„Gefühlsstau“ und Alexithymie – Wenn der Körper spricht, weil die Seele schweigt

„Stell dich nicht so an.“ „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Sätze wie diese waren in der DDR-Erziehung allgegenwärtig. Sie waren mehr als nur Floskeln; sie waren Ausdruck einer Erziehungshaltung, die Gefühle als Schwäche und Disziplin als Stärke definierte. Heute, Jahrzehnte später, zeigt sich der Preis dieser emotionalen Härte in den therapeutischen Praxen: Menschen, die nicht wissen, was sie fühlen, und deren Körper stattdessen schreien.

Die Diagnose: Gefühlsstau
Der Hallenser Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz prägte den Begriff des „Gefühlsstaus“. In seiner Analyse beschreibt er, wie die autoritäre Erziehung in Krippe und Elternhaus dazu führte, dass vitale Impulse des Kindes – Wut, Trotz, aber auch das Bedürfnis nach Trost – systematisch unterdrückt wurden. Da diese Gefühle nicht nach außen gelassen werden durften (weil das Kind sonst Liebesentzug oder Strafe fürchtete), stauten sie sich im Inneren an. Diese angestaute Energie verschwindet nicht. Sie wendet sich als Autoaggression gegen das eigene Selbst. Maaz beschreibt dies als „Härte gegen sich selbst“: Ein gnadenloser innerer Kritiker, der Leistung fordert und Schwäche verachtet. Viele Betroffene treiben sich heute im Berufsleben bis zur totalen Erschöpfung an, weil sie ihren Selbstwert nur über Leistung definieren können. Ruhepausen sind bedrohlich, weil in der Stille die verdrängten Gefühle hochkommen könnten.

Alexithymie: Die Sprachlosigkeit der Gefühle
Ein weiteres Phänomen, das in diesem Kontext häufig auftritt, ist die Alexithymie, auch Gefühlsblindheit genannt. Wer als Kind lernt, dass seine Gefühle irrelevant sind oder den Ablauf stören, entwickelt keine Worte dafür. Studien legen nahe, dass frühe emotionale Vernachlässigung – wie sie in den Wochenkrippen systemimmanent war – die Fähigkeit zur Wahrnehmung eigener Emotionen massiv beeinträchtigt. Instrumente wie die Toronto-Alexithymie-Skala (TAS-20) messen genau diese Defizite: Schwierigkeiten, Gefühle zu identifizieren und sie anderen zu beschreiben.

Betroffene spüren zwar eine innere Unruhe, einen Druck auf der Brust oder Magenkrämpfe, können diese Empfindungen aber nicht als „Trauer“, „Angst“ oder „Einsamkeit“ identifizieren. Stattdessen „somatisieren“ sie: Der psychische Schmerz wird in körperliche Symptome übersetzt. Die Rostocker Studie bestätigt diesen Zusammenhang statistisch: Die Bindungsunsicherheit, resultierend aus der frühen Trennung, fungiert als „Mediator“ für eine erhöhte körperliche Krankheitslast im Erwachsenenalter. Der Körper wird zum Sprachrohr der verdrängten Seele.

Der funktionierende Patient
Ärzte stehen oft vor einem Rätsel: Der Patient klagt über massive Beschwerden, ist aber organisch gesund. Gleichzeitig wirkt er im Gespräch seltsam unbeteiligt, berichtet fast sachlich-rational über sein Leiden („operationales Denken“). Es fehlt der emotionale Zugang zum eigenen Schmerz. Dieser Mechanismus war einst lebensrettend. In der Krippe, wo Weinen keine Reaktion hervorrief, war das Abschalten der Gefühle der einzige Weg, die Situation zu ertragen. Heute verhindert genau dieser Schutzmechanismus die Heilung. Der Weg aus dem Gefühlsstau führt nur über das Wiedererlernen der emotionalen Sprache – das nachträgliche Fühlen und Benennen dessen, was damals eingefroren wurde.

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