Einmalige Fluchtgeschichte: Roland Schreier und die Rückkehr durch den Todesstreifen

Harpke/Marienborn, 1. Juni 1988 – Es ist der 1. Juni 1988. Ein Mann kriecht in einen Tunnel, doch sein Ziel ist anders als das tausender anderer DDR-Flüchtlinge. Er will nicht von Ost nach West, sondern von West nach Ost. Unter dem Todesstreifen hindurch, um seine Familie nachzuholen. Dieser Mann ist Roland Schreier, und seine Geschichte ist eine einmalige Flucht durch die wohl am besten bewachte Grenze der Welt.

Kindheit im Sperrgebiet – Ein Leben voller Einschränkungen
Roland Schreier wurde 1956 geboren und wuchs in Harpke auf, einem kleinen Ort im Sperrgebiet an der deutsch-deutschen Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Schon früh lernte er die strengen Einschränkungen kennen: Es gab ein Verbot, sich der Grenze zu nähern, und Freunde von außerhalb durften ihn nicht besuchen. Selbst für Geburtstagsfeiern mussten vier Wochen im Voraus Anträge bei der Polizei gestellt werden, die oft abgelehnt wurden. Trotz dieser repressiven Umgebung fand Roland in Monika seine große Liebe, doch das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, wuchs von Jahr zu Jahr.

Obwohl er seinen Grundwehrdienst als Aufklärer in einer Pioniereinheit ableisten konnte und nicht direkt an der Grenze diente, hörte Roland aus erster Hand von den Gräueln des Todesstreifens. Seine Mutter arbeitete im Ambulatorium und berichtete von Menschen, die bei Fluchtversuchen verletzt wurden, etwa durch Minen oder Selbstschussanlagen. Später arbeitete Roland als Elektriker am Grenzübergang Marienborn, dem größten und am besten kontrollierten Übergang Europas, wo er das Grenzsystem noch besser kennenlernte und die Unüberwindlichkeit des Grenzstreifens verstand.

Die Sehnsucht nach Freiheit und der riskante Plan
Die Geburt seiner Tochter Frauke machte das Glück scheinbar perfekt, doch die Familie sehnte sich nach Freiheit und der Möglichkeit zu reisen. Nach einem Umzug aus dem Sperrgebiet nach Zielitz bei Magdeburg beschlossen Roland und Monika 1981, die DDR zu verlassen. Die Ostpolitik Honeckers im September 1987 brachte Reiseerleichterungen, die den Schreiers die Möglichkeit gaben, einen Plan zu schmieden: Einer sollte im Westen bleiben, einen Ausreiseantrag für Familienzusammenführung stellen, während die anderen in der DDR zurückblieben.

Im Februar 1988 durfte Roland Schreier seine Verwandten im Westen besuchen. Der Abschied von Monika und Frauke war äußerst emotional; er wusste nicht, ob er sie jemals wiedersehen würde. Im Westen angekommen, informierte er seine Familie über seinen Entschluss, nicht zurückzukehren, und schrieb Monika einen Brief mit der Bitte, einen Ausreiseantrag zu stellen.

Druck der Stasi und eine Tochter im Kreuzfeuer
Monika sah sich daraufhin dem Druck der Stasi ausgesetzt. Sie wurde wöchentlich verhört und sollte ihren Mann zur Rückkehr bewegen oder sich scheiden lassen. Doch sie weigerte sich vehement: „Ich denke überhaupt nicht an Scheidung. Warum? Wir wollen als Familie zusammenkommen“. Auch Tochter Frauke litt unter der Situation. In der Schule wurde sie gemobbt, ihre Adidas-Aufkleber wurden abgerissen, und sie musste jeden Morgen die Frage „Frauke, wo ist dein Vater, warum kommt der nicht zurück?“ beantworten. Die Familie war durch Stacheldraht und Soldaten getrennt, und eine Wiedervereinigung schien aussichtslos.

Ein Bach als Weg zur Freiheit – Der Plan durch die Wirbke
Roland suchte verzweifelt nach einem Weg. Fluchthelfer waren zu teuer und über das Ausland war die Kommunikation zu schwierig. Dann erinnerte er sich an die Wirbke, einen Bach, der vom Osten in den Westen floss und den er aus Kindertagen kannte. Er vermutete, dass der Bach unter dem Todesstreifen hindurch durch eine Röhre führte. Diese Röhre sollte der Weg zur Freiheit für seine Familie werden.

Im April 1988 begann Roland, das Grenzgebiet von Niedersachsen aus zu erkunden. Ein Westverwandter überbrachte Monika den Plan: Roland würde die Familie durch den Tunnel holen. Monika, die unter Platzangst litt, war besorgt. Das Codewort für den entscheidenden Anruf war „Wanda“.

Der Probelauf – Ein Kampf ums Überleben unter der Grenze
Am 26. Mai 1988 wagte Roland einen Probelauf, um vom Westen in den Osten und wieder zurück zu gelangen. Er kroch in die Röhre und stieß auf Gitter, die er mit einer Eisensäge durchsägen musste. Nur anderthalb Meter über ihm fuhren Grenzer auf Motorrädern vorbei, ohne ihn in der Dunkelheit zu bemerken. Er sägte 15 Minuten lang, tauchte unter den Gitterstäben hindurch und musste eine kurze Strecke über der Erde zurücklegen, bevor er die nächste Röhre erreichte. Hier entdeckte er eine Selbstschussanlage, der er in letzter Sekunde ausweichen konnte.

In einer vierten Röhre kam es zum Ernstfall: Roland blieb beim Durchtauchen unter einem Gitter mit den Schultern hängen und bekam keine Luft. „Ich dachte schon, ich ersticke“, erinnert er sich. Mit eisernem Willen konnte er sich befreien. Nach fast 700 Metern und dem Überwinden mehrerer Hindernisse erreichte er die DDR-Seite, wo er das letzte Gitter unangetastet ließ, um keine Spuren zu hinterlassen. Auf dem Rückweg verwischte er sorgfältig alle Spuren.

Der Tag der Flucht – „Heute Abend hauen wir ab“
Die Übermittlung des genauen Fluchtdatums und der Uhrzeit an seine unter Beobachtung stehende Familie war kritisch. Beim siebten Versuch gelang es Roland schließlich, Monika telefonisch zu erreichen. Mit dem Codewort „Wanda wollte so gegen ein Uhr, ich wollte ihr dann mal das Grundstück zeigen“ wusste Monika: „Heute Nacht passiert die Sache“.

Am 1. Juni 1988, als Frauke gerade ihre Badesachen packte, teilte Monika ihrer Tochter mit: „Nee, stopp, Frauke, ich muss dir was ganz Wichtiges sagen. Du kannst jetzt nicht ins Freibad heute schwimmen, das geht nicht. Wir hauen heute Abend ab“. Frauke war begeistert: „Boah geil, endlich mal was los, scheiß aufs Freibad, heute Abend hauen wir ab“. Auch Rolands Vater wollte mit in den Westen.

Roland war derweil in Niedersachsen in die Röhre geklettert, Neoprenanzüge für seine Familie im Seesack. Die größte Angst war, dass die von ihm durchgesägten Gitter erneuert worden sein könnten. Doch er hatte Glück: Die Schnittstellen waren noch da, und niemand erwartete ihn. Nach nur einer Dreiviertelstunde erreichte er den Ausgang auf DDR-Seite und sägte das letzte Gitter durch.

Wiedersehen im Todesstreifen und die Flucht durch das Dunkel
Auf der DDR-Seite musste Roland warten. Monika hatte die Zeit falsch eingeschätzt und kam erst kurz vor zwei Uhr an der Röhre an, während Roland bereits um ein Uhr hineingegangen war. Dann sah er Schatten, machte leise Geräusche und wurde schließlich von seiner Tochter Frauke erkannt, die rief: „Papa, Papa, Papa!“. Nach sechs Monaten des Wartens war die Familie wieder vereint.

Sie hatten keine Zeit mehr, die Neoprenanzüge anzuziehen. So lautlos wie möglich kletterten alle in die dunkle Röhre, der Vater voraus. Monika hatte große Angst und krampfte sich vor Platzangst an Rolands Schuhen fest. Roland tauchte immer als Erster durch die Gitter und zog dann seine Tochter und seine Frau nach.

Ankunft in der Freiheit und das „Victory“-Zeichen
Nachdem der Grenzzaun hinter ihnen lag, mussten sie noch etwa 80 Meter auf DDR-Gebiet zurücklegen. Erschöpft und emotional blickten sie noch einmal in die DDR zurück. Kurz darauf trafen sie auf einen Westpolizisten, Ulf Schrader, der sich an die „absolute Ausnahmesituation“ erinnerte. „Wir haben uns alle gedrückt und haben uns beglückwünscht, dass wir das geschafft haben“, so Schrader. Die Familie, total verschlammt, erhielt Jogginganzüge und erlebte eine unglaubliche Freude und Erleichterung.

Die Flucht wurde zur Titelgeschichte in den Medien. Als Reporter Fotos an der Grenze machten, fotografierte die Stasi von der anderen Seite. Roland Schreier hob triumphierend den Arm – „Victory, ihr könnt mich mal“.

Anderthalb Jahre später, am 9. November 1989, fiel die Mauer. Die Schreiers besuchten ihre alte Heimat. Am Grenzübergang Marienborn sagte ein uniformierter Beamter zu Roland Schreier: „Herr Schreier, wir wünschen Ihnen alles Gute und Sie brauchen nicht wieder zurück durch die Röhre“. Eine Erleichterung, die das Ende einer Ära markierte.

Die Schreiers blieben auch nach der Wende im Westen. Fast 900 Menschen kamen beim Versuch, aus der DDR zu fliehen, ums Leben. Mit dem Fall der Mauer wurde diese tödliche Grenze endgültig Geschichte.

Blut an der Strumpfhose – Der hohe Preis der DDR-Billigware

A) PROFIL AP: Der Blick auf die deutsch-deutsche Wirtschaftsgeschichte offenbart oft pragmatische Verflechtungen, die im Alltag der damaligen Zeit kaum sichtbar waren. Konsumenten erwarben Möbel oder Kleidung im niedrigen Preissegment, ohne die Herkunft der Waren im Detail zu hinterfragen oder die Produktionsbedingungen in der DDR zu kennen. Es war ein Handel, der auf einer klaren ökonomischen Logik basierte: Devisen gegen günstige Produkte. Für die Menschen, die in den Haftanstalten der DDR, wie etwa in Hoheneck, an der Herstellung dieser Güter beteiligt waren, stellt sich die Situation gänzlich anders dar. Ihre Biografien sind eng mit den Produkten verknüpft, die im Westen als Schnäppchen galten. Die Berichte von Zeitzeugen über die Arbeitsnormen und den Druck in den Fabriken innerhalb der Gefängnismauern zeichnen ein Bild, das im Kontrast zur bunten Werbewelt der westdeutschen Prospekte steht. Die heutige Auseinandersetzung mit diesem Thema zeigt, wie unterschiedlich Unternehmen mit ihrer eigenen Vergangenheit umgehen. Während einige Konzerne den Dialog suchen und Verantwortung übernehmen, ziehen sich andere auf juristische Positionen zurück. Für die Betroffenen ist diese Haltung oft schwer verständlich, da die Anerkennung des Erlebten eine wichtige Rolle im Verarbeitungsprozess spielt. Die Geschichte der deutsch-deutschen Ökonomie ist somit nicht nur eine Geschichte von Zahlen und Verträgen, sondern auch eine von individuellen Schicksalen, die bis in die Gegenwart hineinwirken. Das Schweigen mancher Akteure überdauert die politische Wende. B) SEITE AP: Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR waren dichter, als es die politische Rhetorik des Kalten Krieges oft vermuten ließ. Ein wesentlicher Aspekt dieser Beziehungen war die sogenannte Gestattungsproduktion, bei der westdeutsche Unternehmen in der DDR fertigen ließen. Dies geschah nicht selten unter Einbeziehung von Häftlingen in Strafvollzugsanstalten. Organisiert durch die Kommerzielle Koordinierung und das Ministerium für Staatssicherheit, entstand ein System, von dem schätzungsweise 6.000 westliche Firmen profitierten. Das Ziel war rein ökonomisch: Die DDR benötigte dringend konvertierbare Währung, westdeutsche Handelsketten und Versandhäuser suchten nach Möglichkeiten zur Kostensenkung. Die Bedingungen, unter denen die Häftlinge arbeiteten, spielten in den Geschäftsbeziehungen meist keine dokumentierte Rolle. In der aktuellen Debatte um Unternehmensverantwortung wird deutlich, dass dieses Kapitel noch nicht geschlossen ist. Der unterschiedliche Umgang der beteiligten Firmen mit ihrer Historie – von der Einrichtung von Entschädigungsfonds bis hin zur strikten Ablehnung jeglicher Verantwortung – prägt die Diskussion. Historische Aufarbeitung erweist sich hier als ein langwieriger Prozess, der über die reine Akteneinsicht hinausgeht. C) SEITE JP: Die Produktion von Konsumgütern für den westdeutschen Markt in DDR-Gefängnissen ist ein historisches Faktum, das lange Zeit wenig Beachtung fand. Um Devisen zu erwirtschaften, setzte die DDR-Führung gezielt Häftlinge ein, um Lieferverträge mit westlichen Konzernen zu erfüllen. Betroffene berichten von hohem Arbeitsdruck und gesundheitlichen Folgen, während die Produkte in westdeutschen Regalen landeten. Die Reaktionen der heute noch existierenden Unternehmen auf diese Vergangenheit variieren stark. Während Schritte wie die Einrichtung von Härtefallfonds als positive Beispiele der Aufarbeitung gelten, verweisen andere Firmen auf Verjährung oder fehlende direkte Zuständigkeit. Diese Diskrepanz zwischen historischer Realität und unternehmerischer Aufarbeitung belastet das Verhältnis zwischen den ehemaligen Opfern und den profitierenden Strukturen bis heute. Die Geschichte zeigt, dass ökonomische Entscheidungen auch Jahrzehnte später noch eine moralische Dimension besitzen.

Blut an der Strumpfhose – Der hohe Preis der DDR-Billigware

A) PROFIL AP: Der Blick auf die deutsch-deutsche Wirtschaftsgeschichte offenbart oft pragmatische Verflechtungen, die im Alltag der damaligen Zeit kaum sichtbar waren. Konsumenten erwarben Möbel oder Kleidung im niedrigen Preissegment, ohne die Herkunft der Waren im Detail zu hinterfragen oder die Produktionsbedingungen in der DDR zu kennen. Es war ein Handel, der auf einer klaren ökonomischen Logik basierte: Devisen gegen günstige Produkte. Für die Menschen, die in den Haftanstalten der DDR, wie etwa in Hoheneck, an der Herstellung dieser Güter beteiligt waren, stellt sich die Situation gänzlich anders dar. Ihre Biografien sind eng mit den Produkten verknüpft, die im Westen als Schnäppchen galten. Die Berichte von Zeitzeugen über die Arbeitsnormen und den Druck in den Fabriken innerhalb der Gefängnismauern zeichnen ein Bild, das im Kontrast zur bunten Werbewelt der westdeutschen Prospekte steht. Die heutige Auseinandersetzung mit diesem Thema zeigt, wie unterschiedlich Unternehmen mit ihrer eigenen Vergangenheit umgehen. Während einige Konzerne den Dialog suchen und Verantwortung übernehmen, ziehen sich andere auf juristische Positionen zurück. Für die Betroffenen ist diese Haltung oft schwer verständlich, da die Anerkennung des Erlebten eine wichtige Rolle im Verarbeitungsprozess spielt. Die Geschichte der deutsch-deutschen Ökonomie ist somit nicht nur eine Geschichte von Zahlen und Verträgen, sondern auch eine von individuellen Schicksalen, die bis in die Gegenwart hineinwirken. Das Schweigen mancher Akteure überdauert die politische Wende. B) SEITE AP: Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR waren dichter, als es die politische Rhetorik des Kalten Krieges oft vermuten ließ. Ein wesentlicher Aspekt dieser Beziehungen war die sogenannte Gestattungsproduktion, bei der westdeutsche Unternehmen in der DDR fertigen ließen. Dies geschah nicht selten unter Einbeziehung von Häftlingen in Strafvollzugsanstalten. Organisiert durch die Kommerzielle Koordinierung und das Ministerium für Staatssicherheit, entstand ein System, von dem schätzungsweise 6.000 westliche Firmen profitierten. Das Ziel war rein ökonomisch: Die DDR benötigte dringend konvertierbare Währung, westdeutsche Handelsketten und Versandhäuser suchten nach Möglichkeiten zur Kostensenkung. Die Bedingungen, unter denen die Häftlinge arbeiteten, spielten in den Geschäftsbeziehungen meist keine dokumentierte Rolle. In der aktuellen Debatte um Unternehmensverantwortung wird deutlich, dass dieses Kapitel noch nicht geschlossen ist. Der unterschiedliche Umgang der beteiligten Firmen mit ihrer Historie – von der Einrichtung von Entschädigungsfonds bis hin zur strikten Ablehnung jeglicher Verantwortung – prägt die Diskussion. Historische Aufarbeitung erweist sich hier als ein langwieriger Prozess, der über die reine Akteneinsicht hinausgeht. C) SEITE JP: Die Produktion von Konsumgütern für den westdeutschen Markt in DDR-Gefängnissen ist ein historisches Faktum, das lange Zeit wenig Beachtung fand. Um Devisen zu erwirtschaften, setzte die DDR-Führung gezielt Häftlinge ein, um Lieferverträge mit westlichen Konzernen zu erfüllen. Betroffene berichten von hohem Arbeitsdruck und gesundheitlichen Folgen, während die Produkte in westdeutschen Regalen landeten. Die Reaktionen der heute noch existierenden Unternehmen auf diese Vergangenheit variieren stark. Während Schritte wie die Einrichtung von Härtefallfonds als positive Beispiele der Aufarbeitung gelten, verweisen andere Firmen auf Verjährung oder fehlende direkte Zuständigkeit. Diese Diskrepanz zwischen historischer Realität und unternehmerischer Aufarbeitung belastet das Verhältnis zwischen den ehemaligen Opfern und den profitierenden Strukturen bis heute. Die Geschichte zeigt, dass ökonomische Entscheidungen auch Jahrzehnte später noch eine moralische Dimension besitzen.