Der Kampf um die Worte – War es Beitritt, Einheit oder Kolonie?

Wie Begriffe unser Gedächtnis formen: Warum wir uns auch 35 Jahre nach 1990 noch über „Wiedervereinigung“ und „Kolonialisierung“ streiten.

Wer heute über das Jahr 1990 spricht, betritt ein Minenfeld. War es die glückliche „Wiedervereinigung“? Ein technokratischer „Beitritt“? Oder gar eine feindliche „Übernahme“? Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR ist die deutsche Einheit nicht nur Geschichte, sondern ein fortwährender Kampf um die Deutungshoheit. Begriffe sind hier keine neutralen Hülsen, sondern, wie der Soziologe Thomas Ahbe es nennt, „Fahnenwörter“. Sie markieren politische Lager, verletzte Gefühle und moralische Hierarchien.

Die juristische Kälte des Beitritts Nüchtern betrachtet ist der Fall klar, aber unromantisch. Das Grundgesetz und der Einigungsvertrag kennen das Wort „Wiedervereinigung“ als operativen Begriff kaum. Der juristische Vollzug geschah über Artikel 23 des Grundgesetzes in seiner damaligen Fassung: den „Beitritt“. Diesen Weg wählte die erste frei gewählte Volkskammer der DDR am 23. August 1990. Er garantierte Schnelligkeit und Rechtssicherheit. Das bewährte System der Bundesrepublik wurde schlicht nach Osten ausgedehnt. Doch diese Mechanik schuf eine fatale Asymmetrie: Die Bundesrepublik blieb als Völkerrechtssubjekt identisch, sie wurde nur größer. Die DDR hingegen löste sich auf. Aus dieser Diskrepanz zwischen dem politischen Pathos der „Einheit“ und der juristischen Realität des „Beitritts“ speist sich das bis heute virulente Gefühl vieler Ostdeutscher, nicht Partner, sondern Verwaltungsobjekt gewesen zu sein.

Das Narrativ der Sieger Der Begriff „Wiedervereinigung“ dominiert die Sonntagsreden. Er suggeriert eine teleologische Normalisierung: Was zusammengehört, wächst zusammen. Er impliziert ein Happy End der Geschichte, in dem Freiheit und Demokratie siegen. Kritiker wenden jedoch ein, dass dieser Begriff historisch unpräzise ist. Die Bundesrepublik und die DDR waren vor 1945 nie als solche vereint; sie waren Neugründungen auf den Trümmern des Reiches. Wer nur von Wiedervereinigung spricht, harmonisiert die Brüche der Transformation und blendet die Verluste aus, die der Systemwechsel für Millionen Ostdeutsche bedeutete.

Die Provokation: Kolonialismus im eigenen Land? Demgegenüber gewinnt der Begriff der „Kolonialisierung“ an Schärfe. Ursprünglich ein Kampfbegriff der PDS der Wendezeit („Keine Kohl-onialisierung“), wird er heute soziologisch diskutiert. Er beschreibt die fast vollständige Übernahme der ostdeutschen Führungspositionen in Politik, Verwaltung, Justiz, Militär und Wissenschaft durch Westdeutsche – ein Elitenaustausch, der in seiner Radikalität in Osteuropa einmalig ist. Aktuelle Debatten, etwa um das Humboldt Forum in Berlin, laden diesen Begriff neu auf. Wenn dort koloniale Exponate unter der Kuppel des rekonstruierten Preußenschlosses gezeigt werden, während der „Palast der Republik“ – ein Ort ostdeutscher Identität – dafür abgerissen wurde, verschmelzen für Kritiker zwei Formen der kulturellen Dominanz: die imperiale und die innerdeutsche. Zwar hinkt der Vergleich, da massive Finanztransfers von West nach Ost flossen, was klassischer Ausbeutung widerspricht. Doch als Chiffre für Fremdbestimmung und das Gefühl, „Bürger zweiter Klasse“ zu sein, bleibt der Kolonialismus-Vorwurf ein mächtiges Instrument der Kritik an der Art und Weise, wie die Einheit vollzogen wurde.

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