Wer heute auf die politische Struktur der DDR blickt, denkt meist zuerst an die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, die SED. Tatsächlich bestimmte sie nahezu jeden Bereich des gesellschaftlichen und politischen Lebens. Doch offiziell präsentierte sich die DDR nicht als klassischer Einparteienstaat. Auf Wahlzetteln standen mehrere Parteien, und nach außen sollte der Eindruck entstehen, verschiedene politische Kräfte würden gemeinsam Verantwortung tragen. Genau darin lag jedoch eine der großen politischen Inszenierungen des Staates.
Neben der SED existierten die sogenannten Blockparteien: die CDU, die LDPD, die DBD und die NDPD. Auf den ersten Blick wirkten sie wie eigenständige politische Organisationen mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Wurzeln. Die CDU sollte christliche Kreise ansprechen, die LDPD liberale Bürger, die DBD die Bauern und die NDPD ehemalige Nationalkonservative sowie frühere Wehrmachtsangehörige integrieren. Doch schon früh verlor jede dieser Parteien ihre politische Eigenständigkeit.
Zusammengefasst wurden sie in der „Nationalen Front“, einem Bündnis, das angeblich die gesamte Bevölkerung repräsentieren sollte. Tatsächlich kontrollierte die SED dieses Konstrukt vollständig. Bereits in den fünfziger Jahren wurden kritische Stimmen innerhalb der Blockparteien ausgeschaltet oder politisch kaltgestellt. Eigenständige Programme oder gar Opposition waren nicht vorgesehen. Die Aufgabe der Parteien bestand zunehmend darin, Entscheidungen der SED in bestimmte gesellschaftliche Gruppen hineinzutragen und dort Zustimmung zu organisieren.
Besonders sichtbar wurde diese politische Fassade bei den Wahlen. Die Bürger konnten keine konkurrierenden Parteien wählen, sondern lediglich einer Einheitsliste zustimmen oder sie ablehnen. Wer den Wahlzettel unverändert in die Urne warf, signalisierte Zustimmung zum gesamten politischen System. Zwar existierte formal die Möglichkeit, Kandidaten zu streichen, doch dies geschah öffentlich und wurde oft als Provokation wahrgenommen. Viele Menschen erinnerten sich später an die bedrückende Atmosphäre in den Wahllokalen, in denen Kontrolle und gesellschaftlicher Druck deutlich spürbar waren.
Die Nationale Front war damit weniger ein demokratisches Bündnis als vielmehr ein Instrument zur Stabilisierung der Macht. Durch die Existenz mehrerer Parteien sollte sowohl im Inland als auch international der Eindruck eines pluralistischen Systems entstehen. Tatsächlich blieb die politische Richtung jedoch fest in der Hand der SED-Führung.
Für viele Bürger gehörte diese Widersprüchlichkeit zum Alltag der DDR: Nach außen sprach man von Demokratie und Mitbestimmung, während politische Entscheidungen längst hinter verschlossenen Türen getroffen wurden. Die Blockparteien wurden so zu einem Symbol jener kontrollierten Scheinvielfalt, die den Staat über Jahrzehnte prägte.