September 1990. In einer Wohnung im Prenzlauer Berg sitzt Monika Haeger vor der Kamera. Sie spricht über ihre Zeit an der Seite von Bärbel Bohley und Katja Havemann, während sie gleichzeitig Berichte für die Staatssicherheit verfasste. Draußen hat sich das Land bereits verändert, drinnen rechtfertigt eine Frau ihre Vergangenheit.
Geboren 1945, wuchs Monika Haeger überwiegend in Heimen auf. Diese Prägung hinterließ Spuren in ihrer Biographie. Sie lernte nach eigenen Angaben nie, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen oder autonome Entscheidungen zu treffen. Der Staat und die Ideologie des Sozialismus boten ihr jenen Halt, den sie im privaten Umfeld oft vermisste. Sie wollte dazugehören, Teil einer größeren, mächtigen Sache sein und fand ihre Identität in der Konformität.
Die Anwerbung durch das Ministerium für Staatssicherheit im Jahr 1980 empfand sie daher nicht als Zwang, sondern als Auszeichnung. Für Haeger erfüllte sich ein Kindheitstraum: Sie sah sich als „Kundschafterin“, vergleichbar mit den Helden ihrer Lieblingsbücher, die sich unerkannt durch feindliche Reihen bewegen. Die Stasi wurde zu ihrem Familienersatz, der in psychischen Krisen half und finanzielle Engpässe ausglich. Die Loyalität zur Partei wog schwerer als persönliche Bindungen.
Ihr Auftrag führte sie direkt in das Zentrum der Ost-Berliner Opposition. Sie gewann das Vertrauen von Schlüsselfiguren wie Bärbel Bohley, Ulrike Poppe und Ralf Hirsch. Haeger war keine Randfigur; sie organisierte Infostände, schrieb Flugblätter und feierte private Feste mit den Menschen, die sie heimlich verriet. Die emotionale Nähe nutzte sie gezielt aus, um Informationen zu sammeln, die weit über politische Aktivitäten hinausgingen.
Die Informationen, die sie lieferte, betrafen oft Intimes. Ihr Führungsoffizier interessierte sich brennend für die „Befindlichkeiten“ der Zielpersonen. Ob jemand traurig, glücklich oder verzweifelt war, wurde zur Waffe. Dieses Wissen ermöglichte der Stasi Zersetzungsmaßnahmen, um Gegner psychisch zu destabilisieren und genau dort zu treffen, wo sie am verletzlichsten waren. Haeger lieferte das Material für diese psychologische Kriegsführung.
Auch Monate nach dem Mauerfall hielt Haeger lange an ihrem Feindbild fest. Aussagen von Oppositionellen interpretierte sie als existenzielle Bedrohung für sich und ihre Genossen. Sätze wie „Wenn es andersrum kommt, hängen wir die Kommunisten auf“, die sie gehört haben will, dienten ihr als moralische Legitimation. In ihrer Wahrnehmung war der Verrat an Freunden eine notwendige Abwehrmaßnahme gegen Feinde des Sozialismus.
Im Gespräch von 1990 bricht die ideologische Fassade jedoch langsam auf. Die Konfrontation mit dem Ausmaß des Verrats und der Inhumanität des Systems zwingt sie zur Selbstreflexion. Sie bezeichnet sich selbst schließlich als „miesen kleinen Spitzel“. Diese späte Einsicht ist schmerzhaft, doch sie beschreibt sie als notwendigen Schritt, um physisch und psychisch wieder atmen zu können und die Last der Lüge abzuwerfen.