Zwischen Albtraum und Alltag: Die zweite Generation der DDR

Der Vater träumt immer wieder denselben Albtraum. Er rennt eine Treppe am Bahnhof hoch, oben fährt die S-Bahn ein, hinter ihm dröhnende Schritte. Er kommt nicht vorwärts, schwebt über den Stufen, die Flucht misslingt. Dann das Aufwachen, schweißgebadet, Schreie in der Nacht. Das Kind im Nebenzimmer hört alles, liegt wach und spürt die pure Angst, die gar nicht die eigene ist, sich aber tief in das junge Bewusstsein eingräbt.

Jahre später erzählt eine Tochter von den Besuchen im Gefängnis Hoheneck. Eine Stunde Zeit, getrennt durch Tische. Die Mutter trägt graue Kleidung mit gelben Streifen, das Gesicht ist fahl und fremd. Man spricht über Schulnoten und das Wetter, weil über Haftbedingungen oder Politik nicht geredet werden darf. Blicke tauschen hastig das aus, was ungesagt bleiben muss, während die Aufseher jedes Wort protokollieren.

Tausende Familien in der DDR wurden durch politische Inhaftierung zerrissen. Kinder kamen in Heime oder zu Verwandten, oft ohne jede Erklärung. Diese „zweite Generation“ wuchs mit dem Trauma auf – sei es durch das direkte Miterleben der Verhaftung an Geburtstagen oder durch die diffuse Last des Schweigens, die sich wie ein unsichtbarer Nebel über den familiären Alltag legte und Normalität simulierte.

Selbst nach der Flucht in den Westen blieben viele dieser Familien fremd. Man baute Häuser am Ortsrand, fiel auf. Den Kindern wurde früh eingeimpft, bloß nicht negativ aufzufallen. Gute Noten waren kein Selbstzweck, sondern ein Schutzschild gegen die kritischen Blicke der Nachbarschaft. Man musste funktionieren, um die Eltern, die so viel gelitten hatten, nicht zusätzlich zu belasten oder zu enttäuschen.

Es entsteht ein stiller Pakt in den Wohnzimmern. Fragen verstummen, weil man spürt, dass Antworten Schmerz auslösen. Kinder werden zu inneren Richtern ihrer Eltern – schwankend zwischen Wut über die für Ideale riskierten Lebensentwürfe und Bewunderung für deren Mut. Ein innerer Konflikt, der oft erst Jahrzehnte später, im eigenen Erwachsenenleben, Worte findet und Raum greifen darf.

Vielleicht ist es diese Sprachlosigkeit, die am längsten nachhallt. Das Gefühl, dass die eigene Geschichte nirgendwo Platz hat, weil sie zu komplex für einfache Schubladen ist. Erst wenn das Schweigen bricht, beginnt das Verstehen – nicht als Anklage, sondern als vorsichtige Annäherung an Menschen, die Geschichte nicht nur erlebt, sondern erlitten haben und deren Schatten lang sind.