
Anfang Januar 1990 lag über dem Gelände der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in Gera eine angespannte Ruhe. Während in vielen Städten der DDR die Bürgerkomitees bereits Einblick in die Dienststellen erhalten hatten, blieb das weitläufige Areal in Gera weiterhin abgeschirmt. Vor den Toren sammelten sich Demonstranten, drinnen arbeiteten Stasi-Mitarbeiter noch immer hinter verschlossenen Türen.
Schon am 5. Dezember 1989 hatte die Behörde versucht, die öffentliche Kritik zu entschärfen. Vor Journalisten wurde eine Schreddermaschine versiegelt. Viele Bürger hofften damals, die Vernichtung von Akten sei damit beendet. Doch die Zweifel blieben. Zu oft hatten Mitarbeiter Säcke mit Papier fortgeschafft, zu oft kursierten Berichte über nächtliche Aktenvernichtungen.
Wie nervös die Situation innerhalb der Dienststelle war, zeigte ein geheimes Telex vom 9. Dezember. Unter der Überschrift „Heute wir – morgen Ihr!“ wandten sich Geraer Stasi-Mitarbeiter an andere Dienststellen und an die SED. Als das Schreiben wenige Wochen später durch das Neue Forum bekannt wurde, verbreitete es sich rasch. Für viele Menschen bestätigte es den Eindruck, dass Teile des Apparates noch immer auf Konfrontation setzten.
Am Abend des 4. Januar 1990 drohte die Lage zu kippen. Nach der Donnerstagsdemonstration bewegte sich eine Gruppe von Demonstranten zum hinteren Zugang des Geländes. Die Stimmung war aufgeheizt. Viele wollten verhindern, dass weitere Akten verschwanden. Gleichzeitig war bekannt, dass sich auf dem Gelände noch bewaffnete Kräfte befanden. Hinter den Toren standen Männer mit Waffen, davor Menschen mit Wut, Misstrauen und vielen offenen Fragen.
In dieser Situation stellten sich der SDP-Vertreter Rolf Buchner und der Pfarrer Roland Geipel den Demonstranten entgegen. Sie redeten auf die Menge ein und verhinderten, dass die Situation eskalierte.
Zwei Tage später, am Morgen des 6. Januar, öffneten sich die Tore friedlich. Vertreter des Bürgerkomitees übernahmen die Kontrolle über die Dienststelle und sorgten für ihre Entwaffnung. Ab dem 8. Januar gingen Bürgerrechtler Raum für Raum durch das Gebäude. Einer von ihnen war Michael Beleites. Schränke wurden geöffnet, Türen versiegelt und Unterlagen gesichert.
Wer damals dabei war, erinnert sich weniger an große politische Worte als an die Unsicherheit dieser Tage: an das Warten vor den Toren, an Gerüchte, an die Sorge um die Akten – und an die Erleichterung, als die Besetzung schließlich ohne Gewalt endete.