
An Messetagen strömten Tausende Besucher durch den agra-Park in Markkleeberg. Familien schlenderten über die Wege des alten Herfurthschen Parks, betrachteten neue Landmaschinen, Tierzuchten und Blumenschauen. Zwischen alten Bäumen und gepflegten Rasenflächen entstand das Bild einer modernen Landwirtschaft inmitten einer scheinbar unberührten Landschaft.
Doch wer von den Ausstellungshallen nach Süden blickte, sah eine andere Wirklichkeit. Dort arbeiteten die Schaufelradbagger der Braunkohletagebaue Espenhain und Zwenkau. Tag und Nacht bewegten sie gewaltige Erdmassen. Über Jahrzehnte verschwanden Felder, Wälder und ganze Ortschaften aus der Landschaft. Insgesamt wurden rund 1,7 Milliarden Kubikmeter Boden abgetragen.
Für die Menschen im Leipziger Südraum waren beide Welten gleichzeitig präsent. Während Besucher auf der agra durch Schaugärten spazierten, rückte die Tagebaukante Jahr für Jahr näher an Markkleeberg heran. 1974 erreichte sie die Stadtgrenze. Viele Einwohner konnten verfolgen, wie sich die vertraute Umgebung veränderte. Orte wie Gaschwitz blieben schließlich nur auf einem schmalen Streifen Land zwischen Siedlungen und den riesigen Gruben bestehen.
Bereits 1959 wurde das Landschaftsschutzgebiet „Leipziger Auwald“ ausgewiesen, um wenigstens Teile der Auenlandschaft zu bewahren. Dennoch blieb auch der agra-Park von Eingriffen nicht verschont. Zwischen 1972 und 1976 entstand die vierspurige Bundesstraße 2 auf einer mehr als 350 Meter langen Brücke mitten durch den historischen Park. Wo einst freie Sicht zwischen dem Weißen Haus, der Parkgaststätte und den Grünanlagen bestand, dominierten nun Beton, Verkehr und Motorengeräusche.
Bis heute ist dieser Einschnitt sichtbar. Besucher überqueren dieselben Wege, auf denen früher die Blickachsen des Landschaftsparks verliefen. Gleichzeitig wird seit Jahren darüber diskutiert, wie die Trennung überwunden werden könnte. Bürgerinitiativen und Stadtplaner aus Leipzig und Markkleeberg werben für Lösungen, die den Park wieder stärker zusammenführen.
So erzählt der agra-Park bis heute von zwei Entwicklungen, die im Leipziger Südraum eng nebeneinander verliefen: von der Pflege einer historischen Parklandschaft und vom tiefgreifenden Wandel einer Region, deren Alltag jahrzehntelang von der Braunkohle geprägt war.