Es war das Jahr 1975, als Helmut Bunde seinen Dienst in Riesa antrat. Frisch vom Studium, motiviert durch christliche Werte und eine pazifistische Grundhaltung, startete der damals 23-Jährige bei der „Inneren Mission und Hilfswerk“, der heutigen Diakonie. Sein Auftrag war die Fürsorge. Doch was Bunde in den Kreisen Riesa und später Döbeln vorfand, hatte mit dem propagierten Bild der DDR-Gesellschaft wenig gemein. Er traf auf eine Realität, die politisch nicht existieren durfte: Menschen, die im Alkohol versanken, und Familien mit behinderten Kindern, die vom staatlichen Raster vollkommen ignoriert wurden.
Die verleugnete Epidemie und ihre wirtschaftlichen Folgen
„Das Alkoholproblem wurde verniedlicht“, erinnert sich Bunde heute. Die offizielle Doktrin stempelte den Alkoholismus als „Überbleibsel des Kapitalismus“ ab, das sich im Sozialismus bald von selbst erledigen würde. Doch Bunde erlebte das Gegenteil: Ab Mitte der 1970er Jahre entwickelte sich der Alkoholmissbrauch zu einer wahren Epidemie.
Das Problem blieb nicht privat. Die Sucht hatte längst weitreichende Folgen für die DDR-Wirtschaft. In den großen Industriekombinaten in Riesa und Umgebung fehlten Arbeitskräfte, die Unfallgefahr stieg, die Produktivität sank. Während die Staatsführung das Thema bis 1985 weitgehend tabuisierte, spürten die Betriebe den Druck real. Dies erklärt, warum Bunde und seine Kollegen später Unterstützung aus der Industrie erhielten: Wenn die Kirche half, Mitarbeiter trocken zu bekommen, profitierte letztlich der Volkswirtschaftsplan.
Tödliche Scham hinter verschlossenen Türen
Wie dramatisch die menschlichen Schicksale hinter der Statistik waren, verdeutlicht eine von Bundes ersten Begegnungen. Eine Mutter bat ihn um einen Hausbesuch für ihren „kranken“ Sohn. Bunde fand einen Gleichaltrigen vor – 23 Jahre alt –, der im Bett lag, umringt von Schnapsflaschen.
Das Erschütternde war die Logik der Verzweiflung: Die Mutter besorgte den Alkohol selbst. Aus purer Scham und Angst vor Repressalien wollte sie verhindern, dass ihr Sohn in der Öffentlichkeit auffiel oder verunfallte. Das sozialistische Ideal ließ keinen Raum für solches Scheitern. „Wir müssen einen Arzt holen“, entschied Bunde sofort. Doch die Hilfe kam zu spät; zwei Tage später war der junge Mann tot. Für Bunde war dies ein Schlüsselerlebnis, das ihn bestärkte, die Arbeit mit Suchtkranken professionell aufzubauen – gegen das Schweigen der Behörden.
Ein System ohne Platz für Schwäche
Noch düsterer sah es im Bereich der Behindertenhilfe aus. „Eine Hilfe für Familien behinderter Menschen, so wie wir sie heute kennen, gab es praktisch nicht“, resümiert Bunde. Kinder, die als „schulbildungsunfähig“ eingestuft wurden, fielen komplett durch das Netz. Es gab keine Förderungen, keine Tagesstätten, keine Integration.
Die Last trugen fast ausschließlich die Mütter. Sie mussten ihren Beruf aufgeben und lebten oft in völliger Isolation. Bunde erkannte diese Notlage. Was als kleiner wöchentlicher Spielkreis begann, um Müttern zumindest den Gang zum Friseur oder Einkauf zu ermöglichen, wuchs unter seiner Leitung zu einem essenziellen Hilfssystem. Er organisierte Urlaubsfreizeiten für Familien, die im staatlichen Feriendienst (FDGB) keinen Platz fanden – ein Akt der Menschlichkeit, der den Betroffenen zeigte, dass sie nicht vergessen waren.
Pioniere der Fürsorge: Der Aufbau neuer Strukturen
Helmut Bunde beließ es nicht bei punktueller Hilfe. Mit pragmatischer Tatkraft bauten er und andere Leitungskräfte Strukturen auf, die Bestand haben sollten. Ein Meilenstein gelang 1984 im sächsischen Leisnig mit der Einrichtung einer Tagesstätte für geistig behinderte Erwachsene. Der Bedarf war riesig, denn einmal im Monat einen Stuhlkreis zu besuchen, reichte für ein menschenwürdiges Leben nicht aus.
Anfangs improvisierte man: Private PKWs sammelten die Betreuten ein. Später gelang Bunde und seinem Team die Integration in den öffentlichen Nahverkehr. Dass behinderte Menschen allein mit dem Linienbus fuhren, war ein sichtbares Zeichen der Inklusion in einer Gesellschaft, die Abweichungen von der Norm am liebsten unsichtbar machte.
Duldung aus Notwendigkeit
Wie reagierten die Staatsorgane auf diese kirchliche „Parallel-Wohlfahrt“? Das Verhältnis beschreibt Bunde als eine Mischung aus Überwachung und pragmatischer Duldung. „Wir wurden im gewissen Sinne in Ruhe gelassen“, sagt er. Lokale Amtsärzte und Verwaltungsmitarbeiter wussten genau, dass der Staat keine eigenen Lösungen für diese „Randgruppen“ hatte.
Die Zusammenarbeit ging erstaunlich weit: Industriebetriebe stellten Mitarbeiter frei, damit diese sich bei der Kirche zu ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfern ausbilden lassen konnten. Werksküchen lieferten Essen für die kirchlichen Tagesstätten. Es war ein stillschweigendes Eingeständnis des Staates: Ohne das Engagement von Menschen wie Helmut Bunde wären die sozialen und wirtschaftlichen Risse im System noch viel früher unübersehbar geworden.
Ein Erbe der Menschlichkeit
Helmut Bundes Rückblick ist das Zeugnis eines Mannes, der nicht wegssah. In einer Zeit, in der Ideologie oft vor Realität ging, schuf er Räume für jene, die nicht funktionierten, wie der Plan es vorsah. Sein Einsatz für Pazifismus und Wohlfahrt legte in Sachsen den Grundstein für soziale Strukturen, die teilweise bis heute in der Arbeit der Diakonie fortwirken. Er gab den „Unsichtbaren“ der DDR ihre Würde zurück.


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