Start Blog Seite 91

Jena und Oberkochen – Die Saga von Carl Zeiss

0

Im Februar 1995, kurz vor dem 150-jährigen Firmenjubiläum, hing das Schicksal der traditionsreichen Weltfirma Carl Zeiss Jena am seidenen Faden. Aus den Werkslautsprechern hallte „Spiel mir das Lied vom Tod“. Fünf Jahre nach der Wende stand das Unternehmen, einst ein leuchtendes Beispiel deutscher Ingenieurskunst, kurz vor dem Aus. Tausende Mitarbeiter gingen auf die Straße, beschworen den „Zeissianer-Geist“ – eine Mischung aus Chorgeist, Familienverbundenheit und außergewöhnlicher Präzision. Dieser Geist, vor 150 Jahren von Carl Zeiss und Ernst Abbe in Jena verankert, hatte das Unternehmen durch Krisen getragen.

Der Mythos „Zeissianer“ Was machte einen „echten Zeissianer“ aus? Es war die akkurate und genaue Arbeitsweise, die Kollektivität und ein einzigartiges Fingerspitzengefühl, um Werte bis auf zehntausendstel Millimeter genau zu erreichen. Hingabe und Begeisterung für den Beruf über Jahrzehnte waren gefordert. Die Ansprüche an handwerkliche Fähigkeiten waren in Jena höher als anderswo; erst nach drei Jahren Einarbeitung galt ein auswärtiger Arbeiter als echter Zeissianer. Es war eine „Elite-Schmiede“, eine „Insel des sozialen Friedens“, die in ihren ersten hundert Jahren nur einen einzigen Streik erlebte. Viele fühlten sich als Miteigentümer und arbeiteten dementsprechend mit großer Hingabe. Dieser einzigartige Stamm an Fachkräften, der über ein Jahrhundert gewachsen war, galt als unersetzliche Kraftquelle des Werkes.

Vom Ein-Mann-Betrieb zum Weltkonzern Die Geschichte begann 1846 in Jena, als der 30-jährige Mechanikermeister Carl Zeiss eine Werkstatt für Feinmechanik und optische Geräte gründete. Anfangs unterschieden sich seine Lupen und Mikroskope kaum von anderen. Doch mit dem Physiker Ernst Abbe kam der Durchbruch. Abbe, der von engagierten, motivierten Mitarbeitern träumte, wandelte die Firma 1889 in ein Stiftungsunternehmen um. Seine sozialen Reformen – Acht-Stunden-Tag und Gewinnbeteiligung – waren damals revolutionär. Carl Zeiss Jena stieg zum größten Optikkonzern der Welt auf, getrieben auch durch das Militärgeschäft, das enorme Umsätze und Produktionssteigerungen brachte.
Die Zerreißprobe des Kalten Krieges Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte die wohl folgenschwerste Zäsur. Jena wurde den Sowjets zugeschlagen. Spezialtruppen des US-Geheimdienstes hatten das Zeiss-Know-how-Zentrum in Jena bereits im Visier. Unter dem Codenamen „Operation Overcast“ – später „Operation Paperclip“ – wurden führende Köpfe von Zeiss und Schott von den Amerikanern abtransportiert. Ziel war es, „die Köpfe“ der Werke zu nehmen, was Professor Bauersfeld, ein Zeiss-Senior, damals als „Abschlagen der Köpfe“ der Werke bezeichnete.

Vor der Übergabe Jenas an die Sowjets war die Aktion „Take the Brain“ abgeschlossen: Über 80.000 Werkszeichnungen und 84 Zeiss-Eliten, die gesamte „Zeiss-Spitze“, wurden abtransportiert. Viele verließen Jena mit dem Bewusstsein, dass es für Zeiss und für sie persönlich verloren war.

Doch das war nur der Anfang. Am 22. Oktober 1946 starteten die Sowjets die „Aktion Ossawakim“. Fast 300 Wissenschaftler und Ingenieure, darunter führende Zeissianer, wurden deportiert, parallel dazu wurden 94 Prozent der Anlagen demontiert und ebenfalls in die Sowjetunion geschickt. Viele dieser Maschinen kamen nie wieder zum Einsatz.

Zeiss West: Der Aufstieg in Oberkochen Das von den Amerikanern nach Süddeutschland deportierte Zeiss-Management begann in Oberkochen, einem kleinen Dorf, ein neues Unternehmen aufzubauen. Man wollte als Gruppe zusammenbleiben, um zu verhindern, dass das wissenschaftliche Potenzial sich in alle Winde zerstreute. Obwohl es Herausforderungen gab, geeignete Mitarbeiter zu finden – der Zustrom aus Jena reichte nicht aus – und die „pingeligen“ Zeissianer aus Jena bei den Einheimischen in Oberkochen nicht immer beliebt waren, stieg Zeiss West allmählich zu einem „Paradebeispiel deutschen Wirtschaftswunders“ auf.

Zeiss Ost: Trotz Demontage und Isolation In der sowjetisch besetzten Zone war die Lage wesentlich komplizierter: Deportation, Demontage, zunehmende Isolation von den Westmärkten und Abwanderung. Doch trotz aller Tiefschläge blieb das „Wir-Gefühl“ intakt. Die Produktion lief wieder an, und die Auftragsbücher füllten sich, da die Sowjets zum besten Kunden der Fabrik avancierten. Der Wiederaufbau aus dem Schutt des Krieges gelang durch den Mut und Fleiß der Arbeiter und der technischen Intelligenz. Bereits vier Jahre nach dem Zusammenbruch waren die Weichen wieder auf Erfolg gestellt, und Zeiss Jena exportierte in alle Teile Deutschlands und ins Ausland.

Unter Generaldirektor Wolfgang Biermann, der Mitte der 1970er Jahre einen neuen Arbeitsstil einführte, blieb das Kombinat Carl Zeiss ein gigantisches Unternehmen mit internationalem Renommee. Es produzierte Optik und Präzision für den Aufbau des Sozialismus. Mit der Multi-Spezialkamera MKF 6, die 1976 an Bord von Sojus 22 in den Kosmos startete, beteiligte sich die DDR erstmals am bemannten Weltraumflug der UdSSR – ein Paradebeispiel für die Leistungskraft des optischen Riesen. Auch das ehrgeizige Mega-Chip-Projekt, das Zeiss Jena von westlichen Zulieferern unabhängig machen sollte, war ein Erfolg, wenn auch ökonomisch fragwürdig und hochpolitisch wegen des Embargos.

Der Markenstreit: Ein gnadenloser Kampf Die Trennung war programmiert. Aus Kollegen wurden allmählich Konkurrenten. Zeiss Oberkochen begann, Carl Zeiss Jena von den angestammten Märkten zu verdrängen. Ab 1954 begann eine beispiellose Prozesslawine um den guten Namen Zeiss. Hunderte von Prozessen in über 60 Ländern entbrannten, die erst 1971 mit dem Londoner Kompromiss endeten: Die Jenenser durften ihre Produkte fortan nur noch im Osten unter dem Namen Zeiss vertreiben, während die Oberkochener sich den Namen Zeiss für die westlichen Märkte sicherten.

Die Wiedervereinigung: Hoffnung, Schock und Neubeginn Mit dem Ende der DDR 1989/90 war auch das Schicksal des VEB Carl Zeiss Jena besiegelt. Die einstigen „Klassenfeinde“ aus Jena und Oberkochen sollten zusammenwachsen. In Jena kursierte der Slogan „Wächst zusammen, was zusammengehört“. Doch die Euphorie wich schnell der Ernüchterung. Zeiss Jena rutschte ins Nichts; die Ostmärkte, die 80 Prozent des Umsatzes ausmachten, brachen über Nacht weg. Die Belegschaft schmolz innerhalb von sechs Monaten auf 15.000 Mitarbeiter zusammen. Es herrschte Angst, die Mitarbeiter fühlten sich als „Spielball“.

Das Management in Oberkochen wurde kritisiert, weil es „niemals die Absicht hatte, diesem Standort […] eine Perspektive zu geben“. Der gesamte Zeiss-Konzern schrieb rote Zahlen. Peter Grassmann, von Siemens geholt, wurde neuer Vorstandschef in Oberkochen. Er sollte frischen Wind bringen und verstand, dass im Westen oft das Verständnis für den Stolz des Ost-VEB und im Osten das Gefühl für eine effiziente Wirtschaftsstruktur fehlten. 1995 wurde die entscheidende Weichenstellung getroffen: Ganze Geschäftsfelder sollten von Oberkochen nach Jena verlagert werden – eine neue Chance für den alten Standort.

Lothar Späth, der 1991 von der Treuhand nach Jena gerufen wurde, krempelte die Stadt um. Aus dem VEB-Nachfolger wurden zwei große Firmen: die Carl Zeiss Jena GmbH als Tochterfirma von Zeiss Oberkochen und die Jenoptik GmbH mit Späth an der Spitze. Späth setzte auf radikale Lösungen, was auch den Abriss des historischen Hauptwerkes im Stadtzentrum bedeutete – ein Schock für viele alte Zeissianer. Trotz des Schmerzes und Unverständnisses für den Abriss alter Wurzeln, die für viele eine „Zerschlagung des Werkes“ bedeuteten, wurde in Jena mehr erhalten als anderswo in der ehemaligen DDR.

Ein neues Kapitel: Der Geist von Jena lebt weiter 150 Jahre nach der Firmengründung ist Jena nicht mehr der einzige Zeiss-Standort, aber wieder ein wichtiger. Im umgebauten ehemaligen Südwerk haben die verbliebenen Zeissianer ein neues Zuhause gefunden. Im Jubiläumsjahr kehrte sogar die Mikroskopie, der Geschäftsbereich der Gründerzeit, zurück. Die „große Zeiss-Familie“ ist wieder enger zusammengerückt. Trotz aller Querelen zwischen den Standorten ist die Kontinuität des Namens Carl Zeiss in aller Welt registriert. Es gilt nun, jeden Tag neu zu beweisen, dass die Produkte konkurrenzfähig sind und jeder sein Bestes gibt. Der Traum von einem Optik-Mekka an der Saale, einem neuen High-Tech-Zentrum, lebt in Jena weiter.

Das Warten auf den „Plastikbomber“: Eine Geduldsprobe in der DDR

0

Stellen Sie sich vor, Sie bestellen heute Ihr Traumauto und bekommen es erst, wenn Ihr Enkel selbst den Führerschein macht. Was heute unvorstellbar klingt, war in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) für Hunderttausende Bürger Realität: das schier endlose Warten auf den Trabant. Eine Geschichte von Frust, Fantasie und unvergleichlichen Momenten, die eine ganze Generation prägte und zum Sinnbild des DDR-Alltags wurde.

Die Anmeldung: Der erste Schritt auf einer endlosen Warteliste
Ab dem 18. Lebensjahr öffnete sich für DDR-Bürger die erste Tür zum eigenen Auto – zumindest auf dem Papier. Der Weg führte zum VEB IFA Vertrieb, wo ein Bestellschein ausgefüllt wurde. Dies war jedoch kein Kaufvertrag, sondern lediglich eine Anmeldung für eine „endlose Warteliste“, die weder einen festen Liefertermin noch eine Vorauszahlung kannte. Die Auswahl war dabei erstaunlich gering: Meistens wurden der Trabant 601 oder der Wartburg 353 bestellt. Importfahrzeuge wie der Lada aus Moskau oder der Skoda aus Prag tauchten zwar auch auf dem Formular auf, boten aber keine besseren Lieferfristen und blieben oft Platzhalter. Auch die Wahl von Farbe oder Extras war unsicher; wer auf einen Trabant in Pastelltönen hoffte, musste notfalls einen papyrusweißen Standard-Trabi akzeptieren. Vorauszahlungen waren nicht möglich; Geld wurde erst bei der Auslieferung fällig, was vielen Bestellern ermöglichte, Anträge einzureichen, auch wenn sie sich das Auto nicht sofort leisten konnten.

Jahre, Jahrzehnte des Ausharrens
Anfang der 1960er-Jahre, als die heimische PKW-Produktion gerade anlief, rechnete man noch mit überschaubaren zwei bis drei Jahren Wartezeit für einen Wartburg 311 oder die ersten Trabant-Modelle. Doch bereits 1966 stieg der Durchschnittswert auf rund sechs Jahre. Mit der Einführung des kultigen Trabant 601 Anfang der 1970er-Jahre explodierte die Nachfrage förmlich, und die Zahl der Anträge überstieg die Fertigungskapazitäten bei Weitem. Dies führte zu einem Spitzenwert von bis zu 17 Jahren Lieferzeit. Wer 1960 bestellte, konnte sein Auto oft erst Mitte der 1980er-Jahre abholen. In den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren stabilisierte sich die Frist auf immer noch 12 bis 15 Jahre. Regionale Unterschiede gab es je nach Kontingenten und Bevölkerungsdruck; während Besteller in Halle oder Magdeburg im Schnitt 12,5 Jahre warteten, waren es in Großstädten wie Berlin eher 15 Jahre. Selbst 1988, kurz vor dem Ende der DDR, standen 488.000 offene Bestellungen nur 146.000 Jahresauslieferungen gegenüber – ein Stau, der Jahr für Jahr wuchs und zum Sinnbild des Wartens wurde.

Hürden und das „liebe Geld“
Neben der Wartezeit gab es weitere Hürden. Ein fester Wohnsitz in der DDR war Pflicht; Nachweise von Ferienaufenthalten im Ausland wurden nicht akzeptiert. Ein fabrikneuer Trabant kostete 8.000 bis 10.000 Mark, ein Wartburg sogar 16.000 bis 20.000 Mark – das entsprach etwa acht bis zehn durchschnittlichen Monatsgehältern eines Industriearbeiters. Ratenzahlungen gab es nicht. Wer nicht bar zahlen konnte, musste jahrelang diszipliniert sparen und hoffen, dass die Preise bis zur Auslieferung stabil blieben. Vorschriften verlangten weder eine Garage noch eine Stellplatzbescheinigung; Versicherungspapiere wurden erst bei der Übergabe geprüft.

Abkürzungen und Grauzonen
Trotz der langen Wartezeiten gab es einige „Abkürzungen“, die jedoch ihren Preis hatten. Der sogenannte „Familientrick“ ermöglichte es Oma, Opa, Mama und Teenager, sich parallel zu registrieren, obwohl pro Person nur eine Bestellung erlaubt war. So kam mancher Trabi nach 12 bis 15 Jahren genau dann in die Familie, wenn der Enkel den Führerschein machte. Sonderkontingente für Rentner, Funktionäre oder Großfamilien konnten die Wartezeit auf etwa acht bis zehn Jahre reduzieren, blieben aber seltene Ausnahmen im Mangelalltag.

Der Gebrauchtwagenmarkt bot sofortige Mobilität, doch zu astronomischen Preisen. Ein fünf Jahre alter Trabant wechselte für fast den Neupreis den Besitzer; ein zwölf Jahre gebrauchter Wagen kostete immer noch rund 8.000 Mark, fast so viel wie ein Neuwagen. Wer nicht ein weiteres Jahrzehnt warten wollte, zahlte lieber drauf und fuhr sofort los. Tauschgeschäfte waren an der Tagesordnung, mit skurrilen Aushängen wie „Tausche Wartburg gegen Lader“. Grauzonen wie Unfallwagenpapiere oder Kennzeichenhandel öffneten weitere Möglichkeiten, und an manchen Auslieferungstagen wurde in den Autolagern heimlich versteigert, wobei der Höchstbietende den Wagen mit nach Hause nahm. „Vitamin B“ – gute Beziehungen im IFA Vertrieb – war Gold wert. Ein Onkel in der Auslieferungsstelle konnte verraten, welche Farbpalette demnächst eintraf, oder ein Freund sicherte eines der raren Radiosets oder Kunstledersitze – Extras, die offiziell nie garantiert waren.

Importe aus Moskau, Prag oder Bukarest (Lada, Skoda, Dacia) klangen verlockend, doch die Lieferfristen lagen oft gleich hoch oder darüber, bis zu 17 Jahre Wartezeit waren dokumentiert. Die meisten dieser Kontingente gingen ohnehin direkt an Staatsbetriebe oder in den Export. Die radikalste Abkürzung war der Genex-Katalog: Westdeutsche Verwandte zahlten in D-Mark, und binnen weniger Wochen stand der Trabant in der heimischen Garage. Für manch Unentwegten, dem das alles zu kompliziert war, boten Mopeds wie Simson Schwalbe oder MZ eine Alternative für sofortige oder kurzfristige Abholung und ein Stück Freiheit.

Der Triumph der Geduld: Die Auslieferung
Nach Jahren des Wartens änderte ein einziger Brief alles: die Lieferbereitschaftsanzeige. Plötzlich lag in der Hand, was zuvor nur ein unerreichbarer Traum war. Nur wenige Tage blieben, um den Autokauf in die Realität umzusetzen. Die Anreise zum Auslieferungslager glich einer kleinen Pilgerfahrt; Familien quetschten sich in Züge oder alte Familienwagen, oft brachen sie vor Sonnenaufgang auf. In den Fabrikhallen standen die neuen Trabis und Wartburgs in endlosen Reihen. Am Schalter wurde die jahrelange Anmeldung zum verbindlichen Kaufvertrag. Das Sparbuch wurde aufgeschlagen, Bündel Bargeld – bis zu 10.000 Mark – auf den Tresen gelegt. Versicherungspapiere wurden geprüft, Zulassungsunterlagen abgestempelt. Ein tiefer Atemzug, als der Beamte den Stempel setzte: Der Trabant gehörte einem.

Der Moment der Schlüsselübergabe, das Öffnen der Tür und der unverwechselbare Geruch von Duroplast, Lack und Leder waren einmalig. Die erste Fahrt war ein Triumph der Geduld. Familienangehörige folgten als Eskorte zu Fuß oder im alten Wagen.

Mehr als nur ein Auto: Symbol und Gemeinschaft
Nach Jahren des Wartens wurde der Trabant weit mehr als bloß ein Auto. Er avancierte zum Statussymbol und einem greifbaren Stück Freiheit im grauen DDR-Alltag. Wo Straßenbahn und Bus ausfielen, bedeutete der eigene Trabi Unabhängigkeit für spontane Ausflüge, Einkäufe in entlegenen Dörfern oder einfach das Privileg, den Tag nach eigenem Takt zu gestalten. Die emotionale Achterbahn zwischen Absagebriefen und der Lieferbereitschaftsanzeige formte eine ganze Generation. Viele Zeitzeugen erinnern sich, wie ihr Herz beim ersten Knatterstart des Zweitakters schneller schlug.

Gleichzeitig entstand eine gelebte Nachbarschaftssolidarität. Fahrgemeinschaften wurden zur Selbstverständlichkeit. Tankstellen und Werkstätten mutierten zu Stammtischen, wo man Tipps für das Einfahren des Motors austauschte, nach seltenen Ersatzteilen suchte und über den schrägen Sound beim Kaltstart lachte. Fremde wurden per Daumen hoch auf der Landstraße eingeladen – ein Akt gegenseitiger Hilfe, geboren aus der Knappheit.

Doch nicht alle hatten die gleichen Chancen. Sonderkontingente für Rentner, Parteifunktionäre oder Genex-Kunden übersprangen die Warteliste um Jahre. Wer von diesen Vergünstigungen profitierte, war bei Freunden und Nachbarn schnell verhasst; Neid war an der Tagesordnung. Auch bei Scheidungen kämpften Eheleute um den wertvollen Trabi, da er neben Wohnung und Sparbuch die größte materielle Ressource war.

Bis heute lebt die Faszination weiter. Über 200 Trabant-Clubs pflegen das Erbe mit Ausfahrten, Schraubertreffen und Restaurationsprojekten. Museen wie das DDR Museum in Berlin erzählen anhand von Originaldokumenten, wie der Trabant Identität, Zusammenhalt und den unbezähmbaren Ostgeist prägte. Dieser emotionale Kosmos spannt den Bogen von persönlichem Triumph über gelebte Solidarität bis hin zu gesellschaftlicher Ungleichheit und machte das Warten auf den Trabant zu einem epochenprägenden Kapitel in der Alltagsgeschichte der DDR.

Usedom: Wo Geschichte auf Sonnenstrahlen trifft und die Seele atmet

0

Deutschlands Sonneninsel, die Badewanne Berlins – Usedom trägt viele Namen. Doch egal, wie man sie nennen mag, das Eiland in der Ostsee, umflossen vom Peenestrom und gesäumt von scheinbar endlosen Stränden, ist eine Region voller Kontraste und faszinierender Geschichten. Von mondänen Kaiserbädern bis zu den Spuren bahnbrechender Technologie, von malerischen Fischerdörfern bis zu historischen Herrensitzen – Usedom bietet eine unvergleichliche Mischung aus Natur, Kultur und Erholung.

Historisches Echo und maritime Gegenwart Der Name Usedom selbst birgt Geheimnisse; er entstammt slawischen Wurzeln und bedeutet so viel wie „stromumflossen“ oder „Mündung“. Die gleichnamige Stadt Usedom, durch das Anklammertor betreten, gab später der ganzen Insel ihren Namen. Hier, auf dem Schlossberg, sollen sich Pfingsten 1128 adlige Wendenführer im Beisein des Bischofs Otto von Bamberg zum Christentum bekannt haben – ein monumentales Kreuz erinnert heute an dieses epochale Ereignis.

Ein ganz anderes, aber ebenso prägendes Kapitel der Geschichte wurde in Peenemünde geschrieben. Hier gelang am 3. Oktober 1942 der weltweit erste erfolgreiche Raketenstart ins All – allerdings der einer V2, einer geplanten „Vergeltungs- und Wunderwaffe“ des nationalsozialistischen Regimes. Das Areal der Heeresversuchsanstalt wurde 1943 und 1944 von alliierten Flugverbänden bombardiert, was zu verheerenden Folgen für Mitarbeiter und Zivilisten führte. Heute ist das Gelände ein Museum, das Einblicke in Entstehung, Höhepunkt und Niedergang dieses Objekts bietet. Reste der ehemaligen Werkssiedlung Karlshagen mit ihrer charakteristischen Gartenstadtarchitektur und aufgegebene Bahnhofsgebäude erinnern an diese Zeit. In der Nähe, in Swinemünde, erinnert der 60 Meter hohe Gollenberg, einst ein beliebtes Ausflugsziel, heute als Kriegsgräbergedenkstätte an die bis zu 23.000 Opfer des amerikanischen Bombenangriffs vom 12. März 1945.

Kaiserliche Eleganz und raue Küstenpracht Die „Kaiserbäder“ Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck zeichnen sich durch ihre prachtvolle Bäderarchitektur aus. Hier reihen sich Villen im Stil ihrer Bauzeit oder in einem kuriosen Stilmix an pittoreske Fachwerkhäuser mit Türmchen und Erkern. Die Seebrücken sind beeindruckend: Während Bansins Seebrücke ihre Funktion erfüllt, setzt Heringsdorf mit einer Einkaufspassage auf seiner Seebrücke noch eins drauf. Für viele, so auch für den Erzähler, ist die Ahlbecker Seebrücke, bekannt durch Loriots Filme, die schönste der Insel. Die Usedomer Bäderbahn verbindet heute Zinnowitz und Swinemünde, reicht jedoch nicht mehr bis Berlin, da die Hubbrücke über den Peenestrom 1945 gesprengt wurde und die Sowjetunion die Strecke nach Swinemünde später demontierte.

Die Natur Usedoms ist ebenso vielfältig. Der Streckelsberg bei Koserow ist mit 58 Metern die höchste Erhebung an Usedoms Ostseeküste und bietet eine freie Sicht, die einst für die Peenemünder Flugversuche genutzt wurde. Am Achterwasser in Öckeritz, der schmalsten Stelle zwischen Ostsee und Achterwasser, kann man gemütlich mit dem Kanu oder rasant mit dem Speedboot die Binnengewässer erkunden.

Kulinarische Entdeckungen und einzigartige Erlebnisse Usedom verwöhnt seine Besucher auch kulinarisch. In der Naturmanufaktur in Usedom gibt es selbstgepresste Öle, Senf nach alter Rezeptur, regionalen Honig und sogar mehrfach preisgekrönte Weine vom größten Weingut Norddeutschlands. Koserow hat sich den Titel „Räucherfischlange“ redlich verdient, mit empfehlenswerten Lokalen wie dem Fischerstrand, dem denkmalgeschützten Salzhütten-Anglashandel und Udos Fischräucherei, wo man frischen Räucherfisch oder Matjesbrötchen genießen kann. In Krummin lockt ein Naturhafen mit großartiger Atmosphäre und kulinarischen Genüssen wie Fischschaschlik und regionalen Spezialitäten. Das Wasserschloss Mellenthin beherbergt eine eigene Brauerei und ein Schloss-Café, das für seinen „Inselmittelpunktskaffee“ bekannt ist. Und in Stolpe bietet das sanierte Schloss neben Ferienwohnungen und kulturellen Veranstaltungen auch eine Gastronomie in der Remise.

Für Naturliebhaber gibt es in der Nähe von Stolpe das Wisentgehege Präten, wo die Geschichte des Wisents in Europa und die Bemühungen um seine Wiederansiedlung eindrücklich dargestellt werden. Dieser Park ist dem Engagement der Familie Weichbrot zu verdanken, insbesondere Dirk Weichbrot, der sich überregional für die Wisentzucht und Wiederansiedlung einsetzte.

Ob ein Spaziergang am Strand von Karlshagen, wo der feine weiße Sand als wohl schönster der Insel gilt, eine Fahrradtour entlang der gut ausgebauten Radwege, oder der Besuch eines der vielen Museen – Usedom bietet für jeden Geschmack etwas. Selbst bei ungemütlichem Wetter lädt die Insel zu Entdeckungstouren ein, etwa zu den Schlössern des Achterlandes wie dem Greifenschloss Pudagla oder der Benzener Kirche mit ihrer beeindruckenden Holzdecke und dem gemalten Sternenhimmel.

Usedom ist mehr als nur eine Ferieninsel. Es ist ein Ort, an dem sich Jahrhunderte der Geschichte mit der lebendigen Gegenwart verbinden, wo die Kraft der Natur spürbar ist und die Gastfreundschaft der Bewohner einlädt, zu verweilen und die Seele baumeln zu lassen.

Die Geburt der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands

0

Berlin – In einem beispiellosen Akt der Einigkeit schmiedeten Sozialdemokraten und Kommunisten im Frühjahr 1946 die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED). Diese Vereinigung, getragen von der Überzeugung, dass „nur die Einheit stark macht“, markierte einen Wendepunkt in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands und wurde als „Akt der inneren Reinigung und inneren politischen Wiedergutmachung“ gefeiert.

Die Wurzeln dieser Bewegung reichen tief in die Geschichte der Arbeiterbewegung zurück. Bereits in Gotha, der Geburtsstätte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und Schauplatz des berühmten Einigungskongresses im Mai 1875, spürte man den Ruf nach Einheit.

Veteranen wie Otto Geitner von der KPD und die Sozialdemokratin Mathilde Möhring, persönliche Freunde von August Bebel und Friedrich Engels, berichteten von den damaligen Bemühungen. Zahlreiche Männer und Frauen, die an den Vorbereitungen der Vereinigung von SPD und KPD in Gotha beteiligt waren, hatten wie der alte Genosse Geitner politische Verfolgung erlitten und erkannten, dass die Einheit der Weg ist. Einstimmig wurde in Gotha nach den Vorträgen von Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl die Einheit der beiden Parteien für Thüringen beschlossen.

Der Gedanke der Einigung, der einst aus dem gemeinsamen Leid in Kerkern geboren wurde, zündete in der wieder aufblühenden Industriestadt Gotha mit mächtiger Kraft. Überall in den Städten und auf dem Land wuchs der Einheitsgedanke.

Auch in Mecklenburg-Vorpommern entsandten Vertreter aus Stadt und Land Delegierte zur Vereinigung der Kräfte, die sich der großen Verantwortung für die Ernährung des Volkes bewusst waren. Einhellig wurden auch hier Beschlüsse gefasst, und Schwerin gestaltete inmitten seiner historischen Bauten die Geschichte eines neuen demokratischen Deutschlands mit.

In Sachsen, insbesondere in Dresden, wo der Krieg tiefe Wunden hinterlassen hatte, begann die Stadt mit bewundernswertem Eifer ihr neues Leben. Gemeinsame Arbeit und Hoffnung führten auch hier zum gemeinsamen politischen Weg. Am 6. April fand der letzte Landestag der KPD Sachsen statt, wo Hermann Matern und Wilhelm Koenen den entscheidenden Schritt zur Verschmelzung beider Arbeiterparteien vorschlugen. Die Delegierten stimmten wie ein Mann für die Einheit. Zur gleichen Stunde trafen sich in Dresden die Delegierten der SPD zur entscheidenden Landeskonferenz. Max Fechner betonte in seiner richtungsweisenden Rede, dass nur die geeinte deutsche Arbeiterbewegung die sichere Gewähr biete, dass in Deutschland die Mächte des Kapitals und des Militarismus nicht wieder zur politischen Herrschaft gelangen könnten. Otto Buchwitz, ein alter Vorkämpfer des Vereinigungsgedankens, sprach zum letzten Mal für die Sozialdemokratie Sachsens. Insgesamt vertraten 1250 Delegierte nicht weniger als eine halbe Million Parteimitglieder. Am Folgetag versammelten sich über 70.000 Menschen vor dem Opernhaus in Dresden, um diesen geschichtlichen Augenblick mitzuerleben, bewegt von den Worten „Lassen wir endlich das Wirklichkeit werden, was wir jahrelang getrennt gesungen haben: Brüder in eins nun die Hände!“.

In Berlin, wo die Gegensätze am stärksten aufeinanderprallten, versuchten Reaktionäre durch Lügen und Gerüchte von Zwang und Gewalt die demokratische und sozialistische Entwicklung zu behindern. Doch die Werktätigen versammelten sich in machtvollen Kundgebungen. Deutsches Theater, Varieté Palast und Staatsoper wurden zu Schauplätzen eindrucksvoller Versammlungen. Besonders hervorzuheben ist das Engagement der Frauen, die das Gebot der Stunde erkannten: Elli Schmidt und Käthe Kern sprachen als führende Mitglieder des zentralen Frauenausschusses zu Tausenden parteiloser Frauen und Parteimitglieder. Eine unvergessliche Demonstration gegen den Geist der Uneinigkeit fand im Straßenbahnhof Charlottenburg statt, wo Grotewohl und Pieck begeisternde Reden hielten und die Gefahr einer erneuten Spaltung klar benannten.

Der SPD-Bezirkstag im Schiffbauerdammtheater in Berlin war ein weiterer Meilenstein. Max Fechner begrüßte die Delegierten als „Vertrauensmänner der Mitgliedschaft“ und betonte die Notwendigkeit, die Demokratie als Staatsform fest zu verankern und die Sache des Sozialismus voranzutreiben. Otto Grotewohl überbrachte die Grüße und Wünsche der Einheitspartei aus den anderen Bundesländern und richtete den Blick auf Berlin: „Wir haben das Werk vollbracht, wir haben die Einheit geschlossen und wir blicken nun mehr auf euch Genossen in Berlin“.

Am Deutschen Theater trat die KPD zu ihrer Berliner Bezirkskonferenz zusammen, die den Abschluss einer großen Epoche bildete. Hermann Matern eröffnete die Ansprachen. Alle Delegierten stimmten für die Verschmelzung der KPD mit der SPD. Gleichzeitig fand der SPD-Parteitag statt, von dem Max Fechner als Gast kam und die mit Jubel aufgenommene Botschaft überbrachte, dass auch die sozialdemokratische Konferenz die Verschmelzung der beiden Arbeiterparteien beschlossen habe. Damit war die entscheidende Voraussetzung für einen hoffnungsvollen Beginn der deutschen Arbeiterbewegung erreicht.

Auf dem Gründungsparteitag der Sozialistischen Einheitspartei in Berlin erklang die Botschaft: „Wir gehen ineinander auf und schließen uns zu einer Einheit zusammen, die Höheres und Besseres schaffen soll“. Nach einer Abstimmung, die die Einheit in Berlin bestätigte, wurde die Einheit geschmiedet. Auf den Trümmern des Krieges entsteht in gemeinsamer Arbeit eine neue Welt. „Möge die Saat der Einheit gedeihen und uns tausendfältige Frucht bringen“.

Rostock: Tiefbau für neues Volkstheater nimmt Fahrt auf – Eröffnung 2028

0

Rostock – Mitten im Herzen Rostocks entsteht derzeit eines der wichtigsten Bauprojekte Deutschlands: Das neue Volkstheater Rostock. Am 11. Juni informierte der Bauherr, der Eigenbetrieb kommunale Objektbewirtschaftung und Entwicklung der Hanse- und Universitätsstadt Rostock (KOE), Medienvertreter über den aktuellen Baufortschritt. Nach den Erschließungsarbeiten geht es nun sprichwörtlich in die Tiefe: Die Baugrube für das zukünftige Kulturzentrum wird ausgehoben.

Das zukünftige Volkstheater soll ein großes Auditorium für 650 Besucher und einen kleinen Saal für 200 Personen beherbergen. Ergänzt werden diese durch Büroräume, eine Kantine, Gastronomie und ein Foyer, das auch für Ausstellungen und andere Veranstaltungen genutzt werden kann.

Anspruchsvoller Spezialtiefbau in sensibler Lage
Die Arbeiten an der Baugrube, deren Fertigstellung bis zum Jahresende erwartet wird, sind komplex und erstrecken sich über eine Gesamtbauzeit von 14 Monaten. „Wir sind mitten im Herstellen der Baugrube“, hieß es vor Ort. Nach dem Ausheben des großen Loches – wofür über 5.000 LKW-Fahrten nötig sein werden – soll ab Frühjahr 2026 nahtlos mit dem erweiterten Rohbau begonnen werden. Die Eröffnung des neuen Volkstheaters ist für das Jahr 2028 anvisiert.

Für die anspruchsvollen Spezialtiefbauarbeiten in den schwierigen Baugrundverhältnissen wurde das erfahrene Unternehmen Weiß und Freitag beauftragt, das europaweit tätig ist. Im ersten Schritt werden ringsherum Schlitzwände errichtet, die anschließend sukzessive den Boden aushalten. Parallel dazu beginnen die Ankerarbeiten. Die Baugrube befindet sich in einem städtebaulich sensiblen Bereich; weder die umgebende Infrastruktur wie Fußwege, Straßen und Straßenbahn noch angrenzende Bauten wie das Haus der Schiffahrt dürfen in Mitleidenschaft gezogen werden. Zu diesem Zweck wird die Schlitzwand mit rund 800 Ankern, teilweise auf vier Ebenen, im Boden verankert. Die Anker, hergestellt aus Zementsuspension und einem Stahlträger, werden mit einem Spezialbohrgerät gesetzt und nach etwa einer Woche auf eine Zugkraft von ca. 70 Tonnen (700 kN) gespannt. Eine „verrohrte Bohrung“ schützt das Bohrloch zu jedem Zeitpunkt, sodass selbst unter laufendem Straßenverkehr gearbeitet werden kann, ohne dass Setzungen erfolgen.

Kosten im Griff und kulturelles Signal
Die Kosten für die Baugrube sind vom KOE mit insgesamt 22 Millionen Euro veranschlagt. Das gesamte Theaterneubauprojekt schlägt mit 208 Millionen Euro zu Buche. Die Finanzierung wird durch Förderungen von Bund und Land sowie den Verkauf städtischer Immobilien gesichert, was die Belastung für die Hanse- und Universitätsstadt überschaubar hält. Aktuell zeigen sich die Verantwortlichen zufrieden mit der finanziellen Entwicklung: „Die Baugrube ist mit über 10 Millionen unter dem Planansatz geblieben, sodass wir insgesamt noch einen Puffer haben zu den Plankosten von 15 Millionen“, heißt es. Zudem wurden die geplanten 1,2 Millionen Euro für den Munitionsbergungsdienst, die in den Gesamtkosten enthalten waren, vom Land zusätzlich zu den ohnehin zugesagten 51 Millionen Euro übernommen. Die KOE betont ihr verantwortungsvolles Vorgehen mit öffentlichen Geldern, inklusive quartalsweiser Berichterstattung und Überwachung durch den Betriebsausschuss. Derzeit sei die Baustelle „perfekt funktionierend sowohl zeitlich als auch finanziell“.

Ein Sehnsuchtsort für 260 Mitarbeiter und die Stadt
Für den Theaterintendanten ist jeder Baufortschritt ein Grund zum Feiern. Das heutige Theater, das nach der Zerstörung des alten Hauses im Jahr 1942 in einem Provisorium eingerichtet wurde, bietet hinter den Kulissen oft schwierige Arbeitsbedingungen. Mit dem Neubau werden sich die Arbeits- und Auftrittsbedingungen für die 260 Mitarbeiter entscheidend verbessern. „Es ist ein sehr tolles Gefühl, es wird sehr konkret, man kriegt ein Gefühl, wie der Raum ist, wo man reingeht, wie das alles werden könnte“, äußerte sich der Intendant, sichtlich berührt und beeindruckt. Das Theater ist eng in fachliche Fragen des Bauprojekts eingebunden und agiert beratend.

Der Neubau des Volkstheaters ist nicht nur ein Bauwerk, sondern ein starkes kulturelles Signal für die Stadt, das Land und die gesamte Bundesrepublik.

Rechter Terror im Osten: Wenn alternative Räume zur Zielscheibe werden

0

Eine beunruhigende Entwicklung prägt die gesellschaftliche Landschaft Deutschlands: Die Zahl rechter Angriffe gegen sogenannte politische Gegnerinnen und Gegner hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Besonders der Osten Deutschlands ist immer wieder Schauplatz dieser Aggressionen, die zunehmend an die sogenannten „Baseballschlägerjahre“ der 1990er-Jahre erinnern. Von Brandschlägen auf Jugendclubs bis hin zu gewalttätigen Übergriffen auf Menschen – Rechtsextremismus stellt die größte Gefahr für die Demokratie dar.

Serie von Angriffen in Ostdeutschland
Ein prominentes Beispiel der jüngsten Zeit ist der Angriff auf das autonome Zentrum „Kim Hubert“ in Salzwedel, Sachsen-Anhalt, am 16. Februar 2025. Gegen 0:45 Uhr trat eine Gruppe von zunächst drei Neonazis die Tür des Zentrums ein und bewarf die Anwesenden sofort aggressiv mit Flaschen, offenbar mit der Absicht, Menschen zu verletzen. Die Polizei stufte den Vorfall als rechtspolitisch motivierte Gewalttat ein. Dieses Zentrum ist ein Ort, an dem sich junge Menschen selbstverwaltet und unabhängig treffen, diskutieren und linke sowie antifaschistische Politik betreiben. Es ist für Rechtsextreme und Neonazis ein Symbol der Provokation und wird daher gezielt angegriffen. Bereits 2018 drangen vermummte und bewaffnete Personen in die Räume des Zentrums ein.

Doch der Angriff in Salzwedel ist kein Einzelfall, sondern reiht sich ein in eine lange Liste von Attacken auf „alternative Räume“ im Osten:

• Im Oktober 2022 zündeten zwei junge Erwachsene in Seehausen, knapp 40 km von Salzwedel entfernt, ein Bahnhofsgebäude an, das von Klimaaktivisten genutzt wurde.
• Im Oktober 2023 brannte der „Kultberg“, ein Kulturhaus im südbrandenburgischen Altdöbern, nieder. Ermittlungen zufolge soll die rechtsextreme Gruppierung „Letzte Verteidigungswelle“ dafür verantwortlich sein.
• Am 1. März 2024 griffen mutmaßlich Rechtsextreme den Jugendclub „Cham“ in Senftenberg an.
• Am 24. Mai 2024 wurde das Hausprojekt „Zelle 79“ in Cottbus mutmaßlich von Rechtsextremen attackiert.

Diese Angriffe sind laut Quellen „Botschaftstaten“. Die dahinterstehende Botschaft ist klar: Es gibt keine sicheren Räume für Menschen, die sich der rechten Hegemonie oder dem rechtsextremen Weltbild nicht beugen wollen; es gibt keine Sicherheit vor dieser Gewalt und der Gewaltandrohung.

Motive und Täterprofile
Während Rassismus nach wie vor das vorherrschende Motiv bei rechter Gewalt ist, gab es im letzten Jahr einen Anstieg von zwei Dritteln bei Angriffen auf „politische Gegnerinnen und Gegner“ – der größte Anstieg in den Motivgruppen. Dazu zählen für die extreme Rechte alle, die als links, antifaschistisch oder einfach nur als alternativ und nicht rechts abgestempelt werden. Dies wird als ausreichend empfunden, um angegriffen zu werden, nur weil man sich in bestimmten Räumlichkeiten aufhält oder eine bestimmte Art von Kultur oder Musik unterstützt.

Die Täter sind oft junge Extremisten, die in sozialen Medien aktiv sind und sich vernetzen. Sie marschieren gegen CSD-Paraden auf, hetzen gegen queere Menschen und Andersdenkende und greifen gewaltsam an. Ein Beispiel, das die Brutalität und die ideologische Verankerung der Täter verdeutlicht, ist der Brandanschlag auf den Jugend- und Kulturraum „Die Friese“ in Bremen im Februar 2020. Fünf Jahre nach der Tat wurden drei Männer vor Gericht gestellt, die über Jahre in rechtsextremen und neonazistischen Kreisen unterwegs waren und bei einem von ihnen zahllose Nazidevotionalien gefunden wurden. Der Hauptangeklagte wurde wegen schwerer Brandstiftung und gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe von 4 Jahren und 9 Monaten verurteilt. Das Tatmotiv, Hass und Verachtung gegenüber politisch Andersdenkenden, spielte eine zentrale Rolle.

Rückkehr der „Baseballschlägerjahre“?
Die Gewalt, die sich derzeit manifestiert, erinnert viele stark an die 1990er Jahre. Zwischen 2023 und 2024 hat sich die Zahl der Brandanschläge verdoppelt. Diese Anschläge treffen nicht nur linke Zentren, sondern auch Geflüchtetenunterkünfte, Wohnungen von Migranten oder Häuser, die zu Unterkünften werden sollen.

Die AfD trägt durch ihre „Politik der Provokation“ seit Jahren maßgeblich dazu bei, die gesellschaftliche Stimmung nach rechts zu verschieben. Sie schlägt in dieselbe Kerbe wie junge Neonazis, die gegen CSD-Paraden hetzen oder auf Demonstrationen gegen Transmenschen polemisieren. Wenn die Gesellschaft keine entschlossene Antwort auf die AfD und ihre „neonazistischen Vorfeldorganisationen“ findet, könnte das, was wir gerade erleben, der Anfang von „neuen Baseballschlägerjahren“ sein. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Neonazis den nächsten Anschlag auf Menschen verüben, die ihnen nicht „deutsch genug aussehen“, nicht rechts sein wollen oder auf Räume, die von Geflüchteten oder Linken genutzt werden.

Widerstand und die Botschaft der Einschüchterung
Die Angriffe sollen einschüchtern, verunsichern und ängstlich machen. Doch sie treiben die Menschen auch an und geben ihnen Kraft. Linke Aktivistinnen und Aktivisten wollen den Rechten das Feld nicht überlassen, was sich beispielsweise in Gegendemonstrationen zeigt. Sie sehen es als ihr Ziel, die „Zielscheibe woanders hinzurichten“, um rassistisch marginalisierte Menschen auf der Straße vor Angriffen zu schützen.

Die Lehren aus den „Baseballschlägerjahren“ sind vor allem schnelle und effektive Strafverfolgung, die klare Benennung der Tatmotive sowie Solidarität mit den Angegriffenen, auch durch politisch Verantwortliche. Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass diese Forderungen dringender denn je sind.

Die anhaltende Magie der DDR-Kinderbücher: Mehr als nur Staatsdoktrin

0

Kinderbücher aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit und werden wieder viel gelesen. Ein Blick zurück zeigt, dass diese Bücher nicht nur günstig und weit verbreitet waren, sondern oft auch eine überraschende künstlerische Tiefe besaßen, die über die staatlich verordnete Ideologie hinausging.

Günstig und pädagogisch motiviert Einer der Gründe für die weite Verbreitung der Kinderbücher in der DDR war ihr niedriger Preis. Sie waren staatlich subventioniert, um einem kulturpolitischen und pädagogischen Anspruch gerecht zu werden. So kosteten beispielsweise die bekannten Trompeterbücher, zu denen auch der „Kleine Trompeter“ von Holtz-Baumert gehörte, lediglich 1,75 Mark. Obwohl der „Kleine Trompeter“ als ausgesprochene Geschichtspropaganda der SED galt, war dies nicht unbedingt typisch für die gesamte Reihe.

Widerspruch zwischen Zensur und Kreativität Trotz der politischen Vorgaben und der Zensur gab es eine Fülle pädagogisch und künstlerisch wertvoller Kinderbücher. Dies erklärt sich durch einen bemerkenswerten Widerspruch: Viele Illustratoren, Verlagsleute und Lektoren nutzten den Bereich der Kinderbücher als eine Art Zufluchtsort. Sie versuchten, subversive oder aufsässige Gedanken auf subtile Weise zu platzieren und an die junge Generation weiterzugeben. Ein prominentes Beispiel hierfür ist Benno Pludra, ein bekannter Schriftsteller, der seit den 1950er-Jahren viele schöne Kinderbücher verfasste. Pludra hatte permanent Schwierigkeiten mit der Zensur und der Kulturpolitik der SED, zog sich aber auf vollkommen unpolitische Kinderbücher zurück, in denen es um die Schönheit der Illustrationen und die Poesie ging. Solche Bücher wurden beispielsweise von Renate Totzke-Israel illustriert, wie das Beispiel „Windmühle, Windmühle, nimm uns mit“ zeigt.

Völkerfreundschaft und Humanismus Ein weiteres Ziel der Kinderliteratur war es, die heranwachsende Generation im Geiste der Völkerfreundschaft, des Friedens und des Humanismus zu erziehen. Dies spiegelte sich stark in den literarischen Programmen der Verlage wider, insbesondere durch eine große Anzahl von Märchenbüchern aus aller Herren Länder. Titel wie „Indische Sagen und Märchen“ oder „Östlich der Sonne, westlich vom Mond – Volksmärchen aus allen Ländern“ waren weit verbreitet.

Über Generationen hinweg beliebt Viele der einstigen DDR-Kinderbücher werden heute neu aufgelegt und gerne gekauft, insbesondere von Großeltern, die diese Bücher selbst gelesen oder ihren Kindern vorgelesen haben. Dr. Wolle, ein ehemaliger Buchhändler in der DDR, erinnert sich, wie gerne er in der Kinderbuchabteilung gearbeitet hat und wie ein breites Spektrum an Büchern existierte. Eines seiner persönlichen Lieblingsbücher, das er seinen Kindern ständig vorgelesen hat, ist „Hirsch Heinrich“. Dieses Buch, mit den wunderschönen Illustrationen von Professor Werner Klemke – einem der Hauptbuchillustratoren der DDR – kann er heute noch fast auswendig.

Diese Bücher haben überlebt und erfreuen auch heute noch weitere Generationen, was die bleibende Qualität und den emotionalen Wert dieser Werke unterstreicht.

Die faszinierende Medienlandschaft der DDR

0

Leipzig. Die Deutsche Demokratische Republik, ein relativ kleines Land, verfügte über eine bemerkenswert hohe Zeitungsdichte. Mit rund 40 Tageszeitungen und zahlreichen Zeitschriften prägten Printmedien das Alltagsleben der Bürger. Doch wie funktionierte dieses System, das einerseits von strenger Uniformität geprägt war und andererseits auf überraschend hohe Leserzahlen stieß? Professor Hans Jörg Stieler, Dozent für empirische Kommunikations- und Medienforschung an der Universität Leipzig, gibt Einblicke in die vielschichtige Welt der DDR-Printmedien.

Allgegenwärtige Präsenz und überraschende Akzeptanz
Stieler, der vor seiner Berufung 1993 am Zentralinstitut für Jugendforschung unter anderem die Zeitungsnutzung in der DDR untersuchte, betont die „außerordentlich hohe Uniformität“ des Zeitungssystems. Trotz des einheitlichen Charakters wurden die Zeitungen gelesen. „Offensichtlich müssen ja Zeitungen in irgendeiner Weise zur Lebensbewältigung oder Lebenshilfe beigetragen haben“, so Stieler. Im Durchschnitt fanden sich in DDR-Haushalten mindestens zwei bis drei Tageszeitungen, die auch von jungen Leuten mitgelesen wurden.

Gerade für Jugendliche war der Zugang zu Printmedien aus zwei Gründen unkompliziert: Erstens waren Zeitungen in den Haushalten vorhanden. Obwohl sie oft sehr dünn waren und schnell durchgelesen werden konnten, waren sie präsent. Zweitens wurde in den Schulen intensiv mit Zeitungen gearbeitet. Zudem wurden junge Menschen aktiv für die Zeitungslektüre geworben, was angesichts der niedrigen Preise finanziell unproblematisch war. Speziell für junge Leser gab es die Tageszeitung „Junge Welt“ sowie populäre Magazine wie „neues Leben“.

„neues Leben“ und Papierknappheit als Steuerungsinstrument
Das Monatsmagazin „neues Leben“ war besonders populär. Es hatte einen typischen Magazincharakter, der eine Mischung aus Staatspolitik – mal mehr, mal weniger gut für junge Leute aufbereitet – und Themen wie Lebensweise, Pop, Rock und Partnerschaft bot. Die Beliebtheit führte dazu, dass es im Handel oft nicht erhältlich war, da die Abonnements limitiert waren. Professor Stieler schätzt, dass man sicherlich mehr als die damals gedruckten 600.000 bis 700.000 Exemplare hätte drucken können. Ähnliches galt für die beliebte Comic-Zeitschrift „Mosaik“.

Die knappe Verfügbarkeit dieser begehrten Titel war kein Zufall. „Papier war knapp“, erklärt Stieler, „und deswegen sind eine ganze Reihe von populären Dingen auch nur in limitierten Auflagen gedruckt worden“. Diese Papierknappheit diente Partei und Staatsführung oder dem Kulturministerium als direktes Steuerungsinstrument: Selbst zugelassene Bücher, die nicht massenhaft gelesen werden sollten, erhielten nur eine geringe Auflage. Dies ermöglichte „feine Steuerungsmechanismen“.

Die „Postzeitungsliste“ und der heimliche West-Import
Ein weiteres Kontrollinstrument war die sogenannte „Postzeitungsliste“. Alle in der DDR verfügbaren Zeitungen und Zeitschriften waren darauf verzeichnet. Was nicht auf dieser Liste stand, durfte nicht eingeführt werden. Professor Stieler erinnert sich an ein Beispiel aus seiner eigenen Familie: Ein „Spiegel“-Magazin, das sein Vater aus Prag mitbrachte, wurde an der Grenze konfisziert, weil es nicht auf der Liste stand.

Trotz dieser strikten Kontrollen kursierten westliche Medien im Land. Die „Bravo“ beispielsweise wurde unter Jugendlichen weitergegeben, und sogar fünf Jahre alte Hefte wurden noch gelesen. Rentner, die in den Westen reisen durften, brachten oft Zeitschriften mit, die nicht lückenlos aussortiert werden konnten. Auch über die Post gelangte Material trotz aller Kontrollen ins Land. Diese Zeitschriften zirkulierten dann als „alltägliches Lesen oder als heimliches Lesen“, wobei die Heimlichkeit oft relativ war, da die Weitergabe im Freundes- und Bekanntenkreis bekannt war.

Die Medienlandschaft der DDR war somit ein komplexes Geflecht aus staatlicher Kontrolle, breiter, wenn auch uniformer, Verfügbarkeit und einem faszinierenden Untergrundmarkt für begehrte, nicht genehmigte westliche Publikationen.

Eine kulinarische Reise durch die DDR-Küche

0

Gerüche und Geschmäcker haben die einzigartige Kraft, uns in Sekunden zurückzuversetzen – an den Küchentisch der Kindheit, an Omas Herd oder an das Mittagessen nach der Schule. In der ehemaligen DDR waren Gerichte oft mehr als nur Sättigung; sie waren ein Stück Zuhause, geprägt von einfachen Zutaten, viel Liebe und Erinnerungen, die bis heute bleiben. Begleiten Sie uns auf eine besondere Reise in die kulinarische Vergangenheit Ostdeutschlands, die bodenständige Küche und den Einfallsreichtum einer Ära widerspiegelt.

Deftige Klassiker und Hausmannskost
Die DDR-Küche war bekannt für ihre herzhaften und sättigenden Gerichte, die oft mit wenigen Mitteln viel Geschmack boten. Ein solcher Klassiker waren die Königsberger Klopse, obwohl sie ursprünglich aus Ostpreußen stammen. Diese Fleischklöße aus Hackfleisch, eingeweichtem Brötchen, Zwiebeln und Sardellen wurden in einer weißen, sämigen Soße mit Kapern serviert – eine Mischung aus mild und würzig, die viele liebten. Dazu gab es meist Salzkartoffeln oder Kartoffelpüree.

Ein echtes Alltagsgericht waren die Eier in Senfsoße – einfach, günstig und schnell gemacht. Die hartgekochten Eier schwammen in einer cremigen Soße aus Butter, Mehl, Milch und mittelscharfem Senf, deren Geschmack angenehm würzig, leicht süßlich und mild war. Traditionell wurden sie mit Salzkartoffeln oder Kartoffelpüree, oft mit etwas Petersilie, serviert und bedeuteten für viele ein Stück Heimat.

Der Stramme Max war ein deftiger und sättigender Brotkklassiker. Eine Scheibe kräftiges Misch- oder Roggenbrot wurde mit Schinken oder Wurst belegt und mit einem Spiegelei gekrönt, manchmal ergänzt durch Gewürzgurken oder Senf. Seine schnelle Zubereitung und die wenigen Zutaten machten ihn ideal für den Feierabend oder als deftiges Frühstück und spiegelten die bodenständige Küche der DDR wider. Bis heute wird der Stramme Max in vielen Küchen als nostalgisches Lieblingsgericht zubereitet.

Ein Gericht mit makabrem Namen, aber geschätztem Geschmack, war die Tote Oma. Dahinter verbarg sich gebratene Blutwurst, oft mit Zwiebeln verfeinert, serviert mit Kartoffelpüree und Sauerkraut. Besonders in den östlichen Regionen Deutschlands beliebt, galt es als deftige Hausmannskost.

Die Fettbemme, auch Speckfettbemme genannt, war ein einfacher, aber sättigender Brotzeitklassiker. Eine dicke Scheibe Roggen- oder Mischbrot wurde großzügig mit Schweineschmalz oder ausgelassenem Speckfett bestrichen, oft belegt mit Röstzwiebeln oder frischen Zwiebelringen und am besten begleitet von einer sauren Gurke. Sie war ein schnelles Abendbrot oder eine Stärkung auf dem Feld und symbolisiert heute die ehrliche, rustikale DDR-Küche.

Das Jägerschnitzel der DDR unterschied sich vom westdeutschen Pendant: Es bestand aus panierter Jagdwurst, serviert mit Tomatensoße und Nudeln. Es war eine kreative Lösung in Zeiten knapper Ressourcen und ein beliebtes Gericht in Schulkantinen und Betriebsküchen.

Die DDR-Fast-Food-Szene: Imbisse und Schnellgerichte
Auch in der DDR gab es beliebte Optionen für den schnellen Hunger unterwegs oder als Imbiss. Würzfleisch, ein Ragout aus Schweine- oder Geflügelfleisch in würziger Soße, mit Käse überbacken und oft mit Zitrone serviert, war ein beliebter Snack in Gaststätten. Es war die DDR-Variante des französischen Ragout Fin, jedoch meist aus Schweinefleisch.

Die Krusta, die DDR-Version der Pizza, war eine Entwicklung eines Jugendkollektivs aus dem Jahr 1976. Der Hefeteigboden, der oft Weizen- und Roggenmehl enthielt, wurde mit Käse, Wurst oder Gemüse belegt und in Bäckereien oder Imbissen angeboten. Beliebte Varianten waren die Geflügelkrusta und die Spreewaldkrusta mit Sauerkraut und Hackfleisch.

Die Karlsbader Schnitte war ein echter Fast-Food-Klassiker: Eine dicke Scheibe Toastbrot, großzügig mit Schinken und Käse, manchmal auch Tomaten oder Gurken, belegt und im Ofen überbacken. Schnell zubereitet, sättigend und preiswert, war sie perfekt für den kleinen Hunger zwischendurch. Trotz des wohlklingenden Namens hatte sie wenig mit der tschechischen Stadt zu tun.

Der Broiler, das Brathähnchen der DDR, war ein kulinarisches Highlight, das ab den 60er Jahren in speziellen Broiler-Gaststätten serviert wurde. Knusprig gegrillt und saftig im Inneren, war er ein Symbol für den Aufschwung der Geflügelproduktion und ein fester Bestandteil der DDR-Esskultur. Die ersten Broiler-Gaststätten eröffneten 1967 in Ostberlin und waren sofort ein großer Erfolg.

Die Ketwurst, ein Hotdog mit DDR-Charme, wurde Ende der 70er Jahre entwickelt, um die Versorgung großer Menschenmengen am Alexanderplatz zu verbessern. Eine Brühwurst wurde in ein aufgespießtes Brötchen gesteckt, das zuvor durch einen heißen Metallstab ausgehöhlt wurde, und mit einer speziellen Tomatenwürzsoße übergossen.

Die Grilletta war die ostdeutsche Antwort auf den Hamburger. Ein gegrillter Schweinefleischklops im knusprigen Brötchen, garniert mit Zwiebeln und einer würzigen Soße, wurde 1979 entwickelt, ebenfalls zur Bewältigung des Besucheransturms am Alexanderplatz. Statt eines weichen Burgerbrötchens kam ein Sauerteigbrötchen zum Einsatz, und wegen Mangels an Ketchup oft ein selbstgemachtes Chutney.

Die einfache Kombination aus Bockwurst mit Schrippe (einem knusprigen Brötchen) war ein klassischer Imbiss, der schnell und sättigend war und besonders bei Arbeitern und Schülern beliebt war.

Süße Verführungen und internationale Akzente
Die DDR-Küche bot auch eine Vielfalt an süßen Speisen und zeigte sich offen für internationale Einflüsse. Die Quarkkeulchen, hergestellt aus einer Mischung von Quark, gekochten Kartoffeln, Eiern, Mehl und Zucker, wurden zu kleinen Fladen geformt und goldbraun gebraten. Oft mit Zimt und Zucker bestreut oder mit Apfelmus serviert, erinnerten sie viele an die Küche ihrer Großmütter.

Der Kalte Hund war ein beliebter Kühlschrankkuchen, der ohne Backen zubereitet wurde. Er bestand aus abwechselnden Schichten Butterkekse und einer kakaohaltigen Fettglasur und war bei Kindern besonders beliebt – ein Klassiker auf Geburtstagen oder Feiern.

Die Arme Ritter waren eine einfache und kostengünstige Speise aus altbackenem Brot, das in einer Mischung aus Milch und Eiern getränkt, gebraten und mit Zucker bestreut wurde. Oft mit Marmelade oder Apfelmus serviert, waren sie eine süße Alternative zu herzhaften Mahlzeiten.
Der Seltkuchen verdankte seinen Namen dem verwendeten Mineralwasser mit Kohlensäure, das dem Teig eine besondere Lockerheit verlieh. Oft mit Zitrone oder Kakao verfeinert und mit Puderzucker bestäubt, war er ein häufiger Gast auf Kaffeetafeln und Kindergeburtstagen.

Internationale Gerichte fanden ebenfalls ihren Weg in die DDR-Küchen. Letscho, ein Paprikagemüse, das ursprünglich aus der ungarischen Küche stammt, war in der DDR sehr beliebt. Es wurde als Beilage zu Fleischgerichten oder als Soße verwendet und brachte einen Hauch von Internationalität in die heimische Küche. Die Soljanka, eine würzige Suppe mit Wurzeln in der russischen und ukrainischen Küche, war ebenfalls sehr populär. Mit verschiedenen Fleischsorten, Wurst, sauren Gurken, Tomatenmark und Gewürzen zubereitet, war sie bekannt für ihren säuerlich-scharfen Geschmack.

Grillkultur und bleibende Erinnerungen
Das Rostbrätel, ein mariniertes Schweinekotelett, das über Holzkohle gegrillt wurde, stand sinnbildlich für die Grillkultur der DDR. Die Marinade, oft aus Zwiebeln, Senf, Bier und Gewürzen, verlieh dem Fleisch ein besonders würziges Aroma. Es war besonders am Wochenende oder zu Feiertagen ein Highlight und wird bis heute in den neuen Bundesländern als beliebtes Grillgericht mit Kultstatus gefeiert.

Diese Gerichte erzählen eine Geschichte von einfacheren Zeiten, von Zusammenhalt und bodenständiger Küche. Sie waren nicht nur Nahrung, sondern ein fester Bestandteil des Alltags und wecken bei vielen Ostdeutschen bis heute Kindheitserinnerungen und ein Gefühl von Heimat. Viele dieser traditionellen Speisen leben in Familienrezepten weiter und werden als nostalgische Lieblingsgerichte geschätzt.

Leipzigs legendäre Fußballschlachten

0

Das Leipziger Zentralstadion war über Jahrzehnte hinweg die Bühne für unvergessliche Momente des DDR-Fußballs. Mit einer Kapazität von fast 100.000 Zuschauern und der Übertragung durch sechs europäische Fernsehstationen bot es stets eine eindrucksvolle Kulisse für die Nationalmannschaft der Deutschen Demokratischen Republik. Ein Blick zurück auf einige der legendärsten Begegnungen zeigt Triumphe, knappe Niederlagen und die Entwicklung einer Mannschaft, die stets um die Herzen ihrer Fans kämpfte.

Historische Duelle und knappe Entscheidungen
Eines der wohl geschichtsträchtigsten Spiele fand im Jahr des 100-jährigen englischen Fußballjubiläums statt. Die DDR-Auswahl empfing die hochkarätige englische Nationalmannschaft in einem als außerordentlich fair und gut beschriebenen Spiel. Trotz des beeindruckenden 1:1-Ausgleichs durch den damaligen „besten Spieler der DDR-Mannschaft zwischen 1955 und 1957“, Telfum Lösstal Tröger, musste sich die DDR am Ende mit 1:2 geschlagen geben, nachdem Bobby Charlton das entscheidende Tor für England erzielt hatte. Ein anderes Länderspiel gegen England endete mit einem 1:1-Unentschieden und festigte eine beeindruckende Serie von 13 Spielen, in denen die DDR-Auswahl ungeschlagen blieb.

Doch nicht immer lief es nach Wunsch. Eine „kalte Dusche“ gab es früh im Spiel gegen Österreich, als man kurz vor der Pause ein 0:1 hinnehmen musste. Auch gegen Holland musste sich die DDR-Auswahl in einem dramatischen Spiel mit 1:2 geschlagen geben, obwohl Schluckhase bereits in der 17. Minute die Führung erzielt hatte; Tyson von Holland gelang das Siegtor erst in den Nachspielsekunden.

Comebacks und entscheidende Tore
Die Mannschaft zeigte jedoch auch beeindruckende Comeback-Qualitäten. In einem EM-Spiel von 1979 gegen Polen lag die DDR ebenfalls mit 0:1 zurück, drehte das Spiel aber noch zu einem 2:1-Sieg, wobei Streich der entscheidende Torschütze war. Ein weiterer Triumph gegen Polen wurde in der 50. Minute durch einen Treffer von Streich nach Vorarbeit von Häfner und Dörner gesichert, was ebenfalls zu einem 2:1-Sieg führte.

Besondere Höhepunkte waren die Tore wichtiger Spielerpersönlichkeiten. So erzielte Löwe in der 51. Minute den 1:1-Ausgleich gegen die Türkei nach sehr guter Vorarbeit von Schade. Jürgen Nöldner glänzte mit einer „sauberen Aktion“, und Peter Ducke zeigte eine „Klasse“ im Spiel. Rainer Ernst erzielte ein verdientes 1:0 gegen einen Europameister, wobei sein „Klassesolo“ an vier Franzosen vorbei, auch wenn es nicht zum „i-Punkt“ führte, als selbstbewusstes Angriffsspiel gewertet wurde.

Unvergessliche Siege und beeindruckende Fans
Einen historischen Sieg feierte die DDR-Nationalmannschaft, als sie die „vierfachen EM- und Weltmeisterschafts-Italiener“ zum ersten Mal mit 1:0 besiegte. Hause, ein 26-jähriger Vorwärtsspieler aus Frankfurt/Oder, erzielte in der 20. Minute das entscheidende Kopfballtor, das international Aufsehen erregte. Etwa 70.000 begeisterte Zuschauer feierten diesen Erfolg im Zentralstadion.

Auch wenn es gegen Belgien eine 1:2-Niederlage gab, bei der Streich der einzige Spieler war, der Torwart und Abwehr in Gefahr brachte, zeigte sich eine „junge DDR Mannschaft“ gegen einen Europameister mit „reißendem Fußball“ und „selbstbewusstem Angriffsfußball“. Andreas Thom leitete das 2:0 über Ulf Kirsten ein, und Matthias Liebers eröffnete Ronald Kreer den Weg zum entscheidenden Treffer.

Das Leipziger Zentralstadion war somit mehr als nur ein Fußballfeld; es war ein Ort, an dem die Nationalmannschaft der DDR Geschichte schrieb, sich bewährte und die Herzen der fast 100.000 Zuschauer und Millionen Fernsehgeräte-Zuschauer immer wieder begeisterte.