Das Trauma der Treuhand – Von Bischofferode bis Leuna

Der negative Gründungsmythos der Berliner Republik: Wie aus dem „Volksvermögen“ eine Schuldenlast wurde und warum die Wunden bis heute nicht verheilt sind.

Wenn es ein Wort gibt, das im ostdeutschen Gedächtnis offene Wunden markiert, dann ist es „Treuhand“. Die Treuhandanstalt (THA), ursprünglich von der Modrow-Regierung gegründet, um das „Volkseigentum“ der DDR zu bewahren, wurde durch das Treuhandgesetz vom Juni 1990 zur radikalsten Privatisierungsmaschine der Geschichte umgebaut. Ihr Mandat aus dem Einigungsvertrag (Artikel 25) lautete: Privatisieren, Sanieren, Stilllegen. Was folgte, war eine wirtschaftliche Schocktherapie ohne Anästhesie.

Das Platzen einer Illusion
Der Start war von einer gigantischen Illusion geprägt. Der erste Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder schätzte das DDR-Industrievermögen noch auf 600 Milliarden D-Mark. Die Realität war ein Schock: Der Zusammenbruch der Osteuropa-Exporte und die veralteten Strukturen führten dazu, dass die Treuhand 1994 nicht mit einem Gewinn, sondern mit einem Defizit von über 260 Milliarden DM schloss. Für die Ostdeutschen hieß das: Ihre Lebensleistung, materialisiert in ihren Betrieben, wurde über Nacht wertlos. Millionen Arbeitsplätze gingen verloren, ganze Regionen deindustrialisierten. Die Treuhand wurde zur „erinnerungskulturellen Bad Bank“ der Einheit, auf die sich aller Frust projizierte.

Bischofferode: Symbol des Widerstands
Das emotionale Zentrum dieses Traumas ist Bischofferode. 1993 traten die Kalikumpel des Werkes „Thomas Müntzer“ in den Hungerstreik. Ihr Slogan „Bischofferode ist überall“ hallte durch die Republik. Anders als viele marode Betriebe schrieb Bischofferode schwarze Zahlen. Der Vorwurf der Bergleute: Die Treuhand schließe ihr Werk nicht aus wirtschaftlicher Not, sondern um den westdeutschen Konkurrenten (K+S AG) vor lästigem Wettbewerb zu schützen. Dass die Bundesregierung hart blieb und die Grube flutete, zementierte im Osten den Verdacht, dass es bei der Einheit nicht um Marktwirtschaft, sondern um Marktbereinigung zugunsten westdeutscher Konzerne ging.

Der Schatten der Korruption: Leuna und Elf Aquitaine
Noch düsterer ist das Kapitel der Leuna-Raffinerie. Der Verkauf an den französischen Konzern Elf Aquitaine (heute Total) gilt als einer der größten Wirtschaftsskandale der Nachkriegszeit. Dokumente belegen, dass Schmiergelder in Millionenhöhe flossen – getarnt als „Nützliche Abgaben“ oder „Studienkosten“. Thyssen und Elf Aquitaine jonglierten mit über 38 Millionen Mark, von denen ein Großteil in dunklen Kanälen versickerte, mutmaßlich auch in Richtung deutscher Politik. Während die Arbeitnehmer vor Ort um ihre Existenz bangten, bereicherten sich Lobbyisten wie Dieter Holzer. Die Leuna-Affäre bestätigte das schlimmste Vorurteil vieler Ostdeutscher: Dass ihr Land im Chaos der Wendezeit zur Beute skrupelloser Geschäftemacher wurde, während die Treuhandanstalt als staatliche Aufsicht versagte oder wegsah.