Schloss Sonnenstein in Pirna: Vom Mittelalter zur NS-Tötungsanstalt

Die Heilanstalt Pirna Sonnenstein, einst ein Symbol für Fortschritt in der Psychiatrie, wird ab 1940 zum Ort unvorstellbarer Gräueltaten. Im Rahmen der geheimen Vernichtungsaktion „T4“ werden hier innerhalb weniger Monate über 14.750 Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg liegt der Mantel des Schweigens über der ehemaligen Anstalt.

Acht Jahrzehnte später beginnt Brigitte Wiebelitz, das Familiengeheimnis um das Verschwinden ihrer Tante zu erforschen. Ihre Suche führt sie zu Menschen, die sich dafür einsetzen, dass die Verbrechen auf dem Sonnenstein nicht vergessen werden.

Schloss Sonnenstein, hoch über der Stadt Pirna gelegen, hat eine lange und vielfältige Geschichte, die sowohl prächtige als auch düstere Kapitel umfasst. Ursprünglich im Mittelalter als Festung errichtet, diente der Sonnenstein über Jahrhunderte verschiedenen Zwecken. In späteren Jahren wurde er zum Landratsamt und heute ist das Schloss ein beliebtes Touristenziel mit einem unverkennbaren historischen Wert. Doch hinter den Mauern des Areals verbirgt sich eine der dunkelsten Episoden deutscher Geschichte – die nationalsozialistische „Euthanasie“-Morde.

Der Sonnenstein als Tötungsanstalt
Zwischen 1940 und 1941 wurde die einstige Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein im Rahmen des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms in eine regelrechte Tötungsanstalt umfunktioniert. Im Zuge der sogenannten „Aktion T4“, einem organisierten Massenmord an psychisch kranken und geistig behinderten Menschen, wurden hier fast 15.000 Menschen systematisch ermordet. Die Opfer waren größtenteils Personen, die aufgrund ihrer Erkrankungen oder Behinderungen von den Nationalsozialisten als „lebensunwert“ angesehen wurden. Dieses entmenschlichende Konzept war tief in der Ideologie des Nationalsozialismus verwurzelt, die auf einer verzerrten Vorstellung von Rassenhygiene und der sogenannten „Volksgesundheit“ basierte.

Die Tötungen wurden in Pirna Sonnenstein unter einem Deckmantel der Geheimhaltung verübt. Die Patienten, die aus verschiedenen Pflege- und Heilanstalten Deutschlands dorthin gebracht wurden, kamen meist ahnungslos in die Anstalt, die äußerlich den Anschein eines gewöhnlichen Krankenhauses erweckte. In einer als Duschraum getarnten Gaskammer wurden sie dann mit Kohlenmonoxid vergast. Nach der Tötung wurden die Leichen in eigens eingerichteten Krematorien verbrannt. Die Asche der Verbrannten wurde am Elbhang entsorgt, ohne dass die Angehörigen die Wahrheit erfuhren. Stattdessen erhielten sie gefälschte Todesbescheinigungen, die den Tod ihrer Familienmitglieder durch „natürliche“ Ursachen wie Herzversagen oder Lungenentzündung erklärten.

Die „Aktion T4“ und ihre Durchführung in Pirna
Die „Aktion T4“, benannt nach der Berliner Adresse der Zentrale in der Tiergartenstraße 4, war ein umfassendes Programm der Nationalsozialisten zur systematischen Ermordung von Menschen mit Behinderungen. Zwischen Januar 1940 und August 1941 wurden in Deutschland und den besetzten Gebieten rund 70.000 Menschen im Rahmen dieser Aktion ermordet. Im Sonnenstein spielte der Direktor der Anstalt, Hermann Paul Nitsche, eine zentrale Rolle bei der Organisation der Morde. Nitsche war ein fanatischer Verfechter der nationalsozialistischen Ideologie der „Rassenhygiene“ und setzte bereits vor den Morden Zwangssterilisationen an seinen Patienten durch. Unter seiner Leitung wurde die Tötungsmaschinerie in Sonnenstein mit grausamer Effizienz umgesetzt.

Schweigen und Verdrängung nach dem Krieg
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde das Thema der Morde auf dem Sonnenstein lange Zeit totgeschwiegen. Besonders in der DDR war die Auseinandersetzung mit den Verbrechen, die unter dem NS-Regime begangen wurden, oft nicht im öffentlichen Diskurs präsent. Stattdessen entstand auf dem Gelände der ehemaligen Tötungsanstalt ein Großbetrieb. Teile des Areals wurden zu einem Neubaugebiet umfunktioniert, ohne dass die historische Bedeutung des Ortes gebührend berücksichtigt wurde. Viele Jahrzehnte lang schien die Erinnerung an die Opfer der „Euthanasie“-Morde im Schatten zu stehen.

Aufarbeitung und Errichtung der Gedenkstätte
Es dauerte bis in die 1990er Jahre, bis engagierte Bürger und Historiker begannen, die Geschichte des Sonnensteins aufzuarbeiten und öffentlich zu machen. Mit dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung Deutschlands trat auch die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit verstärkt in den Vordergrund. 1999 wurden die Fundamente der Gaskammern und der Krematorien freigelegt, die bis dahin unter Schichten von Erde und Beton verborgen geblieben waren. Im Jahr 2000 eröffnete schließlich die Gedenkstätte Sonnenstein, die heute an die Opfer der „Euthanasie“-Morde erinnert. In der Gedenkstätte wird die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt und ihre Umfunktionierung zur Tötungsanstalt dokumentiert.

Eine besondere Rolle bei der Aufarbeitung spielt die Geschichte einzelner Opfer, die das Leid und die Grausamkeit des Systems veranschaulichen. So wurde beispielsweise die Geschichte von Martha Caspar, einer jungen Frau, die 1941 in Sonnenstein ermordet wurde, von ihrer Nichte Brigitte Beelitz rekonstruiert. Anhand von Tagebucheinträgen, Akten und Berichten von Zeitzeugen gelang es Beelitz, das Leben und das tragische Schicksal ihrer Tante nachzuvollziehen und der anonymen Masse der Opfer ein persönliches Gesicht zu geben.

Der Sonnenstein heute: Ein Ort des Gedenkens und der Mahnung
Heute ist der Sonnenstein nicht nur ein historisches Schloss und ein Touristenmagnet, sondern auch ein bedeutender Erinnerungsort. Die Gedenkstätte Sonnenstein steht im Zentrum der Bemühungen, die Erinnerung an die Opfer des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms wachzuhalten und die Verbrechen der Vergangenheit zu mahnen. Jedes Jahr wird im Rahmen der Aktion „Gedenkspur“ an die Opfer erinnert, indem symbolisch Kreuze auf dem historischen Pflaster der Stadt Pirna gesprüht werden. Diese Gedenkveranstaltung soll nicht nur an die Geschehnisse während des Nationalsozialismus erinnern, sondern auch einen Appell gegen Ausgrenzung und Diskriminierung in der heutigen Gesellschaft darstellen.

In unmittelbarer Nähe zur Gedenkstätte befinden sich heute die Pirnaer Werkstätten, eine Einrichtung, die Menschen mit Behinderungen beschäftigt. Diese Werkstätten symbolisieren den heutigen Umgang mit Menschen mit Behinderungen und stehen in starkem Kontrast zu den menschenverachtenden Praktiken des NS-Regimes. Sie sind ein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft aus ihrer Geschichte gelernt hat und den Wert jedes menschlichen Lebens anerkennt.

Schlussfolgerung: Die Mahnung der Geschichte
Die Geschichte des Sonnensteins, insbesondere die der „Euthanasie“-Morde, erinnert uns an die Abgründe, zu denen ideologische Verblendung und systematische Entmenschlichung führen können. Sie zeigt, wie gefährlich es ist, Menschen aufgrund ihrer Schwächen oder ihres Andersseins auszugrenzen und zu stigmatisieren. Der Sonnenstein steht heute nicht nur für das Gedenken an die Opfer, sondern auch für die Mahnung, dass die Würde jedes Menschen unantastbar ist und dass die Verbrechen der Vergangenheit niemals vergessen werden dürfen.

Hermann Henselmann und der architektonische Wandel der DDR

A) PROFIL AP Der Weg von der radikalen Moderne in die repräsentative Staatsarchitektur ist selten geradlinig. Hermann Henselmanns Biografie zeigt exemplarisch, wie stark architektonisches Schaffen im 20. Jahrhundert von politischen Rahmenbedingungen abhängig war. Er begann als Vertreter des Neuen Bauens, der Funktionalität über Dekoration stellte, doch die gesellschaftlichen Umbrüche nach 1945 erforderten eine andere Sprache. Die Adaption des sozialistischen Klassizismus war für ihn kein reiner Pragmatismus, sondern der Versuch, dem neuen Staat ein Gesicht zu geben. Diese Phase der Monumentalität währte jedoch nur kurz. Mit der ökonomischen Notwendigkeit, Wohnraum schnell und industriell zu fertigen, geriet der individuelle Entwurf ins Hintertreffen. Henselmann, der die "Arbeiterpaläste" der Stalinallee entworfen hatte, musste zusehen, wie die Baukräne der sechziger Jahre eine standardisierte Stadtlandschaft formten. Seine Kritik an der Uniformität des Plattenbaus wurde in den Fachgremien zwar gehört, hatte jedoch gegen die ökonomischen Sachzwänge kaum eine Chance. Er blieb eine öffentliche Figur, doch seine gestalterische Handschrift verschwand zunehmend aus dem Stadtbild. Die Bauten der frühen Jahre stehen heute als steinerne Zeugen einer Zeit, in der Architektur noch den Anspruch hatte, mehr zu sein als reine Bedarfsdeckung. B) SEITE AP Die Architekturgeschichte der DDR lässt sich an den Brüchen in Hermann Henselmanns Werk ablesen. Als Chefarchitekt Ost-Berlins prägte er die Phase des nationalen Aufbaus, in der repräsentative Boulevards und aufwendig gestaltete Fassaden den Anspruch des Staates auf kulturelle Geltung untermauerten. Die Karl-Marx-Allee ist das gebaute Ergebnis dieser Doktrin, die bewusst den Gegensatz zum westlichen Funktionalismus suchte. Der Übergang zur industriellen Bauweise in den sechziger Jahren markierte jedoch eine Zäsur. Die Abkehr von handwerklicher Individualität hin zur seriellen Fertigung drängte Henselmanns architektonisches Verständnis an den Rand. Während er weiterhin für städtebauliche Qualität und differenzierte Stadträume plädierte, forderte die Planwirtschaft messbare Effizienz. Diese Entwicklung spiegelt den generellen Wandel der DDR-Gesellschaft wider, in der utopische Entwürfe zunehmend pragmatischen Sachzwängen wichen. Henselmanns Werk bleibt als Dokument dieser Spannung erhalten, sichtbar im Kontrast zwischen den Prachtbauten der fünfziger Jahre und den funktionalen Großsiedlungen der späteren Jahrzehnte. C) SEITE JP Hermann Henselmann steht wie kaum ein anderer Architekt für die visuelle Identität der frühen DDR. Seine Entwürfe für die Stalinallee definierten, wie eine sozialistische Hauptstadt auszusehen hatte: monumental, traditionsbewusst und repräsentativ. Diese Architektur war ein politisches Statement, das weit über die reine Schaffung von Wohnraum hinausging. Mit dem Einzug der Plattenbauweise verlor dieser Ansatz jedoch an Relevanz. Die Prioritäten verschoben sich zugunsten von Schnelligkeit und Kostenreduktion, was Henselmanns Position schwächte. Er wurde vom Gestalter zum Verwalter eines Erbes, das die neue Generation von Planern als überholt betrachtete. Heute ermöglicht der zeitliche Abstand einen nüchternen Blick auf sein Schaffen, das sich zwischen politischer Anpassung und künstlerischem Anspruch bewegte. Die Gebäude der Karl-Marx-Allee bilden bis heute eine markante Achse im Berliner Stadtgefüge.