In der öffentlichen Erinnerungskultur an die Wiedervereinigung dominieren oft zwei Narrative. Da ist zum einen das Bild der jungen „Wendegewinner“, die die neuen Freiheiten für Studium und Weltreisen nutzten. Zum anderen gibt es das Bild der Rentnergeneration, die zwar Brüche erlebte, sich aber oft in den Ruhestand retten konnte. Zwischen diesen beiden Polen existiert jedoch eine demografische Gruppe, die in der soziologischen und historischen Betrachtung lange Zeit vernachlässigt wurde, obwohl sie die Hauptlast des systemischen Umbruchs zu tragen hatte. Es handelt sich um die Jahrgänge zwischen etwa 1950 und 1965. Diese Menschen waren 1989 zwischen Mitte zwanzig und vierzig Jahre alt. Sie befanden sich in der Mitte des Lebens, hatten Familien gegründet und berufliche Positionen erreicht, die im Kontext der DDR als sicher und etabliert galten.
Für diese „Zwischengeneration“ kam der Systemwechsel zu einem biografisch denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Während Jüngere noch umschulen oder studieren konnten und Ältere oft über Vorruhestandsregelungen aufgefangen wurden, traf die volle Härte der Marktwirtschaft diese Gruppe ungeschützt. Ihr in der DDR angesammeltes soziales und kulturelles Kapital wurde quasi über Nacht entwertet. Ein Ingenieursabschluss, eine Position als Meister im Betrieb oder eine Verwaltungsfunktion waren plötzlich nichts mehr wert oder sogar hinderlich. Was in einer stabilen Gesellschaft als wertvolle Berufserfahrung gilt, wurde in der Transformationsgesellschaft oft als Ballast wahrgenommen. Diese Entwertung der eigenen Biografie führte zu einer tiefgreifenden Verunsicherung.
Die wirtschaftlichen Folgen zeigten sich in gebrochenen Erwerbsbiografien. Viele Angehörige dieser Generation fanden sich in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) wieder oder mussten Tätigkeiten annehmen, die weit unter ihrer eigentlichen Qualifikation lagen. Der Begriff der „ABM-Karriere“ wurde zum Synonym für den Versuch, irgendwie im Erwerbsleben zu verbleiben. Diese berufliche Degradierung ging oft mit einem psychologisch schmerzhaften Prozess einher: Man musste sich vor Vorgesetzten beweisen, die oft deutlich jünger waren und aus Westdeutschland stammten. Das Gefühl, die eigene Lebensleistung werde nicht gesehen oder gar pauschal als „Altlast“ abgetan, prägte das Selbstverständnis vieler dieser Menschen nachhaltig.
Ein oft übersehener, aber wesentlicher Aspekt dieser Erfahrung ist der Verlust an familiärer Autorität. In stabilen Verhältnissen geben Eltern ihr Wissen an die Kinder weiter. Nach 1990 kehrte sich dieses Verhältnis oft um. Die Eltern verstanden die neuen Codes der Gesellschaft – von der Steuererklärung bis zur richtigen Bewerbungsstrategie – oft nicht. Sie waren auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen, um sich im neuen System zurechtzufinden. Diese Inversion der Generationenverhältnisse führte zu Scham und einem Gefühl der Ohnmacht. Die Eltern konnten ihre klassische Rolle als Ratgeber und Beschützer nicht mehr in gewohnter Weise ausfüllen, was das familiäre Gefüge nachhaltig belastete.
Trotz dieser enormen Widerstände hat diese Generation eine beachtliche Anpassungsleistung vollbracht. Sie haben den Osten in der schwierigen Übergangszeit am Laufen gehalten, oft unter Verzicht auf eigene Träume und unter Inkaufnahme prekärer Verhältnisse, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Diese „stille Wut“ über die mangelnde Anerkennung dieser Leistung ist bis heute spürbar und bildet einen Resonanzboden für aktuelle gesellschaftliche Konflikte. Es ist wichtig, die Geschichte dieser Generation nicht nur als Opfergeschichte zu erzählen, sondern ihre enorme Adaptionsfähigkeit als eine der zentralen Leistungen der Nachwendezeit anzuerkennen. Ohne ihre stille Resilienz wäre die Transformation Ostdeutschlands gänzlich anders verlaufen.