Zwischen Tradition und Neuanfang: Junge Hände beleben Görlitzer Kleingärten

Görlitz und sein Umland beheimaten rund 5500 Kleingärten, die in 107 Vereinen organisiert sind und idyllische Namen wie „Blumenaue“ oder „Friedensblick“ tragen. Die meisten dieser Vereine sind Mitglieder im Niederschlesischen Kleingärtnerverband e.V., einer zentralen Instanz, die als Vermittler zwischen den Grundstückseigentümern und den Pächtern – den eigentlichen Kleingärtnern – fungiert. Sven Umlauft, der erste Vorsitzende des Verbandes seit September 2022, beschreibt die Rolle des Verbandes treffend als eine Art Hausverwaltung, die die Interessen der Kleingärtner umsetzt und sicherstellt, dass die Gärten dem Bundeskleingartengesetz entsprechen.

Die ersten zwei Jahre unter Sven Umlaufts Führung waren intensiv. Er und sein Team investierten viel Zeit, um die Unterlagen aller Sparten auf den aktuellen Stand zu bringen, da zuvor Verträge fehlten. Ziel dieser Anstrengungen war und ist der Schutz aller Beteiligten: der Vereine, der Eigentümer, des Verbandes und nicht zuletzt der Pächter. Der Verband betreibt ein Büro in der Görlitzer Innenstadt und beschäftigt vier festangestellte Mitarbeiter sowie elf ehrenamtliche Vorstandsmitglieder, darunter auch Sven Umlauft selbst. Die Arbeit sei anspruchsvoll, da sich die Geschäftsstelle hauptsächlich mit Problemfällen von Vereinsvorständen oder Pächtern befasst. Umlauft betont die große Dankbarkeit gegenüber seinem Vorstand und seinen Mitarbeitern, die sich weit über die regulären Arbeitszeiten hinaus engagieren. Ohne die Unterstützung seiner Familie, die hinter seinem ehrenamtlichen Engagement steht, wäre dies nicht möglich, so Umlauft.

Herausforderung: Leerstehende Gärten
Ein akutes Problem des Verbandes sind die derzeit rund 300 leerstehenden Parzellen von insgesamt 5500. Während einige Gärten mit wenigen Handgriffen wieder nutzbar gemacht werden könnten, stehen andere seit vielen Jahren leer und werden von den zuständigen Vereinen vernachlässigt. Um dem entgegenzuwirken, hat der Verband im Herbst eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Sven Umlauft macht dabei deutlich, dass die Spenden nicht dem Verband zugutekommen, sondern gezielt in die einzelnen Vereine fließen sollen, um die Sanierung dieser lange leerstehenden Gärten zu finanzieren. Er betont: „Ich will mir das Geld nie in meine eigene Tasche stecken… Ich möchte daraus schöne Projekte machen.“. Dabei sei keine große Spende nötig; auch kleine Beträge von 1 oder 2 Euro von vielen Spendern würden helfen.

Interessenten für Kleingärten zu finden, sei hingegen „unproblematisch“. Täglich erreichen das Büro Anrufe. Der Verband nimmt die Daten der Interessenten auf und leitet sie an die Vereine weiter, je nachdem, in welchem Stadtteil ein Garten gewünscht wird. Die Altersstruktur der neuen Pächter ist dabei gemischt: Neben der Jugend, die zunehmend Interesse zeigt und gefördert werden soll, werden Gärten auch an ältere Menschen verpachtet, die oft überraschend schnell und motiviert die Gärten wiederherrichten.

Unsicherheit durch Eigentümerwechsel und KommWohnen
In den letzten drei Jahren gab es eine gewisse Unruhe unter den Kleingärtnern in Görlitz, da die Stadt nach und nach ihre Kleingartenanlagen an KommWohnen überträgt. Viele Pächter äußerten die Sorge, ihre Gärten zu verlieren. Arne Mückert, Geschäftsführer von KommWohnen, hat diese Befürchtungen jedoch mehrfach zerstreut. Er stellt klar, dass KommWohnen lediglich in die Fußstapfen der Stadt tritt und die Verwaltung der Parzellen lediglich einen Wechsel des Sachbearbeiters bedeutet, nicht aber eine Änderung der Widmung der Grundstücke. Eine Umwidmung der Parzellen, etwa zu Bauland, ist nicht ohne Weiteres möglich und erfordert einen Stadtratsbeschluss. Da KommWohnen eine kommunale Gesellschaft ist, bestehe keinerlei Gefahr, dass eigene Wege gegangen werden, so Mückert.

Auch Sven Umlauft, der anfangs zwiegespalten war, blickt der Situation nun positiv entgegen. Er betont, dass die Kommunikation mit KommWohnen und der Stadt sich deutlich verbessert hat und die Befürchtung der Pächter, aus Gartenland werde Bauland, unbegründet ist. Er erklärt: „Nein das hat die Komwon nie vor und jetzt muss ich einfach mal drei sagen sie kann es doch einfach nie so Es muss durch den es muss durch den Stadtrat es muss durch unseren Kleingartenbeirat es muss durch so viele Institutionen durch wo Menschen die auch selber einen Garten haben ja sagen müssen In meinen Augen ist das einfach mal so nicht möglich.“.

Mit dem Beginn der Saison nimmt das Kleingärtnerleben in Görlitz wieder Fahrt auf. Es wird gepflanzt, gegraben und gestrichen, und es ist wahrscheinlich, dass sich unter den altgedienten Kleingärtnern auch einige neue Gesichter finden werden. Die Gemeinschaft und die grünen Oasen in Görlitz scheinen trotz aller Herausforderungen eine lebendige Zukunft vor sich zu haben.

Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Comments
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen

Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x