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Die stille Kraft der „alten“ Jenaer Geschichten

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Auf dem Jenaer Marktplatz in dankbarer Erinnerung an meinen Freund Siegfried.

Es gibt Beiträge, die sind so alt, dass sie beinahe schon ins Geschichtshistorische gehören – lange vor der Wende, aber auch viele Jahre danach. Mit Jenapolis habe ich eigentlich immer versucht, tagesaktuelle Themen aufzugreifen, Dinge, die die Menschen unmittelbar trafen, bewegten, aufrüttelten. Das wird es auch weiterhin geben, immer dann, wenn es notwendig ist. Aber man muss nicht mehr jede Kuh durchs digitale Dorf treiben.

Die frühere Notwendigkeit, Bürgerinnen und Bürger über soziale Medien zuverlässig zu informieren, darf man nüchtern betrachtet ohnehin als weitgehend erledigt ansehen. Informationskanäle gibt es heute mehr als genug. Was fehlt, ist nicht Information, sondern Einordnung, Erinnerung, Zusammenhang. Vielleicht ist es gerade deshalb in diesen Zeiten wichtiger, darüber nachzudenken – oder auch darüber zu berichten –, was eigentlich alles einmal war. Dinge, die man heute schnell als „uralt“ abtut. Und doch ist es genau dieses „Uralte“, nach dem viele gerade wieder rufen, wenn sie sagen: Ich will es wieder so haben wie früher.

Dann sollte man auch zeigen dürfen, was dieses „früher“ konkret bedeutete. Am Beispiel von Jena etwa: Was hier einmal da war. Was gewachsen ist. Und was heute nicht mehr existiert. Was verloren ging – durch Corona, durch fehlende Kommunikation, durch Unsensibilitäten, durch Müdigkeit, vielleicht auch durch Bequemlichkeit. Warum sollen wir uns immer nur an die jeweils aktuelle Verschiebungsebene anpassen? Warum nicht auch einmal sichtbar machen, wie engagiert und dynamisch dieses Stadtmilieu einmal gewesen ist – mit seiner Zivilgesellschaft, mit seiner Diskussionskultur, mit seinem selbstverständlichen bürgerschaftlichen Engagement?

Das war eine Zeit, die auch ich als ausgesprochen spannend erlebt habe. Eine Zeit, in der ich mich selbst gerne eingebracht habe, in der man das Gefühl hatte, dass Beteiligung noch Wirkung entfalten kann. Heute, mit zunehmendem Alter, komme ich nicht mehr automatisch auf die Idee, mich in gleicher Weise zu engagieren. Und ich sehe ehrlich gesagt auch nicht mehr diese breite, sichtbare Bereitschaft, sich für die wirklichen Themen der Stadt einzusetzen. Natürlich liegt das, wie so vieles, im Auge des Betrachters. Aber wer hier liest, muss für diesen Moment mit meinem Blick Vorlieb nehmen.

In Zeiten des allgegenwärtigen Meckerns und der permanenten Empörung kann es vielleicht sogar heilsam sein, nicht noch ein weiteres aktuelles Problem nach dem anderen zu sezieren, sondern gelegentlich zu zeigen, was einmal möglich war. Nicht aus nostalgischer Verklärung, sondern als ernüchternder, manchmal auch ermutigender Vergleich. Daran kann man sich Beispiele nehmen – wie man es vielleicht wieder machen könnte. Vielleicht war es damals besser. Vielleicht war es schlechter. Vielleicht war es schlicht anders. Aber anders heißt nicht automatisch irrelevant.

Genau darin liegt für mich eine neue, alte journalistische Aufgabe: Das Vergangene nicht als sentimentales Archiv zu behandeln, sondern als Erfahrungsraum. Als Spiegel. Als Angebot zum Nachdenken. Geschichte nicht als Staubschicht, sondern als Werkstatt. Als Fundus für Ideen, für Brüche, für verpasste Chancen – und für das, was schon einmal funktioniert hat.

Ich will also nicht aufhören, über das Aktuelle zu schreiben. Aber ich will mir die Freiheit nehmen, auch wieder stärker über das zu berichten, was viele vorschnell als „uralt“ abtun. Gerade weil dieses „Uralte“ heute wieder so überraschend modern erscheint. Und gerade weil man aus ihm mehr lernen kann, als aus manchem tagesaktuellen Aufreger.

Razzia bei Jugendpfarrer löst Protestwelle aus: Hunderte solidarisieren sich mit Lothar König

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Jena im August 2011. Die Empörung in Jena ist groß. Was als polizeiliche Ermittlung der sächsischen Behörden begann, hat sich innerhalb weniger Stunden zu einem Politikum entwickelt, das weit über die Stadtgrenzen hinaus Wellen schlägt. Über 600 Menschen versammelten sich, um ein deutliches Zeichen der Solidarität für den Jenaer Stadtjugendpfarrer Lothar König zu setzen, dessen Wohn- und Diensträume zuvor durchsucht worden waren.

Der Vorwurf: „Aufwieglerischer Landfriedensbruch“ Auslöser der Proteste war eine großangelegte Razzia am frühen Morgen. Beamte der Polizei Dresden durchsuchten nicht nur Königs Wohnung, sondern beschlagnahmten auch den bekannten blauen Lautsprecherwagen der Jungen Gemeinde (JG). Der Hintergrund der Maßnahme reicht Monate zurück: Es geht um die Anti-Nazi-Proteste am 19. Februar in Dresden.

Während ursprünglich sogar der Verdacht der Bildung einer kriminellen Vereinigung im Raum stand, begründet die sächsische Staatsanwaltschaft ihr jetziges Vorgehen mit dem Verdacht auf schweren Landfriedensbruch. König wird vorgeworfen, Demonstranten aufgehetzt zu haben; dabei sollen Steine geflogen und Polizeifahrzeuge gerammt worden sein.

„Versuch der Einschüchterung“ In Jena stoßen diese Vorwürfe auf Unverständnis und scharfe Kritik. Vertreter der lokalen Politik und des DGB werteten den Einsatz als politisch motiviert. Der Tenor auf der Solidaritätskundgebung war eindeutig: Man sieht in dem Vorgehen der sächsischen Justiz einen Versuch, zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechts zu kriminalisieren und Gegendemonstranten einzuschüchtern.

„Das ist einfach skandalös“, äußerte sich ein Redner vor Ort empört über die Eskalation. König sei zwar ein unbequemer Mahner, aber vor allem jemand, der stets deeskalierend auf Jugendliche einwirke und demokratische Werte vermittle. Dass nun ausgerechnet er ins Visier der Ermittler gerät, wird von vielen als Angriff auf die demokratische Protestkultur gewertet.

König meldet sich aus dem Urlaub Der Pfarrer selbst war während der Durchsuchung nicht anwesend, sondern befand sich im Wanderurlaub. Er wurde telefonisch über die Vorgänge informiert. Seine Tochter, die Landtagsabgeordnete Katharina König, war bei der Durchsuchung zugegen.

In einer per SMS übermittelten Grußbotschaft an die Demonstranten zeigte sich König kämpferisch, aber auch besorgt. „Wer den Protest gegen Neonazis organisiert, steht fortan in der Gefahr, ein Krimineller und ein Hetzer zu sein“, ließ er mitteilen. Er befürchtet, dass die Aktion Wasser auf die Mühlen der Neonazis sei.

Ob die beschlagnahmten Datenträger und Unterlagen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft untermauern können, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass der Fall Lothar König die Debatte um den Umgang des Staates mit antifaschistischem Protest neu entfacht hat. Die breite Unterstützung aus der Jenaer Bevölkerung zeigt, dass der „Pfarrer gegen Rechts“ in seiner Heimatstadt keineswegs isoliert ist.

Das Geschäft mit der Röhre: Als die DDR das sowjetische Gas erschloss

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Es ist eine Geschichte von geopolitischem Kalkül und persönlichem Abenteuer. Tausende DDR-Arbeiter schufen in der Sowjetunion ein Jahrhundertbauwerk, dessen stählerne Adern bis heute den Kontinent versorgen.

Im Osten Deutschlands nennt man sie bis heute fast ehrfürchtig „die Trasse“. Im Westen sprach man nüchtern vom „Erdgasröhrengeschäft“. Doch egal wie man es nennt: Die Erschließung der sowjetischen Gasfelder in den 1970er und 80er Jahren war die wohl größte Baustelle des 20. Jahrhunderts – und ein Kuriosum des Kalten Krieges. Denn während sich die Blöcke politisch unversöhnlich gegenüberstanden, arbeiteten sie wirtschaftlich an einem gigantischen Tauschhandel.

Das Prinzip: Rohre gegen Gas
Der Deal war simpel und doch komplex: Die Sowjetunion besaß riesige Erdgasvorkommen, aber es fehlte an Infrastruktur, diese in den Westen zu transportieren. Der Westen, hungrig nach Energie, lieferte Spezialrohre, modernste Technik und gewährte Milliardenkredite. Die sozialistischen Bruderstaaten, allen voran die DDR, lieferten die Arbeitskraft. Der Lohn für alle Beteiligten: Erdgas.

Für die DDR begann dieses Kapitel im Jahr 1975. Unter dem Namen „Drushba-Trasse“ (Freundschaft) startete der Bau der Pipeline „So-yuz“. Sie sollte sich über 2.750 Kilometer vom östlichen Rand Europas in Orenburg bis zur ukrainischen Westgrenze bei Uschhorod erstrecken. Die DDR übernahm dabei einen Abschnitt von rund 550 Kilometern.

Abenteuer im Osten
Für die mehr als 25.000 DDR-Bürger, die in den folgenden Jahren in die Sowjetunion aufbrachen, war die Trasse mehr als nur Arbeit. Es war ein Ausbruch aus dem Alltag, ein Abenteuer in der endlosen Weite, oft unter extremen klimatischen Bedingungen. Sie lebten in Barackensiedlungen, kämpften gegen Schlamm im Sommer und klirrende Kälte im Winter, und verdienten dabei deutlich besser als in der Heimat.

Nach der Fertigstellung der „Drushba“-Leitung 1979 war der Hunger nach Energie noch nicht gestillt. In den 80er Jahren folgte das zweite Großprojekt: Die Erschließung der Gasfelder von Urengoi (im Text als Ulan-Goy referenziert), die mit Westeuropa verbunden werden sollten. Diesmal wurde das Vorhaben als „Zentrales Jugendobjekt Erdgastrasse“ politisch aufgeladen. Die DDR verlegte hier insgesamt 1.000 Leitungskilometer.

Ein bleibendes Erbe
Wenn man heute auf die Energiekarte Europas blickt, sieht man das Erbe dieser Zeit. Die Pipelines, die damals durch den Einsatz westlicher Technik und östlicher Arbeitskraft in den Boden gelegt wurden, sind keine Relikte der Vergangenheit. Sie sind bis heute zentrale Arterien der europäischen Energieversorgung. Die Geschichte der Trasse ist damit nicht nur ein Kapitel der DDR-Historie, sondern ein fundamentales Stück europäischer Wirtschaftsgeschichte.

Die Schattenarmee im Kiefernwald: Als der rote Stern über der DDR leuchtete

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Fast ein halbes Jahrhundert lang war Ostdeutschland nicht nur ein Staat, sondern eine riesige Kaserne. Eine bemerkenswerte Dokumentation öffnet nun die Tore der „Verbotenen Stadt“ Wünsdorf und wirft ein Licht auf den Alltag, die Ängste und das stille Ende der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD).

Es war eine Welt in der Welt, hermetisch abgeriegelt und für den normalen DDR-Bürger ein weißer Fleck auf der Landkarte, der doch allgegenwärtig war. 50 Kilometer südlich von Berlin, tief in den brandenburgischen Wäldern, schlug das Herz einer Supermacht. Wünsdorf, von den Einheimischen nur „Klein-Moskau“ genannt, war das Gehirn der Roten Armee auf deutschem Boden. Von hier aus befehligten Generäle bis zu einer halben Million Soldaten, 20 Divisionen und über 10.000 Panzer.

Die Dokumentation „DDR unter Sowjetstern“ liefert mehr als nur Archivaufnahmen; sie ist eine Autopsie dieser gigantischen Militärmaschinerie, die den Kalten Krieg in Europa definierte. Sie zeigt eine Armee, die als Befreier kam, als Besatzer blieb und am Ende als stiller Verlierer abzog.

Panzer gegen das eigene Volk
Der Film räumt mit der romantisierten Vorstellung der „Waffenbrüderschaft“ auf, die in den Sonntagsreden der SED zelebriert wurde. Die Realität war oft geprägt von Misstrauen und eiserner Härte. Das zeigte sich nirgends deutlicher als am 17. Juni 1953. Als die DDR-Arbeiter aufbegehrten, war es nicht die Volkspolizei, die das Regime rettete – es waren die T-34-Panzer der Sowjets.

„Das Spiel ist aus“, signalisierte die bloße Präsenz der Stahlkolosse in Berlin, Leipzig und Magdeburg. Die Dokumentation lässt Zeitzeugen zu Wort kommen, die das Trauma dieser Tage schildern: Standrechtliche Erschießungen und die bittere Erkenntnis, dass die DDR nur so lange existieren würde, wie Moskau es erlaubte.

Das Atomlager im märkischen Sand
Vielleicht am erschütterndsten sind die Einblicke in das nukleare Pulverfass, auf dem die DDR-Bevölkerung ahnungslos saß. Orte wie Vogelsang und Templin wurden zu heimlichen Lagern für Mittelstreckenraketen. „Eine Salve einer Division, und es gibt drei Hiroshimas weniger“, erinnert sich ein ehemaliger sowjetischer Offizier im Film mit beklemmender Nüchternheit.

Während die DDR-Führung offiziell für den Frieden trommelte, probte die GSSD in den Wäldern den atomaren Ernstfall. Die Stationierung der SS-20 Raketen in den 70er und 80er Jahren machte das geteilte Deutschland endgültig zur potenziellen Zielscheibe Nummer eins in einem Dritten Weltkrieg.

Tauschgeschäfte und „Dedowschtschina“
Doch die Doku blickt auch hinter die streng bewachten Kasernenmauern, wo der Alltag der Wehrpflichtigen oft alles andere als heroisch war. Junge Rekruten, tausende Kilometer von der Heimat entfernt, waren der Willkür ihrer Vorgesetzten und der brutalen Hierarchie der „Dedowschtschina“ (Herrschaft der Großväter) ausgeliefert.

Hunger und Mangelwirtschaft trieben seltsame Blüten. In fast schon komödiantischen Anekdoten erzählen Zeitzeugen, wie Benzin kanisterweise gegen Lebensmittel getauscht wurde oder wie Bauern Mist für ihre Felder „organisierten“, indem sie mit russischen Offizieren verhandelten. Es war dieser graue Markt, auf dem sich Besatzer und Besetzte oft näherkamen als bei den offiziellen Freundschaftsfeiern.

Der bittere Abzug
Das Finale des Films – und der Geschichte der GSSD – ist ein Abgesang voller Melancholie und Chaos. Mit dem Fall der Mauer 1989 verlor die gewaltige Streitmacht ihren Sinn. Die Bilder von 1990 bis 1994 zeigen eine Armee im Ausverkauf: Uniformen, Gasmasken und Technik wurden auf Flohmärkten verramscht, während Generäle fassungslos zusehen mussten, wie ihr Imperium zerfiel.

Als im August 1994 die letzten Truppen abzogen, geschah dies fast ohne Pomp, getrennt von den Westalliierten. Sie hinterließen verseuchte Böden, leere Kasernen und eine historische Zäsur.

Die Dokumentation ist ein unverzichtbares Zeitzeugnis. Sie mahnt, dass die Souveränität der DDR stets eine Illusion war – garantiert nur durch die Ketten sowjetischer Panzer. Wer die Geschichte Ostdeutschlands verstehen will, muss diesen Blick in den Lauf der Geschichte wagen.

Thüringer CDU zwischen Haushaltspoker und Demokratieschutz

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Erfurt – Es ist ein straffes Programm, das dem Thüringer Landtag in den letzten Wochen des Jahres 2025 bevorsteht. Andreas Bühl, Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion, skizzierte auf der Landespressekonferenz am Dienstag nicht nur einen parlamentarischen Marathon mit drei Plenarsitzungen, sondern richtete auch deutliche Worte an die politische Konkurrenz – sowohl an die Verhandlungspartner der Linken als auch an die AfD.

Kein weißer Rauch beim Doppelhaushalt
Im Zentrum der politischen Anspannung steht der Doppelhaushalt für die kommenden Jahre. Bühl machte deutlich, dass die Verhandlungen mit der Linken zwar intensiv und „sehr kleinteilig“ geführt werden, eine Einigung aber noch nicht in trockenen Tüchern ist. „Ich kann Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt noch keinen weißen Rauch vermelden“, so der Fraktionschef.

Die CDU beharrt auf ihrer Linie der finanzpolitischen Solidität. Eine Kernforderung bleibt unangetastet: Mindestens 400 Millionen Euro aus Steuermehreinnahmen sollen in die Rücklage fließen. Bühl appellierte an die staatspolitische Verantwortung der Opposition, warnte aber zugleich vor überzogenen Forderungen. Ziel ist es, den Haushalt in der Sitzung am 17. und 18. Dezember zu verabschieden, um dem Land und den Verbänden Planungssicherheit für zwei Jahre zu geben. Dafür müssten die Knoten jedoch bis zum 4. Dezember zerschlagen werden.

Warnung vor Einflussnahme auf die Justiz
Einen breiten Raum nahm die Debatte um die Resilienz der Justiz ein, befeuert durch ein aktuelles Urteil des Verfassungsgerichts zum Ausschluss von Extremisten aus dem juristischen Vorbereitungsdienst. Bühl nutzte die Gelegenheit für eine scharfe Abgrenzung zur AfD und deren Landeschef Björn Höcke. Er warnte davor, dass die AfD im Falle einer Regierungsbeteiligung versuchen würde, den Verwaltungsapparat auf „ideologische Linie“ zu bringen.

Als warnendes Beispiel nannte Bühl den Landkreis Sonneberg. Dort werde ihm von Trägern der Jugendhilfe gespiegelt, dass bereits versucht werde, Akteure, die nicht der politischen Linie des Landratsamtes entsprechen, zu diskreditieren oder zu benachteiligen. „Da müssen wir uns keine Illusionen hingeben“, so Bühl. Er betonte, dass Gesetze allein keine Resilienz schaffen – es brauche Menschen und eine unabhängige Justiz, die diese Werte verteidigen.

Plenar-Marathon: Bildung, Bürokratie und Wehrpflicht
Der Dezember wird für die Abgeordneten zum Belastungstest. Neben dem regulären Plenum steht am 10. Dezember eine Sondersitzung zum Bürokratieabbau an, bei der ein Paket aus 23 Gesetzesänderungen verabschiedet werden soll.

Freie Schulen: Hier drückt die CDU aufs Tempo. Ein neues Gesetz soll den Schulen finanzielle und bürokratische Erleichterungen bringen. Bühl wies die Kritik der Linken zurück und berief sich auf die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Freie Schulen, die „Sicherheit vor fundamentalen Änderungen“ priorisiere.

Dienstrecht: Um den öffentlichen Dienst attraktiver zu machen, plant die Koalition, die Durchlässigkeit zwischen den Laufbahnen zu erhöhen. „Dass man 30 Jahre lang die gleiche Beschäftigung macht, ist nicht mehr zeitgemäß“, begründete Bühl die Notwendigkeit, Aufstiegschancen auch jenseits starrer Beamtenlaufbahnen zu ermöglichen.

Wehrpflicht-Debatte: In einer Aktuellen Stunde soll das Thema Wehrpflicht diskutiert werden. Bühl positionierte sich persönlich für eine allgemeine Dienstpflicht für Männer und Frauen, auch wenn er einräumte, dass der Koalitionspartner BSW hier andere Ansichten vertritt. Man sei in dieser Frage „in Unterschiedlichkeit vereint“ und wolle sich von Berliner Debatten nicht die Thüringer Regierungsarbeit diktieren lassen.

Die Pressekonferenz verdeutlichte die fragile Balance der Thüringer Politik Ende 2025: Auf der einen Seite der pragmatische Zwang zur Einigung beim Haushalt, auf der anderen Seite der fundamentale Kampf um die Integrität staatlicher Institutionen. Ob der „Knoten“ beim Haushalt rechtzeitig platzt, werden die nächsten Tage zeigen.

„Gesinnungsstaat“ und Haushaltsblockade: Höckes Rundumschlag vor dem Dezember-Plenum

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Erfurt. In der Landespressekonferenz am Dienstag, dem 2. Dezember 2025, hat der Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzende Björn Höcke einen harten Konfrontationskurs sowohl gegen die Thüringer Landesregierung als auch gegen die Justiz angekündigt. Neben der kategorischen Ablehnung des aktuellen Haushaltsentwurfs standen vor allem ein neues Urteil zur Verfassungstreue im öffentlichen Dienst und geopolitische Grundsatzfragen im Fokus.

Frontalangriff auf die Justizpolitik
Den schärfsten Ton schlug Höcke beim Thema Justiz an. Hintergrund ist ein aktuelles Urteil bzw. Gesetz, das die Anforderungen an die Verfassungstreue von Richtern und Beamten neu regelt. Höcke bezeichnete dies als einen „tiefen Eingriff in die Meinungs- und Berufswahlfreiheit“. Er warnte vor einem drohenden „Gesinnungsstaat“, in dem Juristen einem enormen „Konformitätsdruck“ ausgesetzt seien.

Die AfD-Fraktion kündigte an, das Gesetz im Falle einer Regierungsbeteiligung sofort rückgängig machen zu wollen („Status quo ante“). Bis dahin erwäge man, betroffene Juristen, die aufgrund der neuen Regelungen abgelehnt werden, juristisch zu unterstützen – notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Bemerkenswert war Höckes offenes Misstrauen gegenüber dem Thüringer Verfassungsgerichtshof. Er kritisierte dessen Unabhängigkeit und griff den Präsidenten des Gerichts persönlich für dessen Äußerungen in der Öffentlichkeit an.

Außenpolitik: „Deutschland ist kein souveräner Staat“
Obwohl es sich um eine Landespressekonferenz handelte, nutzte Höcke das Podium für bundes- und geopolitische Einlassungen. Auf Nachfrage wiederholte er seine These, Deutschland sei kein souveräner Staat mehr, da zentrale Kompetenzen an supranationale Organisationen wie die NATO, die EU oder die WHO abgegeben worden seien.

In diesem Kontext positionierte er sich auch zur Wehrpflicht: Zwar befürworte die AfD diese grundsätzlich, lehne eine Wiedereinführung unter den aktuellen politischen Vorzeichen jedoch ab. Man wolle nicht, dass deutsche Soldaten für „fremde Interessen“, etwa in der Ukraine, „verheizt“ würden.

Höcke bekräftigte zudem den pro-russischen Kurs seiner Fraktion. Er wies der NATO-Osterweiterung eine Mitschuld am Ukraine-Krieg zu und lobte Wladimir Putin als „Politik-Profi“ mit historischem Wissen, der rational nationale Interessen verfolge – eine Eigenschaft, die er der deutschen Bundesregierung absprach. Deutsche Interessen definierte Höcke primär als „Frieden in Europa“ und die Sicherung günstiger Energieimporte aus Russland.

Kampfansage an den „Brombeer“-Haushalt
Mit Blick auf die kommende Plenarwoche im Thüringer Landtag erteilte die AfD dem Haushaltsentwurf der Regierungskoalition eine klare Absage. Höcke kritisierte den Entwurf als bloße Fortsetzung der Politik der Vorgängerregierung Ramelow.

Stattdessen kündigte die Fraktion einen eigenen, alternativen Haushalt an, der ohne Neuverschuldung auskommen soll. Zudem will die AfD den juristischen Weg beschreiten: Es soll eine Klage gegen die ausgesetzte Tilgung der Corona-Notfallkredite eingereicht werden. Die Nicht-Tilgung betrachtet die Fraktion als verfassungswidrig.

Der Auftritt am Dienstag verdeutlichte die Strategie der Thüringer AfD für die kommenden Monate: Fundamentalopposition im Parlament, gepaart mit einer Delegitimierung richterlicher Entscheidungen und einer fortgesetzten Thematisierung geopolitischer Narrative, die sich gezielt gegen den westlichen Bündniskonsens richten.

Dr. Hans-Joachim Maaz über die Wurzeln unserer Wut

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Wir leisten, wir funktionieren, wir passen uns an. Doch oft ist der Preis dafür unsere seelische Gesundheit. Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz diagnostiziert einer ganzen Gesellschaft einen „Gefühlsstau“. Seine These: Wer nicht liebt, muss leisten – und wer sich selbst nicht spürt, macht andere krank.

Es ist eine unbequeme Wahrheit, die Dr. Hans-Joachim Maaz ausspricht. Während wir politische Debatten führen, Kriege analysieren und über gesellschaftliche Spaltungen klagen, sieht der erfahrene Psychiater und Bestsellerautor die Ursache oft ganz woanders: im Kinderzimmer. Genauer gesagt in dem, was uns dort gefehlt hat.

Mit über 80 Jahren blickt Maaz nicht nur auf ein bewegtes Leben zwischen DDR-Karriere und Nachwendezeit zurück, sondern auch tief in die Abgründe der deutschen Seele. Sein Befund ist alarmierend: Wir leben im „Gefühlsstau“.

Der Fluch des „Sonnenscheins“
Um zu verstehen, was Maaz meint, muss man bei ihm selbst anfangen. 1943 geboren, mitten im Krieg, nannte ihn seine Mutter ihren „Sonnenschein“. Was klingt wie eine liebevolle Kosebezeichnung, entpuppte sich für den späteren Therapeuten als schweres Erbe. „Sonnenschein sein heißt, ich soll für sie da sein, damit es ihr gut geht“, reflektiert Maaz heute.

Es ist das Ur-Dilemma vieler Biografien: Das Kind wird nicht um seiner selbst willen geliebt, sondern für eine Funktion. Es soll trösten, stolz machen, funktionieren. Das „Selbst“ – jenes genetische und spirituelle „Gottesgeschenk“, das wir mitbringen – wird verschüttet. An seine Stelle tritt das „Ich“: eine Konstruktion, gebaut aus Anpassung und dem verzweifelten Wunsch nach Anerkennung.

Wenn Gefühle im Stau stehen
Was passiert mit einem Menschen, der nicht er selbst sein darf? Er wird wütend. Er trauert. Er empfindet Schmerz. Doch in einer Gesellschaft, die Sätze wie „Ein Junge weint nicht“ oder „Reiß dich zusammen“ kultiviert hat, haben diese Gefühle keinen Platz.

Sie verschwinden jedoch nicht. Sie stauen sich an. Maaz beschreibt diesen „Gefühlsstau“ als eine tickende Zeitbombe. Die unterdrückte Energie sucht sich Ventile. Mal frisst sie sich nach innen und erzeugt Depressionen oder den berühmten „seelischen Infarkt“. Mal explodiert sie nach außen: in Aggression, Hass im Netz oder der Suche nach Sündenböcken. „Du bist schuld“ wird zum Leitsatz einer Gesellschaft, die verlernt hat, bei sich selbst zu fühlen.

Die Masken des Narzissmus: Größenselbst und Größenklein
Besonders spannend ist Maaz‘ Analyse, wie wir versuchen, diesen Mangel an echter Liebe zu kompensieren. Er skizziert zwei Typen, die uns im Alltag – und in der Politik – ständig begegnen:

Das Größenselbst: „Ich zeige euch, dass ich wer bin.“ Diese Menschen kompensieren ihre innere Leere durch Leistung, Macht und Status. Sie werden Chefs, Politiker, Manager. Sie wirken stark, sind aber im Kern bedürftig nach Applaus, weil sie sich selbst nicht genügen.

Das Größenklein: „Ich kann das nicht, hilf mir.“ Diese Menschen sichern sich Zuwendung durch demonstrative Hilfsbedürftigkeit.

Das Tragische: Diese beiden Typen ziehen sich oft magisch an. Die Mächtigen brauchen Bewunderer, die Bedürftigen brauchen Führung. Eine „gesellschaftliche Kollusion“, die stabil wirkt, aber krank macht.

Normopathie: Wenn das Kranke als gesund gilt
Maaz weitet den Blick vom Individuum auf das Kollektiv. Er prägt den Begriff der „Normopathie“. Wenn die Mehrheit einer Gesellschaft „falsch lebt“ – also entfremdet von ihren wahren Bedürfnissen, getrieben von Kompensation und Leistungswahn – dann wird dieses Verhalten zur Norm. Das Kranke gilt als gesund, weil es alle tun.

Politik wird in dieser Lesart oft von Menschen gemacht, die ihre eigenen frühen Verletzungen auf der Weltbühne inszenieren. Kriege und Konflikte sind für Maaz oft die ultima ratio von Menschen, die unfähig sind, sich ihren eigenen inneren Abgründen zu stellen.

Die Krise als einzige Chance
Gibt es einen Ausweg aus dem falschen Leben? Maaz ist hier illusionslos optimistisch. Freiwillig, sagt er, kehrt kaum jemand um. Solange die Kompensation funktioniert – der Erfolg stimmt, die Ablenkung wirkt –, ändern wir nichts.

Erst die Krise – der Burnout, die Krankheit, der gesellschaftliche Zusammenbruch – öffnet das Fenster zur Wahrheit. Es ist der Moment, in dem das „Ich“ scheitert und das verschüttete „Selbst“ wieder hörbar wird. Es ist ein schmerzhafter Prozess, aber der einzige Weg zur Heilung.

Dr. Hans-Joachim Maaz hält uns den Spiegel vor. Was wir darin sehen, ist oft nicht der erfolgreiche, funktionierende Bürger, sondern das verletzte Kind, das immer noch wartet, gesehen zu werden. Wer Frieden in der Welt will, so die Botschaft, muss diesen Krieg im eigenen Inneren beenden.

Was mir geblieben ist – und was ich mir erarbeiten musste

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Ich bin 1967 in Burg bei Magdeburg geboren. Ossi – dieses Wort ist für mich keine Zuschreibung, sondern Biografie. Kindheit in der DDR, Schule, Jugend, ein festes Koordinatensystem aus Gewissheiten, Regeln, Grenzen. Ich habe das alles erlebt, ohne es einordnen zu können, weil man als Kind nicht einordnet. Man lebt. Man nimmt hin. Man lernt, sich zu orientieren in dem, was da ist. Erst viel später versteht man, was einen eigentlich geprägt hat.

Als 1989 die Welt kippte, war ich 21. Gerade erwachsen geworden – und zugleich komplett neu gefordert. Was viele vergessen: Die Wende war kein fertiger Neubeginn, sie war ein offenes Feld. Ich bin nicht nur Zuschauer gewesen. Ich war mittendrin. Engagiert im Neuen Forum, in sozialen Initiativen, in Gremien, im Aufbau neuer Strukturen. Ich habe Verantwortung übernommen, Diskussionen geführt, mich politisch eingebracht. Nicht aus Karrieregründen, sondern weil diese Zeit danach verlangte, dass man nicht schweigt.

Meine Sozialisation liegt im Osten. Aber meine eigentliche intellektuelle Entwicklung – mein Denken, mein analytisches Arbeiten, mein politisches Bewusstsein – begann erst richtig nach der Wende. Das war Arbeit. Schwer, widersprüchlich, manchmal schmerzhaft. Ich musste lernen, dass nicht alles, was sich in meiner Erinnerung gut anfühlt, auch gut gewesen ist. Und dass nicht alles, was hart war, deshalb wertlos war. Diese Differenzierung habe ich mir nicht geschenkt – ich habe sie mir erarbeitet.

Heute erlebe ich oft, wie Erinnerungen wieder zu Gewissheiten erhärtet werden. Wie Erwachsene mit dem Blick des Kindes argumentieren. Ich verstehe das Gefühl dahinter. Aber ich kenne auch die Verantwortung des Erwachsenen. Ich kann mich nicht wieder zum Kind machen, um Fakten auszublenden. Ich darf an mir wachsen. Ich darf meine eigene Vergangenheit begleiten, korrigieren, neu bewerten. Das ist kein Verrat an der Herkunft, sondern ein Zeichen von Reife.

Fast 30 Jahre Medienarbeit, Analyse, Öffentlichkeit haben mich gelehrt, wie trügerisch einfache Wahrheiten sind. Wie leicht Erinnerung romantisiert – und wie schwer Aufklärung manchmal auszuhalten ist. Ich arbeite heute mit modernen Werkzeugen, mit Technik, mit KI. Aber was ich tue, speist sich aus etwas sehr Altem: aus Beobachtung, Zweifel, Haltung und dem Willen, Dinge nicht nur zu fühlen, sondern zu verstehen.

Ich bin im Osten sozialisiert worden. Aber das Denken in Zusammenhängen, das kritische Prüfen, das Einordnen habe ich mir erst im Danach erarbeitet. Und vielleicht ist genau das mein innerer Antrieb geblieben: mich selbst nicht zu schonen, sondern ernst zu nehmen. Als Kind von damals. Und als Erwachsener von heute.

Zwischen Versorgung und Kollektiv: Eine Analyse der DDR-Krippenerziehung

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Die Deutsche Demokratische Republik verfügte über eines der dichtesten Netze an Kinderbetreuungseinrichtungen. Bis zum Jahr 1989 existierten über 7.700 Einrichtungen, die rund 80 Prozent der Kinder unter drei Jahren betreuten. Diese hohe Versorgungsdichte war das Ergebnis einer gezielten Sozialpolitik. Eine Analyse der Psychoanalytikerin Agathe Israel untersucht die Hintergründe dieser staatlichen Betreuung, die pädagogische Praxis und die Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder.

Sozialpolitischer Rahmen und Zielsetzung
Die Expansion des Krippensystems, insbesondere ab den 1970er Jahren, verfolgte primär zwei Ziele: die Einbindung der Frauen in den Arbeitsmarkt und die frühzeitige Sozialisation der Kinder. Flankiert wurde der Ausbau durch sozialpolitische Maßnahmen wie das „Babyjahr“, Arbeitsplatzgarantien und zinslose Ehekredite, die bei Geburten anteilig erlassen wurden.

Diese Maßnahmen boten Familien ökonomische Sicherheit und Planbarkeit. Gleichzeitig formulierte der Staat einen klaren Erziehungsauftrag. In einer „einheitlichen Erzieherfront“ sollten Familie und Institutionen zusammenwirken, um die Kinder zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ zu erziehen. Im Zentrum stand dabei das Kollektiv: Die Einordnung in die Gruppe und die Unterordnung individueller Bedürfnisse unter gemeinschaftliche Normen galten als erstrebenswerte Erziehungsziele.

Das „Erziehungsprogramm für Krippen und Heime“
Die pädagogische Grundlage bildete das staatliche „Erziehungsprogramm für Krippen und Heime“, das 1968 eingeführt und 1974 präzisiert wurde. Es definierte verbindliche Normen für den Tagesablauf und die Entwicklungsschritte der Kinder. Die Einhaltung dieser Vorgaben wurde mittels Entwicklungsbögen dokumentiert und kontrolliert.

Das Programm orientierte sich stark an sowjetischen Vorbildern und verhaltensbiologischen Ansätzen (Pawlow). Die Rolle der Erzieherin war dabei aktiv und lenkend definiert: Sie sollte Prozesse „führen“, „organisieren“ und „fordern“. Reformpädagogische Ansätze, die das Kind als eigenständiges Subjekt mit individuellem Tempo betrachteten, spielten in der offiziellen Doktrin kaum eine Rolle. Entwicklung wurde primär als planbarer Prozess verstanden, der durch gezielte Reize gesteuert werden sollte.

Der Krippenalltag in der Praxis
Die Realität in den Einrichtungen war oft von den strukturellen Bedingungen geprägt. Gruppengrößen von teils über 20 Kleinkindern und ein striktes Schichtsystem des Personals erforderten einen straff organisierten Tagesablauf. Essen, Schlafen und Pflegehandlungen erfolgten meist kollektiv und zeitgleich.

Ein bekanntes Beispiel für diese Praxis war die gemeinsame Sauberkeitserziehung („Topfen“), bei der mehrere Kinder gleichzeitig auf die Toilette gesetzt wurden. Sauberkeit galt als wichtiger Indikator für den Entwicklungsstand und die elterliche Kompetenz. Aufgrund der großen Gruppen und der Personalsituation blieb im Alltag oft wenig Raum für individuelle Zuwendung.

Die Eingewöhnung der Kinder erfolgte häufig abrupt. Konzepte für eine sanfte Ablösung von den Eltern, wie sie heute üblich sind, waren kaum verbreitet oder wurden aus hygienischen Gründen (Zutrittsverbote für Eltern) nicht umgesetzt. Reaktionen der Kinder auf die Trennung, wie Weinen oder Rückzug, wurden im Kontext der damaligen Erziehungsvorstellungen oft als notwendiger Anpassungsprozess interpretiert, um eine „Verwöhnung“ zu vermeiden.

Untersuchung der Langzeitfolgen
Im Gegensatz zur Tschechoslowakei, die in den 1960er Jahren aufgrund von Studien zu Deprivationsschäden die Krippenplätze reduzierte, hielt die DDR am Ausbau der frühen Fremdbetreuung fest. Agathe Israel beleuchtet in ihrer Arbeit mögliche psychologische Folgen dieser Praxis.

Interviews mit ehemaligen Krippenkindern deuten darauf hin, dass die rigiden Strukturen Auswirkungen auf die emotionale Entwicklung hatten. Insbesondere bei Personen, die das strukturierte Programm der 1970er Jahre durchliefen, beobachtete Israel Einschränkungen in der sogenannten „reflexiven Funktion“ – der Fähigkeit, eigene Gefühle und die anderer differenziert wahrzunehmen. Zudem zeigten sich Zusammenhänge zwischen sehr früher Aufnahme in die Krippe und einer erhöhten Infektanfälligkeit im Kindesalter sowie psychosomatischen Reaktionen im Erwachsenenalter.

Das System der frühen Fremdbetreuung in der DDR war ambivalent. Einerseits bot es eine verlässliche Infrastruktur, die Berufstätigkeit und Familie vereinbar machte und vielen Kindern einen geregelten Alltag bot. Andererseits priorisierte das System funktionale Abläufe und die Einordnung in das Kollektiv gegenüber individuellen Bindungsbedürfnissen. Die Analyse zeigt, dass eine flächendeckende Versorgung quantitativ erfolgreich sein kann, ohne zwangsläufig den qualitativen emotionalen Bedürfnissen von Kleinstkindern gerecht zu werden.

„Es war nicht alles schlecht“ ist der Satz, an dem der Dialog stirbt

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Eine Kolumne über die schwierige Kunst, die eigene Vergangenheit zu lieben, ohne die Umstände zu verklären.

Es gibt diesen einen Moment in fast jeder hitzigen Diskussion über die Vergangenheit – sei es am Abendbrottisch, in Talkshows oder in den Kommentarspalten der Republik. Es ist der Moment, in dem die politische Analyse auf die persönliche Erinnerung prallt wie ein Auto auf eine Betonwand.

Da sagt jemand: „Das System war Unrecht.“
Und das Gegenüber hört: „Dein Leben war falsch.“

Der Reflex ist menschlich, aber er ist fatal für unsere Gesprächskultur. Wir ziehen uns in den Schützengraben zurück. Wer seine Biografie angegriffen fühlt, verteidigt oft blindlings die Kulisse, vor der dieses Leben stattfand. Und genau hier liegt der Schlüssel, der uns oft fehlt: „Niemand hier muss seine Kindheit rechtfertigen. Und niemand muss auf eine Systemkritik verzichten. Vielleicht gelingt unser Austausch besser, wenn wir diese Ebenen trennen.“

Dieser Satz ist mehr als ein frommer Wunsch; er ist eine methodische Notwendigkeit, wenn wir uns nicht ewig im Kreis drehen wollen.

Die Ebene der Kindheit: Das unantastbare Leuchten
Beginnen wir mit der ersten Ebene: der Rechtfertigung. Warum fühlen sich Menschen genötigt, ihre Kindheit zu verteidigen? Weil Glück, Geborgenheit und der Geschmack von Pflaumenkuchen reale Erfahrungen sind. Ein Kind, das im Sandkasten spielt, fragt nicht nach der Gewaltenteilung oder der Pressefreiheit. Die erste Liebe, der Zusammenhalt im Sportverein, der Geruch der geheizten Wohnung im Winter – das sind sensorische Wahrheiten. Sie sind echt.

Wenn nun von außen – oft aus einer Position moralischer Überlegenheit – das System, in dem dies stattfand, als reine „Diktatur“ oder „Unrechtsstaat“ (begrifflich völlig korrekt) gelabelt wird, entsteht bei vielen ein kognitiver Kurzschluss. Wenn der Staat das absolute Böse war, darf ich dann glücklich gewesen sein? War mein Lachen Komplizenschaft?

Die Antwort muss lauten: Nein. Man muss sich nicht dafür rechtfertigen, im Falschen glückliche Momente gehabt zu haben. Das private Glück ist nicht der Beweis dafür, dass das System gut war. Es ist nur der Beweis dafür, dass Menschen widerstandsfähig sind und Nischen des Lebens finden, egal unter welcher Flagge. Wer seine Kindheit rechtfertigen muss, begibt sich in eine Verteidigungshaltung, die den Blick für die Realität trübt.

Die Ebene der Kritik: Keine Amnestie für die Umstände
Und hier kommt die zweite Ebene ins Spiel: die Systemkritik. Wenn wir aufhören, Biografien abzuwerten, müssen wir im Gegenzug aufhören, Systeme zu verharmlosen.

Das ist der Deal.

Nur weil die eigene Oma herzlich war, war die Stasi nicht weniger brutal. Nur weil man im Ferienlager Spaß hatte, waren die Mauertoten nicht weniger tot. Die Gefahr der „Ostalgie“ (um beim prominentesten deutschen Beispiel zu bleiben) liegt nicht darin, dass man sich an positive Erlebnisse erinnert. Sie liegt darin, dass man diese Erlebnisse benutzt, um die strukturelle Unterdrückung wegzuwischen.

„Es war nicht alles schlecht“ ist der Satz, an dem der Dialog stirbt. Besser wäre: „Es war schlimm, aber wir haben trotzdem gelebt.“

Die Trennung als Befreiungsschlag
Wenn wir die Ebenen trennen, passiert etwas Erstaunliches: Der Druck entweicht.

Der Kritiker des Systems muss nicht mehr befürchten, dass er die Lebensleistung der Menschen in den Schmutz zieht, wenn er Missstände benennt. Er kann sagen: „Die Planwirtschaft war bankrott und die Überwachung unmenschlich“, ohne dass er damit sagt: „Und übrigens war dein erster Kuss wertlos.“

Und derjenige, der das System erlebt hat, muss nicht mehr die repressiven Strukturen schönreden, nur um seine Erinnerungen zu schützen. Er kann sagen: „Ja, der Staat war übergriffig, und ich bin froh, dass er weg ist. Aber meine Kindheit lasse ich mir nicht nehmen.“

Diese Trennung erfordert intellektuelle Disziplin. Es ist anstrengend, zwei scheinbar widersprüchliche Wahrheiten gleichzeitig im Kopf zu behalten: Dass ein System politisch verwerflich und ein Leben darin subjektiv gelungen sein kann. Aber genau diese Ambivalenztoleranz ist es, die einer reifen Gesellschaft gut zu Gesicht steht.

Wir müssen aufhören, uns gegenseitig die Legitimität unserer Erinnerungen abzusprechen. Wenn niemand mehr seine Vergangenheit als Schutzschild gegen historische Fakten benutzen muss, können wir vielleicht endlich anfangen, wirklich zuzuhören. Dann streiten wir über Politik, nicht über Gefühle. Und das wäre ein gewaltiger Fortschritt.