Stasi und Bürgerproteste 1989: Der Wendepunkt der DDR-Geschichte

1999 begann das Jahr auch für die Stasi mit mehrseitigen Planvorgaben: Politischer Untergrund und die Ausreisebewegung in der DDR sollten noch stärker zersetzt werden als bislang. „Jegliche Überraschung ausschließen“ hieß die Devise. Doch die Zeit war voller Überraschungen, besonders für die Stasi. Das Klima in der DDR war mutiger geworden. Nicht nur die Anzahl der Graffitis, die von der Stasi registriert wurden, zeugte von diesem Wandel. Es war das fünfte Jahr nach Michail Gorbatschows Amtsantritt in der Sowjetunion, dessen Politik von Perestroika und Glasnost das starr regierende Politbüro der DDR hartnäckig ignorierte. Nach dem Motto: „Wenn der Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, gibt es keinen Grund, ihm nachzueifern.“ Die Nostalgie nach dem Status quo blieb ein Tabu, und schlimmer noch: Schon das Werben für Gorbatschow konnte zur Inhaftierung führen, wie eine Fotoserie der Fotografin Karin Kriegel vom 1. Mai 1989 eindrucksvoll dokumentiert.

In dieser angespannten Lage äußerten sich besorgte Stimmen aus der Staatsführung, die darauf hinwiesen, dass die Situation gefährlich sei. Doch der Mut der Bürger wuchs. Ein Vergleich mit den eigenen Schwierigkeiten schien nicht mehr möglich. „Die, die vom Leben ausgehenden Impulse der Gesellschaft aufgreifen und dementsprechend ihre Politik gestalten, dürften keine Angst vor Schwierigkeiten haben“, erklärte ein SED-Funktionär. Aber die Staatsmacht reagierte anders. Die Volkspolizei ließ ab Anfang 1989 gezielt trainieren, wie man Demonstranten in den Griff bekommt. Der Einsatz von Schutzschild und Helm sowie Zweikampf-Techniken wurden wichtig. Das Ziel war klar: Proteste sollten im Keim erstickt werden. Zahlreiche zivile Kräfte wurden vor Ort mobilisiert, um sicherzustellen, dass Demonstranten keine Öffentlichkeit erhielten, wie etwa am Rande der Leipziger Messe.

Trotz dieser massiven Repression wuchs der Bürgermut. Die regierende SED verzeichnete in ihren Lageberichten einen starken Mitgliederverlust. So wurden im Rapport der Kreisleitung allein Anfang Oktober 1989 59 Austritte dokumentiert – ein beispielloser Vorgang. Offen drohten Bürger ihrem maroden Staat mit einer Vielzahl von Protesten. Bis zum Mai 1989 registrierten staatliche Stellen 220.000 Eingaben von DDR-Bürgern. Die Hälfte davon drohte, an den bevorstehenden Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 nicht teilzunehmen, wenn sich ihr Alltag nicht verbessere. Für die SED, die alleinherrschende Partei, kam es noch härter: Bei der Kommunalwahl kontrollierten erstmals junge, kritische Wähler die Auszählung der Stimmen. Schnell stellte sich heraus, dass es Wahlfälschungen im großen Stil gegeben hatte. Zahlreiche DDR-Bürger schrieben Anzeigen an die Generalstaatsanwaltschaft, die jedoch auf Weisung der Stasi nicht bearbeitet wurden. Proteste wurden vom autoritären Staat als Diskreditierung der Wahlen gewertet, und die SED griff durch.

Jeden 7. eines Monats verabredeten sich Bürger zu Protesten. So auch am 7. September 1989 auf dem Alexanderplatz, wo Demonstranten verhaftet wurden. Diese Bilder wurden von einem Kamera-Team eingefangen, und ein Passant hielt sie fälschlicherweise für das Westfernsehen. Der Mut der Bürger wurde sichtbar, als sie ihre Stimme erhoben und Freiheit forderten. Auch im ersten Quartal 1989 registrierte die SED fast 89.000 Ausreiseanträge, von denen nur rund 6.000 bearbeitet wurden. Die Bürokratie war mit dieser Bewegung völlig überfordert. Der Druck auf die DDR nahm zu, als Ungarn im Mai 1989 seine Westgrenze nach Österreich öffnete. Mehr als 33.000 DDR-Touristen nutzten zwischen Juni und Oktober 1989 diese Möglichkeit zur Flucht. Eine ähnlich hohe Anzahl flüchtete in die diplomatischen Vertretungen der Bundesrepublik, vor allem in Prag, wo Ende September mehr als 8.000 Flüchtlinge aus der DDR auf das Gelände der Botschaft gelangten.

Eine Woche vor dem 40. Geburtstag der DDR wurden die Flüchtlinge schließlich unter Druck von Moskau und Bonn dazu gebracht, mit der Bahn auszureisen. Doch die DDR wollte, dass diese Flüchtlinge von Prag nach Hof erneut durch die DDR reisen, was das Geschehen in den folgenden Tagen beeinflusste. „Wir wollen raus, wir wollen raus, wir wollen raus!“, riefen die Menschen am Dresdner Hauptbahnhof, wo es Anfang Oktober zur Eskalation kam. Weitere Ausreisewillige besetzten den Bahnhof, und Polizei sowie Armee gingen gewaltsam gegen die Protestierenden vor. Doch auch diese Maßnahmen konnten den Frust nicht unterdrücken.

Die Szenen in Dresden sprachen sich schnell herum, und landesweit wurde eine Eskalation befürchtet. Die SED heizte die Stimmung weiter an und meldete demonstrativ, an der Seite Chinas zu stehen, dessen Staatsmacht im Juni die Demokratiebewegung in Peking mit Panzern niedergewalzt hatte. Mehrere tausend Menschen starben damals, und nun wurde die Gegenwart als besonders aggressives antisozialistisches Auftreten des imperialistischen Klassengegners dargestellt. Die SED warnte davor, dass die Protestierenden in der Gegenwart konterrevolutionäre Elemente seien.

Trotz alledem hielt der Bürgermut in Dresden an. Der Polizeifunk offenbart, wie überfordert die Staatsmacht war, die versuchte, die „negativen Kräfte“ in den Griff zu bekommen. „Ich muss die zwei Kompanien aber erst aus dem Sicherungsbereich rausziehen und aufsitzen lassen“, hieß es im Funkverkehr. Das Vertrauen der Bürger in die staatliche Macht schwand, als sie merkten, dass die Polizei nicht bereit war, den Dialog zu suchen. An diesem Abend des 8. Oktobers gingen Kirchenvertreter auf die Polizei zu und baten um Deeskalation. Ein zufällig ausgewählter Kreis von 20 Demonstranten wurde von der Polizei akzeptiert, und man war erleichtert, dass die Menschen nicht mehr mit Gewalt, sondern mit dem Wunsch nach einem Dialog auf die Straße gingen.

Diese Gespräche zeigten, dass die Polizisten auch ein gewisses Unbehagen gegenüber den gewaltsamen Maßnahmen empfanden, die sie gegen ihre Mitbürger ergreifen mussten. Der Eindruck, dass die Menschen, die auf die Straße gingen, etwas ganz anderes wollten, wurde immer stärker: Sie forderten nicht unbedingt den „besseren Westen“, sondern einfach eine Veränderung ihrer Lebenssituation.

Am 6. und 7. Oktober 1989, dem 40. Geburtstag der DDR, kam es zu Protesten, die die Stasi und die SED in Alarmbereitschaft versetzten. Der Fackelzug der FDJ zeigte, dass viele aus der FDJ nicht nur Gorbatschow umjubeln wollten, sondern auch ihren Unmut über die herrschenden Verhältnisse kundtun wollten. Die Proteste nahmen zu, als sich auf dem Alexanderplatz eine spontane Demonstration entwickelte. „Raus! Raus! Freiheit! Freiheit!“ riefen die Menschen, doch der Demozug wurde brutal aufgelöst.

Die Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg wurde zu einem Zufluchtsort für viele Demonstranten, die dort Verletzte versorgten und Informationen austauschten. Ein rumänisches Filmteam dokumentierte die Ereignisse, aber das Material wurde später von der Stasi konfisziert. Auch die Parolen, die vor der Kirche skandiert wurden, durften nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Am 7. Oktober, während in Plauen bis zu 20.000 Menschen demonstrierten, wurde der Protest mit massivem Polizeieinsatz beantwortet. Hubschrauber umkreisten die Menge, und Löschfahrzeuge wurden als Wasserwerfer eingesetzt. Diese Taktiken entfachten jedoch nur noch mehr Widerstand. Die Freiwillige Feuerwehr von Plauen protestierte gegen diesen politischen Missbrauch und erklärte, dass sie sich diesen nicht mehr gefallen lassen würden. Auch in Karl-Marx-Stadt, wo eine Lesung oppositioneller Texte stattfinden sollte, gingen 700 Menschen auf die Straße.

Die Angst in der SED und der Stasi wuchs, als sie merkten, dass die Protestbewegung sich ausbreitete und andere Städte ansteckte. Leipzig wurde in den Oktobertagen für Journalisten gesperrt, während die Montagsdemonstrationen, die seit September regelmäßig stattfanden, immer mehr Menschen anzogen. Am 9. Oktober 1989 zogen 70.000 Menschen friedlich durch Leipzig, ohne dass die Polizei sie aufhalten konnte. Die Bilder des Protests gelangten ins Westfernsehen und weckten auch in anderen Städten den Mut zur Protest.

Die Protestbewegung war nicht mehr aufzuhalten, und die Bürger forderten lautstark Reformen und Veränderungen. Der Abend des 9. Oktober stellte einen Wendepunkt in der Geschichte der DDR dar. Es war der Anfang vom Ende des autoritären Regimes, das sich in den folgenden Wochen und Monaten selbst zerlegte. Die Ereignisse von 1989 führten schließlich zur Wiedervereinigung Deutschlands und zur Überwindung des starren, repressiven Systems der DDR.

Die Stasi, die einst als unüberwindliche Macht galt, war am Ende nicht mehr in der Lage, die Veränderungen aufzuhalten. Die Stimmen der Bürger wurden zu laut, um ignoriert zu werden, und die Wende in der DDR hatte begonnen.

Die Waisen der Freiheit: Wenn Eltern gehen und Kinder bleiben

3 Teaser 1. Persönlich Verlassen, vergessen, verraten. Christine sitzt in der leeren Wohnung, neben sich der Säugling, auf dem Tisch das Fotoalbum. Sie ist elf Jahre alt und wartet. „Morgen holen wir euch nach“, hatten die Eltern gesagt, bevor sie in den Westen gingen. Doch morgen kam nie. Christine wurde zur Waise wider Willen, eine Geisel des Kalten Krieges. Wie lebt es sich mit dem Wissen, dass die eigene Freiheit für die Eltern weniger zählte als die Flucht in den goldenen Westen? Eine Geschichte über das Warten. 2. Sachlich-Redaktionell Tausendfaches Schicksal. Die Flucht aus der DDR ist ein historisch gut aufgearbeitetes Thema, doch ein Aspekt blieb lange ein Tabu: Die "republikflüchtigen" Eltern, die ihre Kinder zurückließen. Zwischen 1958 und 1989 wurden Tausende Minderjährige in staatliche Heime eingewiesen, weil ihre Erziehungsberechtigten das Land verließen. Waren es politische Zwänge oder niedere Motive? Der Beitrag analysiert die rechtlichen und sozialen Folgen für die zurückgelassenen Kinder der DDR-Diktatur. 3. Analytisch und Atmosphärisch Kalter Rauch und leere Versprechen. Die Luft in den verwaisten Wohnungen roch nach überstürztem Aufbruch. Der Riss, der durch Deutschland ging, verlief nicht nur entlang der Mauer, sondern direkt durch die Herzen der Familien. Die Analyse seziert die Ambivalenz des Freiheitsbegriffs: Während die Eltern im Westen von "Selbstverwirklichung" träumten, erlebten ihre Kinder im Osten die Kälte der staatlichen Fürsorge. Ein psychologisches Psychogramm einer Gesellschaft, in der die Flucht oft auch eine Flucht vor der Verantwortung war.

Eigeninitiative statt Jugendgesetz: Freizeitgestaltung in Milkel 1986

A) PROFIL AP: Hook: Im März 1986 reiste eine Delegation der Volkskammer in den Landkreis Bautzen, um die Umsetzung des Jugendgesetzes in der ländlichen Peripherie zu überprüfen. Teaser: Was die Abgeordneten in Milkel vorfanden, war keine Szenerie des offenen Widerstands, sondern ein funktionierendes System der Improvisation. Die gesetzlich garantierte Freizeitgestaltung stieß in dem 1.000-Seelen-Dorf auf harte infrastrukturelle Grenzen. Es fehlte an Busverbindungen in die Kreisstadt, an einer winterfesten Spielstätte für Filme und vor allem an Personal in der Gastronomie. Die Jugendlichen des Ortes hatten sich in dieser Situation eingerichtet, indem sie staatliche Aufgaben in Eigenregie übernahmen. Der Bericht über diesen Besuch legt die Mechanismen der späten DDR-Gesellschaft offen. Um die Frequenz der Tanzveranstaltungen zu erhöhen, gingen die Jugendlichen einen pragmatischen Deal mit der örtlichen Gastronomie ein. Da Personal fehlte, wurde das Kellnern zur Voraussetzung für das Tanzen. Die Freizeit wurde zur Arbeitsschicht, um überhaupt stattfinden zu können. Diese Bereitschaft zur Selbstorganisation zog sich durch alle Bereiche, vom eigenhändigen Ausbau des Jugendklubs bis zur Schlichtung von Lärmkonflikten mit der Nachbarschaft. Es zeigt sich ein Bild einer Jugend, die nicht auf Zuteilung wartete, sondern den Mangel verwaltete. B) SEITE AP: Hook: Der Paragraf 30 des Jugendgesetzes der DDR garantierte jedem jungen Bürger das Recht auf Geselligkeit und kulturelle Angebote, doch die Realität sah in kleinen Gemeinden oft anders aus. Teaser: Eine Bestandsaufnahme aus dem Jahr 1986 im Dorf Milkel bei Bautzen verdeutlicht die Diskrepanz zwischen gesetzlichem Anspruch und der ökonomischen Machbarkeit. Infrastrukturelle Engpässe prägten den Alltag der rund 200 Jugendlichen vor Ort. Kinos blieben im Winter geschlossen, Turnhallen existierten nur auf dem Papier, und der öffentliche Nahverkehr bot kaum Mobilität. Die staatliche Lenkung stieß hier an ihre Grenzen, was eine Verlagerung der Verantwortung auf die Betroffenen zur Folge hatte. Die Reaktion der Jugendlichen in Milkel ist ein historisches Beispiel für die Kompensationsstrategien innerhalb der DDR-Mangelwirtschaft. Statt auf staatliche Abhilfe zu warten, wurden Tauschgeschäfte zur Basis des kulturellen Lebens. Die Erhöhung der Tanzabende wurde durch den Arbeitseinsatz der Gäste als Kellner erkauft. Der Jugendklub entstand durch materielle Eigenleistung und bürokratischen Druck von unten. Die Umsetzung des Jugendgesetzes erfolgte somit nicht durch die Institutionen, sondern paradoxerweise durch die Selbstausbeutung derer, die das Gesetz eigentlich schützen sollte. C) SEITE JP: Hook: Wenn im Winter 1986 in Milkel die Leinwände dunkel blieben und die Busse nach Bautzen selten fuhren, war die Jugend auf sich selbst zurückgeworfen. Teaser: Ein Bericht über einen Besuch der Volkskammer in der Lausitz zeichnet das Bild einer Generation, die den Mangel an Infrastruktur durch pragmatische Lösungen ausglich. Wo der Staat keine Turnhalle baute und kein Servicepersonal stellen konnte, griffen die Jugendlichen selbst ein. Der Erhalt von Freizeitangeboten war in der ländlichen DDR oft direkt an Gegenleistungen geknüpft. Die Lösung in Milkel war bezeichnend: Wer tanzen wollte, musste arbeiten. Um mehr Veranstaltungen im einzigen verfügbaren Saal durchzusetzen, übernahmen die Jugendlichen den Service. Das Jugendgesetz wurde hier nicht als staatliche Vollversorgung interpretiert, sondern als Rahmen für genehmigte Eigeninitiative. Es entstand eine Kultur, in der Freizeitgestaltung untrennbar mit Organisationstalent und Arbeitsbereitschaft verbunden war.