Eine sächsische Kleinstadtidylle mit düsterem Kern: In Waldheim leben die Menschen seit 300 Jahren Wand an Wand mit Schwerverbrechern, politischen Häftlingen und der eigenen Geschichte. Eine Spurensuche zwischen Verdrängung und Symbiose.
Es ist ein Bild der Kontraste, das sich im sächsischen Zschopautal bietet. Hier die gepflegten Kleingärten, die bunten Fassaden, die bürgerliche Ruhe – und dort, nur einen Steinwurf entfernt, eine vier Meter hohe Mauer, gekrönt von Stacheldraht. Waldheim ist nicht einfach nur eine Stadt mit einem Gefängnis. Waldheim ist das Gefängnis. Seit August der Starke die Anstalt vor drei Jahrhunderten als Zucht-, Armen- und Waisenhaus gründen ließ, ist das Schicksal der heute rund 9.000 Einwohner untrennbar mit dem „Knast“ verbunden. Er ist Fluch und Segen, größter Arbeitgeber neben der Kosmetikfirma Florena und zugleich ein historisches Mahnmal, dessen Schatten bis in die Wohnzimmer der Anwohner reicht.
Die Geister der Vergangenheit
Die Geschichte von Waldheim liest sich wie ein Querschnitt durch die dunkelsten Kapitel deutscher Justizgeschichte. Wer durch das Tor der JVA tritt, betritt einen Ort, an dem sich Systeme änderten, die Unmenschlichkeit aber oft blieb. Besonders beklemmend ist das Kapitel der NS-Zeit. Unter der Tarnbezeichnung „Heil- und Pflegeanstalt“ wurde Waldheim zur Zwischenstation für das Euthanasie-Programm der Nazis. Der Leiter Dr. Gerhard Wischer entschied hier über Leben und Tod, schickte Patienten in die Gaskammern von Pirna-Sonnenstein oder ließ sie durch „aktive Sterbehilfe“ verhungern. Es ist ein Kapitel, das in der Stadt lange ein Tabu war – und für viele noch ist. Siegfried Hillmann, der später als Arzt im Haftkrankenhaus arbeitete, nennt das Fehlen einer Gedenktafel für diese Opfer beschämend.
Doch kaum war der Faschismus besiegt, folgte das nächste Unrecht. Die „Waldheimer Prozesse“ von 1950 gingen als Symbol für stalinistische Willkürjustiz in die Geschichte ein. In Schnellverfahren wurden über 3.000 Menschen, die aus sowjetischen Speziallagern kamen, abgeurteilt. Ohne Verteidiger, ohne Beweise, oft binnen Minuten. 24 Todesurteile wurden vollstreckt, viele starben an den katastrophalen Haftbedingungen. Die Stadt schwieg, teils aus Angst, teils weil die Grenzen zwischen Tätern und Opfern, zwischen Wärtern und Bewohnern fließend waren.
Zwangsarbeit für den West-Export
Zu DDR-Zeiten wandelte sich das Bild, nicht aber die Härte. Waldheim wurde zum Verwahrort für „Staatsfeinde“. Wer Westfernsehen schaute oder kritische Flugblätter verteilte, landete hier. Männer wie Hartmut Brix und Jörg Bilke, die als junge Studenten wegen „Hetze“ inhaftiert wurden, erinnern sich an den beißenden Geruch der Kübel in den überfüllten Zellen und den „Schleichgang“ auf Socken, um den polierten Boden nicht zu beschädigen.
Doch die Häftlinge waren auch eine Ressource. „Marx ist tot, es lebe der Murks“, witzelten die Gefangenen über ihre Zwangsarbeit. Dabei produzierten sie durchaus begehrte Ware: Sofas für IKEA, Teile für die Volkswirtschaft. Der Strafvollzug als Wirtschaftsfaktor – eine zynische Konstante, die dem Ort Devisen und Arbeitsplätze sicherte.
Eine Kirche als Sporthalle
Vielleicht ist kein Ort im Gefängnis so symbolträchtig wie die alte Anstaltskirche. Wo einst gebetet wurde und der berühmte Hochstapler und spätere Bestsellerautor Karl May die Orgel spielte, fliegen heute Volleybälle durch die Luft. Die DDR-Führung ließ den Sakralbau 1968 entweihen, die Inneneinrichtung wurde zu Feuerholz verarbeitet. Heute ist es eine Sporthalle im Kirchenschiff – ein bizarres Denkmal für den Umgang der SED-Diktatur mit Tradition und Glauben.
Die Symbiose
Und heute? Die Anstalt ist modernisiert, Millionen wurden investiert. Die Zellen haben Sanitärbereiche, die Bedingungen sind menschenwürdig. Doch die Mauer bleibt. Für Anwohner wie Elke Pfeifer gehört sie zum Alltag, auch wenn der Schreck tief saß, als in den 80er Jahren plötzlich Häftlinge auf der Mauerkrone saßen – nicht zur Flucht, sondern zur Reparatur.
Waldheim hat sich mit seinem steinernen Riesen arrangiert. Man profitiert voneinander, man ignoriert sich, man lebt nebeneinander her. Es ist eine Schicksalsgemeinschaft, geschmiedet aus Stein und Geschichte, die zeigt: Mauern können Menschen einsperren, aber die Geschichte lässt sich nicht aussperren.


Es ist der 15. Juli, ein heißer Sommertag in Frankfurt (Oder), als die Realität in den Plattenbau einbricht. Was als familiäre Tragödie begann, sollte als einer der erschütterndsten Fälle von Vernachlässigung in die deutsche Kriminalgeschichte eingehen. Kevin (2) und Tobias (3) sind tot. Verdurstet, verhungert, allein gelassen in ihrer Wohnung, während draußen das Leben weiterging.
Von der frühen Republikflucht bis zum Mauerfall: Ein Report über zurückgelassene Kinder in der DDR, deren Eltern die Freiheit im Westen suchten und dabei das Kostbarste zurückließen.

Je weiter der Mauerfall in die Ferne rückt, desto wärmer scheint das Licht, in dem die Deutsche Demokratische Republik in der kollektiven Erinnerung vieler Menschen erstrahlt. Doch dieser nostalgische Rückblick, oft als „Ostalgie“ bezeichnet, ist mehr als nur eine harmlose Marotte. Er wirkt wie eine kollektive Blockade, die eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und damit auch die Lösung gegenwärtiger Probleme verhindert. Zu diesem Schluss kommt der Historiker Frank Trentmann in seinem neuen Buch „Die blockierte Republik“, das er kürzlich im Gespräch mit Gert Scobel vorstellte.
Dresden. Als Trickfilmer ist man Gott. Zumindest für die Dauer eines Wimpernschlags, wenn auf einem weißen Stück Papier aus dem Nichts eine Welt entsteht, die eigenen Gesetzen gehorcht. Über drei Jahrzehnte lang war das Dresdner DEFA-Trickfilmstudio genau dieser Olymp für rund 240 Mitarbeiter: Ein Ort, an dem Knete philosophisch wurde, Silhouetten Charakter bekamen und Drahtgestelle politische Parabeln erzählten. Doch wie viele Geschichten der DDR endet auch diese nicht mit einem klassischen Happy End, sondern mit einem harten Schnitt – und einer langsamen Blende in eine neue Zeit.
Es gibt Sätze, die tauchen mit einer verblüffenden Hartnäckigkeit immer wieder auf. „In der DDR war alles besser“ gehört ebenso dazu. Genauso wie der gegenteilige Satz: „In der DDR war alles nur schlecht.“ Beide klingen entschieden, beide wirken eindeutig – und beide führen zuverlässig am eigentlichen Kern vorbei. Denn die DDR lässt sich weder retten noch nachträglich reparieren. Sie ist Geschichte. Was geblieben ist, sind die Biografien derer, die in diesem Land gelebt haben, ihre Prägungen, Verletzungen, Strategien und Fähigkeiten. Und mit ihnen bleibt eine Frage, die weit unbequemer ist als jede nostalgische oder anklagende Debatte: Was machen wir heute aus dem, was uns damals geformt hat?
Berlin/Halle/Leipzig – Es ist ein kühler Herbstmorgen am Berliner Ostbahnhof. Zwischen sanierten Altbauten und den gläsernen Bürotürmen der New Economy steht eine Gruppe Jugendlicher. Einer trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem Staatswappen der DDR. Hammer, Zirkel, Ährenkranz. Es ist kein ironischer Hipster-Gag, sondern, wie er sagt, ein „Statement“. Aus einer Bluetooth-Box dröhnt „Silly“. Die Szene wirkt wie ein Riss in der Zeit, ein optisches Störgeräusch im modernen Berlin.
Zwickau/Eisenach. Es ist eine Geschichte von genialen Erfindern und engstirnigen Bürokraten, von Weltniveau und Mangelwirtschaft. Wer an Autos aus der DDR denkt, hat sofort den Trabant 601 und den Wartburg 353 vor Augen – jahrzehntelang unverändert gebaut, am Ende technisch hoffnungslos veraltet. Doch hinter den Kulissen der Werke in Zwickau und Eisenach sah die Realität anders aus. Die Dokumentation „Die nie gebauten Autos der DDR“ offenbart, dass der technologische Rückstand des Ostens kein Schicksal war, sondern eine bewusste Entscheidung von oben.
Es gibt Momente in der Geschichte, in denen die Zeit für einen Wimpernschlag stillzustehen scheint. Momente, in denen die Weichen für Jahrzehnte gestellt werden, oft ohne dass es den Beteiligten in voller Tragweite bewusst ist. Ein solcher Moment ereignete sich im späten Herbst 1989 im Rathaus Schöneberg. Der Gastgeber: Walter Momper, Regierender Bürgermeister von Berlin (West). Seine Gäste: die erschöpften, aber hoffnungsvollen Gesichter der DDR-Revolution – Bärbel Bohley vom Neuen Forum, Ibrahim Böhme von der SDP, Rainer Eppelmann vom Demokratischen Aufbruch.