In Jena entsteht ein „Probierladen“ – Ängste vor der digitalen Welt überwinden

Jena. Wie kann ich online einen Termin beim Bürgerservice buchen, wie den Fahrplan der Straßenbahn einsehen und wie funktioniert es, wenn ich meiner Enkelin per Whatsapp Fotos vom Handy senden möchte? Für Fragen wie diese steht künftig Sandra Laue im „Probierladen“ bereit. Seit November bereitet sie mit vielen Partnern als Projektkoordinatorin die Eröffnung eines neuen Angebots der Volkshochschule Jena vor, seit Anfang Mai ist das dreiköpfige Team komplett. Digitale Grundbildung wollen sie anbieten für Menschen in Jena, die Berührungsängste haben oder aus anderen Gründen bisher nicht an Digitalisierungsprozessen teilhaben konnten.

Umfassende Beratung in Wohnzimmeratmosphäre

In ihrem Domizil am Engelplatz 14 erinnert kaum noch etwas an den ehemaligen Schuhladen. Die auffällig gestalteten Schaufenster machen neugierig, im Inneren empfängt ein großer Tresen die Gäste. Mehr Möbel und Technik sind auf dem Weg. Hier wird das Team voraussichtlich ab September täglich für Fragen zu digitalen Alltagsproblemen zur Verfügung stehen – ohne Anmeldung und Terminvergabe. Smartphones, Tablets und PCs werden zum Ausprobieren bereitstehen, in einer Küche können Tee und Kaffee zubereitet werden. Bei intensiverem Beratungsbedarf kann das Gespräch in einer gemütlichen Sitzecke mit Wohnzimmeratmosphäre weitergeführt werden. „Ziel ist es, vorhandene Ressourcen zu aktivieren, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten und die Menschen digital zu stärken“, fasst Sandra Laue zusammen. „Und das Motto ist klar: Digitalisierung kann Spaß machen und den Alltag erleichtern.“ In einem weiteren Bereich des Ladens sollen künftig Kurse und Schulungen für Bürgerinnen und Bürger sowie Fachkräfte stattfinden.

Finanziert über das Smart City Projekt Jena

Finanziert wird der „Probierladen“ komplett über das Smart City Projekt Jena. Dieses befasst sich seit September 2020 bis August 2027 in zahlreichen Teilprojekten mit digitalen Lösungen, die letztendlich alle die Lebensqualität der Menschen in Jena verbessern sollen. Ziel ist es, die smarten Rahmenbedingungen zu schaffen, die für eine weltoffene, nachhaltige, soziale und umweltbewusste Stadtentwicklung notwendig sind. Nachdem zunächst eine Strategie erarbeitet wurde, läuft seit Mai 2023 die Umsetzungsphase.

Der „Probierladen“ ist im Handlungsfeld „Bildung, Kultur, Soziales“ angesiedelt – als umfangreichstes Projekt in der Maßnahme „Lernräume der Zukunft“. Um ein stadtweites Netz an vielfältigen Angeboten für digitales Lernen zu schaffen, arbeiten die Verantwortlichen bei Smart City mit der Volkshochschule (vhs), der Ernst-Abbe-Bücherei mit ihren zwei Standorten, den Stadtteilbüros Lobeda und Winzerla, dem Bürgerservice, Kitas und Schulen sowie dem Bereich Tourismus der Stadt Jena zusammen.

Weiterer wichtiger Baustein für die innerstädtische Entwicklung

„Mit dem Smart City Projekt Jena möchten wir die Menschen bei der digitalen Transformation mitnehmen, indem wir digitale Kompetenzen fördern, Professionalisierung ermöglichen, Digitalisierung erlebbar machen sowie Teilhabe und Selbstbestimmung stärken. Der Probierladen ist ein weiterer Baustein für die innerstädtische Entwicklung und trägt dazu bei, dass Jena ein attraktiverer Wohn- und Lebensort für unsere Mitmenschen ist“, so der für Digitalisierung zuständige Dezernent Benjamin Koppe.

„Der Probierladen ist für uns ein analoger Ankerort der Digitalisierung und damit ein Ort der Begegnung und des Austauschs. Neben dem Erwerb digitaler Grundkompetenzen, geht es uns vor allem darum, die Bürgerinnen und Bürger aktiv an der digitalen Welt teilnehmen und mitgestalten zu lassen. Mit dem Probierladen wollen wir der digitalen Spaltung in unserer Gesellschaft entgegenwirken und Menschen zusammenbringen“, fügt Dorothea Prell, Smart City Beauftragte und Projektleiterin, hinzu.

Volkshochschule erweitert mit dem „Probierladen“ ihr Angebot

Das Team der Volkshochschule Jena hat bereits umfangreiche Erfahrungen darin gesammelt, unterschiedliche Zielgruppen im Umgang mit digitalen Endgeräten zu schulen. Seit vielen Jahren gibt es hier Angebote für kleine Gruppen, bei denen beispielsweise eigene Geräte mitgebracht und Probleme besprochen werden können. Diese Angebote der digitalen Grundbildung werden künftig im „Probierladen“ integriert. „Mit der Smart-City-Initiative werden viele wertvolle Projekte hin zur Digitalisierung des beruflichen und privaten Lebens umgesetzt werden“, sagt vhs-Leiterin Dr. Angela Anding. „Für uns als vhs stand dabei von Anfang an die Frage im Fokus: Wie werden diejenigen mitgenommen, denen der Zugang und das Wissen diesbezüglich, vielleicht auch bisher die Motivation fehlte, um auch weiterhin am kulturellen und sozialen Leben teilhaben zu können. Und so begreifen wir uns als Scharnier und Vermittlungsinstanz zwischen Digitalisierungsprozessen und individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten. Fragende Bürgerinnen und Bürger sollen sich wohlfühlen und das Gefühl haben, dass keine Frage lästig ist.“

Wichtiger Beitrag zu Barrierefreiheit und Teilhabe

Friedrun Vollmer sieht das Angebot zudem als wichtigen Beitrag, um Schranken abzubauen: „Als verantwortliche JenaKultur-Werkleiterin für Kulturentwicklung und Kulturelle Bildung freue ich mich besonders, dass wir uns mit dem ,vhs-Probierladen‘ innerhalb des SmartCity-Projektes auf den Weg machen, Digitalisierung von den Nutzenden her zu denken und niedrigschwellige Angebote zu unterbreiten. Vieles ist in unserer Gesellschaft nicht (mehr) nutzbar, wenn essentielle technische Kenntnisse fehlen, oder wird in der analogen Kommunikation nicht mehr berücksichtigt. Daher sehe ich den Probierladen auch als einen wichtigen Beitrag hin zu mehr Barrierefreiheit und Teilhabe, indem ganz einfach Zugänge für alle erleichtert werden.“

Kleinere Aktionen auf dem Weg zur Eröffnung

Bis zur offiziellen Eröffnung wird es kleinere Aktionen im Stadtgebiet und im Laden selbst geben. Alle Details sind ab Juni unter www.vhs-jena.de zu finden. Voraussichtlich ab Juni wird außerdem ein mobiler „Probierladen“ im Einsatz sein, der an stark genutzten Plätzen, bei Stadtteilfesten und anderen Aktionen hilfreiche und kreative Angebote rund um Alltagsfragen der Digitalisierung im Gepäck hat.

Im Hintergrund werden zurzeit die künftigen Angebote des „Probierladens“ im Detail geplant. Außerdem wird überlegt, wie ehrenamtliche Beraterinnen und Berater mit eingebunden werden können. „Wir setzen auf Kooperation und Zusammenarbeit mit bereits vorhandenen Angeboten und Anbietern in Jena“, so Koordinatorin Laue. Bis zur Eröffnung werden konkrete Öffnungszeiten feststehen, die bei Bedarf aber im Laufe der Zeit an das Verhalten der Gäste angepasst werden können.

Kontakt: Probierladen.vhs@jena.de

Bildbeschreibung:
Von links: Dorothea Prell, Smart City Beauftragte und Projektleiterin, vhs-Leiterin Dr. Angela Anding, Friedrun Vollmer, JenaKultur-Werkleiterin für Kulturentwicklung und Kulturelle Bildung, Stefanie Teichmann und Jan Wiescholek, beide Teilprojektleiter Handlungsfeld, Bildung, Kultur, Soziales, Sandra Laue, Projektkoordinatorin des „Probierladens“, Anna Geißler und Oliver Ephrosi, Medienpädagogen im „Probierladen“ und der für Digitalisierung zuständige Dezernent Benjamin Koppe.
Foto: Stadt Jena

Staatliche Repression und ihre Folgen für zwei Ost-Biografien

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal entscheidet ein einziger Tag darüber, ob man Opfer oder Täter wird, wenn ein Staat beschließt, dass man nicht mehr dazugehört. Teaser: Nadja Klier war 15 Jahre alt, als sie ihre Heimat verlor. Nicht freiwillig, sondern durch staatlichen Zwang. Als Tochter der Bürgerrechtlerin Freya Klier wurde sie 1988 über Nacht aus ihrem Leben in Ost-Berlin gerissen und in den Westen abgeschoben. Was politisch wie eine Lösung aussah, war für die Jugendliche ein traumatischer Bruch: keine Freunde mehr, keine vertraute Umgebung, nur Fremde. Zur gleichen Zeit saß Ingo Hasselbach in einem DDR-Gefängnis. Er war als „Rowdy“ verhaftet worden, weil er gegen sein linientreues Elternhaus rebellierte. Doch statt ihn zu brechen, formte ihn der Knast neu. In den Zellen traf er auf Alt-Nazis, die den jungen Mann radikalisierten. Der Hass auf den SED-Staat wurde zum Motor für eine neue, rechtsextreme Ideologie. Während Nadja im Westen versuchte, Boden unter den Füßen zu bekommen, bereitete sich Hasselbach darauf vor, im Machtvakuum der Wendezeit Neonazi-Strukturen aufzubauen. Es sind zwei Geschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch denselben Ursprung haben. Sie erzählen von der Unbarmherzigkeit eines Systems, das keine Abweichung duldete, und von den langen Schatten, die diese Erziehungsmethoden bis heute werfen. Die Narben bleiben sichtbar, auch wenn die Mauern längst gefallen sind. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Dass Gefängnisse in der DDR oft als Brutstätten für Rechtsextremismus fungierten, widersprach der offiziellen Staatsdoktrin, war aber bittere Realität. Teaser: Die Biografien von Nadja Klier und Ingo Hasselbach stehen exemplarisch für das Versagen der DDR-Pädagogik und die Härte des staatlichen Zugriffes. Während Klier als Jugendliche 1988 zwangsausgesiedelt wurde, weil ihre Mutter Freya Klier Reformen forderte, durchlief Hasselbach eine Radikalisierung im Strafvollzug. Historisch interessant ist hierbei der Mechanismus der Haftanstalten. Hasselbach, ursprünglich wegen unpolitischer Delikte („Rowdy“) inhaftiert, kam dort in Kontakt mit NS-Kriegsverbrechern. Der staatlich verordnete Antifaschismus verhinderte eine offene Auseinandersetzung mit diesem Phänomen; stattdessen wuchs im Verborgenen eine Szene heran, die nach 1989 gewaltbereit das öffentliche Bild dominierte. Hasselbachs Weg vom Häftling zum Anführer der „Nationalen Alternative“ und sein späterer Ausstieg über EXIT-Deutschland zeichnen diese Entwicklung präzise nach. Es zeigt sich, wie staatliche Repression Dynamiken freisetzen kann, die später kaum noch kontrollierbar sind. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Eine Abschiebung ist kein Umzug, und ein Gefängnis ist keine Schule – beides sind Orte, an denen Biografien brechen. Teaser: Wir sprechen oft über die Wende als Moment der Befreiung. Für Nadja Klier war das Jahr 1988 bereits das Ende ihrer Kindheit, erzwungen durch die Ausbürgerung aus der DDR. Für Ingo Hasselbach waren die Wendejahre der Startschuss für organisierte Gewalt. Diese Gleichzeitigkeit von Verlust und Radikalisierung wirft Fragen auf. Wie geht eine Gesellschaft damit um, dass der Staat manche Kinder vertrieb und andere zu Extremisten erzog? Die Aufarbeitung dieser individuellen Brüche ist oft komplexer als die rein historische Betrachtung von Daten und Fakten. Die Spuren dieser Jahre verblassen nur langsam.