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Helmut Bunde: Alkohol und Familienhilfe im DDR-Alltag

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Es war das Jahr 1975, als Helmut Bunde seinen Dienst in Riesa antrat. Frisch vom Studium, motiviert durch christliche Werte und eine pazifistische Grundhaltung, startete der damals 23-Jährige bei der „Inneren Mission und Hilfswerk“, der heutigen Diakonie. Sein Auftrag war die Fürsorge. Doch was Bunde in den Kreisen Riesa und später Döbeln vorfand, hatte mit dem propagierten Bild der DDR-Gesellschaft wenig gemein. Er traf auf eine Realität, die politisch nicht existieren durfte: Menschen, die im Alkohol versanken, und Familien mit behinderten Kindern, die vom staatlichen Raster vollkommen ignoriert wurden.

Die verleugnete Epidemie und ihre wirtschaftlichen Folgen
„Das Alkoholproblem wurde verniedlicht“, erinnert sich Bunde heute. Die offizielle Doktrin stempelte den Alkoholismus als „Überbleibsel des Kapitalismus“ ab, das sich im Sozialismus bald von selbst erledigen würde. Doch Bunde erlebte das Gegenteil: Ab Mitte der 1970er Jahre entwickelte sich der Alkoholmissbrauch zu einer wahren Epidemie.

Das Problem blieb nicht privat. Die Sucht hatte längst weitreichende Folgen für die DDR-Wirtschaft. In den großen Industriekombinaten in Riesa und Umgebung fehlten Arbeitskräfte, die Unfallgefahr stieg, die Produktivität sank. Während die Staatsführung das Thema bis 1985 weitgehend tabuisierte, spürten die Betriebe den Druck real. Dies erklärt, warum Bunde und seine Kollegen später Unterstützung aus der Industrie erhielten: Wenn die Kirche half, Mitarbeiter trocken zu bekommen, profitierte letztlich der Volkswirtschaftsplan.

Tödliche Scham hinter verschlossenen Türen
Wie dramatisch die menschlichen Schicksale hinter der Statistik waren, verdeutlicht eine von Bundes ersten Begegnungen. Eine Mutter bat ihn um einen Hausbesuch für ihren „kranken“ Sohn. Bunde fand einen Gleichaltrigen vor – 23 Jahre alt –, der im Bett lag, umringt von Schnapsflaschen.

Das Erschütternde war die Logik der Verzweiflung: Die Mutter besorgte den Alkohol selbst. Aus purer Scham und Angst vor Repressalien wollte sie verhindern, dass ihr Sohn in der Öffentlichkeit auffiel oder verunfallte. Das sozialistische Ideal ließ keinen Raum für solches Scheitern. „Wir müssen einen Arzt holen“, entschied Bunde sofort. Doch die Hilfe kam zu spät; zwei Tage später war der junge Mann tot. Für Bunde war dies ein Schlüsselerlebnis, das ihn bestärkte, die Arbeit mit Suchtkranken professionell aufzubauen – gegen das Schweigen der Behörden.

Ein System ohne Platz für Schwäche
Noch düsterer sah es im Bereich der Behindertenhilfe aus. „Eine Hilfe für Familien behinderter Menschen, so wie wir sie heute kennen, gab es praktisch nicht“, resümiert Bunde. Kinder, die als „schulbildungsunfähig“ eingestuft wurden, fielen komplett durch das Netz. Es gab keine Förderungen, keine Tagesstätten, keine Integration.

Die Last trugen fast ausschließlich die Mütter. Sie mussten ihren Beruf aufgeben und lebten oft in völliger Isolation. Bunde erkannte diese Notlage. Was als kleiner wöchentlicher Spielkreis begann, um Müttern zumindest den Gang zum Friseur oder Einkauf zu ermöglichen, wuchs unter seiner Leitung zu einem essenziellen Hilfssystem. Er organisierte Urlaubsfreizeiten für Familien, die im staatlichen Feriendienst (FDGB) keinen Platz fanden – ein Akt der Menschlichkeit, der den Betroffenen zeigte, dass sie nicht vergessen waren.

Pioniere der Fürsorge: Der Aufbau neuer Strukturen
Helmut Bunde beließ es nicht bei punktueller Hilfe. Mit pragmatischer Tatkraft bauten er und andere Leitungskräfte Strukturen auf, die Bestand haben sollten. Ein Meilenstein gelang 1984 im sächsischen Leisnig mit der Einrichtung einer Tagesstätte für geistig behinderte Erwachsene. Der Bedarf war riesig, denn einmal im Monat einen Stuhlkreis zu besuchen, reichte für ein menschenwürdiges Leben nicht aus.

Anfangs improvisierte man: Private PKWs sammelten die Betreuten ein. Später gelang Bunde und seinem Team die Integration in den öffentlichen Nahverkehr. Dass behinderte Menschen allein mit dem Linienbus fuhren, war ein sichtbares Zeichen der Inklusion in einer Gesellschaft, die Abweichungen von der Norm am liebsten unsichtbar machte.

Duldung aus Notwendigkeit
Wie reagierten die Staatsorgane auf diese kirchliche „Parallel-Wohlfahrt“? Das Verhältnis beschreibt Bunde als eine Mischung aus Überwachung und pragmatischer Duldung. „Wir wurden im gewissen Sinne in Ruhe gelassen“, sagt er. Lokale Amtsärzte und Verwaltungsmitarbeiter wussten genau, dass der Staat keine eigenen Lösungen für diese „Randgruppen“ hatte.

Die Zusammenarbeit ging erstaunlich weit: Industriebetriebe stellten Mitarbeiter frei, damit diese sich bei der Kirche zu ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfern ausbilden lassen konnten. Werksküchen lieferten Essen für die kirchlichen Tagesstätten. Es war ein stillschweigendes Eingeständnis des Staates: Ohne das Engagement von Menschen wie Helmut Bunde wären die sozialen und wirtschaftlichen Risse im System noch viel früher unübersehbar geworden.

Ein Erbe der Menschlichkeit
Helmut Bundes Rückblick ist das Zeugnis eines Mannes, der nicht wegssah. In einer Zeit, in der Ideologie oft vor Realität ging, schuf er Räume für jene, die nicht funktionierten, wie der Plan es vorsah. Sein Einsatz für Pazifismus und Wohlfahrt legte in Sachsen den Grundstein für soziale Strukturen, die teilweise bis heute in der Arbeit der Diakonie fortwirken. Er gab den „Unsichtbaren“ der DDR ihre Würde zurück.

Der blinde Fleck des Gewissens: Warum wir sehen, aber nicht erkennen

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Es ist ein Satz, der in der deutschen Nachkriegsgeschichte tausendfach gefallen ist, und er fällt auch in diesem verstörenden Filmdokument der ARD: „Wir konnten uns nicht vorstellen, was da im Lager passiert.“ Die Frau, die das sagt, ist keine unbeteiligte Zivilistin aus der nächsten Stadt. Es ist Hilde Lisewitz, eine ehemalige Aufseherin im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Das Interview mit ihr ist mehr als nur ein historisches Zeugnis. Es ist eine Lehrstunde über die dunkelsten Ecken der menschlichen Psychologie – eine Studie darüber, wie menschliche Wahrnehmung funktioniert, wenn die Realität zu grausam ist, um sie zu ertragen.

Die Geografie der Verleugnung
Die Faktenlage, die im Beitrag präsentiert wird, ist erdrückend physisch. Lisewitz arbeitete in einer Küche, die sich mitten im Lager befand. „Direkt neben den Baracken“, wie der Bericht feststellt. Sie gibt zu: „Wir konnten da hineinsehen.“ Sie sah die Häftlinge. Sie sah den Hunger. Später, nach der Befreiung, sah sie die Leichenberge, die sie selbst mit bestatten musste.

Und doch besteht sie darauf: „Wir haben nichts gewusst.“
Wie passt das zusammen? Wie kann ein Mensch direkt neben der Hölle arbeiten, hineinsehen und dennoch behaupten, nichts davon gewusst zu haben? Die Antwort liegt nicht (nur) in der Lüge, sondern in der Architektur unserer Wahrnehmung.

Sehen vs. Erkennen
Neurologisch betrachtet ist Sehen ein physikalischer Vorgang, Wahrnehmung jedoch ein konstruktiver Akt des Gehirns. Wir filtern Informationen. Was nicht in unser Selbstbild passt, wird oft ausgeblendet oder uminterpretiert. Psychologen nennen dies „kognitive Dissonanzreduktion“.

Im Fall der Aufseherin zeigt sich ein extremer Schutzmechanismus. Um als „normaler“ Mensch weiterzufunktionieren, musste sie die Häftlinge entmenschlichen. Wenn sie sagt, sie habe „aufpassen müssen, dass sie arbeiten“, dann reduziert sie die hungernden Menschen auf bloße Arbeitskraft. Die Gewalt – wie das Verteilen von Ohrfeigen oder Tritten – wird bagatellisiert („Ich hätte eine Backpfeife gegeben“), während das monströse Ganze, die Vernichtung, abgespalten wird.

Der Selbstschutz der Psyche
Das Interview offenbart eine fast kindliche Abwehrhaltung. Als sie sich selbst auf alten Aufnahmen der Briten sieht, reagiert sie nicht mit Reue über ihre Taten, sondern mit Angst um sich selbst: „Wenn dich hier jemand erkennt…“

Dies ist der Kern des Wahrnehmungsproblems: Der Mensch neigt dazu, sich selbst immer als Protagonisten einer moralisch vertretbaren Geschichte zu sehen. Um die Rolle der „anständigen Frau“ aufrechtzuerhalten, muss die Realität umgeschrieben werden. Die Zäune des Lagers wurden in ihrem Kopf zu Mauern, die nicht nur die Häftlinge einsperrten, sondern auch ihr eigenes Bewusstsein aussperrten.

Eine Warnung für die Gegenwart
Der Fall Hilde Lisewitz ist historisch spezifisch, aber das psychologische Muster ist universell. Es zeigt uns, dass „Wahrnehmung“ keine objektive Kamera ist. Sie ist ein hochgradig selektiver Prozess, gesteuert von Angst, Konformitätsdruck und dem Bedürfnis nach psychischer Stabilität.

Die wichtigste Lektion dieses Beitrags ist daher nicht nur historischer Natur. Sie ist eine Warnung an die Gegenwart: Wir müssen uns ständig fragen, wo unsere eigenen blinden Flecken liegen. Was sehen wir heute nicht, obwohl es direkt vor unseren Augen geschieht? Die Fähigkeit, das Offensichtliche zu leugnen, ist keine Eigenschaft, die 1945 verschwand – sie ist Teil der menschlichen Natur.

Willy Brandt und die DDR: Warnung vor der schnellen Übernahme

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Wer an Willy Brandt und den Herbst 1989 denkt, hat meist sofort einen Satz im Ohr: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“ Dieser am 10. November vor dem Schöneberger Rathaus ausgesprochene Satz wurde zum emotionalen Leitmotiv der deutschen Einheit. Doch ein fast vergessenes Interview, das Brandt nur drei Wochen später gab, zeichnet ein differenzierteres Bild des SPD-Ehrenvorsitzenden. Es zeigt einen Politiker, der nicht die schnelle Übernahme, sondern einen neuen Weg suchte.

Warnung vor dem „Export“ des Westens
In einem Gespräch mit dem Schweizer Rundfunk, abgedruckt in der „Berliner Zeitung“ vom 29. November 1989, äußerte sich Brandt überraschend skeptisch gegenüber einer schnellen Wiedervereinigung nach westdeutschem Muster. Seine Sorge: Die DDR könnte zu einer bloßen „Kopie der Bundesrepublik“ verkommen.

In jenen Tagen Ende November, als auf den Leipziger Montagsdemonstrationen der Ruf „Wir sind ein Volk“ immer lauter wurde, trat Brandt auf die Bremse. Er stellte sich explizit an die Seite derer, „die nicht einfach das, was wir in Westdeutschland haben, exportieren wollen“.

Hoffnung auf ein „sozialistisches Experiment“
Aus heutiger Sicht wirkt Brandts Offenheit für Alternativen bemerkenswert. Auf die Frage, ob in der DDR nun ein „neues sozialistisches Experiment“ anstehe, antwortete er nicht mit Ablehnung, sondern mit dem Satz: Er „wünschte dies sehr“.

Damit lag Brandt auf einer Linie mit vielen DDR-Bürgerrechtlern jener Zeit – Frauen und Männern aus dem „Neuen Forum“ oder der „Initiative für Frieden und Menschenrechte“, die den SED-Staat zwar abschaffen, aber nicht den Kapitalismus pur einführen wollten. Sie träumten vom „Dritten Weg“, einer demokratischen, sozialgerechten Gesellschaft. Brandt, der Präsident der Sozialistischen Internationale, sah hier offenbar eine historische Chance, die über das bloße Ende der Teilung hinausging.

Absage an den Triumph des Kapitalismus
Besonders deutlich wird Brandts Haltung in seiner Zurückweisung des westlichen Triumphalismus. Während konservative Kreise, insbesondere in den USA, das Ende des Ostblocks bereits als den endgültigen „historischen Sieg des Kapitalismus“ feierten, widersprach Brandt vehement.

Zwar sei der „verknöcherste Stalinismus“ und die bürokratische Planwirtschaft gescheitert – das gab er unumwunden zu. Doch den Umkehrschluss, dass der Markt alles regeln könne, lehnte er ab. Mit fast prophetischem Weitblick verwies er auf globale Herausforderungen: Umweltfragen und der Nord-Süd-Konflikt ließen sich nicht „allein mit den Mitteln der Marktwirtschaft lösen“.

Ein Fenster der Möglichkeiten
Das Interview ist ein fasziniertes Zeitdokument. Es stammt aus einem kurzen historischen Zeitfenster – zwischen dem Mauerfall am 9. November und den ersten freien Volkskammerwahlen im März 1990. In diesen wenigen Monaten schien alles möglich, auch eine DDR, die sich demokratisiert, aber ihre Eigenständigkeit bewahrt.

Die Geschichte entschied sich bekanntlich anders. Der Ruf nach der D-Mark und der schnellen Einheit übertönte die Debatten um Experimente. Die DDR trat dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei; Institutionen wurden übernommen, Strukturen oft kopiert – genau das Szenario, vor dem Brandt gewarnt hatte.

Ob ein „sozialistisches Experiment“ unter demokratischen Vorzeichen funktioniert hätte, bleibt eine unbeantwortete Frage der Geschichte. Willy Brandts Einlassungen vom November 1989 erinnern uns jedoch daran, dass der Weg zur Einheit keineswegs so alternativlos war, wie er im Rückblick oft erscheint.

Gedanken über die Aufmerksamkeit des Bösen

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Gerne geben wir den sozialen Medien die Schuld am Zustand der Debatten. Ihren Algorithmen. Ihrer Logik der Erregung. Dem Geschäft mit unseren Gefühlen. Und ja, vieles daran stimmt. Das Negative funktioniert besser als das Positive. Wut schlägt Sachlichkeit. Empörung schlägt Ruhe. Neutralität wird abgestraft.

Die unbequeme Frage ist nur: Befeuern wir dieses System nicht selbst?

Wir klicken, teilen und kommentieren meist nicht nach dem Maß des Verstehens, sondern nach dem Maß der Erregung. Erst kommt das Gefühl, dann die Meinung. Das Nachdenken folgt oft gar nicht mehr. „Ich höre auf meinen Bauch“ klingt nach Sicherheit – ist aber häufig nur eine bequeme Abkürzung. Denn auch der Bauch ist gespeist aus Erfahrungen, Bildern und Prägungen.

Politische Akteure haben dieses Muster längst verstanden. Sie arbeiten weniger mit Argumenten als mit Reizen. Nicht Überzeugung zählt, sondern Affekt. Das verändert nicht sofort eine ganze Gesellschaft, aber es verschiebt den Ton, vertieft die Gräben und zerstört Vertrauen.

Dabei müsste Transparenz unser Maßstab sein: sehen, wer was sagt, warum er es sagt und wessen Interessen dahinterstehen. Doch Verstehen kostet Zeit. Und Zeit will kaum noch jemand investieren. Man will sehen, fühlen – und sofort eine Meinung haben. Genau dort beginnt das Problem.

Ich versuche für mich einen anderen Weg: weniger Wut, mehr Verstehen. Lesen, auch widersprüchliche Stimmen. Was ich veröffentliche, bleibt trotzdem meine Auswahl, meine Perspektive. Vollkommene Neutralität gibt es nicht. Wichtig ist nur, dass darüber gesprochen wird.

Gerade bei der DDR stehen heute unversöhnliche Erfahrungswelten nebeneinander. Sie werden sich nicht mehr vereinen lassen. Vielleicht besteht unsere Aufgabe darin, diese Widersprüche auszuhalten – ohne sie sofort zu bewerten.

Was wir brauchen, ist die Verbindung von Gefühl und Verstand. Nicht Bauch gegen Kopf, sondern beides gemeinsam. Vielleicht ist das auch eine Frage von Reife. Aus Erfahrung kann Weisheit entstehen – wenn wir sie zulassen. Eine Weisheit, die nicht siegen will, sondern verstehen.

Sehnsucht in Moll – Der DDR Soundtrack des Jahres 1980

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Ein Rückblick auf ein Jahr, in dem der DDR-Musik leiser wurde und die Poesie lauter. Über vier Lieder, die eine ganze Ära spiegeln: von Holger Biege bis Gaby Rückert.

Von unserem Musikkritiker
Es gibt Jahre, die brüllen, und es gibt Jahre, die flüstern. Das Jahr 1980 in der DDR war eines der leisen Töne, die jedoch umso tiefer hallten. Wer heute, über vier Jahrzehnte später, das Radio aufdreht und ein imaginäres Medley dieses Jahres zusammenstellt, der stößt auf eine merkwürdige, faszinierende Melancholie. Es war eine Zeit des Übergangs, spürbar in den Plattenrillen von Amiga. Der raue, wilde Rock der Siebziger legte sich etwas zur Ruhe, machte Platz für Chanson, Soul und eine fast zerbrechliche Intimität.

Vier Titel aus jenem Jahr bilden ein fast perfektes akustisches Quadrat, in dem sich das Lebensgefühl zwischen Ostsee und Thüringer Wald fangen lässt: Cola-Wodka, Melanie, Goldene Brücken und Berührung.

Der Blues am Tresen
Wenn Holger Biege in die Tasten griff, war die DDR für drei Minuten ein verrauchter Jazzclub in New Orleans oder Chicago. 1980 erschien sein Song „Cola-Wodka“. Biege, der Mann mit der vielleicht schwärzesten Soulstimme des Ostens, sang nicht über den Aufbau des Sozialismus. Er sang über die Flucht an den Tresen, über die Betäubung und die kleinen, schmutzigen Wahrheiten der Nacht. Rhythmisch vertrackt, harmonisch komplex, war dies kein Schlager zum Schunkeln, sondern ein Soundtrack für die Schlaflosen. Es war der Sound einer Generation, die anfing, sich Fragen zu stellen, auf die sie in den Zeitungen keine Antworten fand.

Die Rocker werden sanft
Selbst die Giganten wurden weicher. Die Puhdys, zu jener Zeit längst eine Institution und unangefochtene Könige des Ostrocks, lieferten mit „Melanie“ keinen stampfenden Hymnus ab, sondern eine Ballade. Das Jahr 1980 zeigte, dass auch die „Rolling Stones des Ostens“ das Geschichtenerzählen für sich entdeckt hatten. Es war eine Zeit, in der die E-Gitarren oft den akustischen Klampfen oder Streichern wichen. Man zog sich zurück – ins Private, in die Nische, in die Geschichte zweier Menschen.

Brücken ins Ungewisse
Und dann waren da die Frauen, die 1980 vielleicht stärker waren als je zuvor. Veronika Fischer, die „Vroni“, stand auf dem Zenit ihres Erfolges. „Goldene Brücken“ ist ein monumentales Stück Popmusik. Ihre Stimme, kraftvoll und doch warm, beschwor das Bild des Verbindenden. Im Rückblick schwingt in diesem Lied eine fast tragische Ironie mit. Nur ein Jahr später sollte Fischer die DDR verlassen und ihre eigenen Brücken abbrechen. Hört man den Song heute, klingt er wie ein Abschiedsbrief, der noch nicht abgeschickt wurde – voller Hoffnung, aber mit dem Wissen um die Unmöglichkeit.

Der Rückzug ins Private
Doch wenn es einen Song gibt, der die „Nischengesellschaft“ der DDR im Jahr 1980 definiert, dann ist es „Berührung“ von Gaby Rückert. Komponiert von Thomas Natschinski, ist dieses Lied ein Meisterwerk der Reduktion. „Berührung, die so sacht, wie der Flügelschlag der Nacht…“ – das war pure Poesie. In einer Welt voller Parolen und Pläne war dieses Lied eine Oase der absoluten Zweisamkeit. Es war politisch, gerade weil es so unpolitisch war. Es behauptete das Recht auf das eigene, kleine Glück hinter der Wohnungstür.

Das Fazit einer Ära
Zusammengenommen ergeben Biege, Puhdys, Fischer und Rückert mehr als nur eine Playlist. Sie zeichnen das Bild einer Gesellschaft, die 1980 in einer seltsamen Schwebe verharrte. Es war eine Zeit der musikalischen Professionalität, der poetischen Texte und der großen Gefühle. Wer verstehen will, wie sich der Osten anfühlte, kurz bevor die große Ausreisewelle der Künstler begann, der muss nur diese vier Lieder hören. Sie sind Dokumente einer Sehnsucht, die keine Grenzen kannte.

Warum „Marie“ von Karussell das ehrlichste Lied der Wende ist

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Während David Hasselhoff blinkend an der Mauer stand und die Scorpions den „Wind of Change“ herbeipfiffen, schrieb Dirk Michaelis mit der Band Karussell ein ganz anderes Stück Musikgeschichte. „Marie – die Mauer fällt“ ist keine bloße Jubelhymne. Es ist eine melancholische Warnung, die den Kater der Wiedervereinigung vorhersah, noch bevor die Sektflaschen leer waren.

Es ist der „traurige Monat November“, wie es im Lied heißt. Ein Zitat, geliehen von Heinrich Heine, dem großen deutschen Melancholiker im Exil. Schon die erste Zeile des Songs „Marie – die Mauer fällt“ macht klar: Hier wird nicht einfach nur gefeiert. Hier wird nachgedacht.

Wer sich heute das Video von 1989 ansieht, blickt in ein faszinierendes Zeitfenster. Die Bilder sind körnig, die Frisuren der Zeit geschuldet, doch der Text schneidet schärfer in die deutsche Seele als die meisten politischen Analysen jener Tage. Dirk Michaelis, die Stimme von Karussell, liefert mit diesem Song den emotionalen Soundtrack für den Moment, als die Welt den Atem anhielt – und atmet im selben Zug schon wieder skeptisch aus.

Der Rausch und der Kater
Das Video fängt die unfassbare Euphorie der Nacht vom 9. November ein. Es singt vom „Fest der großen Gefühle“, für das sich die sonst so kühlen Deutschen eigentlich schämen. Man sieht vor dem inneren Auge die Trabis, die sich durch die Bornholmer Straße schieben, wildfremde Menschen, die sich weinend in den Armen liegen. Sektkorken knallen, die „Pferde der Fantasie“ gehen durch.

Doch Michaelis bleibt nicht im Rausch stehen. Das Lied wagt den unvermeidlichen Schritt in den nächsten Morgen. Der Protagonist erwacht „mit Blick auf die Mauer“, im Hintergrund hämmern die Mauerspechte den Takt. Die Frage „Ist das nur der Katzenjammer?“ schwebt über der Szenerie. Es ist die erste Ahnung, dass auf die Party die Arbeit folgt – und auf die Umarmung die Ernüchterung.

Die mit den Träumen, die mit dem Geld
Die prophetische Kraft des Songs liegt in einer einzigen, genialen Zeile, die den Kernkonflikt der kommenden Jahrzehnte vorwegnimmt:

„Wir kommen uns näher / Die mit den Träumen / Und die mit dem Geld.“

Präziser wurde das deutsch-deutsche Dilemma selten formuliert. Auf der einen Seite die DDR-Bürger, reich an Utopien, Sehnsüchten und dem Wunsch nach Freiheit („Die Träume“). Auf der anderen Seite die Bundesrepublik, definiert durch Wirtschaftswunder, D-Mark und materielle Absicherung („Das Geld“).

Während die Politiker 1989 von „blühenden Landschaften“ sprachen, erkannte Karussell die Asymmetrie dieser Begegnung. Es war kein Treffen unter Gleichen, sondern eine Fusion von Idealismus und Kapitalismus. Die leise Sorge, dass die Träume unter der Wucht des Geldes ersticken könnten, schwingt in jedem Takt mit.

Ein Appell an die Wärme
Die Figur der „Marie“ bleibt im Video schemenhaft – eine Geliebte? Die personifizierte Freiheit? Oder gar die junge Demokratie selbst? Wenn Michaelis singt „Marie, deck dich gut zu, sonst verfliegt unsre Wärme“, dann ist das ein fast verzweifelter Appell. Er fordert dazu auf, die menschliche Solidarität jener Novembernacht zu konservieren, bevor die Kälte der Ellenbogengesellschaft Einzug hält.

Rückblickend ist „Marie – die Mauer fällt“ das wohl reifste Lied der Wendezeit. Es verweigert sich dem simplen Kitsch. Es feiert die Freiheit, ohne die Augen vor den Kosten zu verschließen. Es ist ein Stück, das uns daran erinnert, dass die Mauer zwar aus Stein gefallen sein mag, aber die Arbeit an dem, was danach kommt, gerade erst begonnen hatte.

Wer heute verstehen will, warum der Osten und der Westen auch Jahrzehnte später noch manchmal fremdeln, der muss nicht hunderte Soziologie-Bücher wälzen. Es reicht, Dirk Michaelis drei Minuten lang zuzuhören.

Plauen 1989: Wenn der Traum vom Bad zerplatzt

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Ein Rückblick auf den März 1989: Das DDR-Magazin „Prisma“ zeichnete ein kritisches Bild der Wohnsituation in Plauen. Während die Stadtverwaltung glaubte, das Gröbste überstanden zu haben, stapelten sich die Anträge. Für viele Bürger hieß die Realität: Waschen in der Schüssel und Warten auf die Zuteilung.

Plauen. Für Hans Wicht beginnt der Tag oft mit einem logistischen Problem. Der 50-jährige Koch lebt mit seiner Frau Sophie und zwei fast erwachsenen Töchtern in Treuen, einem Nachbarort von Plauen. Vier Erwachsene, drei Zimmer – Schlafzimmer, Küche, Wohnzimmer – und eine winzige Kammer, in die gerade so zwei Betten passen. Ein Badezimmer? Fehlanzeige. „Wir haben hier kein Bad, keine Dusche, nur eine dürftige Waschgelegenheit“, berichtet Wicht. Wenn im Haus Wäsche gewaschen wird, bleibt der Wasserhahn im Obergeschoss oft trocken. „Mir ist es passiert, ich hatte mich rasiert und konnte den Schaum nicht abwaschen“, erzählt er resigniert.

Ein Einzelschicksal ist Familie Wicht nicht. Über 1.000 Wohnungsanträge liegen beim Rat der Stadt Plauen auf dem Tisch. Die Hälfte davon stammt von jungen Leuten, die noch im Elternhaus wohnen und eine eigene Bleibe suchen. Die Situation in der Vogtlandmetropole ist exemplarisch für den Investitionsstau in den Altbausubstanzen vieler DDR-Städte gegen Ende der 80er Jahre.

Die Fehlkalkulation des Rathauses
Wie konnte es zu diesem Engpass kommen? Zwischen 1981 und 1985 wurden in Plauen exakt 362 Neubauwohnungen errichtet. Eine Zahl, die den damaligen Bürgermeister Horst Schönherr zu einer optimistischen Fehleinschätzung verleitete. „Es war in der Tat so, dass wir für den Moment geglaubt haben, dass wir aus dem Gröbsten heraus wären“, gibt Schönherr vor der Kamera zu.

Doch die Realität überholte die Planer: Kinder wurden erwachsen, Familien gründeten sich, Ehen wurden geschieden, und die lokale Industrie forderte Wohnraum für neue Arbeitskräfte. Die Stadt hatte den Bedarf schlicht unterschätzt. Im Jahr vor der Reportage konnte der Wohnungsvergabeplan nur zu 76,2 Prozent erfüllt werden. „Wir hatten in der besten Absicht gehandelt […] hatten dabei allerdings nicht bedacht und unseren Bürgern auch nicht gesagt, dass es […] dazu kommen kann, dass der eine oder andere Wohnungsantrag nicht realisiert werden kann“, so der Bürgermeister selbstkritisch. Staatliche Zusagen wurden gebrochen, das Vertrauen litt.

Improvisation als Staatsplan
Da Neubauten vorläufig nicht in Sicht sind, lautet die neue Devise: Modernisierung und Rekonstruktion. Der Leerstand in den Altbauten ist beträchtlich, oft fehlt es jedoch an Kapazitäten, die maroden Substanzen bewohnbar zu machen. Ende des vergangenen Jahres waren von 153 leerstehenden Wohnungen 43 noch nicht einmal in Angriff genommen worden.

Hier greift der Staat zu einem Mittel, das die Not zur Tugend macht: „Territoriale Interessengemeinschaften“. Da die kommunalen Baubetriebe überlastet sind, springen die volkseigenen Betriebe (VEB) in die Bresche. In Auerbach etwa koordiniert der VEB Robotron den Ausbau. Betriebe stellen Material und Arbeitskraft, um für ihre Mitarbeiter Wohnraum zu schaffen.

Selbsthilfe statt Schlüsselübergabe
Auch Hans Wicht profitiert von diesem Modell. Ihm wurde eine Wohnung in der Robert-Blum-Straße zugesprochen – allerdings in einem „schlimmen Zustand“. Lange tat sich nichts, doch nun hat er einen Ausbauvertrag mit seinem Arbeitgeber, dem VEB Malitex, in der Tasche.

Im Rathaus werden die Details geklärt: Tischler Hess liefert die Fenster, der Baubetrieb macht den Fußboden. Doch selbst hier hakt es. „Ich muss trotzdem noch ein Problem anschneiden, das ist das mit den Fliesen und dem Bad“, wendet Wicht im Gespräch mit der Sachgebietsleiterin Bärbel Kutschke ein. Der Hauswart würde das Bad bauen, aber die Fliesen fehlen. Ein typisches Bild der Mangelwirtschaft: Der Wille ist da, das Material oft nicht.

Das Fazit des Berichts aus dem Frühjahr 1989 bleibt ambivalent. Zwar gelobt die Stadt Besserung durch realistischere Pläne und ehrenamtliche Wohnungskommissionen, doch die Lösung des Problems wird zunehmend auf die Schultern der Betriebe und die Eigeninitiative der Bürger verlagert. Eine Stadt, so philosophiert Bürgermeister Schönherr zum Ende, sei eben „nicht aus Millionen Ziegelsteinen festgefügt für alle Zeiten, sondern ein lebendiger Organismus“. Für Hans Wicht und viele andere Plauener bedeutete dieser Organismus vor allem eines: Viel Geduld und noch mehr Eigenleistung.

Der Realitätsschock: Als West-Berlin die Notbremse zog

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Nur drei Wochen nach dem Fall der Mauer holte der administrative Alltag die euphorisierte Halbstadt ein. Am 29. November 1989 signalisierte der West-Berliner Senat: „Nichts geht mehr.“ Ein Rückblick auf den Moment, als die Turnhallen voll und die politischen Gräben tief waren.

Von unserem Korrespondenten
Berlin. Es waren Tage des Taumels, der Freudentränen und der Sektkorken. Doch Ende November 1989, kaum 20 Tage nachdem Günter Schabowski jenen berühmten Zettel verlas, wich die Poesie der Revolution der Prosa der Verwaltung. West-Berlin, die Insel der Freiheit inmitten der DDR, stand vor dem Kollaps.

Eine Meldung der Nachrichtenagentur ADN, abgedruckt in der Berliner Zeitung, markierte an jenem Mittwoch, dem 29. November 1989, den Wendepunkt: Der West-Berliner Senat beschloss einen faktischen Aufnahmestopp für DDR-Übersiedler.

„Wir können nicht mehr“
Die Worte von Sozialsenatorin Ingrid Stahmer (SPD) waren an Deutlichkeit nicht zu überbieten: „Wir können nicht mehr.“ Es war ein Hilferuf einer Stadtverwaltung, die von der Geschichte überrollt wurde. Die Zahlen, die Stahmer präsentierte, illustrieren den enormen Druck, der auf der Infrastruktur lastete. Allein im November waren 15.648 Übersiedler in die Stadt geströmt. Die Gesamtzahl des Jahres 1989 belief sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf über 53.000 Menschen.

Die Folgen waren im Stadtbild nicht mehr zu übersehen. Die regulären Wohnheime waren mit 20.000 Plätzen restlos belegt. Wer jetzt noch kam, landete im Provisorium: 8.000 Menschen hausten in Containern, Messehallen oder umfunktionierten Fabrikhallen. Besonders prekär: 2.100 Neuankömmlinge mussten in 34 beschlagnahmten Turnhallen schlafen – Feldbetten statt Schulsport, Massenunterkunft statt Privatsphäre.

Die neue Härte des Senats
Der Beschluss des Senats war drastisch: Ab sofort sollten nur noch jene Übersiedler in West-Berlin aufgenommen werden, die enge familiäre Bindungen in der Stadt nachweisen konnten. Alle anderen – und das war die Mehrheit – sollten in die Bundesrepublik weitergeleitet werden. West-Berlin erklärte sich für voll.

Der politische Grabenkampf
Doch in der aufgeheizten Atmosphäre der Wendezeit blieb dieser administrative Notakt nicht ohne politisches Nachspiel. Die Opposition im Abgeordnetenhaus witterte Verrat an den nationalen Pflichten. Eberhard Diepgen, Fraktionschef der CDU und späterer Regierender Bürgermeister, attackierte den SPD-Senat scharf.

Diepgen bediente dabei ein Narrativ, das auf die emotionale Ungleichbehandlung abzielte: Es könne nicht sein, dass selbst abgelehnte Asylbewerber bleiben dürften, während man „eigene Landsleute“ abweise. Der Streit verdeutlichte das Dilemma jener Tage: Wie viel Pragmatismus verträgt die nationale Euphorie? Für Diepgen war die Antwort klar: Die Zurückweisung von DDR-Bürgern war ein Tabubruch.

Ein Dokument der Zeitgeschichte
Rückblickend erscheint die Meldung vom 29. November wie ein Brennglas der Nachwende-Probleme. Sie zeigt, wie schnell die Ressourcen einer geteilten Stadt erschöpft waren und wie unvorbereitet der Westen auf die massenhafte Abwanderung aus dem Osten tatsächlich war. Während auf dem Kurfürstendamm noch gefeiert wurde, kämpften die Behörden in den Amtsstuben bereits mit dem organisatorischen Kater nach der Party.

Verrat in den eigenen Reihen: Rainer Eppelmann über den Fall Wolfgang Schnur

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Kurz vor den ersten freien Wahlen der DDR im März 1990 erschütterte ein Skandal die Bürgerrechtsbewegung: Wolfgang Schnur, Vorsitzender des „Demokratischen Aufbruch“ (DA), wurde als Stasi-Spitzel enttarnt. In einem Zeitzeugen-Gespräch blickt Rainer Eppelmann zurück auf die Chronologie einer Entlarvung, die nicht nur eine Partei, sondern auch eine tiefe Freundschaft zerstörte.

Es war eine Zeit des Umbruchs und der Hoffnung, doch für Rainer Eppelmann endete sie mit einer der herbsten menschlichen Enttäuschungen seines Lebens. Wenige Tage vor der historischen Volkskammerwahl am 18. März 1990 wurde Gewissheit, was viele nicht wahrhaben wollten: Wolfgang Schnur, der prominente Rechtsanwalt, Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Hoffnungsträger für das Amt des Ministerpräsidenten, war ein Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit – und mehr als das.

„Der hat einen Ruf“ – Die ersten Zweifel
Die Enthüllung begann schleichend. Eppelmann erinnert sich, wie zunächst Gerüchte aus Rostock nach Berlin schwappten. Mitglieder des Demokratischen Aufbruchs warnten: „Hier gibt es Gerüchte, die sehr wichtig sind. Wolfgang Schnur arbeitet für die Staatssicherheit.“

Für Eppelmann, damals eng mit Schnur befreundet, war das zunächst unvorstellbar. Als er Schnur konfrontierte, wies dieser die Vorwürfe weit von sich. „Wenn mir ein Freund sagt, ich arbeite nicht für die Stasi, dann glaube ich ihm doch“, so Eppelmann rückblickend. Er vermutete eher ein Störfeuer der noch immer aktiven Stasi, um die neue politische Kraft zu schwächen.

Spurensuche in der Normannenstraße
Um die Vorwürfe zu entkräften, unternahmen Schnur und Eppelmann einen ungewöhnlichen Schritt: Gemeinsam mit einem weiteren Anwalt verschafften sie sich Einsicht in erste Akten in der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße – zu einer Zeit, als es noch keine geregelte Akteneinsicht gab.

Was sie fanden, war zunächst dürftig: Eine Karteikarte, aber keine Verpflichtungserklärung. Doch da war auch ein Brief aus den 1970er Jahren, adressiert an Stasi-Chef Erich Mielke. „Sehr geehrter Herr Minister, ich bitte Sie um ein Gespräch, ich hätte Ihnen Wichtiges mitzuteilen“, zitierte Eppelmann den Inhalt.

Das Kuriose: Die Handschrift stimmte nicht mit der überein, die Eppelmann von Schnur kannte. Heute weiß Eppelmann, dass sich Handschriften über Jahrzehnte ändern können oder Schnur möglicherweise eine „Zweitschrift“ nutzte. Damals jedoch bestärkte die Diskrepanz Eppelmanns Glauben an die Unschuld seines Freundes.

Die erdrückende Beweislast
Der Wendepunkt kam durch externe Intervention. Akten, die im Büro von Bundeskanzler Helmut Kohl landeten, zeichneten ein vernichtendes Bild. Schnur war nicht nur ein einfacher Zuträger, sondern ein „OibE“ – ein Offizier im besonderen Einsatz. „Ein besonders fleißiger, besonders wichtiger und besonders schlimmer Mitarbeiter“, resümiert Eppelmann.

Unter dem Druck dieser Beweise und vermutlich auch auf Drängen aus Bonn brach Schnur zusammen. Er gestand – allerdings nicht gegenüber seinen Parteifreunden, sondern gegenüber dem Büro Kohl. Eppelmann und der DA erfuhren es über Umwege, nur vier oder fünf Tage vor der Wahl.

Der Slogan des Demokratischen Aufbruchs lautete damals: „Wir sind die Sauberen“. Mit Schnur an der Spitze war dieser Anspruch Makulatur. „Der haut uns so weit von innen in die Pfanne“, dachte Eppelmann damals. Der Vorstand handelte sofort und schloss Schnur in dessen Abwesenheit aus der Partei aus.

Eine Pressekonferenz mit Folgen
Eppelmann übernahm den amtierenden Vorsitz. Ihm fiel die schwere Aufgabe zu, den Skandal der Öffentlichkeit zu erklären. An seiner Seite: die damalige Pressesprecherin des DA, Angela Merkel. Sie eröffnete die Pressekonferenz vor einem Wald aus Kameras und Mikrofonen. Eppelmann musste verkünden, dass der Mann, der sich in Magdeburg bereits als zukünftiger Ministerpräsident hatte feiern lassen, ein langjähriger Stasi-Mitarbeiter war.

Der persönliche Verrat
Für Rainer Eppelmann wog der menschliche Verrat schwerer als der politische Schaden. Schnur gehörte zum engsten Kreis, kannte alle Kontakte, auch die zu westlichen Journalisten und Politikern. „Das kannte der alles, hat da natürlich alles aufgeschrieben und weiterberichtet“, sagt Eppelmann mit bitterer Stimme.

Ein Besuch im Krankenhaus, wo Schnur nach einem Zusammenbruch lag, markierte den endgültigen Bruch. Schnur ließ Eppelmann fast zwei Stunden warten und offenbarte dann, er habe dem „Stern“ ein Interview gegeben – gegen Geld. Seine Begründung: Da seine politische Karriere vorbei sei und er als Anwalt kaum noch arbeiten könne, müsse er sehen, wo er bleibe.

„Eine solche Schmuddel-Verratsgeschichte auch noch für Geld zu verkaufen“, das war für Eppelmann der Punkt, an dem das Mitleid endete.

Ein letztes Wiedersehen
Jahre später begegneten sich die beiden noch einmal vor Gericht. Es ging um eine Auseinandersetzung zwischen Joachim Gauck und Peter-Michael Diestel, bei der Schnur als Zeuge auftrat. Im Gerichtsflur in Rostock kam Schnur auf Eppelmann zu, lächelnd, die Hand ausgestreckt, als sei nichts geschehen.

Eppelmanns Reaktion war eindeutig. Er verweigerte den Handschlag. „Sie müssten mir eine Menge erklären“, sagte er. Wolfgang Schnur hat es danach nie wieder versucht.

Der Verrat des Vaters: Ein Leben im Schatten der Stasi

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Hannover, 1979. Thomas Raufeisen führt das Leben eines ganz normalen westdeutschen Teenagers. Er geht zur Schule, trifft Freunde und wächst behütet in bürgerlichen Verhältnissen auf. Was er nicht weiß: Sein Vater Armin ist kein gewöhnlicher Angestellter der Preussag, sondern ein Top-Agent des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Ein Familienausflug wird für den damals 16-Jährigen zum Albtraum, der sein Leben für immer verändern sollte.

Es ist eine Geschichte, die klingt wie aus einem Agententhriller, doch für Thomas Raufeisen ist sie bittere Realität. In einem Interview mit Frank Elstner schilderte Raufeisen eindrücklich, wie seine heile Welt von einem Moment auf den anderen zerbrach.

Die Reise ohne Wiederkehr
Alles begann mit einer Lüge. Thomas Raufeisens Vater behauptete, der Großvater in der DDR läge im Sterben. Es sei vielleicht die letzte Möglichkeit, ihn lebend zu sehen. Die Familie – Mutter, Vater, Thomas und sein älterer Bruder – brach sofort auf. Doch die rührende Sorge um den Großvater war nur ein Vorwand.

„Als wir dort ankamen, hat mein Vater die Wahrheit erzählt“, berichtet Raufeisen. In einem Gästehaus, flankiert von zwei fremden Männern, die sich später als Stasi-Offiziere entpuppten, ließ Armin Raufeisen die Bombe platzen. Er habe nicht nur für den westdeutschen Konzern Preussag gearbeitet, sondern dort gezielt Wirtschaftsinformationen für den DDR-Geheimdienst beschafft. Seine Tarnung im Westen drohte aufzufliegen, die Verhaftung stand kurz bevor. Die Flucht in die DDR war sein einziger Ausweg – und er hatte seine Familie mitgenommen.

Für den 16-jährigen Thomas brach eine Welt zusammen. „Das war ein absoluter Vertrauensbruch“, erinnert er sich. Der Vater, eine Respektsperson, wurde plötzlich zu einem Fremden.

Gefangen im System
Die Konsequenzen waren brutal. Während der volljährige Bruder sich weigern und nach einer zermürbenden Wartezeit in den Westen zurückkehren durfte, saßen Thomas und seine Mutter in der Falle. Thomas, als Minderjähriger, wurde ungefragt DDR-Bürger.

Doch Armin Raufeisen, der überzeugte Kommunist, der in den 1950ern von der Stasi angeworben wurde und im Auftrag des Staates Karriere im Westen machte, wurde von seinem eigenen Auftraggeber enttäuscht. Das Leben im „Arbeiter- und Bauernstaat“ entsprach nicht seinen Vorstellungen. Er plante, was die Stasi als unverzeihlichen Verrat ansah: die Flucht zurück in den Westen.

Der Versuch scheiterte. Die Familie wurde verhaftet.

Die Hölle von Hohenschönhausen
Was folgte, war eine Odyssee durch die Gefängnisse der Staatssicherheit. Thomas Raufeisen verbrachte drei Jahre in Haft, seine Mutter sogar sieben. Ihr wurde absurderweise vorgeworfen, sie hätte bei einer Ordensverleihung hochrangige Spione wie Markus Wolf identifizieren können – ein hypothetisches Vergehen, das schwer bestraft wurde.

Der Vater überlebte die Haft nicht. Armin Raufeisen starb unter mysteriösen Umständen im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. „Er ist dort drinnen gestorben“, sagt Thomas Raufeisen heute nüchtern. Eine Versöhnung gab es nie.

Aufklärung statt Verbitterung
Heute, Jahrzehnte später, ist Thomas Raufeisen an den Ort seines Leidens zurückgekehrt. Er arbeitet als Referent in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, jenem ehemaligen Stasi-Gefängnis, in dem er und seine Familie inhaftiert waren.

Er führt Besucher, insbesondere Schulklassen, durch die Zellen und Verhörräume. Seine Geschichte macht die abstrakte Historie der DDR-Diktatur greifbar. „Es ist sehr eindringlich und glaubhaft, wenn man von persönlichen Erlebnissen erzählen kann“, erklärt er seine Motivation.

Trotz des traumatischen Erlebens wirkt Raufeisen nicht verbittert. Es geht ihm um politische Bildung und darum, jungen Menschen den Wert von Freiheit und kritischem Hinterfragen zu vermitteln. Auch mit seiner Mutter, die heute 83 Jahre alt ist, hat er einen Weg gefunden, über die Vergangenheit zu sprechen.

Thomas Raufeisens Geschichte ist ein mahnendes Beispiel dafür, wie politische Ideologien Familien zerstören können. Sein Vater opferte für seine Überzeugung nicht nur seine eigene Freiheit, sondern auch die Zukunft und das Vertrauen seiner Kinder.