Wie die DDR-Nationalelf 1989 die Qualifikation verpasste

Leipzig, 9. November 1989. In der Sportschule des DDR-Fußballverbandes bereitet sich die Nationalmannschaft um Stars wie Matthias Sammer und Ulf Kirsten auf die vielleicht wichtigste Partie seit Jahren vor. Es geht um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1990 in Italien. Überraschend war das Team nach einem Heimsieg gegen den Vize-Europameister UdSSR Wochen zuvor noch im Rennen. Doch das bevorstehende entscheidende Qualifikationsspiel in Österreich stand im Schatten der Montagsdemonstrationen und des politischen Zusammenbruchs der DDR. Auch in der Sportschule lief nicht mehr alles nach Plan.

Trainer Eduard Geyer, der sich mit den ungewöhnlichen Bedingungen abfinden musste, wollte die Mannschaft auf das Spiel vorbereiten wie auf jedes andere auch. Doch statt Training wurde der Fernsehraum zum zentralen Punkt. „Rein in den Fernsehraum, da wieder geschaut“, erinnert sich Geyer. Die politischen Ereignisse waren dominant; die Spieler konzentrierten sich nicht auf Fußball, sondern auf das DDR-Fernsehen. Nie war der Fernsehraum der Sportschule interessanter als am Tag des Mauerfalls. Die wichtigsten Informationen kamen jedoch aus anderen Quellen, es gab „Horrormeldungen“ und Spieler, die verbotenerweise West-Radio hörten. Geyer beschreibt die Situation als etwas, das es „eigentlich in der Welt noch nie gab“, unnachspielbar und ohne Präzedenzfall.

Dennoch reiste die Mannschaft mit großer Zuversicht nach Linda Brunnen in der Nähe von Wien. Nur noch ein Punkt in Österreich trennte die Ost-Kicker von ihrer zweiten WM-Teilnahme nach 1974, und ein Unentschieden schien machbar. „Wir waren eigentlich sehr zuversichtlich, dass wir das Spiel gewinnen, zumindest den Punkt holen“, so Geyer. Das Team hatte eine sehr gute Mannschaft, vom Leistungspotenzial her sogar besser als die österreichische.

Zwei Tage vor dem Spiel stellten die Journalisten die Fragen, die sich Spieler und Trainer längst selbst stellten: Wie sieht die Zukunft des DDR-Fußballs aus? Welche Möglichkeiten eröffnet die offene Grenze für Sammer & Co.?. Spieler wie Matthias Sammer äußerten sich offen: „Ja klar, wenn ich irgendwann in der Bundesliga spielen kann, gehe ich dahin“.

Das Spiel in Wien wurde dank der nun geöffneten Grenze auch zum Ziel unzähliger ostdeutscher Fans. Fußballfan Gerd Zimmermann aus Dresden reihte sich mit seinem Wartburg in die Blechlawine gen Westen ein – nicht wegen Begrüßungsgeld oder Verwandtschaftsbesuch, sondern um das Länderspiel zu sehen. Im Nachhinein sei es „ohne nachzudenken“ gewesen, mit 80 Litern Sprit im Tank durch die Gegend zu fahren, aber „Wien musste sein“. Erstmals durften und konnten 5000 ostdeutsche Fans im ausverkauften Praterstadion ein Spiel der DDR-Auswahl im Westen live erleben. Sie waren beeindruckt vom Stadion und hatten patriotische Erwartungen an ein 1:1 oder 2:1.

Die Erwartungen wurden auch durch die Probleme des Gegners genährt: Österreich musste gewinnen, Trainer Josef Hickersberger stand in der Kritik, und Torjäger Toni Polster hatte seit Wochen Ladehemmung. Doch ausgerechnet Polster dämpfte nach nur zwei Minuten die großen WM-Hoffnungen der DDR-Kicker mit dem Führungstreffer.

Das Praterstadion war an diesem Abend voller Spione aus der Bundesliga. Trainer Christoph Daum vom 1. FC Köln und ein Mitarbeiter von Bayer Leverkusen, geschickt von Manager Reiner Calmund, beobachteten die DDR-Spieler. Alle wollten nur eines: Kontakt zu Sammer & Co. – am besten schon während des Spiels. Spieler mit West-TV-Erfahrung wunderten sich kaum noch. „Vielleicht geht dann irgendwann doch was Richtung Bundesliga“, dachten viele. Wolfgang Ahnert von Calmunds Mitarbeiter angesprochen: „Ich bin hier von Bayer Leverkusen von einem Calmund beauftragt mit zu gucken“.

Am Ende blieb es beim 3:0 für Österreich, das damit zur Weltmeisterschaft nach Italien fahren durfte. DDR-Trainer Eduard Geyer hadert bis heute mit dem Schicksal und den außergewöhnlichen Rahmenbedingungen des Spiels: „Aufgrund der Umstände hat man keine Chance“. Er sagte stets: „Die Mauer ist sechs, acht Wochen zu früh geöffnet worden“. Ohne diese Ablenkung wäre die volle Konzentration da gewesen, und die Qualifikation hätte erreicht werden können.

Das Nichterreichen der WM bewahrte die Fußballwelt vor einem Kuriosum, denn am selben Abend qualifizierte sich die Bundesrepublik mit einem Last-Minute-Sieg gegen Wales ebenfalls für die WM. Was wäre passiert, wenn nur wenige Wochen vor der Wiedervereinigung zwei deutsche Teams in Italien gespielt hätten?. Die DDR-Elf existierte noch bis September 1990, bestritt nur noch Freundschaftsspiele – stets ungeschlagen – und verhandelte fleißig mit den Bundesliga-Klubs.

In der Sportschule Leipzig wurde nun offen über die West-Zukunft der Stars diskutiert. Sammer, Kirsten und Thom sollten laut Calmunds Vorstellungen zu Bayer Leverkusen wechseln. Doch in Matthias Sammers Fall spielte die Politik möglicherweise eine Rolle: Er landete nicht in Leverkusen, sondern in Stuttgart. Angeblich intervenierte Bundeskanzler Helmut Kohl, um zu verhindern, dass alle Top-Spieler aus der DDR bei Bayer Leverkusen landeten.

Hermann Henselmann und der architektonische Wandel der DDR

A) PROFIL AP Der Weg von der radikalen Moderne in die repräsentative Staatsarchitektur ist selten geradlinig. Hermann Henselmanns Biografie zeigt exemplarisch, wie stark architektonisches Schaffen im 20. Jahrhundert von politischen Rahmenbedingungen abhängig war. Er begann als Vertreter des Neuen Bauens, der Funktionalität über Dekoration stellte, doch die gesellschaftlichen Umbrüche nach 1945 erforderten eine andere Sprache. Die Adaption des sozialistischen Klassizismus war für ihn kein reiner Pragmatismus, sondern der Versuch, dem neuen Staat ein Gesicht zu geben. Diese Phase der Monumentalität währte jedoch nur kurz. Mit der ökonomischen Notwendigkeit, Wohnraum schnell und industriell zu fertigen, geriet der individuelle Entwurf ins Hintertreffen. Henselmann, der die "Arbeiterpaläste" der Stalinallee entworfen hatte, musste zusehen, wie die Baukräne der sechziger Jahre eine standardisierte Stadtlandschaft formten. Seine Kritik an der Uniformität des Plattenbaus wurde in den Fachgremien zwar gehört, hatte jedoch gegen die ökonomischen Sachzwänge kaum eine Chance. Er blieb eine öffentliche Figur, doch seine gestalterische Handschrift verschwand zunehmend aus dem Stadtbild. Die Bauten der frühen Jahre stehen heute als steinerne Zeugen einer Zeit, in der Architektur noch den Anspruch hatte, mehr zu sein als reine Bedarfsdeckung. B) SEITE AP Die Architekturgeschichte der DDR lässt sich an den Brüchen in Hermann Henselmanns Werk ablesen. Als Chefarchitekt Ost-Berlins prägte er die Phase des nationalen Aufbaus, in der repräsentative Boulevards und aufwendig gestaltete Fassaden den Anspruch des Staates auf kulturelle Geltung untermauerten. Die Karl-Marx-Allee ist das gebaute Ergebnis dieser Doktrin, die bewusst den Gegensatz zum westlichen Funktionalismus suchte. Der Übergang zur industriellen Bauweise in den sechziger Jahren markierte jedoch eine Zäsur. Die Abkehr von handwerklicher Individualität hin zur seriellen Fertigung drängte Henselmanns architektonisches Verständnis an den Rand. Während er weiterhin für städtebauliche Qualität und differenzierte Stadträume plädierte, forderte die Planwirtschaft messbare Effizienz. Diese Entwicklung spiegelt den generellen Wandel der DDR-Gesellschaft wider, in der utopische Entwürfe zunehmend pragmatischen Sachzwängen wichen. Henselmanns Werk bleibt als Dokument dieser Spannung erhalten, sichtbar im Kontrast zwischen den Prachtbauten der fünfziger Jahre und den funktionalen Großsiedlungen der späteren Jahrzehnte. C) SEITE JP Hermann Henselmann steht wie kaum ein anderer Architekt für die visuelle Identität der frühen DDR. Seine Entwürfe für die Stalinallee definierten, wie eine sozialistische Hauptstadt auszusehen hatte: monumental, traditionsbewusst und repräsentativ. Diese Architektur war ein politisches Statement, das weit über die reine Schaffung von Wohnraum hinausging. Mit dem Einzug der Plattenbauweise verlor dieser Ansatz jedoch an Relevanz. Die Prioritäten verschoben sich zugunsten von Schnelligkeit und Kostenreduktion, was Henselmanns Position schwächte. Er wurde vom Gestalter zum Verwalter eines Erbes, das die neue Generation von Planern als überholt betrachtete. Heute ermöglicht der zeitliche Abstand einen nüchternen Blick auf sein Schaffen, das sich zwischen politischer Anpassung und künstlerischem Anspruch bewegte. Die Gebäude der Karl-Marx-Allee bilden bis heute eine markante Achse im Berliner Stadtgefüge.

Das Sicherheitsgefühl in der DDR als soziale und biografische Erfahrung

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL: Hook: Sicherheit ist für viele Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, kein abstrakter Begriff aus der Kriminalstatistik, sondern eine Erinnerung an ein Lebensgefühl der Vorhersehbarkeit. Teaser: Wer heute zuhört, wenn Ostdeutsche über ihre Vergangenheit sprechen, stößt oft auf eine Diskrepanz zwischen der historischen Realität einer Diktatur und dem persönlichen Erleben eines geschützten Alltags. Diese Wahrnehmung basiert stark auf der Erfahrung einer fast lückenlosen sozialen Absicherung. Der Arbeitsplatz war garantiert, die Miete festgeschrieben, und der Lebensweg verlief oft in geregelten Bahnen, die kaum individuelle Risiken bargen. Diese staatlich garantierte Statik nahm dem Alltag eine existenzielle Schärfe, die erst mit den Umbrüchen der Nachwendezeit in das Leben vieler Menschen trat. Hinzu kam ein öffentlicher Raum, der durch eine hohe soziale Kontrolle und geringe Mobilität geprägt war. Man blieb oft über Jahrzehnte im gleichen Wohnviertel, kannte das Umfeld und bewegte sich in einer homogenen Gesellschaft, in der Fremdheit die absolute Ausnahme bildete. Die staatliche Ordnungsmacht sorgte zudem rigoros dafür, dass Konflikte selten sichtbar im Straßenbild ausgetragen wurden. In der Rückschau verschmelzen diese Faktoren – die soziale Planbarkeit, die vertraute Umgebung und die sichtbare Ruhe – zu einem Sicherheitsbegriff, der sich fundamental von heutigen Definitionen unterscheidet. Er beschreibt weniger den Schutz vor Verbrechen als vielmehr die Abwesenheit von unvorhersehbaren Veränderungen. B) SEITE 1 und 2 (Kontext): Hook: Wenn Ostdeutsche sagen, früher sei es sicherer gewesen, vergleichen sie die Gegenwart oft nicht mit dem politischen System der DDR, sondern mit einer spezifischen Form der sozialen Stabilität. Teaser: Die Analyse dieses Gefühls zeigt, dass Sicherheit in diesem Kontext vor allem als Planbarkeit des eigenen Lebens verstanden wird. In der DDR waren Erwerbsbiografien und Wohnsituationen langfristig gesichert, was eine mentale Entlastung von existenziellem Wettbewerb bedeutete. Der abrupte Wegfall dieser Strukturen nach 1990 und die Erfahrung massiver Unsicherheit prägen den rückblickenden Vergleich bis heute. Verstärkt wird dies durch den Kontrast zwischen der damaligen medialen Filterung, die Konflikte ausblendete, und der heutigen Informationsdichte, die Risiken permanent sichtbar macht. Sicherheit erscheint in dieser Lesart als ein Zustand, in dem die Komplexität der Welt noch überschaubar war. QUELLE Basis: Video-Analyse „Warum viele Ostdeutsche sagen: ‚In der DDR war es sicherer‘“