Markus Wolf im Gespräch über die DDR, Mielke und seine eigene Rolle

Berlin, 1990 – Im Jahr des Umbruchs, kurz nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der Deutschen Demokratischen Republik, blickt einer der geheimnisvollsten Geheimdienstchefs Europas, Markus Wolf, zurück auf sein Leben und das System, dem er über Jahrzehnte diente. In einem bemerkenswerten Interview mit Günter Gaus stellt sich der ehemalige Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), des Auslandsnachrichtendienstes der DDR, der Öffentlichkeit und dem Misstrauen, das ihm als „Meister der Tarnung“ und „Mischer“ entgegengebracht wird.

Zwischen Misstrauen und Wahrheitsanspruch Wolf, 1923 geboren in eine bekannte kommunistische Intellektuellenfamilie, war jahrelang stellvertretender Minister für Staatssicherheit und eine Ikone der Spionage. Gaus konfrontiert ihn direkt mit dem Vorwurf der Doppelzüngigkeit, doch Wolf sieht dies anders: Er müsse um Vertrauen werben, wie er es schon in seiner Tätigkeit als Geheimdienstchef tat, um Menschen zu gewinnen, die der DDR politisch fernstanden. Er betont, dass er Doppeldeutigkeit als seinen größten Fehler ansieht und Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit am meisten schätzt. Wolf will sich so darstellen, wie er ist, und dem Zuschauer die Meinungsbildung überlassen.

Die „Elite“ der Auslandsaufklärung Die Auslandsnachrichtendienstler, so Wolf, nahmen eine besondere Stellung ein – nicht nur im Staat, sondern auch innerhalb des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Die Auswahl des Personals war streng: Es waren oft sehr junge FDJ-Funktionäre, die Vertrauen genossen und keine West-Verwandtschaft ersten Grades hatten. Sie wurden speziell geschult, mit einer Grundausbildung, die durchschnittlich ein Jahr dauerte. Wolf ist überzeugt, dass das Gros dieser Mitarbeiter im Glauben handelte, „etwas Gutes zu tun“, im Interesse des Friedens und der Verteidigung des Sozialismus. Er räumt ein, dass vieles im Rückblick pathetisch klinge und individuelle Karriereaspekte eine Rolle spielten, aber der Glaube an die gute Sache überwog für die Mehrheit.

Die „Ideologische Diversion“: Ein „Größtes Übel“ Auf Gaus‘ Frage nach der moralischen Rechtfertigung einer Trennung zwischen der „rüden“ Repression im Inland und der vermeintlich „nobleren“ Auslandsaufklärung, geht Wolf auf die Integration des Dienstes in das MfS ab 1953 ein. Er bezeichnet das Konzept der „ideologischen Diversion“, das Minister Erich Mielke zugeschrieben wird, als das „größte Übel“, das in der DDR eingeleitet wurde. Dieses Konzept habe es ermöglicht, Andersdenkende zu kriminalisieren und wurde zur zentralen Aufgabe des gesamten Ministeriums.

Wolf bestätigt, dass die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) zwar auf die Abwehr von äußeren Gefahren wie militärische, wissenschaftlich-technische oder politische Überraschungen ausgerichtet war, aber dennoch Teil dieses Systems war. Er habe vom Kern der zunehmenden Repression gewusst, auch wenn er das Ausmaß der Einzelheiten erst nach den Ereignissen von Oktober/November 1989 erfuhr. Wolf beschreibt, wie er sich eine „sehr große Nische“ im Nachrichtendienst schuf, um seine Arbeit, die er für richtig und notwendig hielt, fortzusetzen. Jeder Versuch, von diesem Pfad abzuweichen, hätte seinen sofortigen Ausschluss bedeutet.

Erich Mielke und die Tragödie der Inkompetenz Erich Mielke charakterisiert Wolf als tief misstrauisch und den „Träger, Verantwortlichen, Verfechter dieser verhängnisvollen Sicherheitsdoktrin“. Mielke sei flexibel gewesen, besonders bei „Hofintrigen“ innerhalb der Führung, und stets seinen Vorgesetzten (Ulbricht, Honecker) gegenüber absolut loyal. Wolf stuft Mielkes Intelligenz nicht in die oberen Ränge ein.

Das Jahr 1989 markierte für Wolf eine Zäsur. Nach einem letzten Gespräch mit Erich Honecker Anfang 1989 wurde ihm klar: Honecker verstand die Welt nicht mehr und war „fest entschlossen, einen anderen Weg zu gehen“, als den der dringend notwendigen Veränderungen im Sinne von Perestroika und Glasnost. Wolfs Hoffnung auf Reformen zerbrach. Er stimmt dem Dramatiker Heiner Müller zu, der von einer „Tragödie der Inkompetenz“ bei Honecker sprach, obwohl Honecker in außenpolitischen Fragen durchaus kompetent war. In Wirtschafts-, Sozial- und Kulturpolitik treffe diese Einschätzung jedoch voll zu.

Familienbande und die Ferne zur Arbeiterklasse Als Spross des „kommunistischen Hochadels“ – sein Vater, Friedrich Wolf, war ein gefeierter kommunistischer Dramatiker und Intellektueller – wuchs Markus Wolf in der Sowjetunion auf und kehrte 1945 mit der Gruppe Ulbricht nach Deutschland zurück. Obwohl sein Vater eine enge Bindung zur Arbeiter- und Bauernschaft förderte, gibt Wolf zu, dass ihm die Arbeiterklasse „im Grunde doch fremdartig“ blieb und es eine „intellektuelle Ferne“ gab. Er habe selbst nie an der Werkbank gearbeitet. Nach 1945 wünschte er sich eine Tätigkeit, die ihn näher an die Menschen gebracht hätte, wie etwa als Parteifunktionär.

Das Festhalten am Ideal und die fatalen Fehler Wolf reflektiert über das Festhalten seiner Vätergeneration am kommunistischen Ideal, auch nach den Schrecken des Stalinismus. Der Antifaschismus war ein stärkeres Motiv als die Eindrücke der sowjetischen Prozesse. Wolf selbst sah den Weg der Abkehr vom Ideal nicht als Alternative, sondern eher als „Verrat an der Idee“. Die Parteidisziplin bezeichnet er als „unser Übel“, die viele davon abhielt, ihre abweichenden Ansichten in die Tat umzusetzen.

Die entscheidenden Fehler des untergegangenen Regimes lagen für Wolf in der fehlenden Bindung zum Volk und dem Nichtvertreten der tatsächlichen Interessen des Volkes. Er räumt ein, dass er die Sehnsucht nach nationaler Einheit in der Bevölkerung falsch eingeschätzt hat. Den größten Fehler, der in Richtung Verbrechen des Stalinismus ging, sieht er in der bereits erwähnten Sicherheitsdoktrin der „ideologischen Diversion“ und der Mystifizierung des Machtbegriffs.

Wolf glaubte bis Oktober 1989 an eine Erneuerung aus der SED heraus und wollte an ihr teilnehmen. Im Rückblick hält er dies jedoch für unmöglich, da die SED eine Folge der Wurzeln des Stalinismus war und die Mischung aus Parteidisziplin, Gläubigkeit, Opportunismus, Arroganz und Ignoranz von Apparaten zu stark war.

Späte Einsichten und das Schicksal der Agenten Wolf räumt ein, dass er „zu wenig Widerstand geleistet“ hat. Er gesteht auch, dass er auf der Suche nach Verbündeten für Reformen war, aber letztlich niemand, auch nicht in den oberen Etagen, etwas tat – er schließe sich selbst dabei ein.

Als oberstes Anliegen betrachtet Wolf es, seinen ehemaligen Mitarbeitern, die er in „gutem Glauben“ für eine „gute Sache“ angeworben hatte, einen Platz im vereinigten Deutschland zu sichern, der sie vor Strafverfolgung, Ausgrenzung und Diffamierung schützt. Er schätzt die Zahl der bedeutenden Quellen in der Bundesrepublik, die tatsächlich Zugang zu Geheimnissen hatten, auf unter 500, möglicherweise um die 500.

Auf die Frage nach der menschlichen Seite der Spionage, etwa nach tragischen Fällen wie dem Suizid der Sekretärin von Günter Gaus, betont Wolf, dass er sich oft Gedanken gemacht habe über die Konsequenzen wie lange Haftstrafen, auch wenn es nicht immer um den Tod gehe. Er befürwortet das „Aussteigen“ ehemaliger RAF-Terroristen aus dem Terrorismus als „auf jeden Fall richtig“, auch wenn er die individuellen Beweggründe nicht nachvollziehen kann.

Sorge um die Sowjetunion und persönliche Bilanz Markus Wolf, der die Sowjetunion kennt und liebt, zeigt sich in großer Sorge über die Entwicklungen dort und in Osteuropa, die ganz Europa destabilisieren könnten. Er befürchtet, dass die Hoffnung, Sozialismus mit Demokratie und Humanismus zu verbinden, aufgegeben werden muss. Gorbatschow stehe vor einer Fülle von Problemen – Nationalitäten, Demokratie, Wirtschaft – und es gebe „keine echte Alternative“ zu seinem eingeschlagenen Weg. Ein Auseinanderfallen der Sowjetunion, auch wenn er es sich nicht vollständig vorstellen kann, würde zu „echter Instabilität und konventioneller Kriegsgefahr“ führen.

Am Ende des Interviews zieht Wolf eine persönliche Bilanz. Viele seiner Vorsätze und Ideale seien gescheitert, das Entscheidende sei nicht erreicht worden. Doch er glaube nicht, dass sein Leben „umsonst gelebt“ war. Er habe viel Gutes und Schönes erfahren und hofft, dass die Ideale und besonders die „negativen Erfahrungen“ an die jüngeren Generationen weitergegeben werden können, um daraus zu lernen.

Das System der kollektiven Erziehung in der DDR und seine Folgen

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Wer sich an die eigene Kindheit in der DDR erinnert, hat oft sofort den Geruch von Bohnerwachs in der Nase und das Bild der blauen Halstücher vor Augen. Der Staat war der unsichtbare Dritte am Abendbrottisch, und seine Institutionen prägten den Rhythmus des Alltags lange bevor man das Wort Ideologie buchstabieren konnte. Es war eine Kindheit, die in einem engen Korsett stattfand, das viele als Halt und andere als Fessel empfanden. Die Organisation des Lebens begann nicht erst mit der Schule, sondern bereits in der Krippe, wo der Tagesablauf synchronisiert war und das "Ich" Pause hatte, während das "Wir" den Takt vorgab. Diese Erfahrung einer totalen Verplanung bot eine Sicherheit, die man im Westen so nicht kannte, verlangte aber im Gegenzug eine ständige Anpassung an die Norm. Besonders prägend war das Erlernen einer doppelten Sprache. Kinder verstanden früh, dass es zwei Welten gab: die private Welt der Familie, in der man offen sprach, und die öffentliche Welt der Schule und der Pioniere, in der bestimmte Sätze erwartet wurden. Diese Schizophrenie des Alltags schulte das Gespür für Nuancen und lehrte eine Vorsicht, die tief sitzt. Man funktionierte in den Strukturen, sang die Lieder und stand beim Appell stramm, oft ohne die Inhalte wirklich zu glauben. Es entstand eine Distanz zwischen der offiziellen Fassade und dem inneren Erleben. Wenn man heute auf diese Bildungswege schaut, wird die Ambivalenz deutlich. Die fachliche Bildung war solide, die soziale Durchlässigkeit hoch, doch der Preis war die Unterordnung unter ein militärisch organisiertes Kollektiv, das Abweichung pathologisierte. Die Generation, die in diesen Strukturen groß wurde, ist heute erwachsen und prägt die Gesellschaft mit einer spezifischen Haltung. Sie ist oft pragmatischer, krisenfester, aber auch skeptischer gegenüber Autoritäten, die Gehorsam einfordern. Die Spuren dieser Erziehung sind nicht verschwunden, sondern haben sich in die Biografien eingeschrieben als eine Erfahrung von Grenzen und deren Überschreitung. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Das Bildungssystem der DDR war weit mehr als nur Wissensvermittlung, es war ein durchorganisierter Zugriff auf die Ressource Mensch. Um die Strukturen der DDR-Erziehung zu verstehen, muss man den Blick von der Pädagogik hin zur Ökonomie lenken. Der chronische Arbeitskräftemangel zwang den Staat dazu, Frauen fast vollständig in den Erwerbsprozess zu integrieren, was einen massiven Ausbau der Kinderbetreuung notwendig machte. Diese Notwendigkeit wurde zur Tugend erklärt und bot der Staatsführung die Chance, die nächste Generation ab dem Kleinkindalter im Sinne der sozialistischen Ideologie zu formen. Krippe und Kindergarten waren keine bloßen Verwahranstalten, sondern der Beginn einer gezielten Kaderentwicklung. Die Effizienz dieses Systems zeigte sich in der Standardisierung aller Lebensbereiche. Vom gemeinsamen Topfsitzen in der Krippe bis zur Berufsberatung, die Lücken im Volkswirtschaftsplan füllte, war der Weg vorgezeichnet. Die Schule diente dabei nicht der Entfaltung individueller Talente, sondern der Produktion nützlicher Glieder der Gesellschaft. Wer sich diesem utilitaristischen Ansatz entzog oder politisch auffiel, spürte die Härte des Systems durch verwehrte Bildungschancen. Sicherheit gab es nur für jene, die auf den vorgegebenen Schienen blieben. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Die Synchronisation der körperlichen Bedürfnisse in den DDR-Krippen sparte Zeit, lehrte aber vor allem eine frühe Lektion über das Verhältnis von Individuum und Kollektiv. Was aus heutiger Sicht oft befremdlich wirkt, folgte einer klaren inneren Logik des Systems. Wenn eine Erzieherin für eine große Gruppe von Kleinkindern zuständig war, musste der Tagesablauf wie ein Uhrwerk funktionieren. Das Individuum störte im Betriebsablauf, während die Gruppe die Norm setzte. Diese frühe Gewöhnung an den Rhythmus der anderen war der erste Schritt in eine Gesellschaft, die das "Wir" über alles stellte und das "Ich" oft als bürgerliches Relikt betrachtete. Die Mechanismen dieser Prägung wirken in den sozialen Gewohnheiten vieler Menschen leise nach.