Zwischen Identitätskrise und Umbruch – Die DDR-Volkspolizei in der Wendezeit

In den Tagen vor dem Mauerfall und während des letzten Aufbruchs des sozialistischen Systems stand die DDR-Volkspolizei vor einer existenziellen Herausforderung. Der einst unantastbare Machtapparat geriet in eine tiefgreifende Identitätskrise: Die neue politische Lage und der damit verbundene Autoritätsverlust machten es nahezu unmöglich, die alte Ordnung beizubehalten. Polizisten, die jahrzehntelang das Bild einer allgegenwärtigen, strengen Überwachungsinstanz verkörperten, fanden sich plötzlich in einem rechtlichen und moralischen Vakuum wieder.

Der Wilde Osten als rechtsfreier Raum
Ein Symbol für den Zusammenbruch der alten Ordnung war der Alexanderplatz – einst ein Synonym für den pulsierenden Herzen der sozialistischen Metropole, verwandelte sich der Ort in einen schwarzen Markt, auf dem spekulativer Handel, Taschendiebstähle und Schlägereien an der Tagesordnung waren. Die einst präsente Volkspolizei war nicht mehr in der Lage, die Kontrolle zu wahren. Razzien und Polizeieinsätze brachten nur kurzzeitige Effekte, während organisierte Schieberbanden und kleinkriminelle Netzwerke weiterhin ungehindert ihr Unwesen trieben.

Gesetzeslücken und ein zersplittertes Rechtssystem
Ehemals als unantastbar geltende Paragrafen des DDR-Rechts verloren an Bedeutung – zentrale Formulierungen wurden gestrichen, und so geriet das gesetzliche Fundament der Polizei in einen Zustand der Beliebigkeit. Auch wenn das Strafgesetzbuch und das Aufgabenbefugnisgesetz der Volkspolizei theoretisch weiterhin Gültigkeit besaßen, reichten diese oft nicht aus, um den Herausforderungen des politischen Umbruchs gerecht zu werden. Das Resultat war ein Gefühl der Ohnmacht und des moralischen Dilemmas: Polizisten, die sich als Hüter der öffentlichen Ordnung sahen, mussten zugleich miterleben, wie ihre gesetzlichen Befugnisse zersplittert und ihre Arbeit zunehmend entwertet wurde.

Zwischen Befehl und eigenem Gewissen
Innerhalb der Polizei bildete sich ein innerer Zwiespalt ab. Einerseits bestand der Auftrag, Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten – andererseits war der Blick auf den Alltag geprägt von der Erkenntnis, dass man sich in einem System bewegte, das seine eigene Glaubwürdigkeit verlor. Berichte über massive Polizeipräsenz bei politischen Veranstaltungen und demonstrativem Schutz hochrangiger Politiker standen im krassen Gegensatz zu den Schwierigkeiten, die an den Straßen, auf dem Alexanderplatz oder an den Grenzübergängen des geteilten Berlins zu beobachten waren. Die Einsatzkräfte, die einst als unerschütterliche Garantien des Staates galten, wurden zunehmend zu hilflosen Mittelsmännern zwischen staatlichen Interessen und den berechtigten Ansprüchen eines verunsicherten Volkes.

Ein Blick in die Zukunft
Die Stimmen innerhalb der Polizei waren geteilt: Einige warnten vor einem erneuten Einsatz von Gewalt, sollte es zu gesellschaftlichen Spannungen kommen – ähnlich den Situationen, die in der Vergangenheit bereits die Fronten zwischen Staat und Volk verschärft hatten. Andere versuchten, den Kontakt zur Bevölkerung zu halten, in der Hoffnung, das Vertrauen in eine Institution zu bewahren, die einst als Garant für Sicherheit und Stabilität galt. Die Frage, wie sich die Polizei in der neuen, ungewissen Ära positionieren sollte, blieb jedoch bis zum Schluss ein ungelöstes Dilemma.

Die Darstellung der DDR-Volkspolizei in der Wendezeit zeigt eindrücklich, wie ein System, das auf festen Strukturen beruhte, in Zeiten des Umbruchs zu zerbröckeln begann. Zwischen dem Befehl, Recht und Ordnung zu gewährleisten, und der moralischen Verantwortung gegenüber der Bevölkerung stand eine Institution, die selbst Opfer des Wandels wurde. Der Bericht erinnert daran, dass politische und gesellschaftliche Umbrüche oft nicht nur an den Manifestationen der Macht sichtbar werden, sondern auch in den leisen, fast verzweifelten Stimmen derer, die tagtäglich zwischen Pflichtgefühl und persönlicher Überzeugung zerrieben werden.

Tips, Hinweise oder Anregungen an Arne Petrich

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