Welche Bedeutung haben Lenin und Stalin im heutigen Russland?

Lenin hat im heutigen Russland stark an Bedeutung verloren, während Stalin an Bedeutung gewonnen hat. Während der Breschnew-Ära wurde Stalin teilweise rehabilitiert, aber Lenin blieb die zentrale Figur, da er als Staatsgründer und als Symbol der Sowjetunion galt. In der postsowjetischen Zeit änderte sich dieses Bild jedoch dramatisch. Lenin wird heute eher als Zerstörer des alten zaristischen Imperiums betrachtet, und Revolutionen sind in Russland nicht populär. Dies hat dazu geführt, dass Lenin weitgehend ignoriert wird, besonders von der jüngeren Generation. Lenin eignet sich heute kaum noch als Identifikationsfigur. Stattdessen sind andere historische Figuren, die imperiale Staatlichkeit repräsentieren, in den Vordergrund gerückt.

Insbesondere Stalin hat an Bedeutung gewonnen. Stalin, der in der Breschnew-Ära noch nicht die Hauptbezugsfigur war, wird heute von vielen in Russland als eine Art Bewahrer und Ordner gesehen. Im heutigen Russland suchen viele Menschen nach starken Führern, die Stabilität und Ordnung symbolisieren, und Stalin wird oft in diesem Kontext betrachtet. Obwohl Stalin für seine brutalen Repressionen und den Terror bekannt ist, wird er auch für seine Rolle in der Industrialisierung und als Sieger im Zweiten Weltkrieg erinnert.

Diese Verschiebung in der Erinnerungskultur spiegelt sich auch in der Art und Weise wider, wie andere historische Figuren betrachtet werden. Es gibt heute in Russland einen merkwürdigen Mix von historischen Figuren, die zusammen eine imperiale Staatlichkeit symbolisieren. Alexander III., ein zaristischer Herrscher, Stalin und die Weißen, die gegen die Bolschewiki kämpften, werden oft in einem Atemzug genannt, obwohl sie historisch gesehen widersprüchliche Positionen vertreten haben. Was diese Figuren jedoch gemeinsam haben, ist ihr Beitrag zur imperialen Staatlichkeit und zur Wahrung der Ordnung.

Lenin hingegen passt nicht in dieses Bild. Er wird als derjenige gesehen, der durch die Revolution das alte zaristische Imperium zerstörte, was in der heutigen russischen Gesellschaft nicht hoch geschätzt wird. Die Revolution selbst wird nicht mehr als positives Ereignis betrachtet, und Revolutionäre sind nicht die Figuren, mit denen sich die heutige Gesellschaft identifizieren möchte. Lenin ist somit faktisch zu einer Unperson geworden, die kaum noch Interesse bei den jungen Leuten weckt.

Diese Veränderung in der Wahrnehmung und Bedeutung von Lenin und Stalin ist ein interessantes Phänomen, das viel über die gegenwärtige russische Gesellschaft aussagt. Es zeigt, wie sich die historische Erinnerung und die Bedeutung von Figuren im Laufe der Zeit ändern können, je nach den aktuellen politischen und sozialen Bedürfnissen. Während Lenin einst als der große Staatsgründer und Symbol der Revolution galt, ist es heute Stalin, der als Bewahrer der Ordnung und als starker Führer verehrt wird. Diese Verschiebung zeigt auch, wie komplex und vielschichtig die Geschichte und Erinnerungskultur eines Landes sein können.

Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Comments
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen

Die Semantik der Eskalation: Warum wir uns im Netz nur noch anschreien

Teaser: Wer heute durch seine Timeline scrollt, blickt oft in einen Abgrund aus unversöhnlichem Hass. Auf der einen Seite fliegt die „Nazi-Keule“, auf der anderen wird alles als „links-grün versifft“ beschimpft. Doch diese Verrohung ist kein Zufall. Eine soziologische Tiefenbohrung zeigt, wie psychologische Ekel-Reflexe und algorithmische Belohnungssysteme unsere Debattenkultur gezielt zerstören.

Generation Gleichschritt: Ein Ostdeutscher rechnet mit der westlichen Moral-Elite ab

Teaser (Social Media / Newsletter) Ralf Schuler wollte eigentlich Regisseur werden, doch die DDR schickte ihn ins Glühlampenwerk. Heute ist er einer der schärfsten Kritiker des westdeutschen Medien-Mainstreams. Im Interview rechnet der NIUS-Politikchef mit der „Generation Gleichschritt“ ab, zieht Parallelen zwischen Woke-Kultur und SED-Propaganda und erklärt, warum er sich noch nie in einem Politiker so getäuscht hat wie in Friedrich Merz. Ein Gespräch über Herkunft, Haltung und den unbestechlichen Blick des Ostens.

Bärbel Bohley und die Entstehung der Opposition in der DDR

Journalistischer Text - Seite (Teaser) Die Entscheidung zur Rückkehr in ein geschlossenes System Ein schmuckloses Dokument und der Wille einer einzelnen Frau standen gegen den Apparat eines ganzen Staates. Ich betrachte diesen Lebensweg und sehe, wie Bärbel Bohley im August 1988 eine Entscheidung traf, die für viele Außenstehende kaum nachvollziehbar war. Anstatt im sicheren Westen zu bleiben, kehrte sie in die DDR zurück, wohlwissend, dass dort erneute Überwachung und Gängelung auf sie warteten. Diese individuelle Haltung, im Land zu bleiben, um es zu verändern, erscheint mir als der eigentliche Kern des späteren Umbruchs. Es fällt auf, dass die Gründung des Neuen Forums im Herbst 1989 kein spontaner Akt war, sondern die Folge dieser beharrlichen Vorarbeit. Wenn ich auf den 9. November blicke, sehe ich nicht nur die jubelnde Masse an der Grenze, sondern auch die Pressekonferenz in einem Hinterhof, bei der Bohley die Legalität der Opposition verkündete. Es waren diese kleinen, fast unsichtbaren Momente der Organisation, die das Fundament für die friedliche Revolution legten.

Der Preis der Freiheit: Von der Grenze nach Bautzen II

HOOK - Profil Fluchtversuch endet im Kugenhagel Zwei Männer verlassen den Campingplatz unter dem Vorwand, Pilze zu suchen, während ihre Frauen zum Einkaufen fahren. Fünfzehn Kilometer später stehen sie im Niemandsland an der tschechischen Grenze, bevor Schüsse die Stille durchbrechen. TEASER JP (Reflektierend) Wenn die Freiheit lebensgefährlich wird Der Plan scheint perfekt durchdacht, die Route über die Grenze sorgfältig gewählt und das Werkzeug bereitgelegt. Doch im entscheidenden Augenblick im September 1983 entscheiden nicht mehr die eigenen Vorbereitungen, sondern die Reaktionen der Grenzposten über Leben und Tod. Gerhard Valdiek erlebt nach einem gescheiterten Fluchtversuch die Härte des DDR-Strafvollzugs in Bautzen II, isoliert in einer engen Zelle. Für manche, die diesen Weg wählten, wurde die Ungewissheit der Haft zur eigentlichen Prüfung, während das Warten auf einen möglichen Freikauf durch den Westen zur einzigen verbleibenden Hoffnung wurde. TEASER Coolis (Neutral) Vom Grenzstreifen in die Isolationshaft Im September 1983 versuchen zwei Männer, über die Tschechoslowakei in den Westen zu gelangen, werden jedoch im Grenzgebiet entdeckt und beschossen. Einer von ihnen ist Gerhard Valdiek, der schwer verletzt festgenommen und an die Staatssicherheit übergeben wird. Nach seiner Verurteilung wegen Republikflucht verbüßt Valdiek eine Haftstrafe im Gefängnis Bautzen II. Dort muss er unter strengen Sicherheitsvorkehrungen Zwangsarbeit im Schichtdienst leisten. Erst im Juni 1984 erfolgt im Rahmen eines Häftlingsfreikaufs durch die Bundesrepublik Deutschland seine Abschiebung in das Notaufnahmelager Gießen, woraufhin wenige Wochen später auch seine Familie ausreisen darf.
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x