Die Narben der Grenze: Ein Major, ein Flüchtling und die tote DDR

Die innerdeutsche Grenze, einstmals ein schier unüberwindbares Bollwerk aus Stacheldraht, Wachtürmen und Selbstschussanlagen, hat zwei Männer auf ewig gezeichnet: Gerhard Lehmann, Major der Grenztruppen, und Bernhard Fei, ein junger Bauarbeiter, dessen Fluchtversuch ihn beinahe das Leben kostete. Ihre Geschichten, eingebettet in die Brutalität einer geteilten Nation, erzählen von Pflicht, Verrat und dem hohen Preis der Freiheit.

Der Major und seine „Ehre“ Für Gerhard Lehmann war der Dienst an der Grenze Ehrensache. 40 Jahre lang diente er bis zum Fall der Mauer als Major der Grenztruppen der DDR. Sein höchster Rang, so betont er, sei der Ehrendolch, Ausdruck seiner Offiziersehre. Er observierte jahrelang einen 15 Kilometer langen Abschnitt in der Rhön und ist überzeugt: „Wenn er auf Patrouille war, hat es keiner geschafft in den Westen“.

Lehmanns Sicht auf die DDR-Flüchtlinge ist unmissverständlich: „Die meisten Flüchtlinge davon ist er auch heute noch überzeugt haben damals die DDR verraten“. Für ihn war es ein Akt des Verrats, wenn „Leistungsträger“ die in der DDR genossene Ausbildung mitnahmen, um dann im Westen „wirtschaftlich bessere Möglichkeiten wahrzunehmen“. Dies sei „strafbar nach dem Gesetz“ gewesen, und seine Aufgabe war es, „jeglichen Fluchtversuch zu unterbinden“.

Am 23. Dezember 1975 hatte Major Lehmann Dienst in der Operationszentrale, als die Meldung auflief: „Donation im Abschnitt Geiser“. Emotionslos erfüllte er seine Pflichten: Er verständigte den Kommandeur, die Volkspolizei, seine Vorgesetzten und die medizinischen Einrichtungen. „Ich habe keine Zeit dort irgendwelche sentimentalen Gefühle zu entwickeln oder irgendwas emotionslos“, erinnert er sich.
Heute kehrt Lehmann manchmal zu seiner alten Dienststelle zurück. Er kann seine Wehmut nicht verbergen und sieht die vernachlässigten, verkommenen Objekte als „ein Spiegelbild von dem was aus der DDR geworden ist“.

Der Flüchtling und sein Schicksal Bernhard Fei war 19 Jahre alt, als er seinen Traum von beruflicher Qualifizierung im Brücken-, Staudamm- oder Tunnelbau in der DDR nicht verwirklichen konnte – „durch die Enge in der DDR praktisch nicht“. Am 23. Dezember 1975 wagte er mit einem Freund die Flucht. Sie schlichen durch das Sperrgebiet und erreichten den Grenzzaun, ausgestattet mit Selbstschussanlagen, deren Wirkung ebenso verheerend war wie die zuvor eingesetzten Minen.

Fei und sein Freund testeten die Anlage: „Mit langen Ästen testen Sie die Anlage nichts passiert“. Dann ereignete sich das Unglück: Fei stellte sich an die Isolatoren, um seinem Freund eine Räuberleiter zu machen. Als sein Freund mit den Füßen schon auf Feis Kopf war, detonierte die Selbstschussanlage. Ein „Knall heller Blitz“ und Fei wurde getroffen.

Die Folgen waren verheerend: Eine Selbstschussanlage zerfetzte sein Bein. „Der erste Soldat hält so die Bier auf mich um me J bleiben liegen dae ich noch gedacht jetzt liege ich so lange hier das brauchst du mir nicht noch zu sagen dass ich liegen bleiben soll“, erinnert sich Fei an die emotionslose Reaktion der Grenzsoldaten. Sein Freund wurde verhaftet. Fei kam ins Militärhospital und danach für fast zwei Jahre ins Gefängnis. Noch heute leidet er unter Sprachstörungen – „ein schrecklicher Preis“, den er für seinen Fluchtversuch zahlte.

Über 20 Jahre später kehrte Bernhard Fei zum ersten Mal an den Ort seiner Flucht zurück. Dort machte er eine bizarre Entdeckung: Ein Birkenkreuz, aufgestellt zu seinem Gedenken. Der Westen hatte geglaubt, er sei bei seinem Fluchtversuch gestorben. „Es waren erste Mal sehr komisches Gefühl aber andererseits habe ich mir gesagt wenn die Schüsse tödlich gewesen wären dann hat es mich eigentlich gefreut dass es Leute gibt die da dran gedacht haben“, reflektiert Fei.

Die ehemalige Grenzanlage, einst ein Ort des Terrors und der Gewalt, sieht Bernhard Fei heute als einen Ort, an dem Kinder mit ihren Hunden rennen oder Ball spielen – „genau an der Stelle die so kalt und so brutal war“. Zwei Männer, zwei Perspektiven, die untrennbar mit der Geschichte der innerdeutschen Grenze verbunden bleiben.

Der letzte Versuch: Wie aus der Staatspartei die SED-PDS wurde

MASTER-PROMPT HOOK Der Parteitag zur Umbenennung in SED-PDS im Dezember 1989 Am späten Sonntagnachmittag treten die Delegierten in Berlin vor die Öffentlichkeit und präsentieren einen Doppelnamen, der die Brücke zwischen alter Macht und neuer Identität schlagen soll. MASTER-PROMPT Teaser JP Die Suche nach dem dritten Weg Gregor Gysi steht am Rednerpult und beschwört die Gefahr eines politischen Vakuums, während im Saal die Hoffnung auf eine eigenständige DDR noch lebendig ist. Manche glaubten in diesen Tagen des Dezembers 1989 fest daran, dass ein demokratischer Sozialismus jenseits der Profitwirtschaft möglich sei. Am 18.12.1989 verabschiedete der Parteitag unter Gysis Führung ein Statut, das den Erhalt der staatlichen Eigenständigkeit zum obersten Ziel erklärte. MASTER-PROMPT Teaser Coolis Außerordentlicher Parteitag beschließt neuen Namen und Statut Nach intensiven Beratungen entscheiden die Delegierten am 17. Dezember 1989 in Berlin, die Partei künftig unter dem Namen SED-PDS weiterzuführen. Der Vorsitzende Gregor Gysi betont in seinem Referat den Willen zur Regierungsverantwortung und warnt vor einem Erstarken rechter Kräfte. Mit der Verabschiedung eines vorläufigen Statuts positioniert sich die Partei für den beginnenden Wahlkampf und bekennt sich zur Eigenstaatlichkeit der DDR.