Der Schwimmer, der der Ostsee und der Stasi trotzte

Boltenhagen an der Ostsee, Sommer 1969. Die Suchscheinwerfer der DDR-Grenztruppen streifen über die Dünen, der Strand ist nachts Sperrgebiet. Doch ein 19-jähriger Mann namens Axel Mitbauer versteckt sich in einem Strandkorb. Sein Ziel: die Flucht über die eiskalte Ostsee in den Westen. „Wenn man mich gegriffen, auf jeden Fall ’nen Schauprozess gemacht und dann wäre ich für Jahre gekommen. Ich hätte nichts mehr machen können, mein Leben wäre komplett zu Ende gewesen“, erinnert sich Mitbauer. Es war der Wettkampf seines Lebens gegen die Kälte der Ostsee, für den seine Mutter ihn mit Vaseline einrieb, mehr konnte sie für ihren einzigen Sohn nicht tun.

Vom Liebling der DDR zur Staatsfeind-Hoffnung
Axel Mitbauer war ein Ausnahmetalent, ein „Lieblingskind der DDR“. Mit acht Jahren wurde sein Schwimmtalent entdeckt, er kam auf eine Sportschule in Leipzig, trainierte sechs, sieben Stunden am Tag. Der Sport war seine Heimat, seine Familie, wo er ein wunderbares Leben führen durfte. Mitbauer wurde zweimaliger DDR-Meister. Doch trotz seiner privilegierte Stellung im Sport wollte er abhauen.

Die erste konkrete Fluchtmöglichkeit bot sich 1968 bei einem Wettkampf in Budapest. Heimlich sprach er einen westdeutschen Schwimmer und dessen Trainer Werner Ufer an, die ihm ihre Hilfe zusicherten. Mitbauer hätte sich am liebsten nach einem Wettkampf ins Auto gesetzt und wäre mit den beiden in die Bundesrepublik Deutschland gefahren. Eine andere Vereinbarung sah vor, dass Ufer ein Passbild von Mitbauer bekommen sollte, um in Essen einen ähnlich aussehenden jungen Mann zu finden, dessen Pass auszuleihen. Man hätte Mitbauer dann in Österreich oder Italien abgeholt, wo er politisches Asyl beantragen konnte.

Das Stasi-Drama von Hohenschönhausen
Wenige Wochen später, im Juli 1968, trat Werner Ufer bei den Deutschen Meisterschaften in West-Berlin an. Vor den Fernsehinterviews übergab er seinem Trainer einen Brief für Mitbauer, der Informationen zu dessen geplanter Flucht enthielt. Doch Ufer legte die Briefe auf die Ablage im Auto, wo sie bei einer Kontrolle gefunden wurden. „Was sind das für Briefe?“, fragte der Kontrolleur, und Ufer wurde festgenommen. Er landete im berüchtigten Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen.

Noch am selben Tag wurde auch Axel Mitbauer verhaftet. Wochenlang verhörte die Stasi den DDR-Schwimmer und den BRD-Trainer. Mitbauer saß in Haft, während in Mexiko die Olympischen Spiele begannen, wo zum ersten Mal Deutschland West und Deutschland Ost mit eigenen Mannschaften gegeneinander antraten – und Mitbauer, eine DDR-Medaillenhoffnung, fehlte. Die Stasi versuchte, Mitbauer zum Spitzel zu machen. Er sollte Aussagen machen, die den Trainer als „Menschenhändler“ belasten würden, um eine großangelegte Propagandaaktion gegen die Bundesrepublik wegen „organisiertem Menschenhandel im Sport“ zu starten. Doch Mitbauer blieb standhaft.

Nach sieben Wochen kam Mitbauer frei, während Ufer neun Monate in Haft blieb und dann ausgetauscht wurde. Die Stasi machte Mitbauer klar, dass er in der DDR keine sportliche Zukunft mehr hatte. Man sperrte ihn „lebenslang für alle Sportarten“.

Der mutige Sprung in die Freiheit
Mit seinen 19 Jahren war seine Karriere zerstört. Auf einer Party erfuhr Mitbauer vom Ostseebad Boltenhagen, von dem aus man das westdeutsche Ufer erkennen konnte. Er schätzte die Entfernung in seinem DDR-Schulatlas auf 30 km. Eines Tages sagte er spontan zu seiner Mutter: „Ich schwimme von da nach da“.

Mit dem Zug fuhr Mitbauer zur Ostsee, verfolgt von zwei Mitarbeitern der Staatssicherheit. Als der Zug in Schwerin hielt und wieder anfuhr, warf er sein Zeug raus und sprang ab. Er versteckte sich auf einem Zeltplatz an der Küste, seine Mutter kam später nach. Eine Woche lang beobachtete er die Grenzpatrouille. Der Suchscheinwerfer musste einmal pro Stunde eine Minute lang abkühlen – in dieser Zeit musste Mitbauer Strand und Sandbänke überwinden, um ins tiefe Wasser zu gelangen.

Als der Moment gekommen war, rannte er los, ohne oben zu schwimmen oder zu strampeln, er tauchte einfach ins Wasser. Seine Mutter schlich zum Zelt und nahm den Frühzug zurück nach Leipzig. Kurz danach kam die Stasi und fragte sie nach ihrem Sohn. Sie log, ihr Sohn habe einen Fluchtversuch unternommen, aber sei erschossen worden. Zwei Stunden lang weinte sie – die Stasi wusste nicht, wie sie mit ihr umgehen sollte.

Rettung und ein neues Leben
Nach vier Stunden Kampf mit der Ostsee, seine einzige Orientierung waren die Sterne, erreichte Axel Mitbauer gegen ein Uhr nachts eine Boje kurz vor dem bundesdeutschen Ufer. Er hievte sich hoch und verbrachte sieben Stunden bei Windstärke 5 auf der Boje. Am frühen Morgen entdeckte er ein Passagierschiff auf dem Weg nach Travemünde. Er winkte, ein Mann sah ihn und informierte den Kapitän. Zuerst dachte der Kapitän, Mitbauer sei lediglich jemand, der Bojen wartet. Doch als sie mit einem Feldstecher genauer hinsahen, erkannten sie, dass es sich um einen einzelnen Mann handelte.

Die Fähre drehte, kam zurück, und Mitbauer wurde mit einer Strickleiter an Bord geholt, in Decken gehüllt und in die Kajüte des Ersten Offiziers gebracht. Dort bekam er „das schönste Steak seines Lebens“.

In der Bundesrepublik wurde die Flucht des DDR-Schwimmers als Sensation gefeiert, Mitbauer wurde zum Helden des Kalten Krieges. Die Stasi war blamiert und reagierte sofort mit der totalen Überwachung des DDR-Sports. Neue Richtlinien von 1971 führten zu einer „totalen Erfassung“ nicht nur der Sportler selbst, sondern ihres gesamten Umfelds – eine gigantische Aufgabe.

Axel Mitbauer ist heute ein erfolgreicher Schwimmtrainer in Karlsruhe. Seine Mutter durfte sechs Jahre nach seiner Flucht aus der DDR ausreisen. Im Westen wurde er noch Europameister. Als Trainer arbeitete er überall, auch in Italien und der Schweiz, aber nie im Osten, nie in seiner Heimatstadt Leipzig. Er weiß, dass er für manche dort immer noch der „Republikflüchtling“ ist, aber für die meisten ist er derjenige, „der letztendlich den richtigen Weg gewählt“ hat.

Axel Mitbauer hat einen Sohn, ein Schwimmtalent wie der Vater und bereits deutscher Jugendmeister. Erstmals nach 40 Jahren zeigte Mitbauer seinem Sohn den Strand, an dem sich sein Leben entschieden hatte. Es war der Beginn seines neuen Lebens. Axel Mitbauer hatte Mut und Glück. Fast 200 Menschen jedoch starben bei dem Versuch, über die Ostsee zu flüchten.

Staatliche Repression und ihre Folgen für zwei Ost-Biografien

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal entscheidet ein einziger Tag darüber, ob man Opfer oder Täter wird, wenn ein Staat beschließt, dass man nicht mehr dazugehört. Teaser: Nadja Klier war 15 Jahre alt, als sie ihre Heimat verlor. Nicht freiwillig, sondern durch staatlichen Zwang. Als Tochter der Bürgerrechtlerin Freya Klier wurde sie 1988 über Nacht aus ihrem Leben in Ost-Berlin gerissen und in den Westen abgeschoben. Was politisch wie eine Lösung aussah, war für die Jugendliche ein traumatischer Bruch: keine Freunde mehr, keine vertraute Umgebung, nur Fremde. Zur gleichen Zeit saß Ingo Hasselbach in einem DDR-Gefängnis. Er war als „Rowdy“ verhaftet worden, weil er gegen sein linientreues Elternhaus rebellierte. Doch statt ihn zu brechen, formte ihn der Knast neu. In den Zellen traf er auf Alt-Nazis, die den jungen Mann radikalisierten. Der Hass auf den SED-Staat wurde zum Motor für eine neue, rechtsextreme Ideologie. Während Nadja im Westen versuchte, Boden unter den Füßen zu bekommen, bereitete sich Hasselbach darauf vor, im Machtvakuum der Wendezeit Neonazi-Strukturen aufzubauen. Es sind zwei Geschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch denselben Ursprung haben. Sie erzählen von der Unbarmherzigkeit eines Systems, das keine Abweichung duldete, und von den langen Schatten, die diese Erziehungsmethoden bis heute werfen. Die Narben bleiben sichtbar, auch wenn die Mauern längst gefallen sind. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Dass Gefängnisse in der DDR oft als Brutstätten für Rechtsextremismus fungierten, widersprach der offiziellen Staatsdoktrin, war aber bittere Realität. Teaser: Die Biografien von Nadja Klier und Ingo Hasselbach stehen exemplarisch für das Versagen der DDR-Pädagogik und die Härte des staatlichen Zugriffes. Während Klier als Jugendliche 1988 zwangsausgesiedelt wurde, weil ihre Mutter Freya Klier Reformen forderte, durchlief Hasselbach eine Radikalisierung im Strafvollzug. Historisch interessant ist hierbei der Mechanismus der Haftanstalten. Hasselbach, ursprünglich wegen unpolitischer Delikte („Rowdy“) inhaftiert, kam dort in Kontakt mit NS-Kriegsverbrechern. Der staatlich verordnete Antifaschismus verhinderte eine offene Auseinandersetzung mit diesem Phänomen; stattdessen wuchs im Verborgenen eine Szene heran, die nach 1989 gewaltbereit das öffentliche Bild dominierte. Hasselbachs Weg vom Häftling zum Anführer der „Nationalen Alternative“ und sein späterer Ausstieg über EXIT-Deutschland zeichnen diese Entwicklung präzise nach. Es zeigt sich, wie staatliche Repression Dynamiken freisetzen kann, die später kaum noch kontrollierbar sind. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Eine Abschiebung ist kein Umzug, und ein Gefängnis ist keine Schule – beides sind Orte, an denen Biografien brechen. Teaser: Wir sprechen oft über die Wende als Moment der Befreiung. Für Nadja Klier war das Jahr 1988 bereits das Ende ihrer Kindheit, erzwungen durch die Ausbürgerung aus der DDR. Für Ingo Hasselbach waren die Wendejahre der Startschuss für organisierte Gewalt. Diese Gleichzeitigkeit von Verlust und Radikalisierung wirft Fragen auf. Wie geht eine Gesellschaft damit um, dass der Staat manche Kinder vertrieb und andere zu Extremisten erzog? Die Aufarbeitung dieser individuellen Brüche ist oft komplexer als die rein historische Betrachtung von Daten und Fakten. Die Spuren dieser Jahre verblassen nur langsam.