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Wende im Klassenzimmer: Als SED und Opposition gemeinsam die Kinder schützen wollten

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Zentralbild Höhne-Pohl 19.9.1953 Neue Ausbildungsstätte für künftige Erzieher Mitte September 1953 wurde das Pädagogische Institut für Geographie- und Geschichtslehrer in Dresden eröffnet. UBz: Blick auf das Gebäude, in dem bisher das Institut für Lehrerbildung untergebracht war.
Zentralbild Höhne-Pohl 19.9.1953 Neue Ausbildungsstätte für künftige Erzieher Mitte September 1953 wurde das Pädagogische Institut für Geographie- und Geschichtslehrer in Dresden eröffnet. UBz: Blick auf das Gebäude, in dem bisher das Institut für Lehrerbildung untergebracht war.

Berlin, 7. Dezember 1989. Während draußen die politische Landkarte neu gezeichnet wird und der Runde Tisch zum ersten Mal tagt, spielt sich in den Fluren des Instituts für Lehrerbildung „Clara Zetkin“ ein fast vergessenes Drama ab. Es ist der Versuch, die Unschuld zurückzugewinnen – oder zumindest die Hoheit über die Kinderzimmer der DDR.

Der Raum ist voll, die Luft zum Schneiden dick. Zigarettenrauch mischt sich mit dem Schweiß der Debatte. Wer hier am Tisch sitzt, hätte sich vor vier Wochen noch nicht einmal gegrüßt, geschweige denn zusammengearbeitet. Da sind sie, die Vertreter der alten Macht: Funktionäre der SED, Kader des Demokratischen Frauenbundes (DFD) und Pionierleiter in ihren blauen Hemden, die plötzlich verlegen wirken. Und ihnen gegenüber sitzen die Neuen, die Lauten, die Unbequemen: Vertreter des Demokratischen Aufbruchs, kritische Elternbeiräte und Mitglieder der „Liga für Kinder“.

Ein Riss durch das Klassenzimmer
Das Ziel dieser ungleichen Runde ist ambitioniert, vielleicht sogar naiv: Eine „einheitliche Kinderbewegung“ soll entstehen. Keine staatlich verordnete Marschrichtung mehr, kein Appell im Schulhof. Stattdessen fällt das Wort, das 40 Jahre lang tabu war: „Überparteilichkeit“.

Man spürt die Zerrissenheit in jedem Satz des Gründungspapiers. Die Initiativgruppe will eine Bewegung, die „offen für alle“ ist. Unabhängig von Weltanschauung. Unabhängig von Religion. Es ist eine Bankrotterklärung an das alte System der Thälmann-Pioniere, unterschrieben von genau jenen, die es einst trugen, und jenen, die es bekämpften. Die SED und der Demokratische Aufbruch in einem Boot – vereint durch die Sorge, dass die Jugend ihnen in diesem Chaos komplett entgleitet.

Zwischen Rettungsversuch und Neuanfang
Es ist ein historisches Paradoxon. Während die Mauer offen ist und der Westen lockt, versuchen diese Menschen, eine reformierte DDR-Identität für Kinder zu retten. Sie wollen Interessenvertreter sein, Anwälte der Kleinsten, weg vom Drill, hin zum Spiel, hin zur demokratischen Teilhabe. „Überall dort wirken, wo Kinder leben“, heißt der fromme Wunsch.

Doch dieser 7. Dezember ist mehr als nur ein Gründungsdatum. Er ist ein Symbol für die kurze, intensive Zeit der Anarchie und Hoffnung zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Es ist der Moment, in dem alte Feindbilder für einen Wimpernschlag pausieren, weil niemand weiß, was morgen kommt. Ob diese „einheitliche Bewegung“ überleben wird? Die Geschichte wird zeigen, dass die Pluralität stärker ist als die Einheit. Aber für heute, in diesem Institut, herrscht der Glaube an einen dritten Weg.

Ostalgie als Balsam: Warum die Erinnerung immer milder wird

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Je weiter der Mauerfall in die Ferne rückt, desto wärmer scheint das Licht, in dem die Deutsche Demokratische Republik in der kollektiven Erinnerung vieler Menschen erstrahlt. Doch dieser nostalgische Rückblick, oft als „Ostalgie“ bezeichnet, ist mehr als nur eine harmlose Marotte. Er wirkt wie eine kollektive Blockade, die eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und damit auch die Lösung gegenwärtiger Probleme verhindert. Zu diesem Schluss kommt der Historiker Frank Trentmann in seinem neuen Buch „Die blockierte Republik“, das er kürzlich im Gespräch mit Gert Scobel vorstellte.

Ostalgie als gesellschaftlicher Balsam
Trentmann beobachtet ein faszinierendes Phänomen: Die DDR-Vergangenheit wird zunehmend „rosaroter“ gemalt, und zwar oft von jenen, die sie kaum oder gar nicht bewusst miterlebt haben. Anders als die 68er-Generation im Westen, die rebellisch mit ihren Eltern brach, neigen jüngere Ostdeutsche heute dazu, die Lebensleistung ihrer Eltern zu verteidigen. Sie versuchen, den Biografien der Älteren, die nach 1990 oft Brüche erlitten, ihren „Wert zurückzugeben“. Diese Form der Erinnerung wirkt laut Trentmann wie ein „Balsam“. Sie lindert den Schmerz der Transformationsjahre, macht aber gleichzeitig blind für die historischen Fakten.

Der Mythos von der stabilen Wirtschaft
Ein zentraler Punkt der verklärenden Erinnerung ist die wirtschaftliche Lage. Heutige Probleme im Osten – von Strukturschwäche bis Abwanderung – werden im populären Diskurs oft monokausal der Treuhand und der westdeutschen Übernahme nach 1990 angelastet. Trentmann hält als Historiker dagegen: Viele dieser Probleme waren systemisch in der DDR angelegt.

Die massive Abwanderung qualifizierter Kräfte begann bereits in den 1950er Jahren und war der eigentliche Grund für den Mauerbau. Und ökonomisch stand das Land längst vor dem Abgrund. Trentmann verweist auf interne SED-Dokumente, wonach bereits 1988 ein gutes Drittel der volkseigenen Betriebe faktisch bankrott war. Die Ostalgie dient hier als Schutzschild, um sich nicht mit dem fundamentalen Scheitern der Planwirtschaft auseinandersetzen zu müssen.

Die gefährliche Trennung von Alltag und Diktatur
Am kritischsten bewertet Trentmann jedoch die Tendenz, das „normale Leben“ in der DDR von der politischen Realität abzukoppeln. Es entsteht das Bild eines eigentlich ganz angenehmen Alltags mit sicheren Arbeitsplätzen und guter Kinderbetreuung, der nur zufällig in einer Diktatur stattfand. Diese Sichtweise ist fatal für das demokratische Bewusstsein. Denn in einem totalitären Staat sind Alltag und Herrschaftssystem untrennbar verwoben – von der ideologischen Erziehung in der Kita bis zur Überwachung am Arbeitsplatz.

Zudem räumt das Gespräch mit dem Mythos der klassenlosen Gesellschaft auf. Auch die DDR kannte Ungleichheit, Privilegien für Funktionäre und einen sozialen Status, der sich über den Zugang zu knappen westlichen Konsumgütern definierte.

Die Schlussfolgerung aus Trentmanns Analyse ist unbequem: Solange die Erinnerung an die DDR eher von nostalgischen Gefühlen als von historischen Fakten geleitet wird, bleibt ein Teil der Republik mental blockiert. Eine ehrliche Zukunft braucht eine ungeschminkte Vergangenheit.

Wie das Dresdner DEFA-Trickfilmstudio Welten erschuf, verlor und wiederfand

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Dresden. Als Trickfilmer ist man Gott. Zumindest für die Dauer eines Wimpernschlags, wenn auf einem weißen Stück Papier aus dem Nichts eine Welt entsteht, die eigenen Gesetzen gehorcht. Über drei Jahrzehnte lang war das Dresdner DEFA-Trickfilmstudio genau dieser Olymp für rund 240 Mitarbeiter: Ein Ort, an dem Knete philosophisch wurde, Silhouetten Charakter bekamen und Drahtgestelle politische Parabeln erzählten. Doch wie viele Geschichten der DDR endet auch diese nicht mit einem klassischen Happy End, sondern mit einem harten Schnitt – und einer langsamen Blende in eine neue Zeit.

Die Insel der Glückseligkeit
Gegründet 1955 als Außenstelle der Babelsberger Filmstudios, entwickelte sich Dresden schnell zu einer der bedeutendsten Adressen für Animationsfilm in Europa. Hier entstanden Klassiker wie „Die fliegende Windmühle“ oder die legendären Drahtfiguren „Filopat und Patafil“. Während draußen die Planwirtschaft den Takt vorgab, herrschte drinnen ein anderer Rhythmus. „Eine Insel der Glückseligkeit“ nennt es der Regisseur Ralf Kukula. Man arbeitete im Team, oft generationenübergreifend. Die Alten, die noch das Handwerk der Vorkriegszeit kannten, gaben ihr Wissen an die Jungen weiter – Learning by Doing, lange bevor es diesen Begriff gab.

Doch die Insel war nicht unbemannt. Jeder Film, ob Märchen oder Satire, musste durch die Mühlen der Zensur. Sollte ein brennendes Haus gelöscht werden, durfte keine Demonstration den Weg versperren – das passte nicht ins Bild der sozialistischen Ordnung. Und doch fanden die Künstler ihre Nischen. Sie versteckten Systemkritik in Fabeln oder nutzten abstrakte Formen, um das Sagbare zu dehnen. Der Film „Das Monument“ von Klaus Georgi und Lutz Stützner, in dem ein erstarrtes Denkmal kurz zum Leben erwacht, nur um auf einen Telefonbefehl hin die Position zu wechseln und wieder zu versteinern, lag zwölf Jahre auf Eis. Er wurde erst 1988 fertiggestellt – eine prophetische Parabel auf die Agonie der späten DDR.

Der Sturz in die Realität
Mit dem Fall der Mauer 1989 verbanden viele Trickfilmer die Hoffnung auf kreative Freiheit und internationale Kooperationen. Stattdessen folgte der freie Fall. Eine Übernahme fand nicht statt; das Studio wurde abgewickelt. 1991 rollte die erste Entlassungswelle: Regisseure, Schnittmeister, Dramaturgen. 1993 war das Studio Geschichte.

Die wohl bitterste Szene dieses Dramas spielte sich auf dem Hof des Studios in Dresden-Gorbitz ab. In Containern landeten nicht nur alte Büromöbel, sondern das Herzblut von Jahrzehnten: Filmrollen, Puppen, Kulissen. Dass heute überhaupt noch ein Erbe existiert, ist dem Geistesgegenwart einiger Mitarbeiter zu verdanken, die buchstäblich in die Container stiegen, um das kulturelle Gedächtnis des Studios zu retten. Aus dieser Rettungsaktion entstand das DIAF, das Deutsche Institut für Animationsfilm, das heute Tausende von Artefakten bewahrt.

Auferstanden aus Ruinen
Der Geist des Studios ließ sich jedoch nicht verschrotten. Die, die damals jung waren, machten weiter. Ralf Kukula gründete „BalanceFilm“, Tony Loeser baute „MotionWorks“ in Halle auf. Sie mussten lernen, dass nun nicht mehr der Zensor der Feind war, sondern die Finanzierung. Doch der Erfolg gab ihnen Recht: Filme wie „Fritzi – eine Wendewundergeschichte“ oder Serien wie „Die Abenteuer des jungen Marco Polo“ beweisen, dass die Dresdner Schule – die Liebe zum Detail, das handwerkliche Können und die erzählerische Tiefe – den Systemwechsel überlebt hat.

Heute sitzen die Animatoren oft allein in dunklen Räumen vor Bildschirmen, verbunden über Zoom und Skype. Die haptische Magie der Puppenwerkstatt ist der digitalen Effizienz gewichen. Doch der Kern bleibt derselbe: Der Wunsch, einer toten Materie Leben einzuhauchen. Und im Studio Fantasia geben die Veteranen ihr Wissen nun an Kinder weiter. Wenn dort ein kleiner Baum aus Knete im Stop-Motion-Verfahren umfällt, schließt sich der Kreis. Der Gottkomplex des Trickfilmers lebt weiter – Frame für Frame.

Die DDR ist vorbei. Was wir mitnehmen, ist unsere Verantwortung

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Es gibt Sätze, die tauchen mit einer verblüffenden Hartnäckigkeit immer wieder auf. „In der DDR war alles besser“ gehört ebenso dazu. Genauso wie der gegenteilige Satz: „In der DDR war alles nur schlecht.“ Beide klingen entschieden, beide wirken eindeutig – und beide führen zuverlässig am eigentlichen Kern vorbei. Denn die DDR lässt sich weder retten noch nachträglich reparieren. Sie ist Geschichte. Was geblieben ist, sind die Biografien derer, die in diesem Land gelebt haben, ihre Prägungen, Verletzungen, Strategien und Fähigkeiten. Und mit ihnen bleibt eine Frage, die weit unbequemer ist als jede nostalgische oder anklagende Debatte: Was machen wir heute aus dem, was uns damals geformt hat?

Viele Menschen tragen noch immer einen schweren Rucksack aus dieser Zeit mit sich herum. Gefüllt ist er mit Erinnerungen, mit Enttäuschungen und Erfolgen, mit Stolz, mit Scham, mit Verlust und mit Gewöhnung. Und viele versuchen bis heute, diesen Rucksack leichter zu bekommen, indem sie Vergangenes immer wieder neu verhandeln: Wer trug Schuld? Wer profitierte? Wer litt? Doch diese Rechnungen gehen nicht auf. Vergangenheit lässt sich nicht begleichen wie ein offener Kontoauszug. Verschüttete Milch bleibt verschüttete Milch, ganz gleich, wie lange man den Boden betrachtet oder wie gründlich man ihn analysiert.

Ja, die DDR bot Sicherheit – für viele. Und ja, es gab soziale Nähe, Verlässlichkeit, Gemeinschaft. Gleichzeitig gab es Kontrolle, Anpassungsdruck, Sprachlosigkeit, Angst und Ausgrenzung. Diese Widersprüche auszuhalten, wäre der erste erwachsene Schritt im Umgang mit dieser Geschichte. Stattdessen flüchten wir uns oft in einfache Deutungen. In die Verklärung oder in die Totalverdammung. Beides ist bequem, weil beides entlastet. Beides erspart vor allem die eigentliche Arbeit.

Denn diese Arbeit beginnt nicht im Rückblick, sondern in der Übertragung. Viele Menschen, die in der DDR groß geworden sind, haben Fähigkeiten entwickelt, die heute mehr denn je tragen könnten: improvisieren, organisieren, mit wenig auskommen, durchhalten, zwischen den Zeilen lesen, Unsicherheit aushalten, ohne ständig nach schnellen Lösungen zu rufen. Das sind keine ideologischen Erbschaften. Das sind biografische Ressourcen. Doch sie verkümmern, wenn man in der Vergangenheit wohnen bleibt, statt sie in der Gegenwart anzuwenden.

Wer heute sagt, früher sei alles sicherer gewesen, meint oft nicht die DDR – sondern die eigene Überforderung mit der Gegenwart. Und wer sagt, es sei damals alles nur schlecht gewesen, hat sich häufig mit der eigenen Prägung nie wirklich versöhnt. Beides bindet. Beides lähmt. Beides hält den inneren Rucksack fest auf den Schultern.

Die DDR darf erinnert werden. Sie muss erklärt werden. Sie gehört zur deutschen Geschichte wie jede andere Epoche auch. Aber sie taugt nicht als Dauerwohnung. Wer in der Vergangenheit lebt, verpasst die Gegenwart. Und wer sie als politisches Argument instrumentalisiert, ersetzt Nachdenken durch Trotz. Die entscheidende Frage ist nicht, ob die DDR besser oder schlechter war. Die entscheidende Frage lautet, was wir aus dieser Zeit gelernt haben – und was wir davon heute verantwortlich weitertragen.

Nicht die Sehnsucht nach dem, was war, entscheidet über unsere Zukunft. Sondern der Umgang mit dem, was geblieben ist. Kein System, keine Partei, keine Erinnerungskultur nimmt uns diese Entscheidung ab. Den Rucksack muss jeder selbst abwerfen. Die DDR ist vergangen. Unsere Prägung bleibt. Aber was wir aus ihr machen, liegt allein bei uns.

Und genau darin liegt unsere Freiheit.

Das Echo des Ostens: Warum die DDR im Kopf nicht verschwindet

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Berlin/Halle/Leipzig – Es ist ein kühler Herbstmorgen am Berliner Ostbahnhof. Zwischen sanierten Altbauten und den gläsernen Bürotürmen der New Economy steht eine Gruppe Jugendlicher. Einer trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem Staatswappen der DDR. Hammer, Zirkel, Ährenkranz. Es ist kein ironischer Hipster-Gag, sondern, wie er sagt, ein „Statement“. Aus einer Bluetooth-Box dröhnt „Silly“. Die Szene wirkt wie ein Riss in der Zeit, ein optisches Störgeräusch im modernen Berlin.

Sie ist symptomatisch für ein Phänomen, das Soziologen und Politiker gleichermaßen ratlos zurücklässt: Über drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall verblasst die DDR nicht. Im Gegenteil, sie kehrt zurück – emotionaler, trotziger und lebendiger als zuvor. Aktuelle Umfragen zeigen, dass eine wachsende Mehrheit der Ostdeutschen überzeugt ist, in der DDR habe es „mehr Gutes als Schlechtes“ gegeben. Doch wer glaubt, dies sei nur die Wehmut alter Männer, irrt gewaltig.

Die Sehnsucht nach der verlorenen Sicherheit
Die Reise führt von den Hipster-Vierteln Leipzigs zu den Plattenbauten von Halle-Neustadt. Die Gespräche gleichen sich. Es geht selten um Politik, fast nie um die Stasi oder die Mauer. Es geht um ein Gefühl. „Stabilität“, „Sicherheit“, „Zusammenhalt“ – diese Worte fallen wie ein Mantra.

Friedrich Gottlieb, 77 Jahre alt, sitzt in einem Imbiss in Halle. Seine Rente reicht kaum für das Nötigste. Er rechnet vor: 550 Euro Warmmiete, Strom, Versicherungen. Ihm bleiben 15 Euro am Tag. „In der DDR hatte ich 1150 Mark Rente und lebte gut“, sagt er mit einer Mischung aus Wut und Resignation. Für Menschen wie ihn war die Einheit kein Gewinn an Freiheit, sondern ein Verlust an Würde. Die Entwertung ihrer Lebensleistung durch die Treuhand, die Massenarbeitslosigkeit der 90er Jahre, das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein – all das hat sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt.

Die „Verlorene Generation“ und die Erben
Besonders tragisch ist das Schicksal derer, die zur Wendezeit jung waren. Sie nennen sich die „Verlorene Generation“. Männer wie Heinz Grosner, heute 56, die voller Hoffnung in den Westen gingen, dort als „Ossis“ belächelt wurden und desillusioniert zurückkehrten. „Wir dachten, wir wären Brüder. Aber wir waren Gäste, die man eigentlich nicht wollte“, resümiert er.

Doch das Phänomen hat sich längst vererbt. Selbst Jugendliche, die die DDR nur aus Erzählungen kennen, übernehmen die Narrative ihrer Großeltern. In einer Welt globaler Krisen, befristeter Arbeitsverträge und steigender Mieten wirkt die Erzählung von der „sicheren DDR“, in der niemand seinen Job verlor und die Wohnung fast nichts kostete, wie ein verlockender Gegenentwurf. Die DDR wird in den Köpfen entpolitisiert und zu einer sozialen Utopie umgedeutet.

Ostalgie als Anker in der Globalisierung
Diese Sehnsucht manifestiert sich auch im Konsum. In den Supermarktregalen stehen wieder Club Cola, Spreewaldgurken und Nudossi – oft prominenter platziert als westliche Marken. Es ist ein stiller Protest über die Ladentheke. Wer Ostprodukte kauft, kauft ein Stück Identität. Es ist der Beweis, dass nicht alles aus dem alten Leben schlecht war.

Gleichzeitig dient die Erinnerung als Schutzschild gegen die als überfordernd empfundene Gegenwart, insbesondere im Hinblick auf Migration. Viele Ostdeutsche erleben den gesellschaftlichen Wandel als Kontrollverlust. „Früher mussten wir uns nicht erklären“, sagt ein ehemaliger Lehrer. Die DDR war homogen, überschaubar. Die heutige Vielfalt wird oft nicht als Bereicherung, sondern als Konkurrenz um knappe Ressourcen und als weitere Instabilität wahrgenommen.

Nostalgie als Kritik an der Gegenwart
Die wachsende DDR-Nostalgie ist kein Wunsch nach der Rückkehr der Diktatur. Niemand will die Stasi zurück. Sie ist vielmehr ein Indikator für das, was heute fehlt: Verlässlichkeit und soziale Wärme. Solange sich viele Ostdeutsche nicht als gleichwertiger Teil der Bundesrepublik fühlen, solange Löhne niedriger und Vermögen kleiner sind, wird der Osten sein eigenes Gedächtnis bewahren. Die DDR ist tot, aber als Chiffre für ein einfacheres, sichereres Leben ist sie mächtiger denn je.

Verschrottete Zukunft: Wie die DDR ihre Automobil-Visionäre ausbremste

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Zwickau/Eisenach. Es ist eine Geschichte von genialen Erfindern und engstirnigen Bürokraten, von Weltniveau und Mangelwirtschaft. Wer an Autos aus der DDR denkt, hat sofort den Trabant 601 und den Wartburg 353 vor Augen – jahrzehntelang unverändert gebaut, am Ende technisch hoffnungslos veraltet. Doch hinter den Kulissen der Werke in Zwickau und Eisenach sah die Realität anders aus. Die Dokumentation „Die nie gebauten Autos der DDR“ offenbart, dass der technologische Rückstand des Ostens kein Schicksal war, sondern eine bewusste Entscheidung von oben.

Der „Golf“ aus Zwickau – schon 1966
Die vielleicht bitterste Episode spielt sich Mitte der 1960er Jahre ab. Unter der Ägide von Formgestaltern entsteht in Zwickau der P603. Ein Kompaktwagen, der alles hat, was Jahre später den VW Golf zum Welterfolg machen sollte: Steilheck, Frontantrieb, moderne Kunststoffkarosserie. „Das Fahrzeug war voll für die Serienfertigung entwickelt“, erinnern sich Ingenieure. Die Produktionsbänder waren geplant, Zulieferer instruiert. Man hätte den Westen technologisch nicht nur eingeholt, sondern überholt.

Doch 1968 zieht Berlin den Stecker. Die Wirtschaftsführung des ZK stoppt das Projekt. Die offizielle Begründung: zu teuer. Die Anweisung ist radikal: Alle Funktionsmuster sollen vernichtet werden. Ein Schock für die Entwickler, die jahrelange Arbeit in der Schrottpresse verschwinden sehen.

„Wir bauen keine Autos für Playboys“
Auch in Eisenach, wo der Wartburg vom Band lief, herrschte Innovationsgeist. Mit dem Wartburg 355 entwickelten die Thüringer ein sportliches Coupé mit Fließheck und Viertaktmotor. Die Werbefotos waren bereits gemacht, die Stimmung optimistisch. Doch die Parteiführung urteilte vernichtend: „Wir bauen keine Autos für Playboys.“ Der sozialistische Mensch brauche keinen Luxus, sondern Transportmittel.

Die Agonie der Stagnation
Die Konsequenzen dieser Entscheidungen waren fatal. Statt Innovationen zu fördern, wurde der Status quo zementiert. Die Werke wurden gezwungen, über Jahrzehnte die alten Modelle weiterzubauen. Der „Reng-teng-teng“-Sound des Zweitakters wurde zum Symbol des wirtschaftlichen Niedergangs.

Ingenieure blieben mit ihren Visionen zurück. Sie hatten Lösungen für die Materialknappheit gefunden – etwa Duroplast als Stahlersatz – und Autos entworfen, die „leicht, lütt, lebensfreundlich und leise“ sein sollten. Ihr Scheitern lag nicht am Können, sondern am System. Die Dokumentation zeigt eindrücklich: Die DDR scheiterte nicht an fehlenden Ideen, sondern daran, dass sie diese Ideen systematisch unterdrückte. Was bleibt, ist der wehmütige Blick auf eine automobile Zukunft, die direkt vom Reißbrett in den Schredder wandern musste.

Die Nacht der verpassten Chance: Walter Momper trifft Bärbel Bohley

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Es gibt Momente in der Geschichte, in denen die Zeit für einen Wimpernschlag stillzustehen scheint. Momente, in denen die Weichen für Jahrzehnte gestellt werden, oft ohne dass es den Beteiligten in voller Tragweite bewusst ist. Ein solcher Moment ereignete sich im späten Herbst 1989 im Rathaus Schöneberg. Der Gastgeber: Walter Momper, Regierender Bürgermeister von Berlin (West). Seine Gäste: die erschöpften, aber hoffnungsvollen Gesichter der DDR-Revolution – Bärbel Bohley vom Neuen Forum, Ibrahim Böhme von der SDP, Rainer Eppelmann vom Demokratischen Aufbruch.

Die Mauer war gefallen, die Macht der SED erodierte stündlich. Doch im Machtvakuum des Ostens herrschte nicht nur Freiheit, sondern auch Orientierungslosigkeit. Momper, der pragmatische Sozialdemokrat, sah das Unheil kommen. In seinem Buch „Grenzfall“ beschreibt er die Szenerie eindringlich. Er wollte keine Höflichkeitsbesuche. Er wollte Handlungsfähigkeit.

Der Ruf nach Macht
„Wenn Sie den Leuten nicht sagen, wie es weitergeht, wird Helmut Kohl es tun“, warnte Momper die Runde. Es war ein Satz von prophetischer Schärfe. Momper zog den Aufruf „Für unser Land“ aus der Tasche, wie einen letzten Trumpf. Er beschwor die Bürgerrechtler: „Die Alternative steht jetzt an. Wenn Sie ihre Eigenständigkeit bewahren wollen, müssen Sie jetzt handeln.“

Für den West-Berliner Bürgermeister war die Logik der Macht zwingend: Wer ein Regime stürzt, muss bereit sein, an dessen Stelle zu treten. Sonst füllen andere die Lücke.

Die Weigerung der Moral
Doch auf der anderen Seite des Tisches saß eine andere Logik. Bärbel Bohley, die Ikone der Bürgerbewegung, antwortete mit einer Haltung, die in ihrer moralischen Reinheit fast tragisch wirkt: „Ich will nicht Regierung sein. Ich will nicht Macht über Menschen ausüben. Wir sind und bleiben Opposition.“

Ihr Argument war so ehrenwert wie politisch fatal: Die SED habe die DDR in den Ruin gewirtschaftet, also müsse die SED die Suppe auch auslöffeln. „Das können wir ihr nicht abnehmen“, so Bohley. Es war die Weigerung, sich die Hände schmutzig zu machen, geboren aus der tiefen Skepsis gegenüber jeglicher Machtausübung, die die DDR-Opposition geprägt hatte.

Das historische Urteil
Der Abend im Rathaus Schöneberg markiert den Scheidepunkt der Wende. Mompers Warnung bewahrheitete sich schneller, als es sich die Anwesenden vorstellen konnten. Weil die Bürgerrechtler zögerten, „Regierung zu sein“, und weil sie die Macht als etwas Schmutziges ansahen, statt als Werkzeug zur Gestaltung, übernahmen andere das Steuer.

Die „Allianz für Deutschland“ füllte das Vakuum, und Helmut Kohl tat genau das, was Momper vorhergesagt hatte: Er sagte den Leuten, wie es weitergeht. Die Chance auf einen „Dritten Weg“, auf eine verfassungsgebende Versammlung oder eine langsame Konföderation, starb nicht erst am Wahltag im März 1990. Sie starb vielleicht schon an jenem Abend im Rathaus Schöneberg, als die Moral über die Macht siegte – und sich damit selbst entmachtete.

Die Roten Preußen: Aufstieg und stilles Ende der Nationalen Volksarmee

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1984 stattet Erich Honecker Truppen der Nationalen Volksarmee, der NVA, einen Besuch ab.[ © Bundesarchiv, Bild 183-1984-0621-047 / CC BY-SA 3.0 ]
1984 stattet Erich Honecker Truppen der Nationalen Volksarmee, der NVA, einen Besuch ab. [ © Bundesarchiv, Bild 183-1984-0621-047 / CC BY-SA 3.0 ]
Vom „Nie wieder Krieg“ zur Aufrüstung im Kalten Krieg: Die Geschichte der NVA ist ein Spiegelbild der deutsch-deutschen Teilung – geprägt von sowjetischer Dominanz, preußischer Tradition und einem friedlichen Abgang.

Es war eines der großen Versprechen nach 1945: Von deutschem Boden sollte nie wieder Krieg ausgehen. Die Demilitarisierung war total, der Schock des Zweiten Weltkriegs saß tief. Doch die Geschichte, getrieben von der Logik des Kalten Krieges, hatte andere Pläne. Kaum war der Rauch über den Trümmerfeldern verzogen, begann in beiden Teilen Deutschlands eine neue, zunächst heimliche Aufrüstung. Während im Westen die Bundeswehr 1955 das Licht der Welt erblickte, zog der Osten nur wenige Wochen später, im Januar 1956, offiziell nach: Die Nationale Volksarmee (NVA) wurde gegründet.

Soldaten in Verkleidung
Doch der offizielle Startschuss war, wie so oft in der DDR-Geschichte, nur die halbe Wahrheit. Bereits Jahre zuvor, getarnt als „Kasernierte Volkspolizei“ (KVP), exerzierten Tausende Männer für den Ernstfall. Es war ein offenes Geheimnis, bewacht von sowjetischen Beratern, die sicherstellten, dass der kleine sozialistische Bruder im Gleichschritt marschierte.

Pikanterweise griff man beim Aufbau der Streitkräfte auf jene Expertise zurück, die man eigentlich bekämpfen wollte. Ähnlich wie in der Bundeswehr dienten auch in der frühen NVA ehemalige Wehrmachtsoffiziere. Bis Ende der 50er Jahre wurden diese zwar aus propagandistischen Gründen weitgehend entfernt, um sich vom „Nazi-Generalstum“ des Westens abzugrenzen, doch optisch blieb das Erbe unübersehbar. Die steingrauen Uniformen und der Schnitt der Stahlhelme erinnerten fatal an die Wehrmacht – ein bewusster Rückgriff auf preußische Traditionen, der der NVA im Westen den Spitznamen „Rote Preußen“ einbrachte.

Im Würgegriff des Warschauer Pakts
Die NVA war nie eine souveräne Armee. Sie war fest in die Strukturen des Warschauer Pakts integriert und operierte faktisch als verlängerter Arm der Sowjetarmee in Mitteleuropa. Moskaus Wort war Gesetz. Das zeigte sich dramatisch beim Bau der Berliner Mauer 1961, als NVA-Einheiten den Grenzstreifen sicherten, und 1968 während des Prager Frühlings. Zwar marschierten – dank einer Entscheidung in letzter Minute – keine NVA-Kampftruppen in die Tschechoslowakei ein, um Erinnerungen an 1938 zu vermeiden, doch die logistische Unterstützung für die Niederschlagung der Reformbewegung war umfassend.

Trotz der Doktrin des „Friedenskampfes“ wurde die Gesellschaft zunehmend militarisiert. 1962 wurde die Wehrpflicht eingeführt – 18 Monate Dienst, dem sich kaum ein junger Mann entziehen konnte, ohne massive Nachteile zu riskieren. Die Einführung der Bausoldaten (Waffendienstverweigerer) blieb ein minimales Zugeständnis an die Kirche.

Zwischen Schneekatastrophe und Herbstrevolution
In den 80er Jahren blähte sich der Apparat weiter auf. Rund 170.000 Soldaten standen unter Waffen – bei einer Bevölkerung von nur knapp 17 Millionen. Doch paradoxerweise gewann die Armee gerade im zivilen Einsatz die Herzen der Bevölkerung. Unvergessen bleibt der Katastrophenwinter 1978/79, als NVA-Soldaten mit Panzern und Helikoptern Dörfer freischaufelten und die Energieversorgung sicherten. Hier war sie tatsächlich eine „Volksarmee“.

Das Ende der NVA kam so überraschend wie friedlich. Im Herbst 1989, als hunderttausende Bürger gegen das SED-Regime auf die Straße gingen, blieben die Panzer in den Kasernen. Trotz Befehlsbereitschaft kam es nicht zur „chinesischen Lösung“. Soldaten verbrüderten sich teils mit Demonstranten. Mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung 1990 stand die Armee vor dem Aus.

Was folgte, war keine Fusion, sondern eine Abwicklung. Die NVA wurde in die Bundeswehr integriert, doch für die meisten Berufssoldaten bedeutete dies das Karriereende. Nur wenige wurden übernommen, das meiste Material verschrottet oder verkauft. Am Ende blieb von der einst bestausgerüsteten Armee des Warschauer Pakts vor allem eines: Die Erinnerung an eine Streitmacht, die für den Krieg trainierte, aber ihren wichtigsten Sieg errang, indem sie nicht schoss.

Der Gefangene von Grünheide: Wie der Staat einen seiner Besten zerstören wollte

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Einst war er das Aushängeschild der DDR-Wissenschaft, gefeierter Antifaschist und Professor. Doch weil Robert Havemann die Wahrheit mehr liebte als die Parteilinie, wurde er zum Staatsfeind Nummer eins. Ein Rückblick auf das Leben eines Mannes, den die Stasi isolierte, aber nicht zum Schweigen brachte.

Grünheide. Wenn man in den späten 70er Jahren durch die Wälder von Grünheide bei Berlin spazierte, konnte man auf eine Szenerie stoßen, die so gar nicht in die Idylle passte. Ein Haus, abgeschirmt, und davor: ein Wartburg, besetzt mit Männern in grauen Mänteln. Tag und Nacht. Sie warteten nicht auf jemanden, sie bewachten jemanden. Der Mann hinter den Mauern war Robert Havemann. Sein Verbrechen? Er hatte Fragen gestellt.

Es ist eine der tragischsten und zugleich eindrucksvollsten Geschichten der DDR-Historie. Havemann war kein klassischer Konterrevolutionär, den man leicht als „Klassenfeind“ abtun konnte. Er war einer von ihnen gewesen. Ein Kommunist, ein Widerstandskämpfer, der im Zuchthaus Brandenburg auf seine Hinrichtung durch die Nazis gewartet und überlebt hatte. Als er nach dem Krieg an die Humboldt-Universität zurückkehrte, war er ein Hoffnungsträger. Ein Mann, der glaubte, dass Sozialismus und Freiheit, Wissenschaft und Vernunft zusammengehörten.

Der gefährliche Erfolg
Doch genau dieser Glaube wurde ihm zum Verhängnis. In den 1960er Jahren passierte etwas Unerhörtes an der Berliner Universität: Die Studenten drängten sich in Havemanns Vorlesungen, saßen auf Fensterbänken und Treppenstufen. Er sprach über Physik und Chemie, aber er meinte die Gesellschaft. Sein Satz „Ein System, das Kritik fürchtet, fürchtet auch die Wahrheit“ verbreitete sich wie ein Lauffeuer.

Für die Parteiführung der SED, die Dogmen über Diskurse stellte, war dieser intellektuelle Rockstar eine Bedrohung. 1964 zogen sie die Reißleine: Parteiausschluss, Lehrstuhlentzug, Berufsverbot. Der gefeierte Professor war nun offiziell eine „Unperson“.

Die Strategie der „Zersetzung“
Was folgte, war ein Lehrbuchbeispiel für das, was die Staatssicherheit zynisch „Zersetzung“ nannte. Es ging nicht primär um Inhaftierung, sondern um die Zerstörung der Persönlichkeit. Das MfS startete einen operativen Vorgang gigantischen Ausmaßes. Die Strategie war perfide: Isolation.

Freunde wurden unter Druck gesetzt, den Kontakt abzubrechen. Wer Havemann grüßte, riskierte die eigene Karriere. Das Telefon wurde überwacht oder gestört, Briefe abgefangen. Man wollte Havemann das nehmen, was ein Intellektueller zum Atmen braucht: den Austausch, die Resonanz. Er sollte sich allein fühlen, zweifeln, vielleicht sogar zerbrechen.

Ein Haus als Festung
Der absolute Tiefpunkt dieser Repression war der Hausarrest auf seinem Grundstück in Grünheide. Havemann lebte in einem goldenen Käfig, bewacht von einem Staat, der Angst vor den Gedanken eines einzelnen, lungenkranken Mannes hatte. Besucher wurden registriert, eingeschüchtert, oft direkt an der Pforte abgewiesen.

Doch die Rechnung der Stasi ging nicht auf. Statt zu verstummen, wurde Havemanns Stimme lauter – nur eben anderswo. Er nutzte Westmedien als Verstärker. Seine Texte, wie „Dialektik ohne Dogma“, wurden aus dem Haus geschmuggelt und im Westen publiziert. Über den Äther des Westfernsehens und Radios kamen seine Gedanken zurück in die Wohnzimmer der DDR-Bürger. Sein Haus in Grünheide wurde, trotz der Belagerung, zu einem Wallfahrtsort für Andersdenkende, zu einem symbolischen Zentrum des geistigen Widerstands.

Das biologische Kalkül
Das Ende von Robert Havemanns Leben liest sich wie eine Anklage gegen die Menschlichkeit des Regimes. Der Professor litt an einer schweren Lungenerkrankung. Die Akten legen nahe, dass die Stasi auf eine „biologische Lösung“ hoffte. Medizinische Hilfe wurde bürokratisch verzögert, Facharzttermine erschwert.

Als Robert Havemann im April 1982 starb, atmete der Sicherheitsapparat auf. Keine öffentliche Trauerfeier, keine Würdigung, nur schnelles Vergessen war der Plan. Doch auch hier irrte die Macht. Havemann hatte bewiesen, dass man auch in der Unfreiheit innerlich frei bleiben kann. Sein Erbe sickerte in die Köpfe einer neuen Generation, die nur sieben Jahre nach seinem Tod auf die Straße ging und das System, das ihn eingemauert hatte, zum Einsturz brachte.

Der Wartburg vor dem Haus in Grünheide ist längst verschwunden. Die Gedanken des Mannes, den er bewachte, sind geblieben.

Wie Björn Höcke die Sorge um die Heimat zur Systemfrage macht

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Björn Höcke inszeniert sich im ländlichen Thüringen als Kümmerer gegen die „Windkraft-Zerstörung“. Doch hinter der scheinbaren Sorge um die Natur steckt ein kühles Kalkül: Die Umdeutung von Sachfragen in einen Kampf um Identität. Unsere Analyse zeigt, wie der AfD-Fraktionschef legitimen Bürgerprotest kapert, um seine völkische Ideologie der „Heimat“ als Kampfbegriff gegen das politische System in Stellung zu bringen – und so radikale Systemkritik gefährlich normalisiert.

Erfurt/Thüringen. Es ist ein Heimspiel, und Björn Höcke weiß es zu nutzen. Wenn der Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzende auf einer Pritsche vor Windkraftgegnern steht, dann ist der scharfe Tonfall der Sportpalast-Rhetorik, für den er berüchtigt ist, gedämpft. Stattdessen gibt er den Kümmerer, den verständnisvollen Nachbarn, den Anwalt der „kleinen Leute“ gegen die da oben. Doch wer genau hinhört, erkennt auch in der scheinbar sachlichen Kritik an der Energiepolitik das fundamentale Muster seiner Ideologie: Die Umdeutung von Sachfragen in einen Kampf um Identität und Existenz.

Eine aktuelle Rede Höckes vor Bürgerinitiativen im ländlichen Thüringen dient als Lehrstück für diese Strategie. Sie offenbart, wie die AfD in Thüringen versucht, die Lufthoheit über den ländlichen Raum zu gewinnen – und welche rhetorischen Werkzeuge dabei zum Einsatz kommen.

Die Bühne: Der ländliche Raum als letzte Bastion
Höckes Auftritt ist kein Zufall. Thüringen, speziell der ländliche Raum, ist das Laboratorium für die Machtübernahme der AfD. Hier, wo der Bus selten fährt und der Arzt fehlt, verfängt das Narrativ der Vernachlässigung. Wenn Höcke sich „Seit an Seit“ mit Bürgerinitiativen zeigt, bedient er das Bild der „Volksnähe“ im Kontrast zur vermeintlichen Arroganz der „Kartellparteien“ in den Städten.

In der Analyse fällt auf: Höcke spricht nicht über globale Zusammenhänge, um Lösungen zu suchen, sondern um Angst zu schüren. Die Energiewende wird nicht als technische Herausforderung, sondern als „größtes planwirtschaftliches Projekt“ und „Sonderweg“ dargestellt, der in den Ruin führt. Das Ziel ist klar: Die Delegitimierung der etablierten Politik durch den Nachweis ihrer vermeintlichen Irrationalität („dümmste Energiepolitik der Welt“).

Rhetorik: Die drei Säulen der Mobilisierung
Höckes Rede lässt sich in drei rhetorische Säulen zerlegen, die typisch für den völkischen Populismus sind:

1. Pseudowissenschaft und „Gesunder Menschenverstand“
Höcke nutzt technische Scheinargumente (z.B. zur Nennleistung von Windrädern oder Infraschall), um Kompetenz zu simulieren. Dabei werden komplexe wissenschaftliche Konsense (wie der menschengemachte Klimawandel) einfach als „unwissenschaftlich“ beiseitegewischt. An ihre Stelle tritt die „eigene Wahrheit“, gefüttert mit anekdotischer Evidenz („Ich stand am Strand und konnte keine Ruhe finden“). Das komplexe Problem wird auf eine fühlbare Bedrohung reduziert.

2. Der Begriff der „Heimat“ als Kampfbegriff
Zentral ist die Umcodierung des Heimatbegriffs. Für Höcke ist Heimat nicht nur ein Ort, sondern ein ethnischer und kultureller Schutzraum, der verteidigt werden muss. Windräder sind in dieser Lesart keine Infrastruktur, sondern Symbole einer fremdgesteuerten „Zerstörung“. Er verknüpft Naturschutz (ein ur-konservatives Thema) mit einer völkischen Blut-und-Boden-Ideologie. Wenn er davon spricht, dass die Heimat „unbewohnbar“ wird, suggeriert er eine existentielle Bedrohung, die weit über den Schattenwurf eines Windrads hinausgeht. Er appelliert an das „Recht auf Heimat“ als Teil der Menschenwürde – und impliziert damit, dass die aktuelle Regierung den Bürgern ihre Würde raubt.

3. Die Konstruktion von Feindbildern
Es gibt in Höckes Welt keine politischen Gegner, nur Feinde. Die „Kartellparteien“ (ein Begriff, der eine kriminelle Verschwörung suggeriert) und „Windbarone“ (die gierige Elite) stehen gegen das „Volk“. Diese Dichotomie ist der Kern des Populismus: Wir hier unten gegen die da oben. Interessant ist hierbei die taktische Flexibilität: Mal ist es der Euro, mal die Migration, hier die Windkraft. Das Thema ist austauschbar, das Feindbild bleibt.

Einordnung: Völkischer Antikapitalismus
Politologisch betrachtet bedient sich Höcke hier eines „völkischen Antikapitalismus“. Er kritisiert Profiteure und Konzerne nicht aus einer linken Perspektive der Gerechtigkeit, sondern weil sie als „raumfremde Mächte“ die organische Einheit von Volk und Landschaft stören.

Die Gefahr dieser Rhetorik liegt in ihrer Normalisierung. Indem Höcke legitimen Bürgerprotest (gegen Lärm oder Landschaftsverschandelung) aufgreift, schleust er radikale Systemkritik in die Mitte der Gesellschaft ein. Wer ihm beim Windrad zustimmt, so das Kalkül, ist vielleicht bald auch bereit, ihm bei der „Remigration“ zuzuhören.

Björn Höcke nutzt die Windkraft-Debatte als Vehikel. Es geht ihm nicht primär um den Rotmilan oder den Infraschall. Es geht um den Nachweis, dass das „System“ gegen die Interessen des „Volkes“ arbeitet. In Thüringen, wo die AfD laut Umfragen stärkste Kraft ist, verfängt diese Saat. Die Rede zeigt einen Politiker, der virtuos auf der Klaviatur der Ängste spielt und dabei den demokratischen Diskurs nicht bereichern, sondern dessen Grundlagen – den Kompromiss und die faktenbasierte Debatte – zerstören will.