteile und Ausrüstung für Westmark verramschten. Ihr Oberkommandierender Burlakow wollte als Letzter gehen, doch die politische Inszenierung in Berlin stahl ihm die Show. Zurück blieben Geisterstädte wie Wünsdorf, wo Lenin-Statuen noch lange einsam Wache hielten.

Die DDR als Sehnsuchtsort – warum wir uns Geschichte heute schönreden

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Wer auf Facebook viele Klicks will, muss die DDR heute nur noch als Sehnsuchtsort erzählen. Billig, überschaubar, menschlich. Je weniger man über Kontrolle, Anpassung und Abhängigkeit spricht, desto besser läuft der Beitrag. Das Harte wird im Nachhinein verklärt, das Schwierige relativiert, das Unbequeme ausgeblendet.

Was dabei oft verloren geht, ist Realität. Erinnerung wird zur Wohlfühlkulisse, Geschichte zur Gefühlsfrage. Wer einwirft, dass es eben nicht nur warm, sondern auch eng war, gilt schnell als Spielverderber oder „Wessi-Narrativ“-Wiederholer.
Auffällig ist, wie professionell diese Verklärung inzwischen betrieben wird. KI-Bilder zeigen eine DDR, die aufgeräumter, freundlicher und schöner wirkt als sie je war. Das ist keine Erinnerung mehr, das ist Rekonstruktion nach Wunsch. Und sie funktioniert – algorithmisch wie emotional.

Natürlich hatten Menschen gute Momente, Freundschaften, Lebensfreude. Das stellt niemand infrage. Aber daraus ein Gesamtbild zu machen, das politische Realität, Machtverhältnisse und Zwänge ausblendet, ist nicht harmlos. Es verschiebt Maßstäbe – und am Ende auch die Debatte über Freiheit, Verantwortung und Wahrheit.

Problematisch wird es dort, wo jede Kritik mit dem Satz abgewehrt wird: „So schlimm war das doch alles gar nicht.“ Dieser Satz beendet keine Diskussion, er verhindert sie. Er schützt die eigene Erinnerung – auf Kosten der historischen Einordnung.

Vielleicht ist es unbequem, sich einzugestehen, dass man in einem System gelebt hat, das man sich heute so nicht mehr wünschen würde. Aber genau diese Ehrlichkeit wäre der erste Schritt zu einer erwachsenen Erinnerungskultur.
Was mich interessiert: Geht es hier wirklich um die DDR – oder um die Sehnsucht nach einer einfachen Vergangenheit, weil die Gegenwart zu kompliziert geworden ist?

Die SED sucht ihr Heil in der Umweltpolitik am Grünen Tisch

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Es ist ein Samstag, an dem die Luft in der DDR vor Spannung vibriert und der erste Schnee politischer Veränderungen fällt. Während die Bürger auf den Straßen längst Fakten geschaffen haben, versucht die alte Führung verzweifelt, den Anschluss nicht gänzlich zu verlieren. In den Amtsstuben der SED rauchen die Köpfe, wie man die Macht noch retten kann.

Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands setzt an diesem 16. Dezember 1989 auf eine neue Karte: den Umweltschutz. Mit der Einladung an alle demokratischen Kräfte zu einem „Grünen Tisch“ will sie Handlungsfähigkeit demonstrieren. Im ehemaligen Haus des Zentralkomitees soll ein Treffpunkt entstehen, um den ökologischen Kollaps des Landes zu diskutieren.

Doch die Realität hat die Planer längst überholt. In Berlin versammeln sich Vertreter der neuen Oppositionsgruppen, um die zweite Sitzung des zentralen Runden Tisches vorzubereiten. Überall im Land entstehen Fakten: In Ilmenau gründet sich die Grüne Partei, und in den Betrieben bilden sich unabhängige Gewerkschaften, die sich von der alten Bevormundung lösen.

Ein historisches Ereignis wirft seine Schatten voraus und elektrisiert die Menschen. In Dresden laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren für den Besuch von Bundeskanzler Helmut Kohl. Erste Gespräche finden statt, um den Rahmen abzustecken für einen Moment, der in wenigen Tagen als entscheidender Wendepunkt in die deutsch-deutschen Geschichtsbücher eingehen wird.

Mahnende Worte kommen derweil aus Hamburg von Altkanzler Helmut Schmidt. Er warnt in der „Zeit“ eindringlich vor nationalen Alleingängen und fordert Weitsicht. Die Anerkennung der polnischen Westgrenze müsse ohne juristische Spitzfindigkeiten erfolgen, um die Ängste der europäischen Nachbarn vor einer neuen deutschen Dominanz zu zerstreuen.

Während die große Politik über Grenzen verhandelt, spüren die Kommunen im Westen die Last der Freiheit ganz praktisch. München streicht das zusätzliche Begrüßungsgeld, da der Ansturm die Stadtkassen sprengt. Es ist ein Tag des Umbruchs, an dem Euphorie und Sorge, taktisches Kalkül und echter Aufbruch in Ost und West eng beieinanderliegen.

Aufstand gegen Hermann Kant: Berliner Autoren fordern Wandel

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Der Zigarettenrauch hängt tief im Klub der Kulturschaffenden, doch die Luft ist klarer denn je. Es ist der 15. Dezember 1989 in Berlin. Während auf den Straßen das Machtmonopol der SED längst Geschichte ist, klammern sich in den Amtsstuben der Kulturfunktionäre die alten Kader noch immer an ihre Sessel. Vierundzwanzig Autoren haben genug von diesem Stillstand und verfassen ein Dokument, das die literarische Landschaft der DDR erschüttern wird.

Im Zentrum der harschen Kritik steht Hermann Kant. Der gefeierte Autor von „Der Aufenthalt“ und langjährige Präsident des Schriftstellerverbandes gilt den Unterzeichnern längst nicht mehr als ihr legitimer Vertreter. Seine jüngste Bestätigung durch den Vorstand empfinden sie als offene Provokation. Kant hatte zuvor gegen eine wichtige Resolution gestimmt, die Veränderungen in der DDR einforderte, und damit seinen Rückhalt verspielt.

Der Ton des verfassten Papiers ist schneidend scharf und duldet keinen Widerspruch mehr. „Wir haben weder Zeit noch Lust“, heißt es in der Erklärung, sich durch veraltete Statuten bremsen zu lassen. Die Geduld für taktische Spielchen ist am Ende. Es geht den Verfassern nicht mehr um kleine kosmetische Korrekturen, sondern um gravierende, strukturelle Veränderungen im Berufsverband, die keinen Aufschub mehr dulden.

Die Liste der Unterzeichner liest sich wie ein Querschnitt durch die unangepasste Literaturlandschaft. Neben der Lyrikerin Elke Erb und der später gefeierten Helga Schubert finden sich auch Science-Fiction-Autoren wie das Ehepaar Steinmüller. Sie alle eint an diesem Dezembertag die Weigerung, sich weiter von einer funktionärshörigen Führung bevormunden zu lassen. Es ist ein Bündnis quer durch alle Genres gegen den Apparat.

Der Bruch hatte sich bereits im Frühherbst angekündigt. Schon am 14. September, noch vor den entscheidenden Leipziger Demonstrationen, hatte der Berliner Verband eine mutige Resolution verfasst. Dass Kant diese damals ablehnte, zerschnitt das letzte Band des Vertrauens. Nun, drei Monate später, vollziehen die Berliner Autoren die logische Konsequenz und kündigen dem Präsidenten öffentlich die Loyalität auf.

Dieses Dokument markiert einen Akt der ultimativen Selbstermächtigung einer Berufsgruppe. Lange Zeit galt Literatur in der DDR als „Waffe im Klassenkampf“ oder staatlich gelenktes Erziehungsinstrument. Mit ihrer Unterschrift erklären diese Schriftsteller ihre Unabhängigkeit und degradieren die alten Machtstrukturen zu bedeutungslosen Hüllen, die den Geist der neuen Zeit nicht mehr repräsentieren können.

Die Erklärung ist der Anfang vom Ende des zentralistischen Schriftstellerverbandes der DDR. Nur wenige Monate später wird sich die Organisation in ihrer alten Form auflösen. Was an diesem Dezembertag im Klub der Kulturschaffenden begann, war der entscheidende Schritt hin zu einer freien, demokratisch organisierten Interessenvertretung ohne ideologische Fesseln und staatliche Gängelung.

Geralf Pochop und der Punk-Widerstand in der DDR

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Das West-Radio bringt 1977 die ersten schnellen Akkorde in die DDR und entfacht eine Sehnsucht, die der Staat nicht dulden will. Für Geralf Pochop beginnt eine Reise, die ihn ins Visier der Staatssicherheit führt. Was als harmlose Jugendkultur beginnt, wird durch den Druck des Regimes schnell zu bitterem politischem Ernst.

Im Jahr 1983 erklärt Stasi-Chef Erich Mielke die Punk-Bewegung zum Hauptfeind. Öffentliche Plätze sind für Jugendliche mit falscher Kleidung plötzlich tabu. Wer mit Irokesenschnitt erwischt wird, muss mit hohen Geldstrafen rechnen, die sich theoretisch mehrmals täglich summieren können, um die Rebellion finanziell zu ersticken.

Die Szene lässt sich nicht verbieten und sucht Schutz in Kirchenräumen. Unter harmlosen Tarnnamen wie „Orgelclub“ finden wilde Konzerte statt. Bauarbeiter im Publikum entpuppen sich als Punks, die ihre Arbeitskluft abwerfen, sobald die ersten Töne erklingen. Es ist ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel mit der sozialistischen Obrigkeit.

Die Methoden der Zersetzung werden brutaler. Mitten im Winter entführen Stasi-Mitarbeiter Pochop in ein Waldstück bei Halle, um ihn als Informanten anzuwerben. Trotz massiver Drohungen gegen seine Freiheit und Gesundheit bleibt er standhaft und verweigert die geforderte Unterschrift für die Zusammenarbeit konsequent.

Am 7. Oktober 1987, dem Jahrestag der Republik, greift der Staat endgültig durch. Pochop wird verhaftet, kahlgeschoren und landet in Isolationshaft. Der Vorwurf der öffentlichen Herabwürdigung führt zu einer sechsmonatigen Haftstrafe, die er teils mit Schwerverbrechern verbringen muss, was ihn nur weiter radikalisiert.

Aus dem Musikfan wird ein politischer Aktivist, der Flugblätter schreibt und Widerstand leistet. Doch der Druck bleibt enorm. Wenige Tage vor dem Mauerfall im November 1989 wird er zwangsausgebürgert. Er sitzt in einem Sonderzug gen Westen, während hinter ihm ein System zusammenbricht, das ihn eigentlich brechen wollte.

Wie ein kirchlicher Sozialarbeiter die Treuhand überzeugte

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In den Wirren der Nachwendezeit, als viele Betriebe im Osten stillstanden, herrschte in Leisnig eine bedrückende Stille. Die Treuhand hatte das Urteil über die Spielzeugfabrik gefällt, und mit der Abwicklung verloren nicht nur die regulären Angestellten ihre Arbeit. Besonders hart traf es jene, die auf den geschützten Plätzen tätig waren.

Ein engagierter Sozialarbeiter der Kirche sah in den verlassenen Hallen kein Industriedenkmal, sondern eine Zukunft für hunderte Menschen. Die kleine Tagesstätte mit ihren zwölf Plätzen reichte längst nicht mehr aus, um den Bedarf in der neuen Realität zu decken. Der Plan war riskant: Man wollte nicht neu bauen, sondern Bestand nutzen.

Der Kaufpreis von 300.000 Mark stellte eine enorme Hürde dar, doch die Lösung war so ungewöhnlich wie die Zeit selbst. Das Geld stammte aus dem beschlagnahmten Vermögen der SED, das nun für soziale Investitionen beantragt werden konnte. Es war eine Ironie, dass Mittel, die das System stützten, nun den Grundstein für Neues legten.

Mit weiteren 800.000 D-Mark Investition wurden die maroden Räume saniert und angepasst. Wo früher Holzspielzeug für den Export gefertigt wurde, entstand Schritt für Schritt eine moderne Werkstatt. Was mit 60 Plätzen begann, wuchs über die Jahre zu einem Verbund mit fast 300 Beschäftigten an drei Standorten an.

Auch in Roßwein zeigte sich dieser pragmatische Geist, als ein altes Krankenhaus leerstand. Die Vision eines Pflegeheims scheiterte zunächst an der Bausubstanz, doch statt aufzugeben, riss man ab und baute neu. Die kirchliche Sozialarbeit, geprägt von jahrelanger Improvisationskunst, traf hier hart auf die ökonomischen Zwänge des Westens.

Der Fokus lag dabei nie auf lautem Protest auf der Straße, sondern auf stiller Arbeit in Fachgremien. Ob bei der Umstrukturierung von Polikliniken oder der Einrichtung von Beratungsstellen für Verschuldete – es ging darum, das soziale Netz neu zu knüpfen. Die Runden Tische ersetzten die alten Hierarchien der Funktionäre.