Der Privatisierungskrimi 1993: Die Treuhand und das Schicksal der DSR


Im Frühjahr 1993 wurde in Rostock nicht nur über Schiffe gesprochen, sondern über die Zukunft Tausender Arbeitsplätze. Die Deutsche Seereederei Rostock, kurz DSR, stand zum Verkauf. Für viele Beschäftigte, die noch wenige Jahre zuvor unter DDR-Flagge die Weltmeere befahren hatten, war unklar, wie es weitergehen würde.

Nach der Auflösung des volkseigenen Kombinats Seeverkehr und Hafenwirtschaft lag das Schicksal der Reederei in den Händen der Treuhandanstalt. Hinter den Kulissen lief ein erbitterter Wettbewerb um eines der bekanntesten Unternehmen der ostdeutschen Seewirtschaft.

Auf der einen Seite stand Friedrich Hennemann, Chef des Bremer Vulkan Verbunds. Sein Konzept sah vor, die DSR in einen großen maritimen Unternehmensverbund einzubinden. Reedereien und Werften sollten eng zusammenarbeiten, Neubauten bevorzugt in den eigenen Betrieben entstehen. Hennemann wollte Schifffahrt und Schiffbau unter einem Dach vereinen und damit einen der größten maritimen Konzerne Deutschlands schaffen.
Auf der anderen Seite standen die Hamburger Unternehmer Horst Rahe und Nikolaus W. Schües. Sie setzten auf eine eigenständige DSR ohne feste Bindung an einen Werftenkonzern. Die Reederei sollte ihre Entscheidungen unabhängig treffen und sich am internationalen Markt behaupten.

Als das Präsidium der Treuhand am 28. Mai 1993 überraschend den Hamburger Kaufleuten den Zuschlag gab, sorgte das weit über Rostock hinaus für Diskussionen. Hennemann reagierte verärgert und erklärte sein maritimes Gesamtkonzept für gescheitert. Auch in Mecklenburg-Vorpommern wurde die Entscheidung kontrovers diskutiert. Politiker, Gewerkschafter und Beschäftigte verlangten Einblick in die Hintergründe des Verkaufs.
In Rostock verfolgten viele die Nachrichten mit besonderer Aufmerksamkeit. Die DSR gehörte seit Jahrzehnten zum Stadtbild. Generationen von Seeleuten hatten auf ihren Schiffen gearbeitet, Familien lebten von den Einkommen der Besatzungen, Hafenarbeiter vom Warenumschlag.

Erst Jahre später zeigte sich, welche Tragweite die Entscheidung hatte. 1996 brach der Bremer Vulkan zusammen. Die Milliardenpleite erschütterte die deutsche Werftenlandschaft. Wäre die DSR Teil des Konzerns geworden, hätte sie sich mitten in diesem Strudel wiedergefunden.
So blieb von den Auseinandersetzungen des Jahres 1993 nicht nur eine wirtschaftspolitische Debatte. Für viele ehemalige Beschäftigte war es die Zeit banger Fragen, langer Gespräche in den Betriebsräumen und der Hoffnung, dass die Reederei ihren eigenen Kurs würde halten können.