
Als Erich Honecker 1971 die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ verkündete, sollte sich das Leben der Menschen spürbar verbessern. Die Mieten blieben niedrig, Brot kostete nur wenige Pfennige, Strom und Gas waren billig. Für viele Familien war das eine beruhigende Gewissheit. Das Geld reichte für den Alltag, auch wenn die Einkommen oft bescheiden waren.
Wer in einem Altbau in Leipzig, Rostock oder Halle wohnte, zahlte häufig nur einen Bruchteil dessen, was vergleichbare Wohnungen im Westen kosteten. Auch die Fahrt mit der Straßenbahn oder das Mittagessen in der Betriebskantine belasteten das Haushaltsbudget kaum. Der Staat übernahm einen großen Teil der tatsächlichen Kosten.
Doch während die Preise jahrzehntelang nahezu unverändert blieben, geriet die Rechnung dahinter immer mehr aus dem Gleichgewicht. Die Betriebe arbeiteten häufig mit veralteten Maschinen, Ersatzteile fehlten, Investitionen wurden verschoben. In vielen Fabrikhallen liefen Anlagen, die längst überholt waren. Das Geld floss nicht in die Modernisierung, sondern zunehmend in die Finanzierung des täglichen Konsums.
Die staatlichen Zuschüsse für Lebensmittel, Mieten, Energie und Dienstleistungen stiegen von 11,4 Milliarden Mark im Jahr 1970 auf 61,6 Milliarden Mark im Jahr 1988. Fast jede vierte Mark des Staatshaushalts wurde inzwischen dafür verwendet, die Preise künstlich niedrig zu halten.
Für die Menschen zeigte sich der Widerspruch im Alltag. Die Miete blieb günstig, doch vielerorts bröckelte der Putz von den Fassaden. Wohnungen wurden oft nur notdürftig instand gehalten. In den Geschäften waren Grundnahrungsmittel meist erhältlich, doch bei vielen anderen Waren begann die Suche. Wer einen Telefonanschluss, ein Auto oder moderne Haushaltsgeräte wollte, brauchte Geduld – manchmal über Jahre hinweg.
Gleichzeitig wuchs der Blick nach Westen. Farbfernseher, Hi-Fi-Anlagen oder andere begehrte Konsumgüter mussten zunehmend importiert werden. Dafür benötigte die DDR Devisen, die knapp waren. Die Auslandsverschuldung stieg, während die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes nicht im gleichen Maß zunahm.
So entstand über Jahre ein System, das den Alltag vieler Menschen bezahlbar hielt, dessen finanzielle Lasten jedoch immer größer wurden. Als die DDR Ende der 1980er Jahre in ihre Krise geriet, waren die Folgen dieser Entwicklung längst sichtbar: verschlissene Betriebe, sanierungsbedürftige Städte und eine Wirtschaft, die mit den Kosten ihrer eigenen Sozialpolitik zunehmend überfordert war.