Die „Tripperburgen“ der DDR


Wer als junge Frau in der DDR in den Verdacht geriet, ein „unsittliches Leben“ zu führen, konnte plötzlich hinter verschlossenen Türen landen. In Halle, Leipzig, Dresden, Erfurt, Berlin und anderen Städten existierten geschlossene venerologische Stationen, die offiziell der Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten dienten. Im Volksmund hießen sie „Tripperburgen“.

Für viele begann der Weg dorthin nicht mit einer Diagnose, sondern mit einem Verdacht. Eine Kontrolle durch die Volkspolizei, eine Denunziation im Wohnumfeld oder der Vorwurf, häufig wechselnde Bekanntschaften zu haben, konnten genügen. Nicht wenige der Eingewiesenen waren noch sehr jung. Einige wurden direkt von der Straße, andere aus Wohnheimen oder von ihren Arbeitsstellen abgeholt.

Historische Patientenakten zeichnen ein Bild, das sich deutlich von der offiziellen Begründung unterscheidet. Ein großer Teil der eingewiesenen Frauen litt zum Zeitpunkt der Aufnahme an keiner Geschlechtskrankheit. Trotzdem wurden sie auf geschlossenen Stationen untergebracht, oft ohne zu wissen, wie lange sie bleiben mussten.

Besonders gut erforscht ist die Station in der Kleinen Klausstraße in Halle. Ehemalige Patientinnen erinnern sich an lange Flure, verschlossene Türen und einen streng geregelten Tagesablauf. Der Kontakt nach draußen war eingeschränkt. Gespräche wurden überwacht, Anweisungen mussten befolgt werden. Wer sich widersetzte, musste mit Sanktionen rechnen.

Zu den belastendsten Erinnerungen gehören für viele Frauen die täglichen gynäkologischen Untersuchungen. Zeitzeuginnen schildern sie als schmerzhaft, entwürdigend und angsteinflößend. Was offiziell als medizinische Maßnahme galt, wurde von zahlreichen Betroffenen als Demonstration von Macht erlebt. Viele berichten, dass sie weniger als Patientinnen behandelt wurden als vielmehr als Menschen, die erzogen und diszipliniert werden sollten.

Diesen Eindruck bestätigen auch überlieferte Hausordnungen. Dort war nicht allein von Behandlung die Rede. Als Ziel wurde ausdrücklich die „Erziehung“ sogenannter asozialer Frauen genannt. Medizinische Versorgung und gesellschaftliche Kontrolle gingen dabei Hand in Hand.
Für die meisten Frauen endete die Geschichte nicht mit dem Verlassen der Station. Viele schwiegen jahrzehntelang über das Erlebte. Erst nach der deutschen Einheit begannen ehemalige Patientinnen, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen. Historiker und Medizinforscher sichteten Akten, führten Interviews und rekonstruierten die Abläufe hinter den Klinikmauern.

Heute erzählen diese Berichte von Orten, die äußerlich wie gewöhnliche Krankenhausabteilungen wirkten. Für die Frauen, die dort festgehalten wurden, waren sie jedoch mit Angst, Ohnmacht und dem Gefühl verbunden, der Kontrolle anderer ausgeliefert zu sein. Hinter dem umgangssprachlichen Begriff „Tripperburg“ verbarg sich für viele ein Abschnitt ihres Lebens, über den sie oft erst Jahrzehnte später sprechen konnten.