„Freiheit auf dem Rückzug?“ – Eine politische Bestandsaufnahme Ostdeutschlands

Warum die AfD im Osten so stark ist – Eindrücke von einer brisanten Veranstaltung

Der große Saal des Karl-Rainer-Instituts in Leipzig war am 14. März bis auf den letzten Platz gefüllt. Rund 250 Gäste kamen, um einer Veranstaltung beizuwohnen, deren Titel bereits andeutete, dass es um mehr als eine bloße Wahlanalyse ging: „Der Osten Deutschlands: Freiheit auf dem Rückzug? Warum die AfD so stark ist.“ Eingeladen hatte das Institut in Kooperation mit der Initiative „Demokratie stärken“, die sich seit Jahren um politische Bildung und Dialog in Ostdeutschland bemüht. Als Gäste auf dem Podium: der Historiker und Bürgerrechtler Ilko-Sascha Kowalczuk und der Demokratieforscher Dr. Michael Jennewein.

Die zentrale Frage des Abends war deutlich: Wie konnte sich die AfD in weiten Teilen Ostdeutschlands zur stärksten politischen Kraft entwickeln? Und was bedeutet das für das demokratische Selbstverständnis der Bundesrepublik?

Die AfD – ein gesamtdeutsches Phänomen mit ostdeutscher Zuspitzung
Wie die Bundestagswahl, aber auch zahlreiche Landtagswahlen der letzten Jahre gezeigt haben, ist die AfD längst kein rein ostdeutsches Phänomen mehr. Sie ist in ganz Deutschland präsent – doch in Ostdeutschland ist sie besonders erfolgreich. In manchen Wahlkreisen erreicht sie inzwischen beinahe 50 Prozent der Stimmen. Das politische Klima hat sich dort spürbar verändert: In vielen Gemeinden stellt die AfD die stärkste Fraktion im Gemeinderat, und ihre Kandidaten gewinnen zunehmend auch Bürgermeisterposten.

Warum wählen Ostdeutsche 35 Jahre nach der Wiedervereinigung so anders als der Westen? Wieso wird die liberale Demokratie ausgerechnet dort in Frage gestellt, wo 1989 die erste erfolgreiche Revolution auf deutschem Boden stattfand?

Diese Fragen durchziehen nicht nur die Diskussion des Abends, sondern auch das jüngste Buch von Ilko-Sascha Kowalczuk. In „Freiheitsschock. Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute“ beschreibt er, wie der Osten nach dem Zusammenbruch der DDR einen radikalen Umbruch erlebte – einen „Schock der Freiheit“, wie er es nennt. Kowalczuk analysiert präzise die Frustrationen des Vereinigungsprozesses, die weit verbreitete Opfermentalität, das Gefühl, übergangen und entmachtet worden zu sein – und die langfristigen Wirkungen der SED-Propaganda, die tief in den kollektiven Bewusstseinsstrukturen der DDR-Gesellschaft verwurzelt war.

Mit ihm analysieren wir, welche historischen Entwicklungen zum heutigen Erfolg der AfD beigetragen haben – und warum der Kampf um die Demokratie in Ostdeutschland eine entscheidende Bedeutung für die Zukunft des ganzen Landes hat.

„Ein autoritärer Backlash?“
Kowalczuk, 1967 in Ostberlin geboren, gehört zu den prägendsten Stimmen dieser Debatte. Auf dem Podium begann er mit einer provokanten Diagnose: „Wir erleben in vielen Regionen Ostdeutschlands keinen bloßen Protest gegen ‚die da oben‘, sondern eine gefährliche Abkehr von der Demokratie als solcher.“ Der Wahlerfolg der AfD sei nicht nur ein Ausdruck von Frust, sondern das Ergebnis eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels, der sich in einem autoritären Denken manifestiere – genährt durch Enttäuschung, Identitätsverlust und mangelndes Vertrauen in politische Institutionen.

Dabei warnte er vor einfachen historischen Erklärungen: „Die SED-Diktatur ist ein Faktor, aber sie erklärt nicht alles. Vielmehr müssen wir uns fragen, warum 34 Jahre nach der Wiedervereinigung die liberale Demokratie in vielen Regionen noch immer nicht verankert ist.“

Das Erbe der „erlebten Ohnmacht“
Dr. Michael Jennewein, Demokratieforscher mit Schwerpunkt auf politischer Kultur, legte den Fokus auf psychologische und kulturelle Langzeitwirkungen. „Was wir heute erleben, ist das Ergebnis eines Jahrzehnte langen Erfahrungsprozesses. Viele Ostdeutsche haben nach der Wende nicht nur wirtschaftliche Einschnitte erlebt, sondern vor allem einen symbolischen Verlust: Ihre Biografie wurde entwertet, ihre Lebenswelt delegitimiert“, so Jennewein.

Aus dieser kollektiven Erfahrung einer „verordneten Transformation“ resultiere ein tiefes Misstrauen gegenüber Eliten, Medien und staatlichen Institutionen – eine Gemengelage, die von der AfD strategisch genutzt werde. „Die Partei inszeniert sich als einzig legitime Stimme der sogenannten ‚Normalbürger‘. Sie operiert mit einem klaren Freund-Feind-Schema, das komplexe Wirklichkeiten auf einfache Wahrheiten reduziert – und damit anschlussfähig ist für viele, die sich in ihrer Lebensleistung übergangen fühlen.“

Vom Demokratiedefizit zum Demokratieverdruss
In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde deutlich, wie sehr diese Analysen den Nerv der Zeit treffen. Ein älterer Mann aus Altenburg meldete sich zu Wort: „Ich habe 40 Jahre gearbeitet, danach meine Arbeit verloren und dann gesagt bekommen: Ihr müsst euch halt anpassen. Dass sich da Enttäuschung aufbaut, ist doch klar! Und wer hört uns denn noch zu außer der AfD?“ Der Applaus auf diese Wortmeldung zeigte, wie tief die Kluft zwischen subjektiv empfundener Ungerechtigkeit und politischer Realität inzwischen ist.

Kowalczuk reagierte differenziert: „Wir dürfen den Frust nicht ignorieren. Aber wir müssen auch widersprechen, wenn dieser Frust in Ressentiments, Rassismus oder autoritäre Sehnsüchte umschlägt.“ Es sei Aufgabe der demokratischen Parteien und der Zivilgesellschaft, Räume für Debatten zu schaffen – gerade dort, wo der Diskurs von Polarisierung und Angst dominiert werde.

Jennewein ergänzte: „Wir sprechen nicht mehr nur über Desinteresse, sondern in Teilen der Gesellschaft über eine aktive Ablehnung demokratischer Prinzipien. Das ist eine neue Qualität.“

Medien, Mythen und Manipulation
Ein weiteres Thema des Abends war die Rolle von Medien in Ostdeutschland. Kowalczuk kritisierte, dass viele bundesweite Medien Ostdeutschland entweder nur im Kontext von Problemen thematisierten oder als Sonderfall darstellten. „Was fehlt, ist eine gleichwertige Erzählung. Der Osten wird oft mit einer Mischung aus Mitleid und Misstrauen betrachtet – das erzeugt Gegennarrative, die leicht in Verschwörungsdenken kippen.“

Er forderte eine differenziertere Berichterstattung, mehr Regionaljournalismus und eine stärkere Förderung von Medienkompetenz – besonders bei jungen Menschen. Der Hinweis auf die hohe Reichweite rechtsextremer Influencer auf Plattformen wie TikTok oder Telegram war Mahnung und Alarmzeichen zugleich.

Was tun?
Ein zentraler Aspekt der Diskussion war die Frage: Was lässt sich gegen diese Entwicklung tun? Gibt es einen Weg zurück zu mehr Vertrauen in die Demokratie?

Für Kowalczuk liegt die Antwort in einer ehrlicheren Erinnerungskultur und Bildungsarbeit: „Wir müssen den Menschen im Osten zuhören, ohne ihnen nach dem Mund zu reden. Und wir müssen ihre Geschichte als Teil der deutschen Geschichte begreifen – mit allen Brüchen, aber auch mit aller Würde.“

Jennewein plädierte für eine stärkere Präsenz demokratischer Akteure in ländlichen Räumen: „Demokratie braucht Begegnung. Wenn Bürgermeister bedroht werden, wenn Vereine Angst haben, sich zu positionieren, dann zieht sich die Demokratie zurück – und die AfD füllt das Vakuum.“

Am Ende der Veranstaltung blieb ein Gefühl der Dringlichkeit. Kowalczuk fand die vielleicht eindringlichsten Worte des Abends: „Wir dürfen nicht warten, bis die Brandmauer endgültig durchbrochen ist. Die Demokratie braucht uns – jetzt.“

Ein Zwischenruf
Die Diskussion im Karl-Rainer-Institut war keine nüchterne Analyse, sondern ein Zwischenruf: Die AfD ist nicht nur ein politisches Phänomen, sondern Ausdruck einer tiefen sozialen und kulturellen Spaltung. Der Osten Deutschlands steht exemplarisch für Entwicklungen, die längst auch den Westen erreichen. Es geht nicht mehr nur um Wahlergebnisse – es geht um die Frage, welche Gesellschaft wir sein wollen.

Diese Veranstaltung war ein wichtiger Impuls. Sie hat gezeigt: Es gibt kein einfaches „Warum“, keine schnelle Lösung. Aber es gibt die Möglichkeit, genau hinzusehen, zuzuhören und den demokratischen Diskurs – gegen alle Widerstände – lebendig zu halten.

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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