Roller für die Republik – Mobilität und Mangelwirtschaft in Ludwigsfelde

Die Sehnsucht nach individueller Mobilität war in der DDR groß – nicht zuletzt, weil sie selten erfüllt wurde. Ein Symbol für diesen Wunsch auf zwei Rädern war der Motorroller Berlin aus den IWL-Werken in Ludwigsfelde. Zwischen 1959 und 1962 gebaut, galt er als modernes, erschwingliches Fortbewegungsmittel – trotz aller Einschränkungen.

Im Alltag jedoch wurde der Roller oft bis an die Belastungsgrenze genutzt. Eine Familie auf Urlaubsreise: Vorn auf dem Kindersitz das kleinste Kind, der Vater am Steuer, die Mutter auf dem Rücksitz, dazwischen eingeklemmt das größere Kind. Dahinter der Gepäckträger, beladen mit Zelt, Kochtöpfen und Luftmatratzen – so ging es an die Ostsee oder ins Mittelgebirge.

Ein Beiwagen? Der wurde von den Herstellern kategorisch abgelehnt. Sicherheitstechnisch sei die Kombination nie erprobt worden, hieß es. Nur ein Kriegsversehrter mit amputierten Beinen erhielt eine Sonderzulassung für ein selbstgebautes Dreirad – klassifiziert als „Versehrtenfahrzeug“.

Technisch und logistisch war der Rollerbau ein ständiger Balanceakt. Die sogenannte „Störfreimachung“ hatte das Ziel, die Abhängigkeit von westlichen Importen zu verringern. Rahmenrohre etwa kamen ursprünglich aus der Bundesrepublik. Doch die vertragsgemäßen Lieferungen trafen oft erst zum Quartalsende ein. Die Lösung: Ersatz durch Material aus der Sowjetunion – allerdings mit anderen Maßen. Ein Millimeter Unterschied konnte ganze Produktionslinien betreffen.

1959, ausgerechnet im Jahr des zehnjährigen DDR-Kraftfahrzeugjubiläums, wurde Ludwigsfelde vergessen. Der Betrieb war kein Mitglied der zentralen Vereinigung Volkseigener Betriebe (VVB) und wurde deshalb offiziell nicht erwähnt – ein Schlag für die stolzen Werktätigen.

Der Motorroller Berlin steht heute für mehr als Mobilität. Er erzählt von Einfallsreichtum und Improvisation, von bürokratischen Absurditäten – und vom Traum von Freiheit auf zwei Rädern.

Das Konzert vom 2. Dezember 1989: Biermann, Wegner und die DDR-Opposition

Journalistischer Text – Facebook Der 2. Dezember 1989 markiert im kulturellen Gedächtnis der deutschen Teilung einen Moment von seltener Intensität. Wenige Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer und noch vor der ersten freien Wahl fand im Ost-Berliner „Haus der Jungen Talente“ eine Veranstaltung statt, die den Titel „Verlorene Lieder – verlorene Zeit“ trug. Es handelte sich um das erste gemeinsame Konzert von in der DDR verbliebenen Liedermachern und jenen Künstlern, die das Land nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 verlassen mussten. Die Atmosphäre im Saal war geladen, geprägt von einer Mischung aus Euphorie, Neugier und der unverarbeiteten Bitterkeit der vergangenen Jahre. Auf der Bühne trafen Welten aufeinander. Wolf Biermann, der erst einen Tag zuvor sein erstes Konzert in Leipzig gegeben hatte, dominierte den Abend mit einer Haltung des historischen Triumphs. Ihm gegenüber standen Künstler wie Bettina Wegner, die weniger die politische Abrechnung als vielmehr den menschlichen Schmerz der Trennung thematisierte. Ihr Lied „Kinder“ wurde zu einem emotionalen Zentrum des Abends. Gleichzeitig vertraten Dagebliebene wie Hans-Eckardt Wenzel oder Gerhard Schöne eine Position, die sich gegen eine vereinfachende Siegermentalität des Westens wandte. Sie pochten auf die Würde einer eigenständigen ostdeutschen Erfahrung, die sich nicht allein durch Anpassung oder Flucht definieren ließ. Besondere Brisanz erhielt der Abend durch die Anwesenheit des damaligen Kulturministers Dietmar Keller. In einer für DDR-Funktionäre präzedenzlosen Geste entschuldigte er sich öffentlich für das Unrecht der Ausbürgerungen. Doch die anschließenden Diskussionen zeigten, dass eine einfache Versöhnung kaum möglich war. Die Gräben zwischen den Exilanten, die die DDR von außen bekämpften, und den Kritikern im Inneren, die das System reformieren wollten, traten offen zutage. Das Konzert dokumentiert somit nicht nur eine musikalische Wiedervereinigung, sondern auch den Beginn eines schwierigen Dialogs über Deutungshoheit und Biografie, der die Nachwendezeit noch lange prägen sollte.