Schokoladentradition in Dresden zwischen VEB Elbflorenz und Neuanfang

Die Spuren der einstigen Schokoladenhauptstadt erzählen vom industriellen Aufstieg und abrupten Brüchen.

Wer heute durch Dresden läuft, ahnt kaum noch, dass diese Stadt einst das Zentrum der deutschen Schokoladenindustrie bildete. Vor dem Ersten Weltkrieg stammte fast jede dritte in Deutschland verzehrte Tafel Schokolade aus den Fabriken an der Elbe. Namen wie Hartwig & Vogel oder Riedel & Engelmann prägten ein goldenes Zeitalter, das eng mit der hiesigen Maschinenbauindustrie verknüpft war. Doch für die ostdeutsche Identität und die kollektive Erinnerung der Region wiegt die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts schwerer. Die Transformation dieser bürgerlichen Tradition in die Planwirtschaft der DDR und der drastische Zusammenbruch nach 1989 markieren Zäsuren, die bis in die Gegenwart nachwirken. Die Geschichte der Dresdner Süßwarenindustrie ist damit exemplarisch für viele ostdeutsche Biografien: Sie handelt von Stolz auf das Handwerk, von Mangelverwaltung und einem schmerzhaften Strukturwandel.

Spätestens mit der großen Enteignungswelle von 1972, als die letzten halbstaatlichen Betriebe in Volkseigentum überführt wurden, verschwanden die traditionsreichen Familiennamen endgültig hinter der Fassade des VEB Elbflorenz. Für die Beschäftigten änderte sich der Arbeitsalltag jedoch weniger durch die Ideologie als durch die Ressourcenknappheit. Werner Mühle, der fast vier Jahrzehnte im Betrieb arbeitete und es bis zum Obermeister brachte, verkörpert diese Generation der „Schokoladenmacher“. Seine Erzählungen zeugen von einer tiefen beruflichen Ehre, die sich nicht an politischen Parolen, sondern an der Qualität des Endprodukts orientierte. Es ist eine in der Rückschau oft übersehene Nuance der DDR-Arbeitswelt: Der Anspruch, trotz begrenzter Rohstoffe „Weltniveau“ zu produzieren. Pralinen mit Alkohol- und Fruchtfüllungen gingen in den Export oder in die Delikat-Läden, während für den Binnenmarkt das Sortiment oft rationalisiert wurde.

Die Diskrepanz zwischen dem, was technisch und handwerklich möglich war, und dem, was im Konsum-Regal landete, gehörte zur Normalität. Produkte wie die Nuss-Nougat-Creme Nudossi, 1968 eingeführt, waren zwar beliebt, aber aufgrund der Rohstoffsituation teuer und limitiert. Die Arbeit an den Maschinen, oft noch Vorkriegsmodelle oder Eigenentwicklungen des VEB Nagema, verlangte den Arbeitern viel ab. Es war eine körperliche, laute Arbeit, die jedoch eine starke soziale Kohäsion erzeugte. Der Betrieb war mehr als eine Produktionsstätte; er war sozialer Ankerpunkt, Ort für Feiern und das gemeinsame Bewältigen des Alltags. Diese soziale Struktur brach 1990 fast über Nacht weg.

Das Ende der DDR-Schokoladenindustrie kam abrupt und hart. Mit der Währungsunion und der Marktöffnung brach der Absatz dramatisch ein. Die westdeutsche Konkurrenz dominierte sofort die Regale, die Handelsketten stornierten die Verträge mit den ostdeutschen Herstellern. Der VEB Elbflorenz gehörte zu den ersten Betrieben, die Insolvenz anmelden mussten. Für Männer wie Werner Mühle war dies nicht nur ein wirtschaftlicher Verlust, sondern eine Entwertung ihrer Lebensleistung. Die Maschinen verstummten, die Hallen wurden abgewickelt. Es ist dieser Moment der Deindustrialisierung, der sich tief in das Gedächtnis der Stadt eingebrannt hat. Dass heute in Radebeul wieder Nudossi produziert wird, verdankt sich weniger einem strategischen Wirtschaftsplan als vielmehr einer zufälligen Ostalgie-Welle Mitte der 90er Jahre, die zeigte, dass die geschmackliche Prägung einer ganzen Generation nicht einfach gelöscht werden konnte.

Interessanterweise schließt sich der Kreis heute nicht durch große industrielle Komplexe, sondern durch eine Rückbesinnung auf das Handwerk. Wenn heute in kleinen Manufakturen wie bei Susan Tutzschky wieder alte DDR-Maschinen des Typs Nagema laufen, dann geschieht dies nicht aus nostalgischer Verklärung. Diese massiven Anlagen aus Gusseisen werden geschätzt, weil sie langlebig sind und Ergebnisse liefern, die moderne Hochleistungsanlagen kaum erreichen. Es ist eine späte Würdigung sächsischer Ingenieurskunst. Die Schokolade in Dresden ist heute wieder ein Genussmittel und kein politikum mehr, doch in den Rezepturen und den ratternden Walzwerken lebt die industrielle DNA der Region fort. Die Geschichte zeigt, dass ökonomische Strukturen zerbrechen können, das handwerkliche Wissen und die regionale Identität sich aber oft als erstaunlich resilient erweisen.