Hauswirtschaftspflege in der DDR – Abgeordnete werben für Personal

Im Jahr 1985 engagierten sich in der Deutschen Demokratischen Republik rund 78.000 ehrenamtliche Hauswirtschaftspflegende, um älteren Bürgerinnen und Bürgern den Verbleib in ihren vertrauten vier Wänden zu ermöglichen. Auf Initiative des Zentralausschusses der Volkssolidarität sollte diese Zahl bereits ein Jahr später auf 80.280 steigen. Ein exemplarischer Blick nach Halle‑Süd zeigt, wie Betriebe und Volksvertreterinnen gemeinsam um Unterstützung werben – und welche Schicksale hinter den nüchternen Statistiken stehen.

Betriebliches Engagement: Zwischen Schichtende und Nachbarschaft
Im VEB Technische Gebäudeausrüstung Halle gehört das Werben um Freiwillige längst zum Alltag. Frauenkommissionen und der Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL) obliegt es, geeignete Kolleginnen anzusprechen. Einer von ihnen ist die 24‑jährige Forst Sklarek. Zweimal wöchentlich – nach Feierabend – fährt sie zu ihrer 86‑jährigen Rentnerin, um dort Fenster zu putzen, zu wischen und Einkäufe zu erledigen. „Ich mache das mit Liebe“, erzählt die Seniorin Frau Eschke, „nicht bloß die Arbeit, sondern mit einer großen Liebe.“

Auch Auszubildende übernehmen Verantwortung: Die knapp 18‑jährige Anke betreut seit zwei Jahren die durch einen Schlaganfall pflegebedürftige Frau Ferber. „Ich sehe in der Disco nicht meine Lebenserfüllung“, sagt Anke. „Ich finde, was Sinn hat, muss ich tun.“ Zwei- bis dreimal in der Woche hilft sie beim Abwasch, Staubwischen oder Maniküren – und gewinnt dadurch mehr als nur Erfahrungen für den Lebenslauf.

Durch diese betriebliche Rekrutierungsmethode konnten in Halle‑Süd bereits 39 Hauswirtschaftspflegende gewonnen werden, die vornehmlich die eigenen Rentner betreuen. Die enge Zusammenarbeit zwischen Frauenkommission, BGL und den einzelnen Brigaden schafft einen direkten Draht zu jenen älteren Bürgern, die auf Hilfe warten.

Parlamentarischer Weg: Die Abgeordneten als Türöffner
Parallel wirkte in Halle‑Süd eine zweite Mobilisierungsstrategie: Abgeordnete der Volksvertretung besuchten Bürgerinnen in ihrem Wahlkreis und warben um Unterstützung. Im Klub der Volkssolidarität auf der Silberhöhe erläuterte Abgeordnete Bia Krause: „Wir sprechen direkt die Frauen an, die wir hier in der Nachbarschaft kennen.“ Von 73 eingegangenen Anträgen aus Halle‑Süd konnten auf diesem Wege bislang 14 vollständig betreut werden. Krause räumt ein, dass dies erst der Anfang sei: „Die familiären Bindungen – Enkel, Ehepartner – müssen mitbedacht werden. Aber langfristig hilft jede einzelne Betreuerin, die älteren Menschen in Würde leben zu lassen.“

Einzelschicksal Erich Flehmig
Ein besonders eindrückliches Beispiel ist der 86‑jährige Erich Flehmig (Jahrgang 1899). Bis zum Alter von 77 arbeitete er in seinem Beruf, heute bezieht er kleine Rentenleistungen. Er erledigt noch den Einkauf und das Abstauben selbst, doch Fensterputzen und Kohlenholen werden zur körperlichen Überlastung. „Kohlen raufholen ist nicht so einfach“, sagt er. Entschieden hat sich sein Antrag auf Hauswirtschaftspflege bisher nicht – er gehört zu den 73 Rentnern in Halle‑Süd, die noch auf Hilfe warten.

Zwischen Solidarität und Herausforderung
Die Beispiele aus Halle‑Süd illustrieren den doppelten Anspruch der DDR-Sozialpolitik: Zum einen die Betonung gegenseitiger Verantwortung, zum anderen die Grenzen ehrenamtlicher Hilfe. Betriebe mobilisieren ihre Belegschaft, Abgeordnete wirken als soziale Lotsinnen, während die Volkssolidarität koordiniert und Anträge bearbeitet. Doch ohne ausreichende Fangnetze aus professioneller Pflege stößt das System an seine Grenzen: Nicht jede Rentnerin oder jeder Rentner findet sofort eine passende Helferin.

Der Beschluss, 1986 knapp 2.300 zusätzliche Hauswirtschaftspflegende zu gewinnen, signalisiert, dass die DDR-Führung den Wert der freiwilligen Altenbetreuung hoch einschätzt. Doch die tatsächliche Umsetzung hängt weiter von der Bereitschaft Einzelner ab – von engagierten Frauen wie Forst Sklarek und Anke bis zu den Abgeordneten, die im Wahlkreis werben. Wie nachhaltig dieser Ansatz ist, wird sich in den kommenden Jahren zeigen, wenn der demografische Wandel älterer Menschen in der Gesellschaft weiter voranschreitet.

Dass gerade junge Freiwillige und gewerkschaftlich organisierte Frauenkommissionen als Rückgrat dienen, spricht jedoch für ein starkes gesellschaftliches Engagement – ganz im Sinne der sozialistischen Solidarität.

Jena als Spiegelbild aktueller ostdeutscher Herausforderungen

Die Entwicklungen in der Jenaer Innenstadt verdeutlichen exemplarisch die strukturellen und gesellschaftlichen Spannungsfelder, die viele ostdeutsche Kommunen drei Jahrzehnte nach der Transformation prägen. Seit einem Vierteljahrhundert leitet Michael Holz die Goethe-Galerie in Jena und begleitet damit einen Großteil der postsozialistischen Entwicklung des Handelsstandortes. Seine aktuelle Bilanz verweist auf eine fragile Stabilität, die symptomatisch für viele ostdeutsche Oberzentren ist. Trotz hoher Besucherfrequenzen offenbart das Kaufverhalten eine tiefe Verunsicherung, die nicht nur ökonomisch begründet ist. Holz benennt explizit die Angst vor einer kriegerischen Eskalation als Faktor für die Kaufzurückhaltung. Diese Beobachtung korrespondiert mit soziologischen Befunden, die in Ostdeutschland aufgrund historischer Erfahrungen eine ausgeprägte Sensibilität für geopolitische Spannungen feststellen. Hinzu kommt eine Diskrepanz zwischen gestiegenen Lebenshaltungskosten und der Lohnentwicklung, die in den neuen Bundesländern oft die finanziellen Spielräume enger zieht als im Bundesdurchschnitt. Die Diskussion um die Entwicklung Jenas offenbart zudem einen wachsenden Riss zwischen der akademisch geprägten Stadt und dem ländlichen Umland beziehungsweise der Arbeiterschaft. Kommentare aus der Bevölkerung kritisieren eine Stadtplanung, die als Verdrängung der arbeitenden Mitte zugunsten studentischer Milieus wahrgenommen wird. Dieses Phänomen der sozialen Entmischung stellt eine zentrale Herausforderung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in erfolgreichen ostdeutschen Städten dar. Der Appell des Centermanagers zu einem Schulterschluss zwischen Politik, Handel und Gesellschaft zielt auf die Bewahrung einer lebendigen Innenstadt als Identitätsanker. Wenn Traditionsgeschäfte schließen und das Umland aufgrund infrastruktureller Hürden fernbleibt, droht der Verlust der urbanen Mitte als Begegnungsort. Die Debatte in Jena zeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg allein nicht ausreicht, um die gesellschaftlichen Fliehkräfte in Ostdeutschland zu binden.