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Rostocker Rätsel am Neuen Markt: Ein historisches Foto sucht seinen Termin

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Rostock, Neuer Markt. Eine Reise in die Vergangenheit Rostocks, geführt von dem Historiker Gerhard Weber, dreht sich in einer aktuellen Episode des „Rostocker Stadtspaziergangs“ um ein rätselhaftes historisches Foto und die tiefgreifenden Veränderungen eines zentralen Stadtplatzes. Im Fokus steht der Neue Markt, einst pulsierendes Herz der Hansestadt, heute nur noch in Fragmenten seiner ursprünglichen Bebauung erhalten.

Der Neue Markt vor der Zerstörung Gerhard Weber lädt die Zuschauer zu einem Standort vor den „Resten der ursprünglichen Bebauung“ am Neuen Markt ein. Eine historische Karte von 1939 zeigt Rostock innerhalb der Stadtmauer als „komplett bebaute Fläche“. Von dieser einst dichten Bebauung sei nach dem Bombenkrieg und späteren Abrissen nur noch wenig übrig.

Ein Originalfoto aus der Zeit um 1910 präsentiert den Neuen Markt in voller Lebendigkeit: Man sieht die Nordseite mit historischer Bebauung, darunter ein „großartiges Ensemble Ecke Ortshof“ – ein Haus, das aus drei Häusern zusammengewachsen war, mit einer einheitlichen Fassade und einem riesigen Dach. Das Bild zeigt reges Markttreiben, eine Droschke mit Pferd, das einen Heusack vor sich hat, und detaillierte Einblicke in das damalige Alltagsleben. Auch die nahegelegene Kronenstraße, einst eine enge Gasse, die im Mittelalter sogar den ungewöhnlichen Namen „Arschkerbe“ trug, wird erwähnt.

Krieg und Trümmerfelder Die Idylle wich mit dem Zweiten Weltkrieg. Aufnahmen aus dem Jahr 1942 zeigen den Neuen Markt bereits als Trümmerfeld: „Die ganzen Häuser sind zerstört“. Später im Krieg wurden sogar noch Fassaden abgestützt. Nach dem Krieg prägten Schutthaufen das Bild, die mit einer „Feldbahn“ abtransportiert wurden.

Das rätselhafte Foto: Eine Suche nach der Zeit Im Zentrum der aktuellen Folge steht ein Foto, das Gerhard Weber vor zwei Jahren von einer Dame geschenkt bekam, welche es wiederum von einem Werkzeugmacher namens Kieß erhalten hatte. Kieß hatte das Bild wahrscheinlich selbst abgezogen. Das Foto zeigt Menschenmassen, die aus der Wollenweberstraße über die Fischbank Kronenstraße Richtung Neuer Markt strömen, umgeben von erheblichen Schuttmengen. Ein junges Mädchen sitzt auf einem Trümmerrest.

Das größte Rätsel: Wann wurde dieses Bild aufgenommen? Es ist definitiv nach dem Krieg, aber laut Weber „nicht 1945 – das ist zu früh“. Er vermutet, es könnte eventuell „schon 1946 sein“. Ein entscheidender Anhaltspunkt zur Datierung wäre das „Notdach“ an der Petrikirche, das auf dem Foto zu sehen ist. Weber selbst hat dieses Notdach später nie mehr gesehen, sondern nur das hohle Kirchenschiff. Wüsste man, wann dieses Notdach entfernt wurde – sei es durch Sturm, Beschädigung oder gezielten Abbau zur Materialgewinnung für den Aufbau der Seitenschiffe – ließe sich der Aufnahmezeitpunkt des Fotos eingrenzen.

Weber schließt aus, dass es sich um eine politische Demonstration (z.B. zum 1. Mai) handelt, da keine roten Transparente zu sehen sind, die zu dieser Zeit schnell verfügbar gewesen wären. Stattdessen spekuliert er, dass es sich um einen Pfingstmarkt handeln könnte, da zwei Buden sichtbar sind, an denen etwas verkauft wird.

Der Aufruf an die Zeitzeugen Die Hauptintention dieser Episode des Stadtspaziergangs ist es, Zeitzeugen zu finden, die sich melden und genau wissen, wann dieses Foto gemacht wurde. Gerhard Weber, bekannt für seine akribische Detailverliebtheit beim Betrachten historischer Bilder, hofft auf Hinweise aus der Bevölkerung, um dieses Stück Rostocker Geschichte zu datieren. Die Suche nach der genauen Entstehungszeit des rätselhaften Fotos geht weiter.

Ulrich „Ed“ Swillms: Das unsterbliche Erbe des Karat-Genies

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„Die Seele ist die Brücke, die zu Unsterblichkeit führt“ – diese Worte des Dichters Rabindranath Tagore, den er sein Leben lang verehrte, scheinen perfekt auf Ulrich Swillms zuzutreffen. Obwohl sein Name vielen nicht sofort bekannt sein mag, prägte er als Keyboarder und Komponist die deutsche Rockband Karat wie kein anderer. Ed, wie er liebevoll genannt wurde, schuf unsterbliche Kompositionen, deren zarte Klänge bis heute unsere Welt tanzen lassen.

Die frühen Jahre und der Ursprung eines Spitznamens Seine Karriere nahm entscheidende Fahrt auf, als er bei seiner ersten Profiband, den Alexanders, auf Herbert Dreilich und Henning Protzmann traf. Es war auch in dieser Zeit, genauer gesagt im Jahr 1970, dass seine erste Komposition, „Klosterkorin“, entstand. Sein charakteristischer Spitzname „Ed“ leitet sich ebenfalls aus dieser Phase ab: Er spielte damals einen Flügel der Marke „Edition Seiler“, und die Abkürzung „Ed“ wurde zu seinem Markenzeichen.

Das kreative Herz von Karat Walter Cikan, Produzent beim DDR-Rundfunk, beschreibt Ed Swillms als den „kreativsten“ und „genialsten Komponisten von Popmusik“ in Deutschland. Trotz seiner Rolle als Keyboarder, bei der er nie das Rampenlicht suchte, war er „der Pol, um den sich alles drehte“ innerhalb der Band. Ed Swillms war bekannt für seine extreme Selbstkritik und seine Detailverliebtheit. Er arbeitete akribisch und rastete nicht, bis ein Song für ihn perfekt war, indem er stets „ganz viele Feinheiten“ und „kleine Überraschungen“ einbaute.

Diese Arbeitsweise sorgte dafür, dass man jeden seiner Songs „hundertmal hören [kann], ohne dass es einem langweilig wird“. Er konnte auch „durchaus unbequem“ sein, besonders wenn er mit dem Ergebnis, wie der Aufnahme von „Über sieben Brücken musst du gehen“, nicht zufrieden war – sei es wegen technischer Mängel oder der Stimme von Herbert Dreilich, die ihm zu weich klang.

Unvergängliche Meisterwerke Aus seiner schöpferischsten und als genial bezeichneten Schaffensperiode bei Karat stammen alle Titel, die bis heute die Live-Konzerte der Band bestimmen. Zu seinen bedeutendsten Kompositionen gehören:

• „König der Welt“
• „Über sieben Brücken musst du gehen“: Dieser Titel, oft verbunden mit „sieben dunkle Jahre“, ist ein herausragendes Beispiel seines Schaffens.
• „Der blaue Planet“: Dieses Werk markierte eine Wende hin zu einem rockigeren und poppigeren Sound, der Karat ihre größten Erfolge und die meisten Plattenverkäufe einbrachte. Holger Krebs, der Autor des YouTube-Transkripts, bezeichnet „Der blaue Planet“ als ein „geniales Werk“ und betont seine erschreckende Aktualität angesichts der Tatsache, dass sich „eigentlich auf der Welt nichts geändert hat“.
• „Jede Stunde“

Ein Vermächtnis, das Grenzen überwindet Die Musik von Karat und insbesondere die Kompositionen von Ed Swillms haben es geschafft, „über Grenzen hinweg“ zu gehen und wurden sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland geliebt. Dies ist für Holger Krebs „der größte Preis, den man bekommen kann“, wenn man als Künstler von seinen Zuhörern geliebt wird. Selbst heute noch bestehen 80 bis 90 Prozent der Titel, die Karat live spielt, aus Swillms‘ Werken. Es ist bemerkenswert, dass die Konzerte der Band immer wieder neue und auch jüngere Gesichter anziehen, die sich für diese Musik begeistern. Dies nährt die Hoffnung, dass seine Musik noch lange gehört werden und Ed Swillms auf diese Weise „irgendwie auch immer noch bei uns bleibt“. Seine Musik tanzt mit unserer Welt, und Ed Swillms, der „hochmusikalische“ und „ganz besondere Mensch“, bleibt in den Erinnerungen vieler.

Rostock ringt um August-Bebel-Straße 1: Kulturzentrum vor dem Aus – oder Neuanfang?

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Rostock – Ein denkmalgeschütztes Gebäude, das tiefe Wurzeln in der Rostocker Kulturgeschichte hat, steht im Mittelpunkt einer hitzigen Debatte: die August-Bebel-Straße 1. Wo einst die erste Kunst- und kunstgeschichtliche Sammlung der Hansestadt gegründet wurde und später das Kunst- und Altertumsmuseum seine Türen öffnete, bröckelt heute nicht nur der Putz, sondern auch die Zukunftssicherheit eines lebendigen Kulturortes. Die Stadt Rostock hat dem Verein „Sozietät Rostock Maritim“, der das Haus seit 2008 mit Ausstellungen, Konzerten und Lesungen belebt, gekündigt, was auf breiten Widerstand stößt.

Das Gebäude in der August-Bebel-Straße 1 wurde 1859 von Rostocker Bürgern gegründet und öffnete 1903 als Kunst- und Altertumsmuseum seine Türen, direkt neben dem ehemaligen Stadttheater, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Obwohl das Haus unter Denkmalschutz steht, wurde es jahrzehntelang von der Stadt vernachlässigt, was zu einem besorgniserregenden Zustand geführt hat, bei dem Putz von den Wänden fällt und ein Schutzgerüst den Gehweg sichert.

Die Stadt Rostock verteidigt die Kündigung des Mietvertrags mit dem Verein „Sozietät Rostock Maritim“ mit Verweis auf ein Baugutachten. Oberbürgermeisterin Eva-Maria Kröger erklärt, das Gutachten besage, dass das Gebäude marode sei und absacke, was auf ein „großes Stabilitätsproblem“ in der Grundstruktur hindeute. Aus diesem Grund seien zusätzlich Tragwerksplaner beauftragt worden, um noch mehr Gewissheit über die Statik zu erhalten. Die Stadt plant, am 23. Juli 2025 in der Rostocker Bürgerschaft über die Zukunft des Hauses zu beraten: Sanierung, Umnutzung oder Abriss.

Jochen Pfeifer von der Sozietät Rostock Maritim wehrt sich jedoch mit Unterstützung aus Politik und Zivilgesellschaft gegen die Kündigung. Er zweifelt die Akutheit der im Gutachten beschriebenen Mängel an und betont, dass sich der Boden in angeblich zu sperrenden Räumen „nicht 1 mm bewegt hat“. Pfeifer kritisiert, dass ein städtisches Gutachten zwar Mängel aufliste, aber keine akute Nutzungsuntersagung ausspreche. Er verweist zudem darauf, dass die Stadt zunächst mit einem statischen Gutachten gekündigt habe, welches angeblich ein Absacken des Hauses belege, dies jedoch bei genauerer Lektüre nicht zutreffe. Eine zweite Kündigung ziehe das Gutachten dann nicht mehr heran und sei lediglich eine „normale Kündigung“.

Pfeifer und seine Unterstützer sehen die Kündigung als ein „ganz schlechtes Signal“ für ehrenamtliches Engagement und die von Vereinen getragene Kultur in der Stadt. Das Gebäude habe durch den Verein und andere Veranstalter „offen gehalten“ werden können. Eine vom Verein gestartete Petition wurde bereits von über 2.300 Menschen unterzeichnet, davon mehr als 1.500 aus Rostock, was ausreichend ist, um das Thema in der Bürgerschaft behandeln zu lassen.

Für Bewegung in der festgefahrenen Situation sorgt Jochen Pfeifer selbst: Sein Verein plant, das Gebäude gemeinsam mit einem Investor zu kaufen und zu sanieren. Der Plan sieht vor, dass die Sozietät Rostock Maritim weiterhin im Haus bleibt. Die Außenfassade soll erhalten und repariert werden, während im Inneren mehr Räumlichkeiten für Kunst genutzt werden sollen, um dem großen Bedarf an Ausstellungsflächen in Rostock gerecht zu werden. Es schwebe ihnen vor, das Haus zu einem „Haus für Vereine“ zu machen, wo sich auch andere Vereine einmieten können. Pfeifer meint, dass die Kündigung des Vereins in diesem Sinne auch etwas Gutes gehabt habe, da sie endlich Bewegung in das Thema August-Bebel-Straße 1 bringe.

Die Debatte um die August-Bebel-Straße 1 verdeutlicht, dass es hier um mehr geht als nur um einen Altbau. Es geht um ein „Stück Identität und Geschichte dieser Stadt“ und um die Frage, wie Rostock mit seinem kulturellen Erbe und dem ehrenamtlichen Engagement seiner Bürger umgeht. Die Entscheidung der Bürgerschaft am 23. Juli 2025 wird wegweisend sein.

Der Estrel Tower setzt neue Maßstäbe in der Hauptstadt-Skyline

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Berlin, eine Stadt der Gegensätze, in der historische Wahrzeichen auf futuristische Glas- und Stahlbauten treffen, bereitet sich auf einen spektakulären Neuzugang vor: den Estrel Tower. Mit einer geplanten Höhe von 176 Metern wird dieses Megaprojekt nicht nur das höchste Hotel Deutschlands, sondern auch ein kraftvolles Symbol für Berlins Wandel zu einer modernen Metropole. Doch der Bau des Giganten in Neukölln ist weit mehr als nur ein Prestigeprojekt – er ist ein Lehrstück in Architektur, Nachhaltigkeit und Stadtentwicklung, das jedoch auch kritische Stimmen hervorruft.

Der Estrel Tower, entworfen vom renommierten Architekturbüro Barkow Leibinger, ist Teil des bestehenden Estrel-Komplexes im Berliner Stadtteil Neukölln, direkt neben dem bereits größten Hotel Deutschlands. Sein Design besticht durch eine markante Glasfassade mit vertikalen Linien, die dem Gebäude eine elegante und schlanke Silhouette verleihen. Die großflächigen Glasfronten sorgen nicht nur für eine optimale Lichtreflexion, sondern lassen den Turm auch leicht und elegant wirken.

Ein Hochhaus mit vielfältiger Nutzung und nachhaltigem Konzept
Das Innere des Estrel Towers ist vielseitig konzipiert: Die unteren Etagen sind für öffentliche Einrichtungen und großzügige Konferenzräume vorgesehen. In den mittleren Stockwerken entstehen hochwertige Büroflächen, die modernen Unternehmen flexible Arbeitsplätze bieten. Die oberen Etagen sind dem Hotelbetrieb gewidmet, mit exklusiven Zimmern und Suiten, die einen beeindruckenden Blick auf die Berliner Skyline ermöglichen. Ganz oben, auf der höchsten Ebene, ist sogar eine Skybar oder eine öffentlich zugängliche Aussichtsplattform geplant, die Besuchern eine spektakuläre Aussicht über die Stadt bieten soll. Das Gebäude soll zudem mit begrünten Außenflächen und einladenden öffentlichen Bereichen eine stärkere Verbindung zwischen dem Hotel und der Nachbarschaft schaffen und die Umgebung aufwerten.

Ein zentrales Merkmal des Estrel Towers ist sein nachhaltiges Baukonzept. In einer Zeit, in der Städte zunehmend nach umweltfreundlichen Lösungen suchen, setzt das Hochhaus auf innovative Technologien, um Energieverbrauch und CO2-Ausstoß zu minimieren. Die Glasfassade spielt hier eine entscheidende Rolle: Spezielle Verglasungen optimieren die Tageslichtnutzung und reduzieren den Bedarf an künstlicher Beleuchtung. Gleichzeitig sorgt die Fassade für eine effektive Wärmedämmung, was den Energiebedarf für Heizung und Kühlung senkt. Moderne Belüftungssysteme und die Nutzung von Regenwasser zur Bewässerung der Grünanlagen sind weitere nachhaltige Elemente, die zur Verbesserung des Stadtklimas beitragen sollen.

Herausforderungen im Berliner Untergrund und Stadtbild
Der Bau eines Hochhauses dieser Größenordnung in Berlin birgt jedoch zahlreiche Herausforderungen, sowohl technischer als auch städtebaulicher Natur. Eine der größten Fragen ist die Bodenbeschaffenheit: Anders als Städte wie Frankfurt oder New York, die auf stabilem Untergrund gebaut sind, besteht der Berliner Boden größtenteils aus Sand und feuchten Sedimenten. Das bedeutet, dass das Fundament des Estrel Towers besonders tief und stabil sein muss, um die enorme Last des Gebäudes tragen zu können.

Hinzu kommen die strengen Bauvorschriften in Berlin, die klare Höhenbegrenzungen vorsehen, um das historische Stadtbild zu bewahren. Der Estrel Tower musste deshalb mehrere Genehmigungsverfahren durchlaufen, bevor die endgültige Bauhöhe von 176 Metern festgelegt wurde.

Auch die Anbindung an die städtische Infrastruktur stellt eine große Aufgabe dar, da Hochhäuser viele Menschen anziehen und zu einer höheren Belastung für den öffentlichen Nahverkehr und die Straßen führen. Um dem entgegenzuwirken, sind neue Verkehrsmaßnahmen geplant, darunter verbesserte Fahrradwege und eine bessere Anbindung an Bus- und S-Bahnlinien. Fahrradstellplätze und Ladestationen für Elektrofahrzeuge sind ebenfalls fester Bestandteil des Mobilitätskonzepts.

Die logistische Herausforderung des Baus selbst in dicht bebauten Stadtteilen wie Neukölln, wo wenig Platz für große Baustellen ist, erfordert eine genaue Planung der Materiallieferungen und Baukoordination, um den Verkehr nicht lahmzulegen.

Debatte um die Berliner Skyline: Tradition vs. Moderne
Trotz dieser ambitionierten Pläne und der umfassenden Konzepte gibt es auch kritische Stimmen, die sich fragen, ob ein Hochhaus dieser Größe tatsächlich in das traditionelle Stadtbild Berlins passt. Während der Estrel Tower als Symbol für die moderne Entwicklung Berlins gilt, bleibt die Frage, wie er sich in das gewachsene Stadtbild einfügt. Berlin war lange Zeit eine Stadt der flachen Silhouetten, dominiert von historischen Gebäuden und weiten Straßenzügen. Kritiker befürchten, dass der Estrel Tower diesen Charakter verändern und ein Ungleichgewicht im Stadtbild schaffen könnte.

Befürworter hingegen argumentieren, dass Berlin sich weiterentwickeln muss, um international konkurrenzfähig zu bleiben. In einer wachsenden Metropole mit begrenztem Bauplatz seien Hochhäuser eine logische Lösung, um Wohn- und Gewerbeflächen effizient zu nutzen. Zudem liegt der Estrel Tower nicht im historischen Zentrum, sondern in Neukölln, einem Stadtteil, der sich in den letzten Jahren stark verändert hat. Hier könnte der Turm als wirtschaftlicher Impulsgeber dienen und neue Arbeitsplätze schaffen.

Ob der Estrel Tower sich langfristig als gelungenes Beispiel für moderne Stadtentwicklung oder als umstrittenes Prestigeprojekt erweisen wird, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch, dass er Berlins Skyline verändern und die Debatte über Hochhäuser in der Hauptstadt weiter anheizen wird. Sein Bau markiert in jedem Fall einen neuen Abschnitt in der Geschichte Berlins – einer Stadt, die sich immer wieder neu erfindet.

Ferienlager in der DDR: Eine Welt zwischen Freiheit und Regeln, die man nie vergisst

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Für viele Kinder in der DDR waren die Ferienlager das große Sommerziel und der Höhepunkt des Jahres. Noch bevor die Zeugnisse verteilt waren, begann die Aufregung, und man zählte die Tage bis zur Abholung auf Strichlisten. Es war ein Ritual des Packens, bei dem Muttis eine detaillierte Liste erstellten, die von Zahnbürste und Badehose bis hin zu wichtigem Briefpapier reichte – oft fehlten jedoch essenzielle Dinge wie Tischtenniskellen oder Kassetten. Mit klopfendem Herzen versammelte man sich am Abreisetag, oft vor dem Betrieb, der das Lager organisierte, und die lauten Ikarus-Busse transportierten die aufgeregten Kinder in eine Welt, die nach Freiheit und Regeln zugleich roch.

Ankunft in einer neuen Welt
Die Lager, von denen es zeitweise über 6000 in der DDR gab und die häufig vom FDGB oder großen Betrieben organisiert wurden, erschienen riesig. Sie lagen am Waldrand, in Strandnähe oder manchmal mitten im Nirgendwo. Am Eingang warteten die Gruppenleiter, die oft selbst noch jung waren, aber fast immer herzlich und bei der FDJ aktiv waren. Nach der Begrüßung erfolgte die Einteilung in altersgleiche Gruppen, Jungen und Mädchen getrennt. Der erste Weg führte zur Unterkunft, wo Betten bezogen und Taschen in klapprigen Spinden verstaut wurden – wer sich auskannte, sicherte sich das untere Bett, da es oben oft zu heiß war.

Ein durchgetakteter Tag voller Abenteuer und Pflicht
Der Tag im Ferienlager war kein Tag wie zu Hause; er war durchgetaktet. Früh am Morgen, noch ehe die Sonne richtig aufgegangen war, rief ein Pfiff oder der Gruppenleiter zum Aufstehen und Antreten. Frühsport war Pflicht, egal ob Hampelmänner oder Rundenlauf, und danach folgte der erste Appell des Tages. Man stand in Reih und Glied, Blick nach vorn, und das offizielle Motto lautete: „Seid bereit – immer bereit!“.

Der Vormittag war voller Programm: Stationsläufe, Bastelrunden oder Naturerkundungen. Auf dem Sportplatz wurde gelacht und gestritten, und beim Seilziehen kämpften Gruppen gegeneinander. Einmal pro Lager gab es die Lagermeisterschaft, ein „großes Ding“, bei dem jeder mitmachen musste. Ob Wurfspiele, Tischtennisturnier oder Liegestütz-Wettbewerbe – die Siegerurkunden wurden mit Stolz entgegengenommen, man fühlte sich „stolz wie ein Olympiasieger“.

Ein besonderes Highlight war das Neptunfest, das meist am zweiten Wochenende stattfand. Neptun selbst, oft mit Pappkrone und Bart aus Mobschnur, stieg aus dem See und wurde von angemalten Wassergeistern begleitet. Wer noch nicht getauft war, wurde geschnappt, eingeseift, mit Wasser übergossen oder im See getaucht – manchmal musste man sogar einen gruseligen Trank aus Brausepulver in Gurkenwasser mit Essig trinken.

Der Nachmittag bot mehr Freiraum. Nach der obligatorischen Mittagsruhe konnte man Tischtennis, Skat oder Mau-Mau spielen oder kleine Ausflüge zu versteckten Lichtungen oder alten Bunkern unternehmen. Diese freien Stunden waren besonders wertvoll, da man sich in ihnen verlieren konnte, in Gesprächen, im Spiel oder einfach in der Sonne.

Gemeinschaft, erste Gefühle und geheime Abenteuer
Im Ferienlager entstand Gemeinschaft, nicht weil sie befohlen wurde, sondern weil sie einfach passierte. Doch die Tage waren nicht nur durchorganisiert. Nachts entwickelte sich eine eigene Dynamik; das Austesten von Grenzen gehörte dazu. Kleine Streiche wie Zahnpasta auf der Türklinke oder Wasserbomben waren an der Tagesordnung. Die schlimmste Strafe war es, nach Hause geschickt zu werden, was glücklicherweise selten vorkam. Die älteren Kinder, oft mutiger und übermütiger, schlichen heimlich aus dem Lager oder lauschten an den Baracken der Mädchen – manche rauchten sogar heimlich oder tranken Schnaps. Das oberste Gebot war: „sich bloß nicht erwischen lassen“. Doch in diesen Momenten lernte man auch Verantwortung und gegenseitige Hilfe.

Ferienlager waren oft auch der Ort der allerersten großen Gefühle. In der siebten Klasse wurde das „uninteressante andere Geschlecht“ plötzlich zum wichtigsten Thema. Am Lagerfeuer oder bei der Lagerdisco passierten die ersten Flirts, heimlich wurden Zettel getauscht, und ein Blick oder ein Kichern konnte alles verändern. Ein Abschiedskuss war der Höhepunkt dieser jungen Romanzen, Gefühle, die in Filmen wie „Sieben Sommersprossen“ festgehalten wurden und die ersten Schritte aus der Kindheit markierten.

Doch nicht jeder Moment war leicht. Heimweh schlich sich besonders in den ersten Nächten durch die Ritzen der Barackenfenster. Briefe nach Hause waren ein „Rettungsanker“, oft wichtiger war jedoch der beigelegte Geldschein, der wie „Weihnachten im Juli“ war und den Kauf von Süßigkeiten im Konsum ermöglichte. Trotz kleinerer Konflikte und Mutproben wie dem nächtlichen Gang zur Toilette, waren es gerade diese Herausforderungen, an denen die Kinder wuchsen. Am Ende zeigte sich immer der Zusammenhalt: Weinte einer, saß jemand daneben; wurde jemand vermisst, suchten alle. Das Ferienlager war trotz seiner Rauheit ein Schutzraum.

Zwischen Völkerfreundschaft und sozialistischer Erziehung
Die Ferienlager in der DDR waren auch ein Ort der politischen Bildung – „Sozialismus zum Anfassen“. Die politische Erziehung war stets präsent, vom Fahne hissen und gemeinsamen Singen beim Appell bis hin zu kleinen Vorträgen über Themen wie Frieden oder Klassenkampf. Werte wie Gemeinschaft statt Egoismus, Ordnung und gegenseitige Hilfe wurden in Spielen und Aufgaben vermittelt. Für die Kinder war dies normal, da das Lager die organisierte, disziplinierte und solidarische Welt der DDR in Miniatur widerspiegelte.

Interessanterweise öffneten sich einige Lager auch über die Grenzen hinaus. Zwischen 1950 und 1960 nahmen DDR-Ferienlager sogar westdeutsche Kinder auf. Organisiert über die „zentrale Arbeitsgemeinschaft Frohe Ferien für alle Kinder“, sollte Kindern aus kinderreichen oder arbeitslosen Haushalten ein kostenloser Aufenthalt ermöglicht werden, um ihnen die „vermeintlichen Vorzüge des Sozialismus“ nahezubringen. Trotz anfänglicher Unterschiede in Akzent, Kleidung und Verhalten, prägten oft gemeinsame Tischtennis-Matches oder Lagerfeuerabende die Erinnerung, nicht die Ideologie. Nach dem Mauerbau endeten diese Westkontakte abrupt, kehrten aber in den 70er- und 80er-Jahren im Zuge der Entspannungspolitik kurzzeitig zurück. Nun kamen Kinder aus sozialistischen Bruderstaaten wie Polen, Ungarn oder der Tschechoslowakei, aber auch wieder westdeutsche Kinder aus DKP-nahen Haushalten. Der offizielle Zweck war „Völkerfreundschaft“ und „internationale Solidarität“, doch oft entstand etwas ehrlicheres: tiefgehende Freundschaften. Es wurden Adressen, Schokolade und Geschichten getauscht, und manchmal fand eine heimliche Kassette mit Rockmusik aus dem Westen ihren Weg in die Koffer. Die Kinder verstanden sich oft besser als die Ideologien, die sie begleiteten.

Der Abschied und die bleibenden Erinnerungen
Der letzte Tag kam für die meisten viel zu schnell. Koffer wurden mit einem „riesigen Klumpen aus benutzten Klamotten“ gefüllt und oft musste man sich mit einem Freund daraufsetzen, um ihn wieder zubekommen. Der Abschied schlich sich langsam ein, in den letzten Liedern, den verstohlenen Blicken und einem letzten Kuss der Sommerliebe. Manchen Tränen folgten stille Blicke aus dem Busfenster, und schon auf halber Strecke wurden die schönen Momente zu unvergesslichen Erinnerungen. Zu Hause wurde fast alles erzählt – von Nachtwanderungen bis zur Lagerdisco. Doch eines war allen klar: „Ferienlager, nächstes Jahr auf jeden Fall wieder“.

Diese Zeit, die vielleicht vergangen ist, wird niemals vergessen – eine Ära voller Regeln und Freiheit, voller erster Gefühle und prägender Erfahrungen, die das kollektive Gedächtnis einer Generation formten.

Berlins Geisterbahnhöfe: Unsichtbare Zeitkapseln der Teilung

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Manchmal, wenn man mit der Berliner U-Bahn durch die dunklen Tunnel rauscht, taucht plötzlich ein leerer, stiller Bahnsteig auf. Was man in diesem flüchtigen Moment sieht, ist kein Zufall, sondern ein stummes Überbleibsel des Kalten Krieges. Willkommen in der faszinierenden und oft gespenstischen Welt der Berliner Geisterbahnhöfe – Orte, an denen die Geschichte der Teilung tief unter der Erde weiterlebt.

Die U-Bahn als Nervensystem einer Weltstadt
Bevor Berlin durch die Mauer in zwei Hälften geschnitten wurde, war die Stadt ein pulsierendes Zentrum, eine Weltstadt mit über vier Millionen Menschen und einem unstillbaren Bedürfnis nach Bewegung. Die U-Bahn, deren erster Zug bereits 1902 rollte, war das Herzstück dieser Metropole. Sie war nicht nur ein technisches Wunderwerk, sondern auch ein ästhetisches: Architekten wie Alfred Grenander schufen aus einfachen Haltestellen begehbare Kathedralen des Alltags. Die U-Bahn war das Nervensystem, das Kieze, Menschen und Welten miteinander verband. Selbst die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, bei denen Viadukte in Schutt gelegt und Tunnel geflutet wurden, konnten das System nicht dauerhaft lahmlegen – schon wenige Tage nach Kriegsende rollten wieder Züge, ein Zeugnis der Berliner Widerstandskraft.

Die schleichende Spaltung unter der Erde
Die Teilung Berlins kam nicht mit einem Paukenschlag, sondern schleichend und bürokratisch. Während Berlin oberirdisch zur geopolitischen Sollbruchstelle zwischen vier Siegermächten und ihren Ideologien wurde, fuhr die U-Bahn tief unten in den Tunneln zunächst einfach weiter. Das Netz blieb technisch verbunden, obwohl zwei Betreiber – die BVG im Westen und die BVB im Osten – entstanden waren.

Besondere Kopfschmerzen bereiteten den Verantwortlichen die Nord-Süd-Linien U6 und U8. Diese Linien fuhren von West nach West, durch das Herz Ost-Berlins. Ein infrastrukturelles Paradoxon: Die Bahnhöfe lagen im Osten, aber die Züge gehörten dem Westen. Aus Angst vor einer Blockade durch den Osten rüstete der Westen pragmatisch auf, baute Wendeanlagen und entwarf Sicherheitskonzepte. Die wichtigste Regel: Nie durfte mehr als ein Zug gleichzeitig im Ostabschnitt unterwegs sein, um bei einem plötzlichen Zuschlagen des Ostens nicht alle Fahrzeuge zu verlieren. Eine düstere Vorahnung bewahrheitete sich im Juni 1953, als die West-BVG beim Volksaufstand der DDR kurzzeitig 18 Züge verlor. Der Schock saß tief, und die Vorsicht wurde noch größer.

Der 13. August 1961: Die Geburt der Geisterbahnhöfe
Diese absurde Koexistenz hielt fast ein Jahrzehnt an. Doch dann kam der Moment, der alles veränderte: der 13. August 1961. Über Nacht verwandelte sich Berlin in eine getrennte Stadt. Was oben mit Soldaten, Stacheldraht und Beton begann, setzte sich unten im Untergrund fort. Die U-Bahn, einst ein Symbol der Verbindung, wurde über Nacht zur Grenzzone. Die Züge aus dem Westen durften zwar weiterhin durch Ost-Berlin fahren, aber sie durften nicht halten, die Türen nicht öffnen – nur durchrauschen. Die Bahnhöfe im Osten wurden abgeschlossen, versiegelt und verdunkelt. Das Phänomen der Geisterbahnhöfe war geboren.

Diese Geisterbahnhöfe waren keine stillgelegten Stationen am Stadtrand. Nein, sie befanden sich mitten im Herzen der Stadt, leer, schwarz und lautlos. Die Namen verschwanden, die Lampen wurden abgeschaltet. Wer aus dem Westen kam, fuhr minutenlang durch Dunkelheit, vorbei an verbotenen Orten, wo Grenzpolizisten mit Gewehren hinter Gittern auf leeren Bahnsteigen standen. In diesen Momenten wurde der Kalte Krieg auf beklemmende Weise sichtbar. Der Osten sicherte diese dunklen Stationen mit Stacheldraht im Gleisbett, Druckplatten und Lichtschranken, um Fluchtversuche zu verhindern.

Die Ausnahme und die Absurdität der Kosten
Eine bemerkenswerte Ausnahme war der Bahnhof Friedrichstraße, der einzige offiziell geöffnete Zugang zur DDR per U-Bahn. Er funktionierte wie ein Grenzbahnhof im Untergrund, komplett mit Schleusen, Passkontrollen und Transitbereichen, die mehr an einen Flughafen als an Nahverkehr erinnerten.

Trotz aller ideologischer Feindschaft blieben die Tunnel aus rein finanziellen Gründen offen. Die West-BVG zahlte der DDR jedes Jahr rund 20 Millionen D-Mark für das Durchfahrtsrecht. Eine absurde Geschäftsbeziehung. Kommunikation gab es kaum; bei Störungen im Osten blieben die Züge im Westen einfach stehen, man wartete und hoffte. Die U-Bahn wurde so zur Bühne eines surrealen Schauspiels.

Französische Straße: Der Bahnhof, der zweimal verschwand
Wenn es einen Bahnhof gibt, der die Geschichte der Berliner Teilung besser erzählt als jedes Geschichtsbuch, dann ist es die Französische Straße. 1923 eröffnet, lag sie mitten im pulsierenden Herzen der Hauptstadt. Doch 1961, mit dem Mauerbau, wurde sie zur Geisterstation erklärt. Der Bahnsteig lag im Ostsektor, die Züge aus dem Westen durften nicht mehr halten. Die Lichter gingen aus, die Eingänge wurden zugemauert, das Personal abgezogen, ersetzt durch Volkspolizei mit Maschinenpistolen. Fast drei Jahrzehnte lang war sie ein Mahnmal, ein leerer Bahnsteig voller Bedeutung, sichtbar für die Fahrgäste in den vorbeifahrenden Zügen.

Nach dem Mauerfall 1990 wurde die Französische Straße wiedereröffnet. Plötzlich gab es wieder Schritte auf dem Bahnsteig, Stimmen, haltende Züge. Doch die Geschichte sollte hier nicht enden. Im Jahr 2020, mit der Fertigstellung der lang geplanten U5-Verlängerung, wurde in unmittelbarer Nähe die neue, moderne Umsteigestation Unter den Linden eröffnet. Nur etwa 200 Meter entfernt – zu nah für zwei Haltestellen in einem effizienten Netz. Die Konsequenz: Die Französische Straße wurde erneut geschlossen. Diesmal ohne Drama, ohne Wachturm, ohne Mauer – einfach, weil es planerisch sinnvoll war. Sie wurde stillgelegt, nicht abgerissen, nur geschlossen. Die alten Eingänge stehen noch, versiegelt mit Gittern, die Rolltreppen schweigen. Manchmal brennt noch Licht am Bahnsteig, vielleicht für Wartungsarbeiten, vielleicht aus Sentimentalität.

Ein Ort der Erinnerung im Stillen
Die Französische Straße ist heute ein Geisterbahnhof im wörtlichsten Sinne. Kein Mahnmal, kein Museum, kein offizielles Denkmal, sondern einfach ein Ort, der da ist, aber nicht betreten werden darf. Sie ist ein „Unort mit Charakter“, eine stille Klammer zwischen dem Berlin, das war, und dem, das noch kommen wird. Ein Bahnhof, der zweimal verschwindet, ist mehr als nur Infrastruktur; er ist ein Gedächtnisort, ein architektonischer Abdruck von Geschichte. Die Geisterbahnhöfe waren keine geplanten Denkmäler, und genau das macht sie so ehrlich. Sie wurden stehen gelassen, vergessen oder bewusst ignoriert, und doch haben sie überlebt – als stille Kulissen in einem unterirdischen Drama, das niemand aufführte, aber jeder mitspielte.

Die Berliner U-Bahn ist mehr als ein Verkehrsmittel; sie ist ein Archiv, eine Zeitmaschine auf Schienen. Oben verändert sich die Stadt, unten bleibt sie manchmal stehen – und genau darin liegt ihre Kraft. Wenn du das nächste Mal durch Berlin fährst, schau genauer hin. Vielleicht rollst du gerade durch eine Geschichte, die du noch nicht kanntest. Vielleicht entdeckst du einen Bahnsteig, der nichts tut und trotzdem etwas sagt. Und vielleicht merkst du dann, dass auch die stillsten Orte in einer Stadt eine Stimme haben – man muss nur wissen, wo man hinhört.

SVT18.16 Görlitz – Der elegante Star kehrt zurück

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Ein historisches Meisterwerk deutscher Eisenbahngeschichte, der VT 18.16, auch bekannt als SVT18.16 Görlitz, steht kurz vor seiner Rückkehr auf die Gleise. Nach einer jahrelangen Ruhephase und einer aufwendigen Restaurierung, die bereits 7 Millionen Euro gekostet hat, soll der einst so elegante Triebwagen schon bald wieder über die Schienen flitzen. Die ersten Probefahrten sind für August am Harz Nordrand zwischen Öburg und Aschersleben geplant.

Der VT 18.16 war einst der Star der Deutschen Reichsbahn. Vom Waggonbau Görlitz entwickelt, wurde der Prototyp 1963 auf der Frühjahrsmesse in Leipzig vorgestellt. Der Zug wurde speziell für den internationalen Verkehr konzipiert und verkehrte auf Strecken nach Skandinavien, Österreich und ins heutige Tschechien. Seine Bezeichnung SVT steht für Schnellverbrennungstriebwagen, da er dieselhydraulisch betrieben wurde – praktisch angesichts der nicht durchgängigen Elektrifizierung und unterschiedlichen Systeme. Die Zahlen 18 und 16 in seinem Namen weisen darauf hin, dass beide Triebfahrzeuge zusammen 1800 PS leisteten und der Zug bis zu 160 km/h schnell fahren konnte. Zwischen 1965 und 1968 wurden sieben weitere Triebzüge gebaut. Der letzte SVT wurde im Jahr 2003 ausgemustert. Der hier restaurierte Zug stammt übrigens aus dem Bestand des DB Museums in Nürnberg.

Die Wiederbelebung dieses „Stars“ ist ein Mammutprojekt, das von unermüdlichem Einsatz und Leidenschaft getragen wird. Im Führerstand bereitet sich Michael Brandes darauf vor, den 1000 PS Motor des Triebwagens zu starten, ein Moment voller Anspannung und Aufregung. Ein Teil des Zuges kann bereits aus eigener Motorkraft rollen, während an anderen Segmenten noch fleißig gearbeitet wird. Der Zug ist derzeit vierteilig, wobei ein weiterer Wagen in der Werkshalle entdeckt wurde und der letzte Teil noch versteckt ist.

Herzblut und Handarbeit: Die unsichtbaren Helden der Restaurierung
Die Restaurierung des SVT18.16 Görlitz, die von der 2018 gegründeten SVT Görlitz GmbH initiiert wurde, die den Zug 2019 zunächst witterungsgeschützt nach Dresden überführte, ist vor allem das Werk zahlreicher engagierter Eisenbahnfans. Diese Freiwilligen stecken ihre Freizeit und ihr Herzblut in das Projekt. Viele Arbeiten wären schlichtweg unbezahlbar, wäre da nicht der unermüdliche Einsatz dieser Menschen.

Zu den umfangreichen Aufgaben gehören:

• Der Einbau neuer Druckluftschläuche für die Bremsanlage, da die alten Schläuche nicht mehr verwendet werden konnten. Dies ermöglicht in Kürze die Durchführung erster Bremsversuche.

• Die komplette Aufarbeitung sämtlicher Fenster des Zuges, eine Aufgabe, die von einem einzelnen Restaurator mit großer Hingabe bewältigt wurde. Für ihn ist der Zug eine lebenslange Begleitung; er sah ihn bereits als 12-jähriges Kind regelmäßig zwischen Berlin und Wien verkehren.

Die Arbeiten finden in Halberstadt bei der Verkehrsindustriesysteme GmbH (VIS) statt, einem Standort mit über 180 Jahren Eisenbahngeschichte, der nach 1949 zu einem wichtigen Hersteller von Reisezugwagen für die Deutsche Reichsbahn wurde und heute noch Fahrzeuge instand hält.

Originaltreue trifft Barrierefreiheit
Das Ziel der Restaurierung ist die originalgetreue Wiederbelebung des VT 18.16. Doch das Projekt blickt auch in die Zukunft und öffnet Türen für Neues: Um den problemfreien Zugang für mobilitätseingeschränkte Personen zu ermöglichen, wird ein zweiter, klappbarer Türflügel an den Türen angebracht. Dieser kann eingeklappt werden, um die Türöffnung zu verbreitern. Im Innenraum, der wieder besichtigt werden konnte, sind Details wie Gardinen und die acht Sitzplätze im Zweite-Klasse-Abteil zu sehen.

Das gesamte Projekt hat bisher 7 Millionen Euro verschlungen und ist darauf angewiesen, dass geplante touristische Sonderfahrten Geld in die Kassen spülen. Es wird höchste Eisenbahn, dass der Zug in Betrieb genommen werden kann, denn die Fertigstellung der restlichen Arbeiten ist für das dritte Quartal dieses Jahres geplant, womit das Projekt eine geplante Verzögerung von fast zwei Jahren aufholen würde. Die erste Sonderfahrt ist bereits für den 6. September geplant, mit dem Ziel, jährlich 40 bis 50 Sonder- und Charterfahrten durchzuführen. Der Zug kann nicht in seine alte Halle in Dresden zurückkehren, aber eine neue Halle wird derzeit in Radebeul gebaut.

Neben dem SVT Görlitz konnten Besucher beim Tag der offenen Tür in Halberstadt auch andere interessante Wagen bestaunen, darunter sogenannte Orient Express- oder Rheingoldwagen, die ebenfalls auf ihr neues Leben warten und restauriert werden sollen.

Mit den bevorstehenden Probefahrten und dem Start der Sonderfahrten rückt der Traum vieler Eisenbahnfreunde und die Wiederbelebung eines wertvollen Stücks Eisenbahngeschichte in greifbare Nähe. Der alte neue SVT Görlitz wird bald wieder zu sehen sein – so wie einst.

Ilko-Sascha Kowalczuk: Der „Punk unter den Historikern“ im Kampf für Freiheit und Widerspruch

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Berlin. In einer Zeit, in der die Grundfesten von Demokratie und Freiheit vielerorts auf dem Prüfstand stehen, fordert der Historiker und Autor Ilko-Sascha Kowalczuk mit scharfen Analysen und einer unerschrockenen Haltung zum aktiven Widerspruch auf. Für ihn geht es um nichts Geringeres als „Demokratie versus Diktatur“ und „Freiheit versus Unfreiheit“, eine Auseinandersetzung, die ihn aufgrund seiner eigenen Erfahrungen mit der Diktatur der DDR zutiefst persönlich antreibt.

Kowalczuk, der sich selbst als „diktaturgeschädigt“ bezeichnet, ist bekannt für seine provokative Art, die ihm den Ruf einbrachte, der „Punk unter den Historikern“ zu sein. Er wirkt „wie sowas anderes“ inmitten von Konvention und Langeweile in der Geschichtswissenschaft. Diese Haltung sei jedoch keine Attitüde, sondern Ausdruck seines Wesens und seiner Überzeugung, dass wir nur „wirklich weiter mit Widerspruch, mit Widerstand, mit Dagegenhalten“ kommen. Für ihn ist dies das „Salz in der Suppe von Demokratie und Freiheit“ und der „Motor der Entwicklung“.

Widerspruch als Motor der Demokratie, nicht als Gebrüll
Kowalczuk differenziert klar zwischen „Widerstand“ und „Widerspruch“. Während Widerstand an Diktaturen gebunden und dort notwendig ist, um die Diktatur zu überwinden, ist in einer parlamentarischen Demokratie die Opposition die zentrale Kraft, um die Demokratie lebendig zu halten. Es gehe darum, „Opposition mit Widerspruch, mit Dagegenhalten“ zu üben.

Er räumt ein, dass es scheinbar viel Widerspruch gebe, insbesondere in sozialen Medien, wo allem „immer Widerspruch“ begegnet werde. Doch er bezweifelt, dass dies echter Widerspruch ist. Für Kowalczuk hat Widerspruch mit Substanz zu tun und muss „rational nachvollziehbar“ sein. Er kritisiert, dass Meinungen oft zu Fakten erklärt werden und dass eine „hohe zum Beispiel Wissenschaftsfeindlichkeit“ die Gesellschaft durchzieht. Stattdessen brauche es „empirisch basierte Aussagen“, um Lösungen zu finden und nicht, um einander „niederzubrüllen“. Er plädiert zudem für einen „konstruktiven Journalismus“, der auch Positives berichtet und diejenigen in den Mittelpunkt rückt, die das Land durch Ehrenämter am Laufen halten.

Demokratie ist für ihn keine „Konsensangelegenheit“, sondern eine „Kompromissgesellschaft“. Es sei entscheidend, den politischen Gegner als solchen anzuerkennen und ihm zu unterstellen, „das Beste für unsere Gesellschaft“ zu wollen, selbst wenn er ganz andere Wege vorschlägt. Nur so bleibe man „koalitionsfähig“ und könne Kompromisse erarbeiten. Die Verwandlung politischer Gegner in Feinde, wie in den USA durch Trump zur Meisterschaft geführt, sei eine langfristige Strategie zur Zerstörung der demokratischen Grundordnung.

Ostdeutschland als „Brennglas unserer Welt“
Ein zentrales Thema in Kowalczuks Arbeit ist Ostdeutschland, das er als „Brennglas unserer Welt“ bezeichnet. Er sieht es als ein „Feldversuch“ oder „Mahnmal“, denn in Ostdeutschland passiert „seit vielen Jahren ungefähr seit 20 Jahren alles früher schneller und radikaler als anderswo“. Was sich dort herausbilde, geschehe in vier bis acht Jahren auch im Westen.

Die Ursachen dafür sind vielschichtig. Die Einführung der D-Mark am 1. Juli 1990 war eine „größte Zäsur“. Millionen Menschen verloren Arbeitsplätze und Institutionen. Der „Transformationsschock“ im Osten war hart, auch wenn der bundesdeutsche Sozialstaat die Gesellschaft auffing. Was nicht kompensiert werden konnte, waren „kulturelle Verluste“ mit „mentalen Folgen“. Kowalczuk erläutert, dass im Osten der Arbeitsplatz nicht nur der Broterwerb war, sondern ein ganzes Lebensgefühl und umfassende soziale, kulturelle und versorgende Funktionen bot. Mit dem Wegfall dieser Arbeitsplätze und Institutionen brach ein ganzer Lebenskontext weg, was zu einem „Phantomschmerz“ führte.

Er widerspricht der verbreiteten Rede von der verlorenen „Gemeinschaft“ im Osten. Er erklärt, dass die DDR eine „verstaatlichte Gesellschaft“ war, in der Staat und Gesellschaft eins gedacht wurden und Organisationen eigentlich staatlich waren. Die Menschen wurden in einen kollektivistischen Anpassungsdruck sozialisiert, der die „organisierte Verantwortungslosigkeit“ förderte. Kowalczuk selbst erlebte dies als Kind und Jugendlicher, als seine Umgebung ihn zum „Feind konstruierte“, nur weil er sich nicht bedingungslos anpassen wollte. Diese Erfahrung prägte ihn zutiefst und führte zu seiner „politischen DNA“, „nie wieder die Fresse zu halten“.

Die gefährliche Verharmlosung der Diktatur
Die Beschäftigung mit dem Osten ist für viele eine „lebendige Gegenwart“, da die Vergangenheit immer zum Vergleich dient. Doch Kowalczuk warnt energisch vor der „Verharmlosung und Verharmlosung der Diktatur als tödliches Gift“. Er hat „null Verständnis“ dafür, wenn jemand eine Diktatur „verharmlost“ oder „schöngeredet“. Sein eigenes „Diktaturschaden“ macht ihn zum unerbittlichen Kämpfer gegen solche Narrative. Er litt „körperlich“ unter dem Gefühl der Unfreiheit, als ein „scheiß Staat vorschreiben wollte, wo ich hinfahre, was ich für Bücher lese, welche Musik ich höre“.

Das Problem sei, dass viele in der DDR nicht merkten, dass sie in einer Diktatur lebten. Er kritisiert, dass selbst die angepassten Lebensweisen in der DDR heute oft nostalgisch verklärt werden, anstatt sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Er sieht dahinter einen „tiefen Hass auf den liberalen Verfassungsstaat“, der sich in der Nähe zu Putin-Narrativen oder der Verherrlichung des Putin-Regimes zeige. Für Kowalczuk sind geschichtspolitische Debatten deshalb relevant, weil sie „ganz viel mit unserer Gegenwart und unserer Zukunftsgestaltung zu tun“ haben.

Ein unermüdlicher Kämpfer für Freiheit
Kowalczuk versteht seinen Job als Historiker als einen „politischen Job“. Er ist nicht naiv gegenüber der Welt, erkennt aber an, dass wir in der „besten aller bisherigen Welten“ leben, verglichen mit früheren Zeiten, trotz der aktuellen Krisen. Dennoch lehnt er es ab, sich zurückzulehnen. Er empfindet eine tiefe Notwendigkeit, sich für die Verteidigung der Freiheit einzusetzen. Es gebe keine Pflicht dazu, aber er fühlt sie.

Für ihn funktioniert Freiheit „nur, wenn es für alle da ist“. Er will seine Freiheit nicht denjenigen ausliefern, „die diese Freiheit abschaffen wollen wie die faschistische AfD wie die leninistische wie das leninistische Bündnis von Sarah Wagenknecht“. Seine Wut und sein Engagement sind sein Motor, um „die anderen nicht das Feld zu überlassen“.

Am Ende des Gesprächs auf die Frage, was er auf eine große Plakatwand am Alexanderplatz schreiben würde, antwortet Kowalczuk kurz und prägnant: „Freiheit.“ Eine Botschaft, die seine Arbeit, seine Persönlichkeit und sein unermüdliches Eintreten für die Grundwerte unserer Gesellschaft zusammenfasst.

Das erste WBS 70-Wohnhaus in Neubrandenburg erhält ein neues Dach

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Neubrandenburg – Es ist ein Gebäude von besonderer Bedeutung für die Stadt Neubrandenburg und die deutsche Architekturgeschichte: das Wohnhaus in der Koschaliner Straße 1 bis 7. Dieses Gebäude ist nicht nur ein Zuhause für seine Bewohner, sondern auch ein Zeugnis seiner Zeit – es ist das allererste in Plattenbauweise der Wohnungsbauserie 70 (WBS 70) errichtete Gebäude überhaupt. Als Ikone der Architektur steht es unter Denkmalschutz und wird dementsprechend behutsam erhalten und gepflegt. Genau das war in den vergangenen Wochen der Fall, als das Gebäude einer dringenden Instandsetzung unterzogen wurde.

Akute Gefahr am Giebel
Anfang Juni bot sich den Passanten ein ungewohntes Bild: Betonplatten vom Dach und Gebäudekörper lagerten vor dem Haus, und das Gebäude war teilweise eingerüstet. Der Grund dafür war ein akutes Schadensbild im Giebelbereich: Eine sogenannte Drempelplatte drohte sich herauszudrücken und abzustürzen. Der Drempel ist der Bereich zwischen dem letzten Obergeschoss und dem eigentlichen Dach, wo auch das Regenwasser über einen Dachsteg in der Mitte in die Stränge abgeleitet wird. Nach all den Jahren hatte sich dieser Dachsteg an einer Stelle gesenkt und drückte nun gegen die Drempelplatte der Giebelfassade.

Komplexe Rettungsaktion mit Fachkräften
Um das Problem zu beheben, musste das Dach im entsprechenden Bereich geöffnet und abgedeckt werden. Bereits im Mai begannen die Arbeiten, bei denen ein nicht gerade kleiner Kran zum Einsatz kam, um Betonplatte für Betonplatte sicher nach unten zu befördern. Für die Bauphase wurde zudem eine provisorische Behelfsdachabdeckung installiert.

Die Instandsetzung war ein Paradebeispiel für koordinierte Zusammenarbeit und Professionalität, besonders da es sich um ein bewohntes Objekt handelte. Insgesamt waren vier spezialisierte Unternehmen an dem Projekt beteiligt:

• Ein Unternehmen für den Rückbau und die Montage der einzelnen Betonelemente.

• Der Gerüstbauer, der das Behelfsdach über den Drempelbereich setzte, während das eigentliche Dach komplett geöffnet war.

• Ein Dachdeckerunternehmen, das die Abdichtung wiederherstellte.

• Ein weiteres Unternehmen, spezialisiert auf die Wiederherstellung der Fugen in Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt.

Herausforderung Denkmalschutz: Exaktheit bis ins Detail
Die besondere Herausforderung bei dieser Instandsetzung war die Auflagen des Denkmalschutzes. Die äußerlich sichtbaren Plattenelemente des schadhaften Bereichs mussten so aufgearbeitet werden, dass ein stimmiges, originalgetreues Gesamtbild des Gebäudes erhalten bleibt. Bei solchen Denkmalschutzprojekten geht es immer um Exaktheit bis hin zu Farbnuancen und Fugmaßen. Dieser Feinschliff wurde zum Abschluss der Baumaßnahme vorgenommen.

Erfolgreicher Abschluss
Das große Finale fand am letzten Junitag statt, erneut unter Einsatz des großen Krans. Das Behelfsdach hatte seinen Zweck erfüllt und wurde abgebaut. Der Dachsteg sitzt nun wieder fest in Position, sodass Drempel und Dachabdeckung anschließend Stück für Stück geschlossen und fachgerecht abgedichtet werden konnten.

Mit dieser aufwendigen Instandsetzung wurde das WBS 70-Original gesichert – als Zuhause für seine Bewohner und als unverzichtbares Architekturdenkmal für Neubrandenburg.

Sachsens MP Michael Kretschmer – Minderheitsregierung als Chance

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Dresden/Berlin. Michael Kretschmer (CDU), der Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, hat in einem aktuellen Interview mit dem YouTube-Kanal „Jung & Naiv“ ausführlich über die besonderen Herausforderungen seiner Minderheitsregierung, den Umgang mit der erstarkten AfD sowie die drängendsten sozialen und wirtschaftlichen Sorgen der Bevölkerung gesprochen.

Minderheitsregierung in Sachsen: Pragmatismus statt Fraktionszwang
Kretschmer bezeichnet die Minderheitsregierung in Sachsen als eine „echte Herausforderung“, die er jedoch als Ausdruck des Wählerauftrags und nicht als Problem betrachtet. Er sieht darin eine Rückbesinnung auf Prinzipien der Kommunalpolitik, in der es laut ihm keine Koalitionsverträge oder Fraktionszwang gibt und der Fokus auf das Zuhören und die sachliche Auseinandersetzung liege.

Die Regierungsarbeit wird durch einen sogenannten „Konsultationsmechanismus“ gestaltet: Gesetzesvorschläge der Regierung werden allen im Parlament vertretenen Parteien – CDU, SPD, BSW, Linke, Grüne und AfD – vorgelegt, um Mehrheiten zu finden, bevor das eigentliche Gesetzgebungsverfahren beginnt. Kretschmer betont, dass alle gewählten Abgeordneten „die gleichen Rechte und Pflichten“ hätten, nämlich an der Gesetzgebung mitzuwirken und das Beste für das Land zu tun. Als Beispiel für erfolgreiche Konsultationen nannte er den Haushalt, in dem Vorschläge von Grünen und Linken zur Kultur- und Sportförderung sowie zur Feuerwehrunterstützung aufgenommen wurden, auch wenn diese ursprünglich wegen der Haushaltslage gekürzt worden wären. Verhandlungen mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) für eine breitere Mehrheit seien gescheitert, da die BSW eine Regierungsbeteiligung damals nicht gewollt habe.

AfD: „Gesichert rechtsextrem“, aber kein Verbot als Lösung
Ein zentrales Thema war die Alternative für Deutschland (AfD). Kretschmer hob hervor, dass der sächsische Landesverband der AfD im Gegensatz zu vielen anderen Bundesländern vom Landesamt für Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft wird. Dies sei ein Resultat der „konsequenten Art Kampf gegen Rechtsextremismus“ in Sachsen.

Trotz dieser Einstufung spricht sich Kretschmer gegen ein bundesweites AfD-Verbotsverfahren aus. Er argumentiert, dass die juristischen Hürden dafür sehr hoch seien und ein Scheitern des Verfahrens der AfD einen „Persilschein“ ausstellen und sie stärken würde, ähnlich wie es bei der NPD der Fall war. Stattdessen sei der „Wert einer solchen Einstufung“ (als gesichert rechtsextrem) „riesig hoch“, da sie dem „mündigen, bewusst entscheidenden Bürger“ Informationen für seine Wahlentscheidung liefere. Kretschmer zufolge muss man „den Nährboden“ entziehen, auf dem die AfD gedeiht, indem man die eigentlichen Probleme der Menschen löst.

Bezüglich der Rhetorik der AfD, wie der vom Interviewer zitierten Aussage des sächsischen AfD-Chefs, ihn „jagen“ zu wollen, zeigte sich Kretschmer unbeeindruckt und betonte, er lasse sich „nicht treiben lassen, nicht jagen lassen, nicht verrückt machen lassen“. Er forderte die Bürger auf, sich gegen die „Verrohung der Sprache“ zu wehren.

Wirtschaft und Soziales als Mittel zur Problemlösung
Kretschmer ist überzeugt, dass die effektivste Strategie gegen den Populismus darin besteht, die „Probleme aus der Welt [zu] schaffen, die aus Sicht der Bevölkerung die drängendsten Sorgen sind“. Basierend auf Nachwahlbefragungen sieht er die Hauptsorgen der Deutschen in den Bereichen Migration, Energiekosten, der Rolle des Staates und dem Ukraine-Krieg.

• Renten und Pflege: Angesprochen auf niedrige Renten und wachsende Altersarmut verwies Kretschmer auf die Stabilisierung des Rentenniveaus als „extrem teure Maßnahme“ der Bundesregierung. Er räumte ein, dass viele Menschen die Pflegekosten nicht mehr tragen können und in die Sozialhilfe rutschen. Er schlug einen „Zwischenweg“ für die Pflegeversicherung vor, bei dem Geringverdiener Zuschüsse erhalten, um Sozialhilfebezug zu vermeiden, was auch die Kommunen entlasten würde. Dies sei jedoch nur durch ein starkes Wirtschaftswachstum finanzierbar.

• Ungleichheit und Vermögenssteuer: Kretschmer lehnte die Forderung nach einer Vermögenssteuer oder höheren Erbschaftssteuern ab. Er argumentierte, dass dies Investitionen behindere und zur Kapitalflucht führe, da Vermögen bereits versteuert worden sei. Sein Fokus liegt darauf, Deutschland zu einem attraktiven Investitionsstandort zu machen, um so Arbeitsplätze und Steuereinnahmen zu generieren und damit letztlich auch soziale Leistungen finanzieren zu können.

• Wohnungsbau und Mieten: Die hohen Mietkosten und der Mangel an bezahlbarem Wohnraum seien hauptsächlich auf „überzogene Standards“ und staatliche Vorgaben im Wohnungsbau zurückzuführen, die das Bauen zu teuer machten. Kretschmer forderte eine Reduzierung dieser Standards, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

• Mindestlohn: Kretschmer bekräftigte seine grundsätzliche Kritik am Mindestlohn in seiner aktuellen Höhe. Er argumentierte, dass er Arbeitsplätze vernichte und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands schwäche, indem er beispielsweise die heimische Erdbeerproduktion gegenüber günstigeren Importen unrentabel mache. Er behauptete, dass „alles, was unter der Produktivität ist, … in diesem Land nicht mehr stattfinden“ werde.

Energie, Verteidigung und Ukraine: Kretschmers Visionen
Beim Ausbau der Windkraft in Sachsen beklagte Kretschmer den Widerstand der Anwohner, der darauf zurückzuführen sei, dass diese nicht ausreichend beteiligt würden. Er sprach sich dafür aus, die unmittelbar Betroffenen an den Erträgen der Windräder zu beteiligen.
Hinsichtlich der Verteidigungsausgaben äußerte Kretschmer Skepsis gegenüber dem 2%-Ziel des BIP. Er plädierte dafür, die militärischen Fähigkeiten der europäischen Mitgliedstaaten „stärker [zu] bündeln“, um mit „deutlich niedrigeren“ Ausgaben auszukommen. Die Europäische Union sei die „Lebensversicherung“ Deutschlands und müsse ihre Kraft im Verteidigungsbereich besser nutzen.

Zum Ukraine-Krieg bekräftigte Kretschmer die Notwendigkeit der Hilfe für die Ukraine angesichts des völkerrechtswidrigen Angriffs. Gleichzeitig betonte er, dass eine diplomatische Lösung notwendig sei, da der militärische Weg allein nicht zum Erfolg führen werde. Er sprach sich dafür aus, auch wieder mit Russland und Präsident Putin ins Gespräch zu kommen, was er selbst zuletzt 2021 getan habe. Er wies die Behauptung, russische Narrative zu verbreiten, entschieden zurück.

Schließlich bewertete Kretschmer das neue Cannabisgesetz als einen „großen Fehler“, der die „Büchse der Pandora“ geöffnet habe. Er ist überzeugt, dass das Gesetz nicht mehr rückgängig zu machen sei und zu einer „wesentlich höheren Anteil von Menschen“ mit psychischen Erkrankungen und Suchtproblemen führen werde.