Die Nachrichtenlage zu Jahresbeginn offenbart ein Land, das sich zwischen administrativer Auflösung und gesellschaftlichem Neubeginn neu sortieren muss.
Der Blick auf die nüchternen Zahlen des Januar 1990 offenbart die enorme Dynamik, die wenige Monate nach dem Mauerfall die gesellschaftliche Realität der DDR bestimmt. Es ist eine Zeit der Gleichzeitigkeit von Auflösung und Neuformierung, die sich in den statistischen Berichten aus Bonn und Ost-Berlin niederschlägt. Die Bilanz des Bundesinnenministeriums für das gerade verangene Jahr 1989 spricht eine deutliche Sprache: 343.854 Menschen sind als Übersiedler registriert worden. Diese Zahl markiert nicht nur einen demografischen Aderlass, sondern verdeutlicht den enormen Druck, der auf den verbliebenen politischen und wirtschaftlichen Strukturen lastet, während parallel die Zahl der Aussiedler aus Osteuropa ebenfalls neue Höchststände erreicht.
Mitten in dieser demografischen Verschiebung greifen erste wirtschaftspolitische Maßnahmen, die den Übergang in eine neue ökonomische Realität markieren sollen. Der offizielle Wechselkurs der Mark der DDR zur D-Mark wird ab sofort mit 3:1 angegeben. Es ist ein fiskalischer Wert, der versucht, die Kaufkraftparitäten neu zu justieren, während sich an der Basis bereits erste privatwirtschaftliche Strukturen bilden. In Gransee konstituiert sich beispielhaft ein Verband mittelständischer privater Betriebe. Diese Gründungen sind Vorboten einer Unternehmerkultur, die sich ihren Platz in einem System sucht, das über Jahrzehnte von volkswirtschaftlicher Planung dominiert war.
Gleichzeitig versucht die Administration, den Alltag durch neue Verordnungen zu regeln, die fast mikromanisch anmuten angesichts der großen politischen Umwälzungen. Neue Bestimmungen für den ambulanten Handel treten in Kraft. Wer selbstgefertigte Konsumgüter verkaufen will, benötigt nun Preisfestsetzungen; für Gebrauchtwaren werden Obergrenzen am Zeitwert orientiert. Dass für selbst gesammelte Waldfrüchte keine Genehmigung nötig ist, wirkt in diesen Tagen wie eine kleine bürokratische Nische in einem Land, das sich auf dem Weg zur Marktwirtschaft befindet. Es sind Versuche, Ordnung in einen sich liberalisierenden Markt zu bringen.
Auf der politischen Bühne vollzieht sich der Rückzug der alten Machteliten aus den sensibelsten Bereichen des Staates. Die Parteiorganisationen der SED stellen ihre Tätigkeit in der Nationalen Volksarmee, den Grenztruppen und der Zivilverteidigung ein. Dies ist ein entscheidender Schritt zur Entflechtung von Partei und Staatsmacht, der den Weg für demokratische Strukturen ebnen soll. Parallel dazu formieren sich die neuen politischen Kräfte für die im Mai anstehenden Volkskammerwahlen. Die NDPD veröffentlicht ihr Programm, und prominente Personalien wie der Wechsel des ehemaligen hessischen Staatsministers Rudi Arndt zur SDP in Erfurt zeigen, wie sehr die innerdeutsche Politik bereits vernetzt ist.
Ein weiteres drängendes Thema bricht sich Bahn: der Umweltschutz. Jahrelang tabuisiert, wird die ökologische Situation nun institutionalisiert. Ein eigenes Ministerium für Naturschutz, Umweltschutz und Wasserwirtschaft nimmt die Arbeit auf. In Bitterfeld, dem Synonym für industrielle Umweltzerstörung, wird ein Umweltbeauftragter eingesetzt. Diese Maßnahmen sind Reaktionen auf den sichtbaren Verfall und den Druck der Bürgerbewegungen, die den Zustand der natürlichen Lebensgrundlagen nicht länger hinnehmen wollen.
Doch der Januar 1990 ist auch ein Monat der Ernüchterung im deutsch-deutschen Alltag. Der Berliner Senat hebt die unentgeltliche Beförderung für DDR-Bürger auf. Ein Fahrschein kostet nun zwei Mark der DDR. Diese Normalisierung des Grenzverkehrs ist ein erstes Indiz dafür, dass die Phase der Euphorie einer Phase der ökonomischen Realitäten weicht. Auch die Schändung des sowjetischen Ehrenmals in Gera in der Silvesternacht zeigt, dass die gesellschaftliche Stimmung vielerorts angespannt bleibt. Es ist eine Phase des Übergangs, in der Reiseführer über die jeweils andere Seite der Grenze reißenden Absatz finden – ein Zeichen für das enorme Bedürfnis, das eigene Land und den lange unerreichbaren Nachbarn neu zu vermessen.


Jahreswechsel in der DDR war weniger ein Konsumakt als ein strategisches Manöver, um dem Mangel für eine Nacht die Stirn zu bieten.
In der Nacht vom 31. Dezember 1989 auf den 1. Januar 1990 herrschte in der DDR ein Zustand zwischen Agonie und Anarchie, der so nie wiederkehren sollte.
Der scheidende Ministerpräsident zieht kurz vor dem Ende seiner Amtszeit eine Bilanz zwischen zwei politischen Systemen und den prägenden Brüchen der Nachwendezeit.
Der Schauspieler beschreibt den untergegangenen Staat als ein Atlantis und erklärt, warum eine spezifische ostdeutsche Renitenz bis heute in den politischen Debatten nachhallt.
Der tatsächliche Status eines Bürgers im Sozialismus hing weit weniger von seinem Bildungsgrad ab, als von seinem Zugang zu knappen Waren und westlichen Devisen.
Hinter den Parolen der offiziellen Waffenbrüderschaft verbarg sich ein komplexer Alltag zwischen Isolation, wirtschaftlicher Abhängigkeit und pragmatischen Begegnungen.
Ende 1990 forderte Arbeitsminister Norbert Blüm einen radikalen Markteingriff, um das ostdeutsche Gesundheitswesen vor dem finanziellen Kollaps zu bewahren.
Drei Autorinnen und ein Soziologe haben die Stimmung zwischen Erzgebirge und Uckermark erkundet und zeichnen das Bild einer Gesellschaft im klimatischen Wandel.
Zwischen staatlicher Zersetzung und kirchlichem Schutzraum entwickelte sich eine Subkultur, die das System allein durch ihre Existenz in Frage stellte.