Warum wir 35 Jahre später immer noch aneinander vorbeireden

Wenn ich in die Kommentarspalten meiner Beiträge in Facebook blicke, wobei es um das Erbe der DDR und die Wendezeit geht, betrete ich keinen Diskussionsraum. Ich betrete ein Schlachtfeld der Biografien. Da ist die Rede von „Raubzug“ auf der einen Seite und von „Rettung vor dem Staatsbankrott“ auf der anderen. Es ist, als würden zwei Menschen denselben Film sehen, aber während der eine ein befreiendes Drama erlebt, sieht der andere eine schmerzhafte Tragödie über den Verlust von Heimat und Würde.

Die zwei Wahrheiten der Ökonomie

„Wir müssen moralisch und wirtschaftlich trennen“, schreibt ein Nutzer und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Wirtschaftlich gesehen war die DDR 1989 am Ende – technologisch abgehängt, die Infrastruktur zerfressen vom Zahn der Zeit. Doch die ökonomische Wahrheit hat eine Kehrseite: die psychologische. Für Millionen Menschen bedeutete der „Anschluss“ eben nicht nur die Ankunft der D-Mark, sondern die radikale Entwertung ihrer Lebensleistung. Wenn Fabriken, die jahrzehntelang Identität stifteten, über Nacht als „Schrott“ deklariert wurden, dann fühlte sich das für viele nicht wie eine Sanierung an, sondern wie eine Amputation.

Das Dilemma der „Ostalgie“

Oft wird den Ostdeutschen heute eine „Ostalgie“ vorgeworfen – eine gefährliche Verklärung einer Diktatur. Doch wer genau hinhört, merkt: Meist wird nicht die Stasi vermisst oder die Mauer. Vermisst wird die Abwesenheit von Existenzangst. In der DDR war das Leben „grau-sam“, wie ein Kommentator schreibt, aber es war berechenbar. Die heutige Freiheit ist bunt, aber sie ist auch fordernd, kompetitiv und manchmal gnadenlos.

Die Psychologie lehrt uns, dass unser Gedächtnis kein Archiv ist, sondern ein Bildhauer. Wir neigen dazu, die Kanten der Vergangenheit abzurunden, um im Heute zu überleben. Wenn Menschen heute von „sozialem Zusammenhalt“ in der Mangelwirtschaft schwärmen, ist das oft ein stummer Protest gegen die empfundene Kälte des modernen Turbokapitalismus.

Die verpasste Augenhöhe

Das wahre Trauma der Einheit liegt vielleicht gar nicht in den maroden Maschinen, sondern im Prozess selbst. Es war ein Beitritt, keine Fusion. Der Marshallplan des Westens stand gegen die massiven Reparationsleistungen des Ostens an die Sowjetunion. Dieser historische Startnachteil wurde 1990 nicht nivelliert, sondern durch eine Schocktherapie überlagert.

Was bleibt? Die Erkenntnis, dass wir uns gegenseitig die Deutungshoheit über die Geschichte nicht absprechen dürfen. Wer die DDR nur als „Unrechtsstaat“ abtut, übersieht die Millionen ehrlichen Biografien, die darin stattfanden. Wer die DDR nur als „soziale Idylle“ verklärt, verhöhnt die Opfer des SED-Regimes.

Die Aufgabe für Visionäre

Die Debatte zeigt: Wir sind noch nicht fertig. Das „Dilemma für zukünftige Visionäre“ besteht darin, eine Gesellschaft zu bauen, die die individuelle Freiheit des Westens garantiert, ohne die soziale Geborgenheit zu opfern, die viele Menschen – ob zu Recht oder Unrecht – in der Vergangenheit suchen.

Solange wir die Narben der Wendezeit nur mit „Blühenden Landschaften“-Rhetorik übertünchen oder mit „Jammer-Ossi“-Vorwürfen abtun, wird die Mauer in den Köpfen stehen bleiben. Wahre Einheit entsteht nicht durch die Angleichung der Renten, sondern durch die Anerkennung der unterschiedlichen Wege, die wir bis hierher gegangen sind.

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