Im Frühjahr 1945 kollabierte im Thüringer Umland die nationalsozialistische Ordnung. In diesem Machtvakuum wurde ein Bauer aus Liebstedt von der US-Armee zum Bürgermeister ernannt und mit einer ungewöhnlichen Aufgabe betraut: Er sollte Milch für die Überlebenden des befreiten Lagers Buchenwald liefern. Dass er seinen elfjährigen Sohn auf diese Fahrten mitnahm, ist ein seltenes Zeugnis dafür, wie die Konfrontation mit der deutschen Schuld im ländlichen Raum konkret aussah.
Der April 1945 markiert in der ostdeutschen Regionalgeschichte eine Zäsur, die oft von den großen politischen Narrativen überdeckt wird. In den Dörfern rund um Weimar, in Sichtweite des Ettersbergs, bedeutete die Ankunft der 3. US-Armee nicht nur das militärische Ende des Krieges, sondern den Zusammenbruch einer sorgsam gepflegten Fassade. Jahrelang war das Konzentrationslager Buchenwald ein offenes Geheimnis gewesen – ein Ort, dessen Existenz man kannte, dessen Realität man aber aus dem dörflichen Alltag verdrängte.
Für den damals elfjährigen Zeitzeugen aus Liebstedt bestand dieses Wissen aus Fragmenten. Man sah die SS-Posten an den Waldrändern, man ahnte das Grauen, doch sprach man nicht darüber. Diese Mauer des Schweigens bekam erst Risse, als die SS kurz vor der Befreiung Tausende Häftlinge auf Todesmärsche schickte. Plötzlich lagen entkräftete Gestalten nachts an den Straßenrändern der Dörfer. Der Terror, der zuvor im Wald isoliert war, diffundierte in den öffentlichen Raum der Dorfgemeinschaft.
Mit dem Einmarsch der Amerikaner am 11. April 1945 veränderten sich die lokalen Hierarchien radikal. Die Besatzer suchten pragmatisch nach unbelasteten Verwaltern. Die Wahl fiel in Liebstedt auf den Vater des Zeitzeugen, einen Landwirt, der sich dem Regime durch kleine, aber signifikante Verweigerungen – wie dem Verzicht auf den „Volksempfänger“ – entzogen hatte. Als neuer, von den Amerikanern eingesetzter Bürgermeister stand er vor einer doppelten Herausforderung: Er musste die durchziehenden Flüchtlingsströme bewältigen und gleichzeitig den Befehlen der Besatzer folgen, die logistische Hilfe für das befreite Lager einforderten.
Die Amerikaner organisierten die Versorgung der Häftlinge, deren körperlicher Zustand katastrophal war. Milch sollte als „Schluckmilch“ dienen, um die Mägen der Verhungerten, die an feste Nahrung nicht mehr gewöhnt waren, vorsichtig wieder zu aktivieren. Der Vater organisierte Traktor und Hänger für den Transport. Doch anstatt diese Fahrten allein zu erledigen, traf er eine Entscheidung, die für die damalige Zeit und den ländlichen Kontext ungewöhnlich war: Er nahm seine Kinder mit.
Es war eine drastische pädagogische Maßnahme, die dem Duktus der amerikanischen „Re-Education“ vorausgriff, aber aus einer persönlichen moralischen Haltung entsprang. Der Vater wollte, dass die nächste Generation sieht, was geschehen war. Die Kinder fuhren auf dem Anhänger, bewacht von GIs mit entsicherten Gewehren, direkt in das Lager. Sie sahen das Krematorium, die Leichenberge und die lebenden Skelette.
Der Zeitzeuge beschreibt Szenen von kaum fassbarer Tragik, die sich in das Gedächtnis des Elfjährigen einbrannten. Er sah, wie ein Häftling, getrieben von unstillbarem Hunger, den Rest einer Milchkanne austrank – und erfuhr am nächsten Tag, dass dieser Mann an den Folgen der plötzlichen Nahrungsaufnahme gestorben war. Diese physiologische Unmittelbarkeit des Sterbens machte das abstrakte Verbrechen konkret. Auch die Begegnung mit verstümmelten Häftlingen, etwa einem Kind mit schwersten Gesichtsverletzungen durch einen Kapo, gehörte zu diesen Eindrücken.
In vielen ostdeutschen Familien wurde über die NS-Zeit nach 1945 geschwiegen oder man flüchtete sich in die kollektive Erzählung des Antifaschismus, die den Staat DDR legitimierte, aber die individuelle Verstrickung oft ausblendete. Im Haus des Zeitzeugen hingegen wurde gesprochen. Der Vater thematisierte das Erlebte offen. Als die Mutter im Herbst 1945 starb, wurden die Gänge zum Friedhof für die Kinder auch zu Momenten, in denen sie die Bilder aus Buchenwald verarbeiteten.
Diese Mikrogeschichte aus dem Raum Weimar ist historisch wertvoll, weil sie eine Grauzone beleuchtet. Sie zeigt einen Vater, der kein politischer Widerstandskämpfer im klassischen Sinne war, sondern ein Mann, der sich seine Menschlichkeit bewahrt hatte und diese Verantwortung an seine Kinder weitergab. Während die offizielle DDR-Gedenkkultur später Figuren wie das „Buchenwald-Kind“ Stefan Jerzy Zweig in den Mittelpunkt stellte, blieben solche stillen, privaten Konfrontationen mit der Schuld oft unerzählt. Sie sind jedoch essenziell, um die gesellschaftliche Atmosphäre im Osten Deutschlands unmittelbar nach dem Krieg zu verstehen.