Verrat in den eigenen Reihen: Rainer Eppelmann über den Fall Wolfgang Schnur

Kurz vor den ersten freien Wahlen der DDR im März 1990 erschütterte ein Skandal die Bürgerrechtsbewegung: Wolfgang Schnur, Vorsitzender des „Demokratischen Aufbruch“ (DA), wurde als Stasi-Spitzel enttarnt. In einem Zeitzeugen-Gespräch blickt Rainer Eppelmann zurück auf die Chronologie einer Entlarvung, die nicht nur eine Partei, sondern auch eine tiefe Freundschaft zerstörte.

Es war eine Zeit des Umbruchs und der Hoffnung, doch für Rainer Eppelmann endete sie mit einer der herbsten menschlichen Enttäuschungen seines Lebens. Wenige Tage vor der historischen Volkskammerwahl am 18. März 1990 wurde Gewissheit, was viele nicht wahrhaben wollten: Wolfgang Schnur, der prominente Rechtsanwalt, Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Hoffnungsträger für das Amt des Ministerpräsidenten, war ein Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit – und mehr als das.

„Der hat einen Ruf“ – Die ersten Zweifel
Die Enthüllung begann schleichend. Eppelmann erinnert sich, wie zunächst Gerüchte aus Rostock nach Berlin schwappten. Mitglieder des Demokratischen Aufbruchs warnten: „Hier gibt es Gerüchte, die sehr wichtig sind. Wolfgang Schnur arbeitet für die Staatssicherheit.“

Für Eppelmann, damals eng mit Schnur befreundet, war das zunächst unvorstellbar. Als er Schnur konfrontierte, wies dieser die Vorwürfe weit von sich. „Wenn mir ein Freund sagt, ich arbeite nicht für die Stasi, dann glaube ich ihm doch“, so Eppelmann rückblickend. Er vermutete eher ein Störfeuer der noch immer aktiven Stasi, um die neue politische Kraft zu schwächen.

Spurensuche in der Normannenstraße
Um die Vorwürfe zu entkräften, unternahmen Schnur und Eppelmann einen ungewöhnlichen Schritt: Gemeinsam mit einem weiteren Anwalt verschafften sie sich Einsicht in erste Akten in der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße – zu einer Zeit, als es noch keine geregelte Akteneinsicht gab.

Was sie fanden, war zunächst dürftig: Eine Karteikarte, aber keine Verpflichtungserklärung. Doch da war auch ein Brief aus den 1970er Jahren, adressiert an Stasi-Chef Erich Mielke. „Sehr geehrter Herr Minister, ich bitte Sie um ein Gespräch, ich hätte Ihnen Wichtiges mitzuteilen“, zitierte Eppelmann den Inhalt.

Das Kuriose: Die Handschrift stimmte nicht mit der überein, die Eppelmann von Schnur kannte. Heute weiß Eppelmann, dass sich Handschriften über Jahrzehnte ändern können oder Schnur möglicherweise eine „Zweitschrift“ nutzte. Damals jedoch bestärkte die Diskrepanz Eppelmanns Glauben an die Unschuld seines Freundes.

Die erdrückende Beweislast
Der Wendepunkt kam durch externe Intervention. Akten, die im Büro von Bundeskanzler Helmut Kohl landeten, zeichneten ein vernichtendes Bild. Schnur war nicht nur ein einfacher Zuträger, sondern ein „OibE“ – ein Offizier im besonderen Einsatz. „Ein besonders fleißiger, besonders wichtiger und besonders schlimmer Mitarbeiter“, resümiert Eppelmann.

Unter dem Druck dieser Beweise und vermutlich auch auf Drängen aus Bonn brach Schnur zusammen. Er gestand – allerdings nicht gegenüber seinen Parteifreunden, sondern gegenüber dem Büro Kohl. Eppelmann und der DA erfuhren es über Umwege, nur vier oder fünf Tage vor der Wahl.

Der Slogan des Demokratischen Aufbruchs lautete damals: „Wir sind die Sauberen“. Mit Schnur an der Spitze war dieser Anspruch Makulatur. „Der haut uns so weit von innen in die Pfanne“, dachte Eppelmann damals. Der Vorstand handelte sofort und schloss Schnur in dessen Abwesenheit aus der Partei aus.

Eine Pressekonferenz mit Folgen
Eppelmann übernahm den amtierenden Vorsitz. Ihm fiel die schwere Aufgabe zu, den Skandal der Öffentlichkeit zu erklären. An seiner Seite: die damalige Pressesprecherin des DA, Angela Merkel. Sie eröffnete die Pressekonferenz vor einem Wald aus Kameras und Mikrofonen. Eppelmann musste verkünden, dass der Mann, der sich in Magdeburg bereits als zukünftiger Ministerpräsident hatte feiern lassen, ein langjähriger Stasi-Mitarbeiter war.

Der persönliche Verrat
Für Rainer Eppelmann wog der menschliche Verrat schwerer als der politische Schaden. Schnur gehörte zum engsten Kreis, kannte alle Kontakte, auch die zu westlichen Journalisten und Politikern. „Das kannte der alles, hat da natürlich alles aufgeschrieben und weiterberichtet“, sagt Eppelmann mit bitterer Stimme.

Ein Besuch im Krankenhaus, wo Schnur nach einem Zusammenbruch lag, markierte den endgültigen Bruch. Schnur ließ Eppelmann fast zwei Stunden warten und offenbarte dann, er habe dem „Stern“ ein Interview gegeben – gegen Geld. Seine Begründung: Da seine politische Karriere vorbei sei und er als Anwalt kaum noch arbeiten könne, müsse er sehen, wo er bleibe.

„Eine solche Schmuddel-Verratsgeschichte auch noch für Geld zu verkaufen“, das war für Eppelmann der Punkt, an dem das Mitleid endete.

Ein letztes Wiedersehen
Jahre später begegneten sich die beiden noch einmal vor Gericht. Es ging um eine Auseinandersetzung zwischen Joachim Gauck und Peter-Michael Diestel, bei der Schnur als Zeuge auftrat. Im Gerichtsflur in Rostock kam Schnur auf Eppelmann zu, lächelnd, die Hand ausgestreckt, als sei nichts geschehen.

Eppelmanns Reaktion war eindeutig. Er verweigerte den Handschlag. „Sie müssten mir eine Menge erklären“, sagte er. Wolfgang Schnur hat es danach nie wieder versucht.

Schokoladentradition in Dresden zwischen VEB Elbflorenz und Neuanfang

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Wenn Werner Mühle von früher erzählt, kann er die Temperatur der Schokolade noch immer an der Oberlippe spüren. Teaser: Fast vierzig Jahre lang stand er in den Hallen des VEB Elbflorenz, erst als Lehrling, später als Obermeister. Seine Biografie ist typisch für eine Generation, die ihre Bestätigung nicht im politischen System, sondern in der Qualität ihrer Hände Arbeit fand. Sie produzierten Pralinen für den Export, "Weltniveau" nannten sie das, während die eigene Bevölkerung oft mit einem eingeschränkten Sortiment vorliebnehmen musste. Der Stolz auf das geleistete Handwerk war echt, unabhängig von den Mängeln der Planwirtschaft. Dann kam das Jahr 1990. Über Nacht stornierten die Händler die Verträge, die Produktion stand still, die Maschinen verstummten. Für Mühle und seine Kollegen bedeutete das nicht nur Arbeitslosigkeit, sondern den Verlust eines sozialen Gefüges, das über Jahrzehnte gewachsen war. Dass heute wieder alte DDR-Maschinen in Dresden laufen, diesmal in kleinen Manufakturen, ist eine späte Pointe der Geschichte. Der Geruch von gerösteten Kakaobohnen zieht wieder durch die Stadt, anders als früher, aber die Erinnerung an die alten Werkhallen bleibt bestehen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Dresden war einst die Schokoladenhauptstadt Deutschlands, bevor Enteignung und Planwirtschaft die Strukturen veränderten. Teaser: Die Geschichte der Dresdner Süßwarenindustrie ist ein Lehrstück über den industriellen Wandel in Ostdeutschland. Nach der Verstaatlichungswelle 1972 verschwanden traditionsreiche Familienunternehmen im VEB Elbflorenz. Was folgte, war eine Zeit der Widersprüche: Einerseits technischer Erfindergeist und hochwertige Exportware, andererseits Rohstoffknappheit und "Bückware" für den Binnenmarkt. Der radikale Bruch erfolgte 1990. Anders als in anderen Branchen, die sich langsam transformierten, traf die Marktwirtschaft die ostdeutsche Schokoladenindustrie mit voller Härte. Die Insolvenz des VEB Elbflorenz steht exemplarisch für die Deindustrialisierung der frühen 90er Jahre. Dass Marken wie Nudossi heute wieder erfolgreich sind, war damals nicht absehbar und ist eher dem Eigensinn einzelner Unternehmer zu verdanken als politischer Planung. Die alten Rezepturen haben überlebt, die industriellen Großstrukturen von einst sind jedoch Geschichte. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die alten Maschinen des VEB Nagema heute wieder begehrt sind. Teaser: Jahrzehntelang galten die massiven DDR-Anlagen als veraltet, laut und ineffizient im Vergleich zur westlichen Hochtechnologie. Doch in der Nische zeigt sich ein anderes Bild. Die Langlebigkeit und die spezifische Art, wie diese Walzwerke die Schokoladenmasse verarbeiten, werden heute von Manufakturen wieder geschätzt. Es wirft ein interessantes Licht auf das industrielle Erbe der DDR: Was wurde zu schnell verschrottet? Die Wertschätzung für die technische Substanz kommt spät, oft erst, nachdem die ursprünglichen Betriebe längst abgewickelt wurden. Die Qualität war da, sie konnte sich unter den Bedingungen der Mangelwirtschaft und des abrupten Systemwechsels nur schwer behaupten. Vielleicht liegt in dieser späten Rückbesinnung auf die Technik eine Art Versöhnung mit der eigenen Industriegeschichte.

Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf