Vom Mühlenteich zur Flaniermeile: Die Verwandlung des Pfaffenteichs in Schwerin

Mitten im Herzen von Schwerin liegt ein Gewässer, das nicht nur als malerischer Anziehungspunkt dient, sondern auch eine bewegte Geschichte hat: der Pfaffenteich. Was heute eine beliebte Flaniermeile und städtische Oase ist, war einst Teil eines ausgeklügelten Verteidigungssystems und diente sogar der Energiegewinnung. Die Entwicklung des Pfaffenteichs spiegelt die Geschichte Schwerins wider – von den mittelalterlichen Anfängen bis hin zur modernen Stadtgestaltung.

Von der Bucht zum Stadtteich
Vor der Stadtgründung war der heutige Pfaffenteich eine langgestreckte Bucht des Ziegelsees. Mit dem Bau des Spieltordamms im 12. Jahrhundert wurde diese Bucht abgetrennt, um den Wasserspiegel zu regulieren und Mühlen zu betreiben. Gleichzeitig diente der neu geschaffene Fließgraben, der den Pfaffenteich mit dem Burgsee verband, als natürliche Verteidigungslinie der aufstrebenden Stadt.

Seinen heutigen Namen erhielt der Teich früh in der Stadtgeschichte. Die Domherren – auch als „Pfaffen“ bekannt – besaßen hier Grundstücke mit Gärten, die direkt an das Wasser grenzten. Trotz seiner zentralen Lage blieb der Pfaffenteich über viele Jahrhunderte hinweg weitgehend unbebaut. Das sumpfige Ostufer sowie die Sicherheitsbedenken in kriegerischen Zeiten hielten eine intensive Bebauung zunächst zurück.

Die große Bauphase im 19. Jahrhundert
Ein Wendepunkt kam mit der Rückverlegung der großherzoglichen Residenz nach Schwerin im Jahr 1837. Neben dem prunkvollen Schloss wurden zahlreiche Verwaltungs- und Wohngebäude errichtet. Besonders die Westseite des Pfaffenteichs wurde zur repräsentativen Bauzone: Die Alexandrinenstraße entstand, gesäumt von einer Lindenallee, und das Arsenal, ein imposantes Militärgebäude, wurde errichtet. Damit begann die Entwicklung der Paulsstadt, eines neuen Stadtviertels.

Parallel dazu wurde der Fließgraben, der den Pfaffenteich mit dem Burgsee verband, überwölbt. Auf diesem neu geschaffenen Areal entstand die Mecklenburgstraße – bis heute eine der wichtigsten Achsen Schwerins.

Die Bebauung des Ostufers folgte erst ab 1860. Da der Boden hier extrem sumpfig war, musste viel Erdreich aufgeschüttet werden. Dieser Prozess zog sich über Jahrzehnte hin. Erst 1890 war die heutige August-Bebel-Straße vollständig bebaut. Der nächste Meilenstein war der Bau des Elektrizitätswerks im Jahr 1904, das die Stadt mit Energie versorgte. Die Umbauung des Pfaffenteichs fand mit dem Bau des Stadtbads in den 1920er-Jahren ihren Abschluss.

Zwischen Idylle und Gestank: Die Schattenseiten des Pfaffenteichs
So idyllisch der Pfaffenteich heute anmutet, brachte das Wohnen am Wasser im 19. Jahrhundert erhebliche Probleme mit sich. Bis 1890 existierte keine Abwasserkanalisation, sodass Haushaltsabwässer direkt in den Teich geleitet wurden. Zeitgenössische Berichte sprechen von einer unerträglichen Geruchsbelästigung. Erst mit dem Bau eines modernen Abwassersystems verbesserte sich die Situation.

Auch die politische Geschichte Schwerins hinterließ ihre Spuren am Pfaffenteich. In den 1960er-Jahren erhielt das Südufer eine DDR-typische Gestaltung. Ein Zaun blockierte den Zugang zum Wasser, was den einstigen Flaniercharakter stark einschränkte.

Neugestaltung nach der Wende
Mit dem politischen Umbruch der 1990er-Jahre begann eine neue Phase der Stadtentwicklung. Ziel war es, die historische Struktur zu bewahren und gleichzeitig die Stadt wieder erlebbarer zu machen. Die Neugestaltung des Pfaffenteichs spielte dabei eine zentrale Rolle.

Eines der Hauptanliegen war es, den Zugang zum Wasser wiederherzustellen. Nach vielen Diskussionen setzte sich die Idee einer Treppe durch, die direkt ins Wasser führt. Dabei mussten bautechnische Herausforderungen gemeistert werden, da der Untergrund durch die ehemalige Fließgrabenlage extrem instabil war. Die Lösung: eine auf Pfählen gelagerte Stahlkonstruktion, auf der die Natursteinblöcke ruhen. Ergänzt wurde dies durch eine Plattform, die leicht ins Wasser ragt.

Doch nicht nur das Südufer wurde umgestaltet. Die gesamte Uferlinie des Pfaffenteichs wurde saniert, um die historische Bauweise zu erhalten und Erosionsschäden zu verhindern. Auch das Ostufer erhielt eine Aufwertung: Die Terrasse mit dem Schliemann-Denkmal wurde neu gestaltet, sodass Besucher dort geschützt in der Abendsonne verweilen können.

Vom Streitobjekt zur Erfolgsgeschichte
Wie jede große Umgestaltung rief auch die Neugestaltung des Pfaffenteichs anfangs Skepsis hervor. Während einige Bewohner den offenen Charakter der neuen Promenade lobten, befürchteten andere, dass moderne Elemente nicht ins Stadtbild passen würden. Doch mit den Jahren wandelte sich die Wahrnehmung. Heute sind die Treppen am Südufer ein beliebter Treffpunkt, vor allem bei jungen Menschen.

Die Neugestaltung des Pfaffenteichs war nicht nur eine bauliche, sondern auch eine gesellschaftliche Entscheidung. Sie zeigt, wie sich Schwerin von einer einst verschlossenen Stadt zu einer offenen und lebenswerten Metropole entwickelt hat. Das Wasser ist zurück im Stadtbild – und mit ihm ein Stück Schweriner Identität.

Mit seiner einzigartigen Lage und Geschichte bleibt der Pfaffenteich ein Sinnbild für den Wandel Schwerins – vom mittelalterlichen Verteidigungsteich zur modernen Flaniermeile. Was einst eine funktionale Wasseranlage war, ist heute ein Ort der Begegnung, Entspannung und Inspiration.

Das Konzert vom 2. Dezember 1989: Biermann, Wegner und die DDR-Opposition

Journalistischer Text – Facebook Der 2. Dezember 1989 markiert im kulturellen Gedächtnis der deutschen Teilung einen Moment von seltener Intensität. Wenige Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer und noch vor der ersten freien Wahl fand im Ost-Berliner „Haus der Jungen Talente“ eine Veranstaltung statt, die den Titel „Verlorene Lieder – verlorene Zeit“ trug. Es handelte sich um das erste gemeinsame Konzert von in der DDR verbliebenen Liedermachern und jenen Künstlern, die das Land nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 verlassen mussten. Die Atmosphäre im Saal war geladen, geprägt von einer Mischung aus Euphorie, Neugier und der unverarbeiteten Bitterkeit der vergangenen Jahre. Auf der Bühne trafen Welten aufeinander. Wolf Biermann, der erst einen Tag zuvor sein erstes Konzert in Leipzig gegeben hatte, dominierte den Abend mit einer Haltung des historischen Triumphs. Ihm gegenüber standen Künstler wie Bettina Wegner, die weniger die politische Abrechnung als vielmehr den menschlichen Schmerz der Trennung thematisierte. Ihr Lied „Kinder“ wurde zu einem emotionalen Zentrum des Abends. Gleichzeitig vertraten Dagebliebene wie Hans-Eckardt Wenzel oder Gerhard Schöne eine Position, die sich gegen eine vereinfachende Siegermentalität des Westens wandte. Sie pochten auf die Würde einer eigenständigen ostdeutschen Erfahrung, die sich nicht allein durch Anpassung oder Flucht definieren ließ. Besondere Brisanz erhielt der Abend durch die Anwesenheit des damaligen Kulturministers Dietmar Keller. In einer für DDR-Funktionäre präzedenzlosen Geste entschuldigte er sich öffentlich für das Unrecht der Ausbürgerungen. Doch die anschließenden Diskussionen zeigten, dass eine einfache Versöhnung kaum möglich war. Die Gräben zwischen den Exilanten, die die DDR von außen bekämpften, und den Kritikern im Inneren, die das System reformieren wollten, traten offen zutage. Das Konzert dokumentiert somit nicht nur eine musikalische Wiedervereinigung, sondern auch den Beginn eines schwierigen Dialogs über Deutungshoheit und Biografie, der die Nachwendezeit noch lange prägen sollte.