Ein neues Kapitel für die Sendehalle Weimar, der „Campus des Lebens“

Im Nationalsozialismus wurde das Projekt der „Nietzsche-Gedächtnishalle“ als Ausdruck einer menschenverachtenden Ideologie umgesetzt. Friedrich Nietzsches Konzept des „Übermenschen“ wurde von den Nationalsozialisten gezielt und grotesk in einen „Herrenmenschen“ umgedeutet. Adolf Hitler selbst stellte dafür einen Grundstock von 50.000 Reichsmark zur Verfügung. Die Planung übernahm der völkisch-antisemitische Publizist und Architekt Paul Schultze-Naumburg, damals Direktor der Hochschule für Baukunst und bildende Künste in Weimar.

Bereits im Juni 1937 unterzeichneten Hitler und Albert Speer den Bauauftrag, womit Schultze-Naumburg die Errichtung der Nietzsche-Gedächtnishalle übertragen wurde. Symbolisch aufgeladen begann der Bau der Halle am 15. Juli 1937, unmittelbar südwestlich des Nietzsche-Archivs. An genau diesem Tag traf der erste Transport von Häftlingen im Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg ein. Auf dem einen Berg – südlich von Weimar – entstand die als „Nietzsche-Walhalla“ geplante Halle, eine Weihestätte für die vermeintlichen „Herrenmenschen“. Auf dem gegenüberliegenden Berg – im Norden der Stadt – begann zeitgleich das Leid derer, die von den Nationalsozialisten als „Untermenschen“ deklariert wurden.

Diese duale Realität der NS-Rassenideologie spiegelt sich in Weimar auf beklemmende Weise wider: Während das KZ Buchenwald zum Inbegriff menschlichen Leids wurde, manifestierte sich mit der „Nietzsche-Gedächtnishalle“ der selbstherrliche Mythos einer rassistischen Überlegenheit. Der Bau war ein architektonisches und ideologisches Monument des Nationalsozialismus, das die rassistische Umgestaltung der Gesellschaft in Beton goss.

Die Transformation eines belasteten Ortes
Die Stiftung „Sendehalle Weimar“ hat sich der Aufgabe verschrieben, diesen historisch belasteten Ort in einen Ort des Lebens, des Gedenkens und der Bildung zu transformieren. Nach zwei Jahrzehnten des Leerstands soll das Gebäude nicht länger Zeugnis von Unterdrückung und Missbrauch sein, sondern ein Raum, der sich den Werten des Dialogs, der Erinnerung und der Aufklärung verschreibt. Ziel ist es, die Sendehalle zu einem lebendigen Erinnerungs-, Lern- und Begegnungsort zu entwickeln.

Angesichts der zunehmenden antisemitischen und rassistischen Strömungen in der heutigen Gesellschaft ist die Arbeit an solchen Orten essenziell. Die Überlebenden der Shoah und ihre Nachfahren sind lebendige Zeugen der Geschichte, die uns mahnen, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Die Stiftung unterstreicht, dass nur eine konsequente Auseinandersetzung mit dieser dunklen Epoche der Geschichte – vor allem mit jungen Menschen – die notwendige Sensibilität und das Bewusstsein schaffen kann, um Antisemitismus und Rassismus wirksam entgegenzutreten.

Erinnerungsarbeit im Dialog mit Überlebenden
Eine zentrale Rolle bei dieser Aufgabe spielen die ACHAVA Festspiele Thüringen. Jährlich erreichen sie mit ihren Programmen über 3.500 Jugendliche, die in Gesprächsrunden mit Überlebenden wie Éva Fahidi-Pusztai, Naftali Fürst und Pavel Taussig eintauchen. Diese Veranstaltungen sind keine abstrakten Vorträge – sie bringen persönliche Geschichten und die individuelle Kraft der Erinnerung in den Mittelpunkt. Dank moderner Digitaltechnik können Zeitzeugen weltweit live in die Diskussionen eingebunden werden. Diese direkte Verbindung schafft eine emotionale Tiefe, die kein Lehrbuch vermitteln kann.

Die Sendehalle Weimar bietet den idealen Rahmen für solche Begegnungen. Die Räumlichkeiten sollen nicht nur für regelmäßige Bildungsveranstaltungen mit Schüler
genutzt werden, sondern auch Lehrer und Polizist zu Themen wie Shoah und den Folgen des Holocausts weiterbilden. So entsteht ein multiperspektivischer Ansatz, der Menschen aus unterschiedlichen Kontexten zusammenführt.

Ein Ort der Geschichte und der Zukunft
Neben Bildungsprojekten soll eine öffentlich zugängliche Dauerausstellung die wechselvolle Geschichte der Sendehalle beleuchten. Ergänzt wird diese durch eine studentische Galerie, die künstlerische Perspektiven auf Erinnerung und Verantwortung ermöglicht. Damit wird die Vergangenheit nicht nur als abgeschlossenes Kapitel präsentiert, sondern als Grundlage für eine gemeinsame und bessere Zukunft.

Die Sendehalle soll ein Ort des Nachdenkens, der Kreativität und der Handlungsmotivation werden. Hier stehen die Überlebensgeschichten der Shoah-Überlebenden im Zentrum – nicht nur als Mahnung, sondern als Fundament für eine bessere Gesellschaft.

Der „Campus des Lebens“
Die Stiftung Sendehalle Weimar sieht in diesem Projekt nicht nur eine lokale Initiative, sondern ein starkes Signal gegen Antisemitismus, Rassismus und jede Form von Diskriminierung. Die Vision eines „Campus des Lebens“ verbindet die Erinnerung an die Shoah mit der Förderung einer offenen, dialogbereiten Gesellschaft.

Gemeinsam mit Partnern wie der Stiftung Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-Dora sowie den ACHAVA Festspielen Thüringen und weiteren Unterstützern wird ein Ort entstehen, der nicht nur den Schrecken der Vergangenheit erinnert, sondern Hoffnung für die Zukunft gibt. Die Sendehalle soll eine Plattform sein, auf der Menschen unterschiedlicher Generationen, Kulturen und Perspektiven ins Gespräch kommen und voneinander lernen können.

Die Mahnung der Shoah-Überlebenden ist dabei klar: Erinnern ist kein Selbstzweck. Es ist eine Aufgabe, die uns alle betrifft – heute und in Zukunft. Die Transformation der Sendehalle Weimar ist ein Schritt in diese Richtung. Indem wir den von den Nationalsozialisten geplanten Wallfahrtsort neu denken, schaffen wir Raum für Dialog, Respekt und eine menschenwürdige Zukunft.

Eine Botschaft für kommende Generationen
Die Stiftung „Sendehalle Weimar“ setzt ein Zeichen: Gegen das Vergessen, für das Erinnern und vor allem für eine Welt, die aus ihrer Geschichte lernt. Der „Campus des Lebens“ wird nicht nur ein Ort der Begegnung sein, sondern ein Ort, der zum Handeln auffordert – gegen Antisemitismus, Rassismus und jede Form der Ausgrenzung.

So wird aus einem Gebäude, das einst die Ideologie des Hasses verkörperte, ein Symbol für die Werte des Lebens und der Menschlichkeit. Es bleibt die Hoffnung, dass zukünftige Generationen diesen Ort als Quelle von Erkenntnis und Inspiration begreifen, um eine gerechtere und friedlichere Welt zu schaffen.

Zwischen Paraden und Paranoia: Das geheime Leben der Frauen in der NVA

Teaser Vergessen. Unsichtbar. Systemrelevant. Drei Worte, die das Leben tausender Frauen in der DDR beschreiben, die eine Uniform trugen, über die man nicht sprach. Während die Propaganda strahlende Sanitäterinnen auf Plakate druckte, saßen die echten Soldatinnen in abgedunkelten Bunkern, überwachten den Luftraum oder verschlüsselten Staatsgeheimnisse. Sie waren das geheime Betriebssystem der NVA – unverzichtbar für den Krieg, aber versteckt im Frieden. Doch der wahre Kampf begann oft erst nach Feierabend: zwischen Stasi-Überwachung, Kindererziehung und dem ständigen Beweis, mehr zu sein als nur „Schmuck am Waffenrock“. Eine Reise in die dunkelsten Winkel der ostdeutschen Militärgeschichte.

Die Biermann-Ausbürgerung und der Beginn des offenen Widerstands in Jena

1. Teaser Profil Ein einziger Abend im November 1976 veränderte das politische Klima einer ganzen Stadt unwiderruflich und markierte den Punkt ohne Wiederkehr. Es war jener graue Novemberabend, an dem die Tagesschau in Schwarz-Weiß flimmerte und eine Nachricht in die Wohnzimmer trug, die wie ein physischer Schlag wirkte. In einer Jenaer Privatwohnung saßen zwei Dutzend junge Menschen, umgeben von Zigarettenrauch und klirrenden Teegläsern, und starrten ungläubig auf den Bildschirm. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns war nicht nur ein Verwaltungsakt gegen einen Liedermacher; sie war für diese Generation in der DDR das endgültige Signal, dass der "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" eine Illusion bleiben würde. Die Reaktion ließ in der Universitätsstadt nicht lange auf sich warten. Einen Tag später, im „Klub der Intelligenz“, suchten viele nach Antworten. Der Saal war überfüllt mit jungen Gesichtern, die eigentlich wegen einer Lesung von Jurek Becker gekommen waren. Als dieser die Protestnote der Berliner Künstler verlas, brach sich das Unausgesprochene Bahn. Ein Raunen schwoll zu einer offenen Debatte an, die den Rahmen des Erlaubten sprengte. Doch der Geist war aus der Flasche. In der Evangelischen Jungen Gemeinde (JG) Stadtmitte gärte es weiter. Hier wurde nicht nur diskutiert, hier wurde gehandelt. Man schrieb den Offenen Brief der Künstler ab und sammelte Unterschriften. Die Antwort des Repressionsapparates folgte prompt und brutal in der Nacht zum 19. November. Doch statt Rückzug erzeugte die staatliche Härte eine Solidarisierungswelle, die quer durch die sozialen Schichten Jenas ging. 2. Teaser Seite Arne Petrich Ein einziger Abend im November 1976 veränderte das politische Klima einer ganzen Stadt unwiderruflich und markierte den Punkt ohne Wiederkehr. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns war für viele junge Menschen in Jena das endgültige Signal, dass der "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" eine Illusion bleiben würde. Im „Klub der Intelligenz“ eskalierte die Situation, als Jurek Becker statt nur aus seinen Büchern zu lesen, die politische Realität thematisierte. Die daraufhin einsetzende Repression der Stasi, verraten durch Spitzel in den eigenen Reihen, führte zu Verhaftungen in der Jungen Gemeinde. Doch das Kalkül der Macht ging nicht auf: Statt Angst herrschte plötzlich eine neue, praktische Solidarität. Matthias Domaschk und andere organisierten Hilfe, sammelten Geld und vernetzten sich über soziale Grenzen hinweg. Es entstand ein Riss zwischen Staat und Jugend, der sich bis 1989 nicht mehr schließen sollte. 3. Teaser Jenapolis Ein einziger Abend im November 1976 veränderte das politische Klima einer ganzen Stadt unwiderruflich. Die Nachricht von der Ausbürgerung Wolf Biermanns löste in Jena eine Kettenreaktion aus, die vom „Klub der Intelligenz“ bis in die Junge Gemeinde reichte. Wo der Staat mit Härte und Verhaftungen reagierte, entstand unerwartet eine breite Solidaritätsbewegung. Historisch betrachtet markiert dieser November den Moment, in dem sich ein Riss auftat, der das Ende der DDR einläutete – der Beginn eines offenen Widerstands, der sich nicht mehr einschüchtern ließ.