Das Verhältnis zwischen Erich Honecker und Erich Mielke in der Analyse

Im Jahr 1990 führte der Liedermacher Reinhold Andert intensive Gespräche mit dem entmachteten Erich Honecker. Diese Begegnungen offenbarten eine gravierende Fehleinschätzung des ehemaligen Staatschefs bezüglich seines langjährigen Weggefährten Erich Mielke, den er fälschlicherweise für einen Freund hielt.

Reinhold Andert, bekannt als Liedermacher und Autor, erhielt nach dem Zusammenbruch der DDR einen seltenen Zugang zum einstigen Machtzentrum. In zahlreichen Gesprächen, die er 1990 mit dem kurz zuvor gestürzten Erich Honecker führte, dokumentierte er die Wahrnehmung eines Mannes, der den Bezug zur politischen Realität und zu seinem engsten Umfeld weitgehend verloren hatte.

Besonders das Verhältnis zu Erich Mielke, dem Minister für Staatssicherheit, unterlag einer fatalen Fehlwahrnehmung seitens des Generalsekretärs. Honecker betrachtete Mielke, mit dem er über Jahre hinweg regelmäßig zur Jagd ging, nicht nur als politischen Genossen, sondern als loyalen Freund. Er wähnte sich der unbedingten Treue des Stasi-Chefs sicher.

Die Realität innerhalb des Machtapparates sah jedoch anders aus. Andert berichtet, dass Mielke hinter den Kulissen eine tiefe Verachtung für den Generalsekretär hegte. Der Stasi-Chef, der sich selbst in der Tradition der harten Tschekisten sah, hielt Honecker intern für ein „Weichei“. Mielke empfand Honeckers Führungsstil als zu zögerlich und dessen politische Haltung als zu „gesamtdeutsch“.

Diese Dissonanz wurzelte in fundamental unterschiedlichen biografischen Prägungen. Während Mielke seine politische Sozialisation im bewaffneten Kampf und im Sicherheitsapparat erfuhr und Konflikte notfalls mit der Waffe lösen wollte, verstand sich Honecker primär als Agitator. Er wollte, zumindest in seinem Selbstverständnis, mit dem „Buch“ und ideologischer Überzeugung führen.

Honeckers Realitätsverlust zeigte sich auch im Umgang mit Informationen des MfS. Kritische Berichte der Staatssicherheit zur inneren Lage der DDR tat er laut Andert oft als Desinformation ab, ähnlich wie Meldungen westlicher Medien. Er weigerte sich, das Bild einer erfolgreichen sozialistischen Gesellschaft durch negative Fakten aus dem eigenen Apparat beschädigen zu lassen.

Historisch bedeutsam ist die Erkenntnis, dass Mielke aktiv am Sturz Honeckers arbeitete. Während er dem Generalsekretär ins Gesicht Freundschaft heuchelte, lieferte er kritische Dossiers an Kontaktstellen in Moskau. Mielkes Loyalität galt primär dem sowjetischen Vorbild und dem Machterhalt des Sicherheitsapparats, nicht der Person an der Spitze der Partei.

Das volle Ausmaß dieser Entfremdung wurde Honecker erst nach seiner Entmachtung bewusst. Andert schildert eine Szene im Polizeikrankenhaus, wo beide nach der Wende zeitweise untergebracht waren. Als Honecker versuchte, seinen alten Weggefährten zu begrüßen, wurde er von Mielke demonstrativ ignoriert. Diese Geste markierte für Honecker den endgültigen Zusammenbruch seines persönlichen Vertrauensverhältnisses.