Christian Schaft (Die Linke Thüringen) – Würden auch mit der AfD abstimmen!

Der Fraktionsvorsitzende der Linken im Thüringer Landtag, Christian Schaft, stellt in einem Interview seine Positionen und Herausforderungen dar, vor denen die Linke nach der Landtagswahl steht. Die sogenannte „Brombeerkoalition“ aus CDU, SPD und Grünen verfügt nur über eine knappe Mehrheit, wodurch die Linke als Oppositionspartei an Einfluss gewinnt.

Schaft betont, dass die Linke eine konstruktive Opposition sein will, aber gleichzeitig ihre Zustimmung zu Gesetzen und Initiativen von ihrem moralischen Kompass und ihrer Programmatik abhängig macht. Dies führt zu der Situation, dass die Linke in Sachfragen mit der AfD stimmen könnte, obwohl die Beweggründe für das Abstimmungsverhalten unterschiedlich sind. Schaft nennt als Beispiele die Inklusion an Schulen und die Befugnisse des Verfassungsschutzes. Er stellt klar, dass die Linke, anders als die CDU in der vergangenen Legislaturperiode, nicht bewusst die Stimmen der AfD für eine Blockadepolitik nutzen will.

Trotzdem sieht Schaft die Gefahr, dass die „Brombeerkoalition“ sich im Zweifel Mehrheiten bei der AfD sucht, wenn die Linke nicht zustimmt. Er verweist auf die Senkung der Grunderwerbsteuer in der letzten Legislaturperiode als Beispiel für ein solches Vorgehen der CDU. Schaft fordert die „Brombeerkoalition“ auf, das Gespräch mit der Linken zu suchen, um demokratische Mehrheiten ohne die AfD zu finden. Er schlägt ein Fairness-Abkommen oder einen Stabilitätspakt vor, um stabile Verhältnisse im Landtag zu schaffen.

Als erste Nagelprobe für die Zusammenarbeit sieht Schaft die Haushaltsverhandlungen. Die Linke will wichtige Vorhaben aus der Zeit der rot-rot-grünen Landesregierung bewahren und lehnt eine Kürzungsorgie der CDU ab. Ein zentraler Punkt für die Linke ist die Beitragsfreiheit im Kindergarten, für die sie einen haushaltsbegleitenden Antrag einbringen will. Schaft hofft, dass dies ein gemeinsames Projekt mit der „Brombeerkoalition“ werden kann.

Weitere Themen, die im Interview angesprochen werden, sind die Corona-Pandemie und die US-Präsidentschaftswahl. Schaft spricht sich für eine Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie aus, anstatt für einen Untersuchungsausschuss. Die Wahl von Donald Trump bezeichnet er als globale Katastrophe und befürchtet negative Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen und die Wirtschaft in Thüringen.

Schließlich geht es um die Besetzung des Vizepräsidenten und eines stellvertretenden Mitglieds des Verfassungsgerichtshofs. Schaft lehnt den von der AfD vorgeschlagenen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten ab und stellt klar, dass die Linke keinen Kandidaten der AfD für diese Position wählen wird. Bezüglich des stellvertretenden Mitglieds des Verfassungsgerichtshofs will sich Schaft die Person erst ansehen, äußert aber auch hier Zweifel an der Zustimmung der Linken.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Linke im Thüringer Landtag vor der Herausforderung steht, als konstruktive Opposition zu agieren, ohne der AfD Einfluss zu verschaffen. Die „Brombeerkoalition“ ist auf die Stimmen der Linken angewiesen, um stabile Mehrheiten zu sichern. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Zusammenarbeit zwischen den Parteien entwickeln wird.

Der „Blüm-Abschlag“ 1991: Pharma-Preise und die Ökonomie der Einheit

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: „Was sie in Frankreich, Spanien kann, das muss sie auch in Deutschland können.“ Teaser: Mit diesem Satz setzte Arbeitsminister Norbert Blüm im Winter 1990 die westdeutsche Pharmaindustrie unter Druck. Die Situation war paradox: Die politische Einheit war vollzogen, doch die ökonomische Realität im Gesundheitswesen klaffte weit auseinander. Während ostdeutsche Arbeitnehmer noch Löhne von etwa 40 Prozent des Westniveaus bezogen, sollten ihre Krankenkassen bereits die vollen westdeutschen Preise für Medikamente zahlen. Das System drohte zu kollabieren, bevor es richtig begonnen hatte. Blüms Antwort war der sogenannte „Blüm-Abschlag“ – eine Forderung nach 55 Prozent Preisnachlass für Arzneimittel in den neuen Bundesländern. Er argumentierte nicht nur mit moralischer Solidarität, sondern nutzte geschickt den europäischen Vergleich. Wenn Konzerne in Südeuropa günstiger verkaufen konnten, warum dann nicht auch im wirtschaftlich schwächeren Osten Deutschlands? Es folgte ein Machtkampf mit Boykottdrohungen und harten Verhandlungen, der zeigte, wie fragil die Balance zwischen Marktprinzipien und sozialer Notwendigkeit in der Transformationszeit war. Diese Episode erzählt viel darüber, wie die Kosten der Einheit verteilt wurden und welche Kompromisse nötig waren, um das System zu stabilisieren. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Westliche Preise treffen auf ostdeutsche Löhne – das finanzielle Dilemma der Einheit 1990. Teaser: Um den sofortigen Bankrott der neu gegründeten Krankenkassen in den neuen Bundesländern zu verhindern, griff die Bundesregierung 1991 zu einem drastischen Mittel: Sie verordnete der Pharmaindustrie per Gesetz einen Zwangsrabatt von bis zu 55 Prozent für den Ost-Markt. Arbeitsminister Norbert Blüm begründete dies mit der Diskrepanz zwischen den Einnahmen der Ost-Kassen und den Preisen westlicher Medikamente. Er verwies dabei explizit auf die Preisgestaltung im europäischen Ausland, wo deutsche Medikamente oft deutlich günstiger waren als im Mutterland. Der „Blüm-Abschlag“ blieb bis Ende 1993 in Kraft und gilt als eines der deutlichsten Beispiele für staatlichen Interventionismus in der Nachwendezeit, um die soziale Symmetrie zu wahren. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Solidarität per Gesetzblatt. Teaser: Der „Blüm-Abschlag“ zwang die Pharmaindustrie ab 1991, ihre Preise in Ostdeutschland an die dortige Kaufkraft anzupassen. Die simple Formel lautete: Wo die Löhne nur halb so hoch sind, dürfen die Pillen nicht das Doppelte kosten. Ein früher Konflikt der Einheit, der zeigte, dass Marktpreise durchaus verhandelbar sind, wenn der politische Druck groß genug ist. QUELLE Neue Zeit, Mo. 31.12.1990; Archivmaterial Bundestag & BVerfG (1990/1991)