In der Rückschau auf die Kulturgeschichte der DDR erscheint die Rockmusik oft als ein Feld klarer Fronten, aufgeteilt in angepasste Staatskünstler und aufmüpfige Rebellen. Doch Biografien wie die von Stephan Trepte zeigen, dass die Realität meist in den Grauzonen stattfand, in einem komplexen Wechselspiel aus Förderung, Duldung und subtilem Widerstand. Trepte, der 2020 verstarb, war eine der prägenden Stimmen dieses Genres, und sein Weg durch die drei großen sächsischen Bands – electra, Lift und Reform – liest sich wie eine seismographische Aufzeichnung ostdeutscher Befindlichkeiten. Er war kein politischer Agitator im eigentlichen Sinne, doch seine physische Präsenz und die Art, wie er Texte interpretierte, verliehen ihm eine Aura, die sich der staatlich gewünschten Glätte oft entzog.
Seine musikalische Sozialisation begann typisch für viele Musiker seiner Generation, die den Spagat zwischen bürgerlicher Hochkultur und der rauen Energie des Beat bewältigen mussten. Nach einer klassischen Klavierausbildung und ersten Schritten in der Amateur-Szene, die ihm nach dem Verbot der Band „Quintanas“ auch die repressive Seite des Staates in Form von Strafarbeit zeigte, professionalisierte er sich. Der Besuch der Musikhochschule und der Erwerb des Berufsausweises waren in der DDR die Voraussetzung, um überhaupt legal und für angemessene Gagen auftreten zu können. Diese Institutionalisierung des Rock’n’roll war ein spezifisches Merkmal des Systems: Man wollte die Jugendkultur nicht mehr nur bekämpfen, sondern kanalisieren und durch Professionalität veredeln.
Der erste große Moment, in dem Trepte diese Bühne betrat und zugleich sprengte, war 1972 mit der Band electra und dem Titel „Tritt ein in den Dom“. Das Stück war ein Wagnis. In einem Staat, der den Atheismus propagierte und Kirchen primär als museale Orte betrachtete, war die unverhohlene Aufforderung, einen sakralen Raum zu betreten – und sei es nur als Metapher für Besinnung – eine Provokation. Der Titel wurde im Rundfunk kaum gespielt, avancierte aber live zu einer Hymne. Hier zeigte sich die Diskrepanz zwischen veröffentlichter Meinung und gelebter Realität: Was in den Medien totgeschwiegen wurde, konnte in den Konzertsälen Tausende elektrisieren. Treptes Gesang, der zwischen opernhafter Wucht und fast flüsternder Intimität wechselte, gab den oft verklausulierten Texten eine Dringlichkeit, die das Publikum instinktiv verstand.
Nach seinem Wechsel zu Lift im Jahr 1974 zeigte sich eine andere Facette. Die Musik wurde lyrischer, introspektiver. Mit „Mein Herz soll ein Wasser sein“ schuf er eine Ballade, die bis heute als eines der emotionalsten Werke des Ostrock gilt. Das Bild des Wassers, das sich anpasst und doch seinen Weg findet, das weich ist und doch Stein schleifen kann, war mehr als Poesie; es war eine Chiffre für das Überleben in einer erstarrten Gesellschaft. Doch Trepte war ein Unruhegeist. Oft verließ er Bands, kurz bevor der kommerzielle Ertrag in Form einer LP-Produktion eingefahren werden konnte. Diese Brüchigkeit in der Biografie verhinderte zwar eine lückenlose Diskografie, schärfte aber sein Profil als Künstler, der sich nicht in gemachte Nester setzte.
Seine wohl reifste Phase erlebte er ab 1977 mit der Magdeburger Gruppe Reform. Hier wurde er vom Interpreten zum Mitgestalter. In Zusammenarbeit mit der Texterin Ingeborg Branoner entstanden Lieder wie „Der Löwenzahn“. Das Bild der Pflanze, die den Asphalt durchbricht, ist vielleicht die präziseste Metapher für die Nischenkultur der späten DDR: ein vitales, unaufhaltsames Wachstum gegen den grauen Beton der Verhältnisse. Trepte verstand es, diese „Sklavensprache“ – das Sprechen in Bildern, um die Zensur zu umgehen – meisterhaft zu nutzen. Seine Stimme transportierte dabei stets eine unterschwellige Melancholie und Wut, die den Nerv der Zeit traf.
Der Bruch von 1989 markierte auch für ihn eine Zäsur. Mit dem Ende der DDR brachen die gewachsenen Strukturen weg, das Publikum wandte sich westlichen Vorbildern zu. Dass ein Sänger seines Formats Anfang der 90er Jahre zeitweise in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) an einem Theater arbeitete, illustriert die Härte dieser Transformation. Kulturelles Kapital, das über Jahrzehnte angesammelt worden war, zählte im neuen Marktsystem zunächst wenig. Erst die spätere Ostalgie-Welle und Projekte wie der „Sachsendreier“ ermöglichten eine Versöhnung mit der eigenen Geschichte und eine Rückkehr auf die großen Bühnen. Stephan Treptes Biografie bleibt damit exemplarisch für eine Künstlergeneration, die unter hohem Druck Diamanten produzierte und nach der Wende erst lernen musste, dass deren Wert nun an einer ganz anderen Börse gehandelt wurde.