
Für viele Seeleute in Rostock, Wismar oder Warnemünde war die Deutsche Seereederei über Jahrzehnte mehr als ein Arbeitgeber. Wer bei der DSR fuhr, verbrachte oft Monate auf See, kannte Häfen in Kuba, Vietnam oder Afrika und brachte Geschichten mit nach Hause, die im Alltag der DDR selten waren. Nach der deutschen Einheit änderten sich die Bedingungen jedoch grundlegend.
Als die DSR 1993 privatisiert wurde und die Hamburger Unternehmer Horst Rahe und Nikolaus W. Schües das Unternehmen übernahmen, stand die Reederei vor schwierigen Entscheidungen. Die Frachtschifffahrt, einst das Kerngeschäft, erwies sich im internationalen Wettbewerb zunehmend als wenig rentabel. Viele Beschäftigte erlebten, wie sich ihre vertraute Arbeitswelt veränderte. Schiffe wurden verkauft, Geschäftsbereiche neu geordnet und Zukunftspläne auf den Prüfstand gestellt.
Gleichzeitig entstand eine neue Idee. Gemeinsam mit Seetours setzte die DSR auf Kreuzfahrten für ein Publikum, das mit den traditionellen Vorstellungen einer Seereise wenig anfangen konnte. Statt Abendgarderobe und festen Tischzeiten sollte Urlaub auf See ungezwungener werden.
1996 lief die erste „AIDA“ in Dienst. Der Kussmund am Bug wurde schnell zum Erkennungszeichen. Auf dem Schiff begegneten sich Familien mit Kindern, junge Paare und Urlauber, die zuvor nie eine Kreuzfahrt gebucht hätten. Das Konzept fand viele Anhänger und die Nachfrage wuchs rasch.
Als die Marke AIDA im Jahr 2000 an den Kreuzfahrtkonzern P&O verkauft wurde, standen der Unternehmensgruppe neue finanzielle Möglichkeiten offen. Das Geld floss in Hotels, Ferienanlagen und Flusskreuzfahrten. Die Marke A-ROSA entstand, später kamen neue Hotelkonzepte hinzu. Auch das Hotel Neptun in Warnemünde, seit DDR-Zeiten eine feste Adresse an der Ostsee, wurde modernisiert.
Aus der einstigen Staatsreederei wurde Schritt für Schritt ein Tourismusunternehmen. Wo früher Frachtschiffe unter DSR-Flagge über die Weltmeere fuhren, stehen heute Hotels, Resorts und Kreuzfahrten im Mittelpunkt. Die Entwicklung spiegelt den Weg vieler ostdeutscher Betriebe nach 1990 wider – zwischen dem Ende vertrauter Strukturen und der Suche nach neuen Geschäftsfeldern.