Andrej Hermlin rechnet mit Linkspartei ab: „Antiisraelischer Kurs nicht mehr tragbar

Der Pianist und Swingmusiker Andrej Hermlin, der über drei Jahrzehnte Mitglied der Linkspartei war, hat sich in einem Interview mit „Cicero Online“ kritisch zur Partei und zum aktuellen politischen Zustand Deutschlands geäußert. Er trat vor anderthalb Jahren aus der Linkspartei aus, da er deren antiisraelischen Kurs nicht mehr mittragen wollte. Die Partei habe sich verändert, nicht nur durch neue Gesichter, sondern auch durch eine Verschiebung der Themen.

Kritik an der Linkspartei und „Israelkritik“
Hermlin sieht in der Partei inzwischen viele junge, aktivistische Mitglieder, die stark von Medien wie TikTok und Instagram beeinflusst sind. Diese Gruppe habe ein „sehr kritisches Verhältnis zu Israel“ und eine „große Solidarität mit den sogenannten Palästinensern“ und versuche, diesen Kurs der Partei „aufs Auge zu drücken“. Dies sei ihnen offensichtlich auf dem Parteitag in Chemnitz gelungen, wo ein umstrittener Antisemitismusbeschluss verabschiedet wurde, der als israelfeindlich gilt. Der Beschluss beinhalte die sogenannte Jerusalemer Erklärung, die beispielsweise die Politik des BDS (Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen) sowie eine sogenannte Einstaatenlösung (die Auflösung Israels) nicht per se als antisemitisch betrachtet.

Hermlin stellt den Begriff „Israelkritik“ grundsätzlich in Frage. Es gebe keinen Begriff wie „Bulgarienkritik“, „Kenia-Kritik“ oder „Argentinien-Kritik“, was darauf hindeute, dass Israel unter besonderer Beobachtung stehe und anders beurteilt werde. Während die Kritik an der Politik einer bestimmten Regierung vollkommen legitim sei, werde sie antisemitisch, wenn Stereotypen verwendet, das Land delegitimiert oder mit besonderen Maßstäben beurteilt werde, die bei anderen Staaten problemlos durchgelassen würden. Er widerspricht der Behauptung, man dürfe nichts gegen Israel sagen, da soziale Medien voller antiisraelischer Inhalte seien und die deutsche Presse (mit Ausnahmen wie Springer und Tagesspiegel) seiner Meinung nach überwiegend „israelkritisch“ berichte. Es sei inzwischen sehr viel schwieriger geworden, Israel zu verteidigen.

Ein besorgniserregendes Phänomen sei, dass junge Linke heutzutage „Seite an Seite auf Demonstrationen mit Islamisten gegen Israel demonstrieren“. Hermlin bezeichnet dies als „Verblödung“, „Idiotie“ oder „Warn“. Er vergleicht „Queers for Palestine“ mit „Chicken for KFC“ und sieht eine Vereinigung progressiver Bewegungen mit faschistischen Bewegungen wie der Hamas. Dies sei ein Zeichen von Unbildung. Er kritisiert das Fehlen grundlegenden Wissens, wie am Beispiel einer Bundestagsabgeordneten der Linken, die eine Kufiya (ein Symbol des arabischen Nationalismus, gemacht von Al-Husayni, einem Verbündeten Hitlers) mit einer Kippa verglich.

Schweigen in der Partei und die Hamas-Bedrohung
Er wundert sich über das Schweigen anderer vernünftiger Linkspolitiker zu diesem Kurs. Gründe dafür könnten die Erkenntnis sein, in der Minderheit zu sein, oder der Wunsch, die Partei zusammenzuhalten. Er glaubt jedoch, dass das Zusammenhalten der Partei um den Preis der Akzeptanz von Antisemitismus der Partei mehr schadet als nützt. Er beschreibt das Balancieren der Parteiführung, die zwar Hamas verurteilt, aber gleichzeitig „Kriegsverbrechen Israels“ beklagt, als „Feigheit“. Sozialisten, die sich mit der Geschichte befasst hätten, könnten niemals Feinde Israels sein, da viele Sozialisten unter Hitler verfolgt wurden und die ersten Kibbutzim kommunistische bzw. sozialistische Wurzeln hatten.

Das eigentliche Problem im Nahen Osten sei der „Vernichtungswille der Hamas“, die offen erklärt habe, Israel zerstören und alle Juden töten zu wollen. Er betont, dass die Opfer des Angriffs vom 7. Oktober großenteils Kritiker der israelischen Regierung, Linke und Freunde der Palästinenser waren. Hermlin hält die Diskussion, dass sich die Lage ändern würde, wenn ein anderer Premierminister in Israel regieren würde, für naiv, da jeder israelische Regierungschef mit dem existenziellem Ziel der Hamas konfrontiert wäre. Er fragt, wie man Frieden mit einem Nachbarn machen könne, der wild entschlossen sei, die eigenen Kinder zu verbrennen und die Frau zu vergewaltigen.

Politische Heimatlosigkeit und Familiengeschichte
Hermlin empfindet nach seinem Austritt aus der Linkspartei eine politische Heimatlosigkeit, erkennt aber im Gespräch, dass er sich „eigentlich immer heimatlos“ gefühlt hat. Dieses Gefühl begann bereits in seiner Kindheit in der DDR, als er die offiziellen Parolen des Regimes (z.B. zum Prager Frühling) nicht teilte und eine andere Vorstellung von Sozialismus hatte als seine Umgebung. Er fühlte sich auch heimatlos, als er 1990 in die PDS eintrat, da er niemanden kannte und die Parteikultur ihm fremd war. Spätestens als ein Parteifunktionär die Gründung Israels als das Schlimmste bezeichnete, das den Juden widerfahren sei, wusste er, dass er dort „eigentlich falsch“ sei.

Er spricht über seine jüdische Familiengeschichte; sein Großvater David Leder war im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert und kam vermutlich durch Bestechung frei. Sein Vater, Stefan Hermlin, entging ebenfalls knapp der Deportation. Der arabische Nationalismus und der Terror Al-Husaynis trugen dazu bei, dass sein Vater Palästina verließ. Er thematisiert, wie die Traumata seines Vaters, etwa dessen heftige Reaktion auf die Drohung Saddam Husseins, Raketen mit Giftgas auf Israel zu schießen, möglicherweise durch transgenerationale Weitergabe auch ihn beeinflussen und seit dem 7. Oktober zu einer Retraumatisierung führen.

Als Sohn des bekannten Schriftstellers Stefan Hermlin, der sich als deutscher Schriftsteller und nicht als DDR-Schriftsteller sah, wuchs er in einem privilegierten Umfeld auf, das ihm Reisen ermöglichte und Kontakte zu prominenten Kulturschaffenden aus Ost und West verschaffte. Er beschreibt die DDR als ein „missratendes graues langweiliges Land“, obwohl er lange auf eine positive Veränderung hoffte. Die politischen Gespräche zu Hause, die sehr kritisch gegenüber der SED und dem Regime waren, prägten ihn stark und führten dazu, dass er schon als Kind eine eigene, kritische Meinung vertrat. Dieses Umfeld trug auch zu seinem Selbstbewusstsein bei.

Zustand des Landes und Ausblick
Hermlin vergleicht den heutigen politischen Zustand Deutschlands mit der Spätphase der DDR. Er sieht „Zeichen an der Wand“, die darauf hindeuten, dass „es hier irgendwie zu Ende“ gehe, auch wenn er nicht sagen könne, wann oder wie. Als Indikatoren nennt er die Inkompetenz der politischen Klasse, eine enorme Verachtung und Misstrauen großer Teile der Bevölkerung gegenüber der Politik und der Presse, eine gegenseitige Entfremdung zwischen Bürgern und Politik, eine Unlust zum Engagement und eine Häufung von Krisen (Flüchtlingskrise, Corona, Ukraine-Krieg, Nahost-Konflikt, Wirtschaftskrise, Strukturkrise). Er hält es für wenig wahrscheinlich, dass sich die Lage kurzfristig verbessert, etwa durch das Auftauchen charismatischer Politiker oder eine Beseitigung der Krisen. Er denkt über einen „Plan B“ nach, der für ihn Kenia bedeutet, wo er ein zweites Zuhause hat.

Zum Aufstieg der AfD äußert er sich weniger zur Partei selbst als vielmehr zur Frage, was die etablierten Parteien falsch gemacht haben, warum die AfD so erfolgreich sei und warum Menschen so wütend seien. Er vermisst die Bereitschaft von Politikern, sich selbstkritisch zu fragen, woran es liegt, und Fehler einzugestehen („Es tut mir leid“). Zudem beklagt er, dass Politiker und Journalisten eine Sprache gebrauchen, die unverständlich ist, und dass Meinung und Bericht vermengt werden.

Die Rolle der Musik
Für Hermlin ist die Musik (insbesondere Swing) neben seiner Familie ein wichtiger Anker im Leben, der ihm hilft, mit dem politischen „Wahnsinn“ zurechtzukommen und ihn davor bewahrt, in Traurigkeit und Wut zu versinken. Er sieht die Swingmusik der 30er Jahre, die in schwierigen Zeiten populär war, als ein „großes Kontrastprogramm“ zur heutigen, bedrohlichen und grauen Wirklichkeit.

Das System der kollektiven Erziehung in der DDR und seine Folgen

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Wer sich an die eigene Kindheit in der DDR erinnert, hat oft sofort den Geruch von Bohnerwachs in der Nase und das Bild der blauen Halstücher vor Augen. Der Staat war der unsichtbare Dritte am Abendbrottisch, und seine Institutionen prägten den Rhythmus des Alltags lange bevor man das Wort Ideologie buchstabieren konnte. Es war eine Kindheit, die in einem engen Korsett stattfand, das viele als Halt und andere als Fessel empfanden. Die Organisation des Lebens begann nicht erst mit der Schule, sondern bereits in der Krippe, wo der Tagesablauf synchronisiert war und das "Ich" Pause hatte, während das "Wir" den Takt vorgab. Diese Erfahrung einer totalen Verplanung bot eine Sicherheit, die man im Westen so nicht kannte, verlangte aber im Gegenzug eine ständige Anpassung an die Norm. Besonders prägend war das Erlernen einer doppelten Sprache. Kinder verstanden früh, dass es zwei Welten gab: die private Welt der Familie, in der man offen sprach, und die öffentliche Welt der Schule und der Pioniere, in der bestimmte Sätze erwartet wurden. Diese Schizophrenie des Alltags schulte das Gespür für Nuancen und lehrte eine Vorsicht, die tief sitzt. Man funktionierte in den Strukturen, sang die Lieder und stand beim Appell stramm, oft ohne die Inhalte wirklich zu glauben. Es entstand eine Distanz zwischen der offiziellen Fassade und dem inneren Erleben. Wenn man heute auf diese Bildungswege schaut, wird die Ambivalenz deutlich. Die fachliche Bildung war solide, die soziale Durchlässigkeit hoch, doch der Preis war die Unterordnung unter ein militärisch organisiertes Kollektiv, das Abweichung pathologisierte. Die Generation, die in diesen Strukturen groß wurde, ist heute erwachsen und prägt die Gesellschaft mit einer spezifischen Haltung. Sie ist oft pragmatischer, krisenfester, aber auch skeptischer gegenüber Autoritäten, die Gehorsam einfordern. Die Spuren dieser Erziehung sind nicht verschwunden, sondern haben sich in die Biografien eingeschrieben als eine Erfahrung von Grenzen und deren Überschreitung. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Das Bildungssystem der DDR war weit mehr als nur Wissensvermittlung, es war ein durchorganisierter Zugriff auf die Ressource Mensch. Um die Strukturen der DDR-Erziehung zu verstehen, muss man den Blick von der Pädagogik hin zur Ökonomie lenken. Der chronische Arbeitskräftemangel zwang den Staat dazu, Frauen fast vollständig in den Erwerbsprozess zu integrieren, was einen massiven Ausbau der Kinderbetreuung notwendig machte. Diese Notwendigkeit wurde zur Tugend erklärt und bot der Staatsführung die Chance, die nächste Generation ab dem Kleinkindalter im Sinne der sozialistischen Ideologie zu formen. Krippe und Kindergarten waren keine bloßen Verwahranstalten, sondern der Beginn einer gezielten Kaderentwicklung. Die Effizienz dieses Systems zeigte sich in der Standardisierung aller Lebensbereiche. Vom gemeinsamen Topfsitzen in der Krippe bis zur Berufsberatung, die Lücken im Volkswirtschaftsplan füllte, war der Weg vorgezeichnet. Die Schule diente dabei nicht der Entfaltung individueller Talente, sondern der Produktion nützlicher Glieder der Gesellschaft. Wer sich diesem utilitaristischen Ansatz entzog oder politisch auffiel, spürte die Härte des Systems durch verwehrte Bildungschancen. Sicherheit gab es nur für jene, die auf den vorgegebenen Schienen blieben. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Die Synchronisation der körperlichen Bedürfnisse in den DDR-Krippen sparte Zeit, lehrte aber vor allem eine frühe Lektion über das Verhältnis von Individuum und Kollektiv. Was aus heutiger Sicht oft befremdlich wirkt, folgte einer klaren inneren Logik des Systems. Wenn eine Erzieherin für eine große Gruppe von Kleinkindern zuständig war, musste der Tagesablauf wie ein Uhrwerk funktionieren. Das Individuum störte im Betriebsablauf, während die Gruppe die Norm setzte. Diese frühe Gewöhnung an den Rhythmus der anderen war der erste Schritt in eine Gesellschaft, die das "Wir" über alles stellte und das "Ich" oft als bürgerliches Relikt betrachtete. Die Mechanismen dieser Prägung wirken in den sozialen Gewohnheiten vieler Menschen leise nach.