Wende im Klassenzimmer: Als SED und Opposition gemeinsam die Kinder schützen wollten

Zentralbild Höhne-Pohl 19.9.1953 Neue Ausbildungsstätte für künftige Erzieher Mitte September 1953 wurde das Pädagogische Institut für Geographie- und Geschichtslehrer in Dresden eröffnet. UBz: Blick auf das Gebäude, in dem bisher das Institut für Lehrerbildung untergebracht war.

Berlin, 7. Dezember 1989. Während draußen die politische Landkarte neu gezeichnet wird und der Runde Tisch zum ersten Mal tagt, spielt sich in den Fluren des Instituts für Lehrerbildung „Clara Zetkin“ ein fast vergessenes Drama ab. Es ist der Versuch, die Unschuld zurückzugewinnen – oder zumindest die Hoheit über die Kinderzimmer der DDR.

Der Raum ist voll, die Luft zum Schneiden dick. Zigarettenrauch mischt sich mit dem Schweiß der Debatte. Wer hier am Tisch sitzt, hätte sich vor vier Wochen noch nicht einmal gegrüßt, geschweige denn zusammengearbeitet. Da sind sie, die Vertreter der alten Macht: Funktionäre der SED, Kader des Demokratischen Frauenbundes (DFD) und Pionierleiter in ihren blauen Hemden, die plötzlich verlegen wirken. Und ihnen gegenüber sitzen die Neuen, die Lauten, die Unbequemen: Vertreter des Demokratischen Aufbruchs, kritische Elternbeiräte und Mitglieder der „Liga für Kinder“.

Ein Riss durch das Klassenzimmer
Das Ziel dieser ungleichen Runde ist ambitioniert, vielleicht sogar naiv: Eine „einheitliche Kinderbewegung“ soll entstehen. Keine staatlich verordnete Marschrichtung mehr, kein Appell im Schulhof. Stattdessen fällt das Wort, das 40 Jahre lang tabu war: „Überparteilichkeit“.

Man spürt die Zerrissenheit in jedem Satz des Gründungspapiers. Die Initiativgruppe will eine Bewegung, die „offen für alle“ ist. Unabhängig von Weltanschauung. Unabhängig von Religion. Es ist eine Bankrotterklärung an das alte System der Thälmann-Pioniere, unterschrieben von genau jenen, die es einst trugen, und jenen, die es bekämpften. Die SED und der Demokratische Aufbruch in einem Boot – vereint durch die Sorge, dass die Jugend ihnen in diesem Chaos komplett entgleitet.

Zwischen Rettungsversuch und Neuanfang
Es ist ein historisches Paradoxon. Während die Mauer offen ist und der Westen lockt, versuchen diese Menschen, eine reformierte DDR-Identität für Kinder zu retten. Sie wollen Interessenvertreter sein, Anwälte der Kleinsten, weg vom Drill, hin zum Spiel, hin zur demokratischen Teilhabe. „Überall dort wirken, wo Kinder leben“, heißt der fromme Wunsch.

Doch dieser 7. Dezember ist mehr als nur ein Gründungsdatum. Er ist ein Symbol für die kurze, intensive Zeit der Anarchie und Hoffnung zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Es ist der Moment, in dem alte Feindbilder für einen Wimpernschlag pausieren, weil niemand weiß, was morgen kommt. Ob diese „einheitliche Bewegung“ überleben wird? Die Geschichte wird zeigen, dass die Pluralität stärker ist als die Einheit. Aber für heute, in diesem Institut, herrscht der Glaube an einen dritten Weg.

33.000 Freigekaufte: Die Bilanz des deutsch-deutschen Häftlingshandels

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Wenn sich die Tore des Gefängnisses auf dem Kaßberg öffneten, wussten die Insassen im Bus oft nicht, ob sie verlegt oder verkauft wurden. Teaser: Über Jahrzehnte hinweg war dieser Moment der Ungewissheit für tausende politische Häftlinge in der DDR der erste Schritt in ein neues Leben. Der Weg führte von Chemnitz über den Grenzübergang Herleshausen in den Westen. Doch die Ankunft in der Bundesrepublik war selten der unbeschwerte Triumph, den man sich vorstellen mag. Wer aus dem Bus stieg, trug nicht nur die physischen Narben der Haft in Bautzen oder Hoheneck, sondern oft auch eine unsichtbare Last. Das Wissen, dass die eigene Freiheit einen exakten Preis hatte, wog schwer. Rund 96.000 D-Mark „kostete“ ein Mensch in den späteren Jahren, verrechnet in Warenlieferungen wie Kaffee, Obst oder Erdöl. Man war zur Handelsware geworden, verschoben zwischen zwei ideologischen Blöcken. Für viele kam hinzu, dass Familien zerrissen wurden; Kinder blieben oft als Pfand im Osten zurück, während die Eltern im Westen neu beginnen mussten. Die psychische Architektur dieses Handels war darauf ausgelegt, maximale Devisen zu generieren und gleichzeitig Kontrolle auszuüben. Es ist eine Geschichte von 33.755 Menschenleben. Hinter jeder Zahl in den Bilanzen der Kommerziellen Koordinierung stand ein Schicksal, eine unterbrochene Biografie. Der Häftlingsfreikauf war für die Bundesrepublik ein humanitärer Akt der Notwendigkeit, für die DDR eine ökonomische Überlebensstrategie. Die Busse fuhren jahrelang, Woche für Woche, und transportierten Menschen, deren Wert in Listen festgehalten wurde. In den Archiven liegen heute die Quittungen einer Ära, in der ein Staat seine Kritiker nicht nur einsperrte, sondern sie am Ende als Rohstoff nutzte. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Es begann als humanitäre Geste der Kirchen und endete als fester Posten im Devisenhaushalt der DDR. Teaser: Der Häftlingsfreikauf zwischen den beiden deutschen Staaten ist ein historisches Phänomen, das in seiner Dimension oft unterschätzt wird. Zwischen 1963 und 1989 flossen rund 3,4 Milliarden D-Mark von Bonn nach Ost-Berlin, um die Freilassung von 33.755 politischen Gefangenen zu erwirken. Was als „Besondere Bemühungen“ getarnt war, folgte einer präzisen ökonomischen Mechanik. Die Preise waren dabei keineswegs willkürlich, sondern das Ergebnis kühler Kalkulationen, die oft Ausbildungskosten und den „Volkswirtschaftlichen Schaden“ durch den Weggang der Person einpreisten. Bezahlt wurde selten in bar, sondern meist in Waren, die in der DDR Mangelware waren. So stabilisierte der Westen durch den Freikauf paradoxerweise genau jenes System, das die Häftlinge erst produziert hatte. Die Abhängigkeit der DDR von diesen Einnahmen wuchs parallel zu ihrem wirtschaftlichen Niedergang. Die moralische Ambivalenz dieses Tauschgeschäfts beschäftigt Historiker bis heute. War es legitim, eine Diktatur zu finanzieren, um Menschenleben zu retten? Die Antwort der damaligen Bundesregierungen war ein klares Ja zur Humanität. Auf der anderen Seite der Mauer wurde der Mensch zur Ressource, deren Freiheitsdrang sich monetarisieren ließ. Die Aktenberge über diese Transaktionen sind heute zugänglich und zeigen das bürokratische Gesicht eines unmenschlichen Handels. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Darf ein Staat Menschenleben kaufen, um sie zu retten, wenn er damit deren Unterdrücker finanziert? Teaser: Der Häftlingsfreikauf war vielleicht das größte moralische Dilemma der deutsch-deutschen Geschichte. Auf der einen Seite standen über 30.000 Menschen, die in DDR-Gefängnissen litten und deren einzige Hoffnung der Westen war. Auf der anderen Seite stand ein Regime, das lernte, dass sich mit politischen Gefangenen stabile Deviseneinnahmen generieren ließen. Je mehr der Westen zahlte, desto lukrativer wurde das Geschäft für den Osten. Es entstand ein Markt für Freiheit, auf dem Preise steigen und Waren fließen konnten. Die Bundesrepublik entschied sich für das Leben der Einzelnen und nahm die politische Pikanterie in Kauf. Für die Betroffenen blieb oft das Gefühl, eine Ware gewesen zu sein – eingetauscht gegen Orangen oder Industriegüter. Die Frage nach der Moral verhallt in den leeren Gängen der ehemaligen Haftanstalten.